Thema: der empath

  1. #1
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    der empath

    ich tu gern so, als ob ich helfen könnte
    als ob ich fürs problem die lösung kennte
    ich nehm die sache mutig in die hand
    begegne fremder not mit sachverstand
    und trockne tränen, die ein andrer flennte

    der witwe spend ich tröstend meinen segen
    tu meinen arm um ihre schultern legen
    dem blinden führ ich sorgsam seinen stock
    den penner kleid ich gut in teuren rock
    dem kranken ruf ich zu: komm, lass dich pflegen!

    doch manch problem, das löst sich einfach nicht
    so sehr es lösbar wär aus meiner sicht
    so grosse hoffnung eigentlich bestünde
    ich leide, denn ich weiss ja doch die gründe
    und schreibe dann zum ausgleich ein gedicht
    Geändert von kaspar praetorius (14.02.2018 um 07:17 Uhr)

  2. #2
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    Lieber kaspar praetorius,

    den von Dir wunderbar beschriebenen Typen kenne ich sehr gut. Der wohnt auch in mir. Zwei Türen weiter wohnt der Realist und beide lassen mich ständig schwanken. Längst hätten sie mich umgeworfen, wenn dazwischen nicht noch der Ignorant leben würde, der die eine oder andere Schwingungsspitze zum Leidwesen der anderen beiden etwas dämpft. Was meinen und sicherlich auch Deinen Empathen mit dem Ignoranten verbindet ist der Hang zur Rudelbildung. Der Realist tendiert leider mehr zum Einzelkämpfer vielleicht ist er deshalb in der Lyrik nicht so beliebt wie der Empath, der ja soooo sympathisch ist.

    Du hast es gut getroffen. Hat die Form, die Du wähltest einen Namen? Ich tippte erst auf Limerick, aber der hat, wenn ich mich recht erinnere, einen anapästischen Grundtakt. Auf alle Fälle gefällt, mir der Ausbruch aus der üblichen symmetrischen Reimerei und von der Zahl drei geht immer ein interessanter Reiz aus. Er ließ in mir zumindest den Gedanken an die drei Gegenspieler aufkommen, obwohl Du sie ja nicht personifiziert erwähnst.

    In der vorletzten Zeile der letzten Strophe überlege ich, ob aus der Perspektive des Empathen ein Indikativ nicht angebrachter wäre, wenn das Wissen um die Gründe für seine Motivation überhaupt von Belang sind.

    LG Eremit
    Hinweis: Lyrik im Foyer 2018 in Frankfurt (Oder)

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  3. #3
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    Lieber Kaspar,

    wie Eremit gefällt mir Deine Schweifreimvariante ausnehmend gut. Anders als er allerdings sehe ich den von Dir geschilderten Empathen nicht so sehr als Gegenspieler des Realisten, sondern als einen aufdringlichen Pharisäer.

    Jedoch stimme ich mit Eremit wiederum überein, in der vorletzten Zeile der letzten Strophe den Indikativ zu empfehlen.

    Gerne gelesen

    Michael

  4. #4
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    Lieber kaspar,

    die Schreibfeder als Ventil? Warum auch nicht. Das Gedicht hilft zumindest dem Schreiber.
    Deines liest sich flüssig und die Thematik (so wie ich sie lese) finde ich interessant:
    Empathie allein reicht nicht, man muss sie auch richtig einzusetzen wissen - oder anders ausgedrückt: Man kann's auch übertreiben...

    Liebe Grüße,
    Stefan
    Humorvolle Lyrik ist der Hofnarr der Poesie

  5. #5
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    hallo eremit, hallo michael domas, hallo plotzn

    vielen dank für eure eindrücke zu diesen versen.
    md nennt das "schweifreimvariante", ich selbst habe keinen namen dafür.
    ob sich empathie und pharisäertum ausschliessen? oder nicht vielmehr sich bestens ergänzen zu diesem erfogreichen modell der evolutionsgeschichte, das wir beobachten?

    eure anregung habe ich auf meine weise umzusetzen versucht (s.o.)

    nochmals besten dank für eure ansichten
    kaspar praetorius

  6. #6
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    Sehr schön. Eigentlich lautet das unausgesprochene Thema: Das Leben is nix als Zufall. Dem kann man bestenfalls auf die Sprünge helfen. Und falls nicht / schreib man ein Gedicht. - Stimmt.
    Wortfüsse, wohin ich auch seh!

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