1. #1
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    Mieze Schindler

    Sie werden mich nach und nach verlassen. Aber man kann Abhilfe schaffen: die Gleitsichtbrille. Misslicher: das Hörgerät.
    Nicht zu bearbeiten: andere Baustellen. Die Erdbeere zum Beispiel. Ein Klang, vertraut wie die Stimme der Mutter. Erinnerung.
    Der Tastsinn: heiß – kalt – warm - zärtlich. Wie wird sich das anfühlen? Vielleicht wie nichts.

    Beschwörend, flehentlich werde ich Worte bemühen: Freesie, Darjeeling, Fango.
    Die Namen der Dinge Schatzkammern, tausendtürig

    Konserven
    nicht mehr

    weniger werdend

    später Nebel
    dann Dunkel
    Geändert von Okotadia (23.03.2018 um 19:24 Uhr) Grund: Kommentare

  2. #2
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    Mieze Schindler, habe ich gegoogelt.
    Schreibst du über MS oder einfach nur über den "normalen Verlust" der Sinne und Empfindungen?

    Wie auch immer mit dieser Erdbeere hast du mich erwischt, die hat ein Walderdbeergeschmack und das ist einer dieser Düfte/Geschmäcker, die bei mir ein echtes Glückgefühl auslösen. Ja, sehr traurig. Wenn es alles nur mehr in der Erinnerung gibt (wobei olfaktorische Erinnerungen sehr stark sind, bei mir jedenfalls, ich rieche die Walderdbeere gerade) dann ist der Nebel eigentlich ein Trost.

    Aber trotzdem, dass "später Nebel" mag mir nicht so richtig passen. Ein ganz spontaner Vorschlag nur so als Anregung:

    Die Namen der Dinge, der Düfte, Schatzkammern,
    tausende Türen

    die sich schließen.


    Betroffen gelesen!

    Lieben Gruß
    albaa

  3. #3
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    Liebe albaa,

    ja, es ist eine kleine Hommage an die aromatischste und wohlschmeckendste Erdbeersorte, die ich kenne. Weil sie ertragsarm ist und die Früchte nicht lagerfähig, bekommt man sie praktisch nicht mehr zu kaufen und sie verabschiedet sich aus unserem Bewusstsein - wie unsere Sinne im Alter.

    Ich habe das schon mehrmals bei alten Leuten beobachtet: Die Enttäuschung, dass sich bestimmte Sinneserlebnisse nicht mehr einstellen wollen, besonders wenn es um Gehör, Geruch und Geschmack geht. Kein Grillenzirpen mehr, die Leibspeise schmeckt nach nichts, ist nicht richtig heiß (auch wenn sie eben noch gekocht hat)...
    Man zehrt dann noch eine Zeitlang von den Erinnerungen - die, wie Du beschreibst, sehr präsent sein können - aber auch die verschwinden mit der Zeit.
    Was bleibt im Kopf eines Sterbenden, der schon seit Tagen oder Wochen kaum mehr ansprechbar ist? Ich stelle es mir vor wie Nebel, aus dem ab und zu ein paar Fetzen Erinnerung auftauchen.

    Schade um Mieze Schindler...

    LG und danke fürs Hineinfühlen
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  4. #4
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    Liebe Okotadia,

    hätte nicht albaa schon so feinfühlig deinen Zeilen nachgespürt, hätte ich mit deinem Text wesentlich weniger anfangen können, den ich ebenso für sehr feinfühlig halte.

    Nicht jedem geht es wohl im Alter so, wie du es hier beschreibst. Nicht jeder verliert Gehör, Geschmack, Sehsinn und Tastsinn gleichermaßen. (Mein Vater verlor seinen Geschmacksinn, aber hörte sehr gut bis zu seinem Tod.) Manche verlieren die Contenance und viele ihre Erinnerung oder bringen sie durcheinander (was du mit den „Namen der Dinge“ andeuten magst).

    Das hohe Alter ist wohl immer auf irgendeine Weise mit Verlust verbunden. Oder anders ausgedrückt: Es hat auch seinen Preis, alt zu werden. Die Frage, die ich mir gerade stelle, ist: Wann kippt es: Wann wird man nicht mehr reicher durch das, was man erlebt, sondern ärmer durch das, was man verliert?

    Mit dem „späten Nebel“ habe ich auch ein Problemchen, und zwar wegen des Leseflusses. Diese zwei Wörter schließen sich ja hinsichtlich des Satzbaus nicht an die beiden Zeilen darüber an. Ich muss hier neu ansetzen im Lesen und Denken. Ich habe mir hier spontan ein „im“ ergänzt: „später im Nebel“, damit die drei Zeilen im engen Zusammenhang bleiben. Denn so lese ich deine Zeilen: Es ist eine Vorausschau, noch ist das lyrische Ich nicht in der Phase, die hier beschrieben wird.

    Dein Text hat auch mich sehr angesprochen

    Herzlich
    Honigblume

    Herzlich
    Honigblume

  5. #5
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    Liebe Honigblume,

    vielen Dank fürs Hineinspüren und Deine Gedanken zu meinem Gedicht.

    Natürlich trifft dieser Vorgang nur auf Menschen zu, die sehr alt werden und auch dann muss er nicht so umfassend sein. Trotzdem wollen viele, die ein so hohes Alter erreicht haben, dann auch sterben. Da ist wahrscheinlich der Verlust der Lebensqualität sürbarer als der Zugewinn an Zeit.

    Ich sehe, dass ich den Schluss wohl nochmal überarbeiten muss. Dass sich Konserven einfach in Nebel verwandeln, muss nachvollziehbarer werden. Gleichzeitig soll aber die Unausweichlichkeit irgendwie "schwebend" vermittelt werden, denn formal wollte ich von der nüchternen Die Technik löst Deine Probleme-Sprache hin zu einer poetischen Sprache der Auflösung.

    Ich denke schon drüber nach.

    LG
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

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