1. #1
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    Mein türkischer Bruder

    "Bruder", sagte er
    und bemerkte wohl
    meinen skeptischen Blick.

    "Bist du etwa nicht mein Bruder?"


    Ich zögerte kurz
    und sagte dann:
    "Ich möchte das nicht ausschließen
    - mein Vater hat seinen Samen weit gestreut."


    Das fand er lustig.

    Er klopfte mir auf die Schulter:
    "Wir Türken und Deutsche
    haben so viel gemeinsam!"


    "Stimmt", sagte ich.
    "Völkermord zum Beispiel."

    Das fand er nicht so lustig ...

    ... musste ich feststellen,
    als ich Stunden später
    im Krankenhaus zu mir kam.

  2. #2
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    Hallo klaatu, was soll ich hier bloss schreiben ausser "hast du sehr gut hingekriegt!", ohne den Text unnötig zu zerreden? Der spricht dermassen für sich, da mag ich mich nicht drüber auslassen. Und genau das macht ein gutes Gedicht wohl aus. Ich bin beeindruckt. Heisses Thema ohne Schonwaschgang aber auch ohne Hiebe austeilen und mit einer guten Portion Selbstkritik sowie Humor auf den Punkt gebracht. LG gugol

  3. #3
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    Super klaatu,

    ich schließe mich vorbehaltlos Gugols Einschätzung an und bemerke zusätzlich: "Sei froh, dass du so etwas nicht zu einem RechtsRadi gesagt hast!"

    LG Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  4. #4
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    Liebe(r) klaatu,

    hier kommt eine unterschiedliche Wahrnehmung zum Ausdruck. Daraus ergibt sich auch die Frage: Welche Wahrnehmung und Ansicht ist die Bessere oder wäre eine Ansicht dazwischen gut??

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  5. #5
    Dr. Üppig Guest
    Die Darstellung des "türkischen Bruders" finde ich unnötig pauschalisiert und polarisiert, vor allem am Schluss.

    mfG

  6. #6
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    Hallo zusammen!

    Die Darstellung des "türkischen Bruders" finde ich unnötig pauschalisiert und polarisiert, vor allem am Schluss.
    Polarisiert ja. Pauschalisiert eher nicht, denn das hier beruht auf einem echten, von mir geführten Dialog. Im Krankenhaus bin ich zwar nicht gelandet, aber auch nur, weil ich die Lokalität verließ, bevor mein Gesprächspartner mit der angekündigten Verstärkung zurückkehrte... Meine große Klappe und ich sind es ja auch selbst Schuld...

    LG
    k

  7. #7
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    Mensch klaatu,

    da hast du aber Glück gehabt. Und die "Große Klappe" lässt sich hier viel ungefährlicher aufreißen.

    LG Sidgrani
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  8. #8
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    Das stimmt. Hält sie aber nicht davon ab, sich auch weiterhin in aller Öffentlichkeit zu präsentieren...

    LG
    k

  9. #9
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    Lieber klaatu,

    der Sieger schreibt nunmal die Geschichte, das sind die Spielregeln. Historiker werden nach Belieben diskreditiert wegen idiologischer Befangenheit oder sonstigen fadenscheinigen Gründen. Sie kriegen zunehmend eins auf die Mütze wenn sie nicht gerade zufällig das offizielle Lied ihrer Geldgeber singen. Historische Fakten scheinen mitunter aber auch eine Frage von Finanzierbarkeit zu sein. Solange sie mit Folgekosten z.B. Reparationszahlungen, Gebiets- oder Machteinbußen verbunden sind, lässt die offizielle Politik die Erlebnisgeneration lieber wegsterben. Man bedient sich der staatlich verordneten Geschichtskittelung und baut geschichtliche Fakes in irrwitzigster Weise zusammen. Die Richtigstellung nach der Verjährungsfrist interessiert hinterher keine Sau. So werden Fakten geschaffen. Ob Polens aktuelle Reinwaschung, ob Armenienkrieg, ob DDR, Krim, Indianer, oder Aborigines, die Machart bleibt gleich, und die postfaktischen Täter bleiben ungestraft. Nie ist es einfacher gewesen, im Nachhinein eine reine Weste gehabt zu haben. Die Inszenierung und Illusion ist nahezu perfekt. Der systemimmanete, geflissene, brave Staatsbürger wird lernen, seinen Staat mit allen Krallen zu verteidigen, das ist schießlich seine Identifikationsgrundlage. Das historische Unrecht und der Irrtum der Väter und Mütter gilt es erfolgreich zu kaschieren, um sie gebührend zu ehren. Das ist der Stoff, aus dem die Menschen sind, und das, lieber klaatu, weiß man, bevor man die dicke Lippe riskiert. Fazit: Von daher hast du deine Klatsche nur zurecht bekommen. L.G.A.
    Geändert von Anjulaenga (01.03.2018 um 18:43 Uhr)

  10. #10
    Dr. Üppig Guest
    @ klaatu:

    Deswegen sprach ich auch von der Darstellung. Dass dir die Situation nahezu gleich zugestoßen ist, wird aus dem Text nicht ersichtlich. Auf semantischer Ebene bleibt eine Pauschalisierung, die unter anderem in der Unbestimmtheit des "türkischen Bruders" liegt.

    mfG

  11. #11
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    Habe mit einem Soldaten, der in Afghanistan war, gesprochen. Er sagte: Wir erfahren nicht das was wir wissen wollen sondern das was wir wissen sollen. Das Wissen und die Meinung der Mehrheit wird von einer kleinen mächtigen Minderheit gesteuert. Dies gelingt sehr gut. Will man die Wahrheit wissen, muss man grundsätzlich das Wissen und die Meinungen der Mehrheit in Frage stellen und prüfen. Erfährt man dann die Wahrheit muss man vorsichtig sein, wie und mit wem man darüber spricht.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  12. #12
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    @ Anjulaenga
    Da hast du wohl Recht. Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, welche Lügen wir unser ganzes Leben lang für wahr gehalten haben. Allein deshalb sollte man von dem, was man zu wissen glaubt, nie so überzeugt sein, dass man dafür bereit ist, einen Andersdenkenden halbtot zu schlagen...

    @ Dr. Üppig
    Das muss aus dem Text auch nicht hervorgehen. Und nicht nur der türkische "Bruder" im Text ist unbestimmt, sondern auch alles andere. Was erwartest du von einem so kurzen Text?

    @ Hans Plonka
    Stimmt. Und weil das leider so ist, sind wir mittlerweile so weit, dass Leute wieder Dinge wie z.B. die runde Form der Erde anzweifeln... Man sollte alles anzweifeln, ja. Aber auch - und vielleicht ganz besonders - die Dinge, die man gerne glauben möchte.

    LG
    k

  13. #13
    Dr. Üppig Guest
    Ich fürchte, wir haben uns wieder missverstanden. Es geht nicht darum, was ich von deinem (oder irgendeinem anderen) Gedicht erwarte, sondern darum, was mich in diesem deinem Gedicht erwartet hat.
    Dadurch, dass abgesehen von der Nationalität des zweiten Protagonisten, der Rest nicht näher bestimmt ist, hat die Nationalität eine erhöhte Gewichtung. Der Türke löst seine Probleme mit Gewalt - das geht aus deinem Gedicht als Hauptaussage hervor. Ich finde schon, dass das eine unnötige Pauschalisierung ist.

    mfG

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