1. #1
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    Strahlender als die Sonne

    Strahlender als die Sonne,
    Reiner als der Schnee,
    Feiner als der Äther,
    Ist das Selbst,
    Der Geist, inmitten meines Herzens.
    Ich bin dieses Selbst.
    Dieses Selbst bin ich.

    - - -

    Gerne nehme ich zusätzliche Informationen entgegen, von wem genau dieser Spruch ist. Ich habe den Spruch aus den „Anweisungen für eine esoterische Schulung“ von Rudolf Steiner (1999, S. 141). Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von Aussagen Rudolf Steiners (Lebensjahre 1861-1925). Allerdings ist der Spruch angeblich nicht von Steiner selber. Es könnte höchstens sein, dass dieser ihn ins Deutsche übersetzt hat. Das englische Original lautet: „More radiant than the sun / Purer than snow / Subtler than the ether / Is the Self / The Spirit of my heart / I am this Self / This Self am I“. Angeblich war dieser Spruch um 1900 herum in der Theosophischen Gesellschaft im Umlauf (Anweisungen: S. 171). Die Theosophische Gesellschaft wurde im 19. Jahrhundert von Helena Petrovna Blavatsky und Henry Steel Olcott gegründet, einer Zeit, welche vom neuen Einfluss der Naturwissenschaft beherrscht wurde, so war vor allem Charles Darwins Entstehung der Arten (1859) sehr einschlägig. Folgendes waren die Leitsätze der Theosophischen Gesellschaft: 1) Es sollte der Kern einer brüderlichen Gemeinschaft gebildet werden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt. Es sollte das vergleichende Studium der Religionen, Philosophien und Wissenschaften gefördert werden. Ausserdem sollten die von der gewöhnlichen Wissenschaft unberücksichtigten Naturgesetze und die im Menschen schlummernden Kräfte erforscht werden (vgl. Rudolf Steiner (1960): Luzifer-Gnosis: S. 531). Es handelt sich bei diesem Spruch um eine Meditation, was ich als eine Art von Gedicht bezeichnen würde. Deshalb denke ich, dass es berechtigt ist, diesen Spruch hier ins Forum zu stellen. Rudolf Steiner hat übrigens auch einige Sprüche und ähnliches selber geschrieben und nicht bloss übersetzt. Diese Werke sind meiner Meinung nach zu wenig erforscht. Ich fände es begrüssenswert, wenn diese Werke mehr Beachtung erhielten, wobei mir klar ist, dass Steiner eine eher umstrittene Persönlichkeit handelt. Interessant an diesem Werk ist auch die Erwähnung des Äthers. Zur Zeit dieses Spruchs nahm man noch an, dass das Licht ist in einem bestimmten Medium ausdehnt, und zwar dem Äther. Allerdings kann diese Auffassung kaum belächelt werden, denn auch heute ist man sich unklar über die Natur des Lichts, das eine Wellen- und gleichzeitig auch eine Teilchenform hat.

  2. #2
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    Hallo Ali,

    ob dieses Gedicht oder besser Zitat von Rudolf Steiner stammt oder nicht, kann ich Dir auch nicht sagen. Möglich wäre es schon, denn die ganze Reformpädagogik legt ja großen Wert auf das "Selbst" und will dieses möglichst fördern. Soweit ich mich an meine Pädagogikvorlesungen erinnern kann, beginnt die Reformpädagogik mit dem epochemachenden Werk der Schwedin Ellen Key "Das Jahrhundert des Kindes" (1900, dt. 1902). Darin sagt sie, die Kunst der Erziehung läge darin, gerade nicht zu erziehen, vielmehr die im Kind angelegten Kräfte optimal zu fördern. Das ist irgendwie botanisch gedacht: wenn man einer Pflanze die bestmöglichen Bedingungen verschafft, wird sie optimal gedeihen.

    Was den Umgang mit Gedichten oder Texten betrifft, so bin ich mit dem dänischen Philosophen Kierkegaard der Meinung, daß die Subjektivität von größerem Wert ist als die Objektivität. Man kann einen Text einordnen oder ihn sich aneignen, indem man sich mit ihm auseinandersetzt. Letzteres ist Subjektivität.

    Was Dein Zitat betrifft, so frage ich mich, ob es überhaupt Sinn ergibt. Wie kann jemand behaupten, daß etwas, was noch nie jemand gesehen hat - das Selbst - positive Eigenschaften wie die von Sonne, Schnee und Äther habe? Noch dazu gibt es einen Ort, wo dieses ominöse Selbst zu finden sei: mitten im Herzen nämlich. Eine phantastische Spinnerei!

    Und dennoch will ich nicht abstreiten, daß es so etwas wie ein Selbst geben muß, nur sollte man es eher dynamisch sehen, als ihm objektive Eigenschaften zuzuschreiben.

    Dem Selbst kommen wir näher, wenn wir uns einem viel älteren Zitat zuwenden nämlich dem Spruch am Eingang des Tempels des Apoll in Delphi.
    Gnothi Seatón
    Übersetzt wird der Spruch mit "Erkenne dich selbst", oder mit "Werde, der du bist". Letzteres eigentlich ein Widerspruch, denn wie kann ich werden, was ich schon bin? Die Lösung liegt darin, daß ich noch gar nicht weiß, was ich bin, ich muß es im Laufe meines Lebens erst herausfinden. Wir finden uns, indem wir uns in der Welt umsehen und die Dinge finden, die uns zugehörig sind. So finden wir unser Aussehen, indem wir aus dem Angebot der Mode das uns Zugehörige herausfinden und anlegen. Wir finden unseren Beruf, unseren Lebenspartner, unsere Möbel, unsere Hobbys. All das macht "uns" aus. Auch unsere Lebensgestaltung ist nicht beliebig, sondern einem "Selbstfindungsprozeß" unterworfen. Nur so kann einer an einem Zeitpunkt seines Lebens sagen, er habe sein Leben "vergeudet" oder "verpfuscht". Was läßt ihn so urteilen, wenn alles egal wäre?

    Zu sich selbst findet man auch, indem man das richtige Denken findet oder auch die "Wahrheit". Es gibt und gab schon immer Menschen, die in einem ideologisch regierten Land lebten und darunter litten, in der Unwahrheit leben zu müssen. Die Wahrheit findet man, indem man offen für sie ist und sich ihr nicht verschließt. Letzteres ist gar nicht so selbstverständlich wie es den Anschein hat. Die meisten Leute "diskutieren" lieber als nachzudenken. Die Diskussion ist wie ein Spiel, bei dem man um den Sieg und den Triumph kämpft. Neue Erkenntnisse und Einsichten sind dabei kaum möglich.

    Zuletzt sei noch erwähnt, daß der ständige Umgang mit smartphones dem Selbstfindungsprozeß eher abträglich ist. Wer sich ständig mit digitalen Spielen ablenkt und sich mit heruntergeladener Musik zudröhnt, hört die leise Stimme in seinem Kopf nicht, die man "denken" nennt. Und ohne diese Stimme findet er auch nicht optimal zu selbst.

    Und so sind wir zeitlebens unterwegs zu uns selbst. Dies im Gegensatz zu einer Vorstelltung, daß in uns etwas wie die Sonne leuchtet oder wie Schnee glänzt.

    Dies alles, lieber Ali, ist keine Antwort auf Deine Frage, jedoch ein Beispiel für eine subjektive Herangehensweise mit Textstellen. Ich hoffe, Du profitierst dennoch davon in der einen oder anderen Weise.

    Liebe Grüße

    Friedrich

  3. #3
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    Hallo Friedrich

    Danke für deine interessanten Ausführungen.

    Mit der Geschichte der Reformpädagogik kenne ich mich wenig aus. Aber Steiners Lebenslauf habe ich schon intensiv studiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Steiner ja von 1861 bis 1925 lebte, dass er aber erst im Jahr 1919 damit begann, seine pädagogischen Ideen zum besten zu geben. Steiner befasste sich also mit dem Selbst des Menschen schon einige Zeit, bevor er dann auch die pädagogische Entwicklung des Selbsts zum Thema machte. Steiner hatte zu diesem Zeitpunkt (1919) schon einige Energie darauf verwendet, Kinder zu erziehen. Also sprach er wohl mindestens teilweise aus Erfahrung. Zu Steiners Lebenszeit waren seine Ideen wohl recht progressiv. Heute aber, wie man so hört, sind Steinerschulen leider teilweise eher reaktionär.

    Was Dein Zitat betrifft, so frage ich mich, ob es überhaupt Sinn ergibt. Wie kann jemand behaupten, daß etwas, was noch nie jemand gesehen hat - das Selbst - positive Eigenschaften wie die von Sonne, Schnee und Äther habe? Noch dazu gibt es einen Ort, wo dieses ominöse Selbst zu finden sei: mitten im Herzen nämlich. Eine phantastische Spinnerei!
    Ein Selbst habe ich auch noch nie gesehen. Aber ich habe auch noch nie etwas gesehen, das strahlender als die Sonne ist, reiner als der Schnee oder feiner als der Äther. So gesehen ist der Vergleich mit dem Selbst nicht so schlecht. Dass das Selbst inmitten des Herzens ist, kann man schon als Spinnerei betrachten. Aber ich persönlich glaube daran.

    Du schlägst vor, das Selbst dynamisch zu sehen, statt ihm Eigenschaften zuzuschreiben. Da magst du wohl recht haben, aber deine Beschreibung, wie man dieses Selbst finden kann, kommt mir ein bisschen wie eine Anleitung vor und das wäre doch auch wieder etwas merkwürdig, wenn es eine Anleitung gäbe, wie man das Selbst findet. Da könnte man doch das Selbst ebensogut zu beschreiben versuchen. Also ich finde beides legitim.

    LG

    Ali

  4. #4
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    Hallo Ali

    und das wäre doch auch wieder etwas merkwürdig, wenn es eine Anleitung gäbe, wie man das Selbst findet. Da könnte man doch das Selbst ebensogut zu beschreiben versuchen. Also ich finde beides legitim.
    Ich denke, das eine ist nicht ebensogut wie das andere. Wenn das "Selbst" schon da ist, obkektive Eigenschaften besitzt und einen Ort hat, dann braucht man es nicht mehr suchen, das Wort "Selbstfindung" wäre dann Unsinn. Der Mensch unterscheidet sich gerade dadurch vom Tier, daß er "sich selbst" erst finden muß. Hölderlin mußte sich gegen seine frömmelnde Mutter durchsetzen, weil diese wollte, daß der Pfarrer würde. Heidegger bekam schwere Herzattacken als auch er Pfarrer werden sollte (die Kirche bezahlte seine Bildung auf dem Gymnasium) Beide haben gekämpft, um das zu werden, wofür sie bestimmt waren.

    Das von Dir gebrauchte Wort "Anleitung" gefällt mir nicht. Wenn Du ein Möbel bei IKEA kaufst, gibt es eine Anleitung zum Aufbau. Bei der Selbstfindung wird aber gerade nichts hergestellt. Insofern sind meine Ausführungen eher eine Orientierung oder besser noch eine Interpretation des griechischen Satzes am Apollo Tempel.

    Die Reformpädagogik - und damit auch Steiner - interpretierte das Selbst immer relativ statisch. Die inliegenden Kräfte sollen sich frei entfalten können. Die Pflanze darf in einem Gewächshaus aufwachsen, frei von Störungen. Ein bekannter und in Deutschland viel diskutierter Pädagoge war der Engländer A.S. Neill (1883-1973) In seinem Buch "Summerhill" (der Name seiner Schule in Suffolk) beschreibt er, daß seine Kinder wie Katzen sein sollen und nicht wie (dressierte) Hunde. Hier ist die Vorlage eher animalischer als vegetativer Art. "Macht aus dem Hund eine Katze!" so konnte man auch die Pädagogik und die Selbstheilungsversuche der 68er-Studenten verstehen. Inspiriert von Sigmund Freud wollten sie ihr "Über-Ich" reinigen bzw. über Bord werfen und genüßlich nur noch ihren Impulsen aus dem "Es" folgen. Lusterfüllung als Sinn des Lebens. Der wahre Sinn des Lebens wird so nie gefunden.

    Das Freudsche Denken griff dann sogar auf die Literaturwissenschaft über. Nach Freuds Meinung ist Dichtung "sublimierte" Sexualität. Also suchte man in der Literatur überall nach "Sexualsymbolen". Tauchte in einem Roman ein Schlüssel und ein Schlüsselloch auf, dann - Heureka - hatte man eins gefunden. Geht es eigentlich - genau besehen - noch blöder?

    Besser als an abstruse Vorstellungen wie ein wie Feuerwerk strahlendes Selbst im Herzen oder an einen "psychischen Apparat" zu glauben, ist es für die Selbstfindung, sich eine Orientierung an großen Persönlichkeiten oder in der Literatur suchen und dann zeitlebens unterwegs zu bleiben.

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  5. #5
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    Hallo Friedrich

    Also ich weiss nicht, ob Eigenschaften wie "strahlender als die Sonne" als objektive Eigenschaften bezeichnet werden können, da kein Objekt existiert, das strahlender als die Sonne ist. Es geht bei diesen Eigenschaften ja gerade darum, zu zeigen, dass das Selbst nicht wirklich beschrieben werden kann. Das Selbst finden muss jeder selber, aber er kann vielleicht Impulse empfangen von solchen Beschreibungen, indem er darauf hingewiesen wird, wo es nicht zu finden ist, nämlich in der objektiven Umwelt.

    Anleitung ist vielleicht das falsche Wort für deinen Vorschlag. Du beschreibst einfach einen möglichen Lebensweg und orientierst dich an den Lebenswegen wichtiger Persönlichkeiten. Diese Lebenswege stellen dann eine Art Vorbild dar. Vielleicht ist Vorbild das passendere Wort als Anleitung. Ob aber dieses "Erkenne dich selbst" wirklich so viel besser ist als zum Beispiel die von mir gepostete Formel, finde ich fraglich. Mir kommt dieses "Erkenne dich selbst" vor wie eine Art Befehl oder eben eine Anleitung, wenn du mir in diesem Zusammenhang diesen Begriff gestattest. Diese Art und Weise, die Selbstfindung anzuregen, passt nicht zur Tatsache, dass es im Menschen schon von selber einen Art Trieb gibt, sich selber zu erkennen. Was schon von selber und so gewissermassen freiwillig abläuft, bedarf keines Gebotes.

    Wie kommst du darauf, dass Steiner das Selbst statisch interpretierte? Rechnest du ihn einfach zur Reformpädagogik? Da machst du dir die Sache wohl etwas zu leicht. Ich kenne zwar die Reformpädagogik nur wenig, aber Steiner ziemlich gut, und dieser dachte ganz allgemein nicht sehr starr, sondern eher dynamisch, was sich auch in seinen eigenen Sprüchen zeigt, wo er oftmals Wörter aneinanderreiht und so eine gewisse Beweglichkeit in ansonsten klar definierte Begriffe bringt. Wie gesagt ist Steiners lyrisches Werk (ich rechne seine Sprüche und Gebete und Meditationen zur Lyrik) noch wenig erforscht, also wäre es vielleicht eine interessante Forschungsfrage, abzuklären, wie statisch Steiners Vorstellung des Selbsts oder des Ichs des Menschen ist. Man könnte in diesem Zusammenhang (wenn man einmal von Steiners Lyrik absieht) beispielsweise Steiners Auffassung der verschiedenen Glieder des Menschen betrachten, wie er sie in seinem Werk Theosophie entwickelt. Hier beschreibt Steiner, dass der Mensch zunächst vier verschiedene Glieder hat, den physischen Leib, den Lebensleib (wie ich ihn hier der Einfachheit halber nenne; Steiner nannte ihn Ätherleib oder Bildekräfteleib, wobei ein anderer Äther gemeint ist als der Äther in "Strahlender als die Sonne"), den Astralleib und das Ich. Den physischen Leib hat der Mensch mit allen physischen Dingen gemeinsam, mit anorganischen Dingen aber auch Pflanzen und Tieren. Einen Lebensleib haben alle Pflanzen, Tiere und Menschen. Durch diesen Lebensleib wird das Physische erst belebt und in eine lebensfähige Form gebracht. Den Astralleib hat der Mensch mit den Tieren gemeinsam. Dieser macht es erst möglich, dass Mensch und Tier Empfindungen haben. Und das Ich hat nur der Mensch. Dieses Ich lebt und webt in den drei anderen Körpern des Menschen, ist also wenig statisch. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass Steiners Konzeption des Ichs oder des Selbsts nicht statisch ist. Man könnte hier auch noch anführen, dass Steiner stets für ein bewegliches Denken eintrat, was wohl auch einen Zusammenhang mit der Dynamik des Selbsts zu tun hat.

    (Ein Beispiel für Steiners dynamisches Dichten aus dem Anthroposophischen Seelenkalender (1912):

    Wenn aus den Weltenweiten
    Die Sonne spricht zum Menschensinn
    Und Freude aus den Seelentiefen
    Dem Licht sich eint im Schauen,
    Dann ziehen aus der Selbstheit Hülle
    Gedanken in die Raumesfernen
    Und binden dumpf
    Des Menschen Wesen an des Geistes Sein.)

    Das Freudsche Denken griff dann sogar auf die Literaturwissenschaft über. Nach Freuds Meinung ist Dichtung "sublimierte" Sexualität. Also suchte man in der Literatur überall nach "Sexualsymbolen". Tauchte in einem Roman ein Schlüssel und ein Schlüsselloch auf, dann - Heureka - hatte man eins gefunden. Geht es eigentlich - genau besehen - noch blöder?
    Hier sind wir völlig einer Meinung. Ich habe eine starke Abneigung gegen ein solches Denken. Auch der Ödipus-Komplex und der von Freud postulierte Penisneid der Frauen finde ich ziemlich schwachsinnig. Zudem gefällt mir Freuds Auffassung nicht, dass der Mensch von unbewussten Kräften beherrscht wird, die es zu analysieren gilt. Vielmehr muss das Unbewusste assimiliert werden, also bewusst werden. Aber nicht durch abstrakte Urteile, sondern durch Erfahrung im echten Leben.

    Besser als an abstruse Vorstellungen wie ein wie Feuerwerk strahlendes Selbst im Herzen oder an einen "psychischen Apparat" zu glauben, ist es für die Selbstfindung, sich eine Orientierung an großen Persönlichkeiten oder in der Literatur suchen und dann zeitlebens unterwegs zu bleiben.
    Auch hier sind wir zum grossen Teil einer Meinung. Diesen Vergleich mit dem Feuerwerk finde ich nicht so gut, da ein Feuerwerk meiner Meinung nach weniger strahlend als die Sonne ist. Ausserdem könnte es ja auch sein, dass man einmal bemerkt, dass das Selbst wirklich inmitten des Herzens ist. Ich würde das nicht ausschliessen. Dass man zeitlebens unterwegs bleiben sollte, da stimme ich dir völlig zu.

    LG

    Ali
    Geändert von Ali (14.03.2018 um 20:55 Uhr)

  6. #6
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    Hallo Ali,

    Wie kommst du darauf, dass Steiner das Selbst statisch interpretierte? Rechnest du ihn einfach zur Reformpädagogik?
    Ich habe einfach Dein Ausgangszitat als eines von ihm angenommen, so wie Du ja auch, und einige Parallelen zur Reformpädagogik gezogen. Letzteres ist ja nicht so weit hergeholt, denn laut Wikipedia zählt Steiner zu den Reformpädagogen.

    Allerdings muß ich einräumen, daß ich Steiner nicht so gut kenne wie Du, so z.B. wußte ich nicht, daß es auch ein lyrisches Werk von ihm gibt. Gelesen habe ich Werner Georg Haverbeck: Rudolf Steiner, Anwalt für Deutschland. Auf 400 Seiten zeigt der Autor wie engagiert sich Steiner in vielen Vorträgen gegen die Deutschland seit dem Ende des 1. Weltkrieges zugeschriebene Alleinschuld zur Wehr gesetzt hat. Eine mutige Sache!

    Allerdings bestätigen die vielen Facetten von Steiners Leben nur wieder meine Interpretation des Spruchs am Apollo Tempel. Er ist geworden, was er ist oder besser: was er war. Diese Lebensleistung entstand aber nicht dadurch, daß er ein Megasonnenlicht in seinem Herzen gehegt hätte, sondern indem er hart und unermüdlich daran gearbeitet hatte. In Wikipedia lesen wir:
    (Rudolf Steiner) begründete die Anthroposophie, eine spirituelle Weltanschauung, die an die anglo-indische Theosophie Blavatskys, das Rosenkreuzertum, die Gnosis sowie die idealistische Philosophie anschließt
    Steiner hat sein Lebenswerk also nicht aus sich selbst hervorgebracht, sondern sie sich anhand von Quellen angeeignet und ihm letztendlich seinen eigenen Stempel aufgedrückt.

    Die Reformpädagogik - und dabei macht Steiner keine Ausnahme - brachte einen Paradigmenwechsel in der Pädagogik hervor. Der Zögling soll nicht mehr der Gesellschaft angepaßt werden, sondern die Erzieher sollen alles Mögliche daran setzen, daß die im Kind schlummernden Kräfte optimal zur Geltung kommen. Ellen Key hat in dem schon erwähnten Buch "Das Jahrhundert des Kindes" hierfür ein schönes Bild: Jedes Kind ist eine Art Jesukind, an dem es nichts zu bemängeln und zu korrigieren gibt und das man auch nicht in vorgefertigte Bahnen schieben darf. Alles Angelegte entfaltet sich von selbst.

    Dabei ist die Frage, ob nicht selbst Jesus sich seine Lehre erst in der Welt angeeignet hat, anstatt sie völlig aus sich selbst hervorzubringen? Ließ er sich nicht von Johannes taufen, um einer bestehenden Religionsgemeinschaft anzugehören, welch anderen Sinn hat denn eine Taufe?

    Die reformpädagogische Vorstellung vom Kind als Gewächs oder als Katze (A.S. Neill) hat ihre Schwächen, denn sie macht die Menschen nicht gerade lebenstüchtig. In unserem Bekanntenkreis sind mehrere junge Männer aus wohlhabenden Kreisen, die bis zum Alter von über 30 Jahren noch nichts zustande gebracht haben. Sie haben weder Beruf noch Familie, nicht einmal eine dauerhafte feste Beziehung. Sie leben immer noch in ihren Familien und lassen sich von diesen wie ehedem aushalten. Das ist ein himmelweiter Unterschied zu Rudolf Steiner, der auch ohne Waldorfschule zu sich selbst gefunden und zu dem geworden ist, was er letztlich war.

    Seit den siebziger Jahre wird unsere Schule unaufhörlich reformiert und optimiert und sie ist dadurch - meiner Meinung nach - keinen Deut besser geworden, jedenfalls nicht in Hinsicht von Lebenstüchtigkeit. Irgendwie ist das auch der Fluch der Gremien und Institutionen: Ist eine Institution erst einmal installiert, so muß sie auch tagen und Ergebnisse zeigen. Aus diesem Grunde kann letztlich nichts so bleiben wie es ist.

    Was mich an den Waldorfschulen stört, ist ihr quasi religiöser Charakter (anglo-indische Theosophie Blavatskys). Von den Lehrern wird erwartet, daß sie sich wie Priester engagieren und von den Eltern, daß sie sich wie eine Gemeinde solidarisch mit dem Geist der Institution zeigen. Da bin ich lieber Lehrer, der vormittags Wissen vermittelt und nachmittags seine eigenen Kinder erzieht.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  7. #7
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    Hallo Friedrich

    Ein sehr aufschlussreicher Kommentar deinerseits.

    Wir sind glaub ich grundsätzlich schon einer Meinung. Trotzdem nehme ich hier noch Stellung zu einigen deiner Aussagen...

    Also der Spruch "Strahlender als die Sonne" ist meiner Meinung nach nicht von ihm. Es kann höchstens sein, dass er den Spruch aus dem Englischen übersetzt hat. Wenn die Steiners Sprüche interessieren, so empfehle ich dir die Sammlung Wahrspruchworte, aus welcher auch mein Beispiel für Steiners dynamisches Dichten entnommen ist. Steiners Werke sind allesamt im Internet auffindbar. Er ist ja auch schon länger tot.

    Es gibt verschiedene Werke über Steiner. Das von dir erwähnte von Haverbeck kenne ich nicht. Es scheint mir aber von jemandem zu sein, der eher ein Befürworter Steiners ist. Wenn du mal etwas lesen willst, was eher steinerkritisch ist, so empfehle ich dir folgende drei Werke, die allesamt im Jahr 2011 zu Steiners 150. Geburtstag erschienen sind: Heiner Ullrich - Rudolf Steiner: Leben und Lehre (Ullrich ist ein Pädagoge, der (wenn ich mich recht erinnere) Steiner auch zu den Reformpädagogen rechnet); Miriam Gebhardt - Rudolf Steiner: Ein moderner Prophet (Gebhardt gibt sich die grösste Mühe, jede Tat Steiners im Kontext der Geschichte zu erklären); Helmut Zander - Rudolf Steiner: Die Biographie (Zander ist der kritischste von den dreien; seine Biographie ist eher ein Krimi als eine Biographie, sehr spannend).

    Diese Lebensleistung entstand aber nicht dadurch, daß er ein Megasonnenlicht in seinem Herzen gehegt hätte, sondern indem er hart und unermüdlich daran gearbeitet hatte.
    Das mag sein. Aber Steiner machte immer wieder auf die Kräfte des Herzens aufmerksam. Steiner gab in seinem Werk Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten übrigens auch Anweisungen dafür, wie man das Herzchakra pflegen kann.

    Dabei ist die Frage, ob nicht selbst Jesus sich seine Lehre erst in der Welt angeeignet hat, anstatt sie völlig aus sich selbst hervorzubringen? Ließ er sich nicht von Johannes taufen, um einer bestehenden Religionsgemeinschaft anzugehören, welch anderen Sinn hat denn eine Taufe?
    Das sind einige grosse Fragen, die mir selber unklar sind. (Steiner wüsste wohl etwas Kluges hierzu zu sagen.) Die Vorstellung, wer Jesus war, hat sich wohl auch im Lauf der Zeit geändert. Gerade heute war ich in einer Vorlesung über das Weltbild des Mittelalters. Betrachtet wurde eine Weltkarte aus dem Mittelalter. Oben an der Karte war der Kopf Jesu zu sehen, an den Seiten und unten seine Hände und seine Füsse. So gesehen ist Jesus die Welt (oder wenigstens die Erde). Vielleicht hat er seine Lehre nicht sich in der Welt angeeignet, sondern diese in die Welt ausfliessen lassen!

    Was mich an den Waldorfschulen stört, ist ihr quasi religiöser Charakter (anglo-indische Theosophie Blavatskys). Von den Lehrern wird erwartet, daß sie sich wie Priester engagieren und von den Eltern, daß sie sich wie eine Gemeinde solidarisch mit dem Geist der Institution zeigen.
    Ich weiss nicht, ob das für alle Waldorfschulen gilt, aber du hast sicher Recht, dass man von Waldorfschulen leider immer wieder Schlechtes hört, wenn man etwas Ausschau hält nach Informationen darüber. Meines Wissens wird an den Waldorfschulen aber nicht die Anthroposophie gelehrt. Es sind einfach die Lehrpersonen, welche sich teilweise an Steiner orientieren bei ihrer Pädagogik und Didaktik. Da es sich bei solchen Schulen um eher exponierte Angelegenheiten handelt, ist es auch einfacher, sie zu kritisieren. Ich denke, dass auch in herkömmlichen Schulen zum Teil ein Unwesen getrieben wird.

    LG

    Ali

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