Ich sitze hier im Pyjama und Wollpulli am Kohleofen in meinem 15 Quadratmeter großen Zimmer, Dresden, Germany. In dem Zimmer gibt es zwei Fenster, eine kleine Blockküche mit Kühlschrank, Spüle und zwei Kochplatten. Dann noch ein Bett, ein Tisch und ein Regal, wenige Klamotten und einige Geschirrstücke, die meinem Leben einen Rahmen der Funktionalität verleihen.
Über Youtube lasse ich mir Stories von Charles Bukowsky vorlesen, es lesen verschiedene Leute, Männer mit Namen, Schriftsteller oder sonst wer Bekanntes. Ich rauche, paffe den Rauch in die kleine rechteckige Öffnung des mannsgroßen gekachelten Ofens, blase ihn am eisernen, mit eingefrästen Löchern für die Sauerstoffzufuhr versehenen, Türchen in die heiße Glut hinein, betrachte dabei die Risse, die sich durch die Kohlebrickets schlängeln wie Lavaströme, sehe rote Flammen aufleuchten und wieder erlöschen und den blauen Dunst, wie er durch den Kamin entweichend kleine funkelnde Aschestückchen hinter sich herzieht. Das Ganze wird begleiten von einem vibrierenden Geräusch wie ihn eine Flamme erzeugt wenn sie einem gewissen Luftstrom aussetzt ist. Selber schwebe ich irgendwo zwischen Deutschland und den USA. Ich lasse mich auf den Rücken der Worte fortragen, hin zu der unendlichen Welt der Lyrik.
Was tue ich hier wirklich? Auf dem Boden hockend denke ich nach über mein Dasein im Allgemeinen oder switche zu aktuellen Angelegenheiten, grübele, wühle wie zwanghaft in den Windungen meines Gehirns, ohne Ergebnis, ja auch nicht einmal mit einem konkreten Ziel! Dabei sauge ich die Geschichten eines toten Alkoholikers auf als wären sie Wein, genieße diesen derben Stil seiner Schriften, bin Voyeur eines als hart beschriebenen Lebens. In diesem Moment bin ich Rezipient heilender kathartischer Worte auf der Suche nach einer Lösung für meine eigenen armseligen Problemchen. Die Scheiße schießt mir weiter durch den Kopf und allmählich nimmt eine vertraute depressive Stimmung ihren gewohnten Raum in mir ein, währenddessen entwerfe ich mir alle möglichen Strategien um ein paar erbärmliche Euros vom Staat abzuzwacken. Miekrige Summen jeden Monat, die ich bereits seit mehreren Wochen zu erschnorren versuche, ohne Erfolg. Es ist deprimierend, abgefuckt.
Nun ja. Momentan, im Alter von fast 33 Jahren, befinde ich mich in einer neuen Ausbildung und wenn ich mir das so recht überlege, meine ersten. Wie dem auch sei, ich werde KunstTherapeut. Bislang habe ich den Unterricht als eine Art Gruppentherapie erfahren, ich selber fühle mich wie auf einer Insel gestrandet, die von einer Königin und ihren Dienerinnen beherrscht wird. Ein Matriarchat im Lande des Savoir vivre, wo uns in kleinen Portiönchen das richtige gesunde Verhalten vermittelt wird. Ein Resozialisierungsprogramm, wenn man es so will. Alles in allem nicht übel. KunstTherapie, Salutogener Ansatz, Aktiviierung der inneren Heilungskräfte, der Zugang zu ihnen über Kunst usw.
Aber dennoch frage ich mich für wen ich eigentlich diesen ganzen Schrott schreibe, jeden Tag, Zeile um Zeile, um danach die einzelnen Buchstaben in den Rest, was vor Jahren einmal ein Laptop gewesen ist, einzutippen. Dabei halte ich mich an dem billigen orangefarbenen Plastikkugelschreiber fest als wäre er mein Schwanz, dichte hier diesen Mist zusammen ohne nur zu wagen an irgendeinen künstlerischen Wert dieser Beschäftigung zu denken. Ich schreibe für niemanden, vielleicht für mich, vielleicht für dich, ich schreibe einfach. Alles nur, damit die Zeit vergeht, ein weiterer Rausch, der die öden Stunden irgendwie abwechselungsreicher gestaltet. Der Gedanke an ein Besäufnis drängt sich bei diesen Gedanken auf, der Wunschich mal wieder so richtig abzustürzen, ohne Rücksicht auf Verluste, mich ein weiteres Mal davon überzeugen, dass die meisten Menschen armseelige Langweiler sind, die ich, als Freunde auf Zeit, für meine Unterhaltung nutzen kann. Sozialer Austausch gegen Bezahlung in den Kneipen und Bars oder auf der Straße vor dem 24 - Stunden – Schnapsladen, ein einziges Stundenhotel der Emotionen und geistige Prostitution.
Aber nein. Ich bleibe zu Hause, hier, neben dem warmen Ofen, kritzele Texte in diesen Block und mache Skizzen dazu und zwar ohne die einstige Wahnvorstellung dabei irgendetwas Großes oder Grandioses zu erschaffen oer erschaffen zu müssen. Einfach nur Worte an andere Worte gesetzt, einfach nur Striche neben anderen Strichen gezeichnet, ungeschliffen und roh aber ehrlich.
Nun ist es Zeit in Bett zu gehen, schon bald werde ich eingeschlafen sein mit dem vertrauten Gefühl unwichtig und namenlos zu sein, das Leben ausharren zu müssen. Es sind die Gefühle desjenigen, der den Misserfolg verinnerlicht hat. Dieser ständige Begleiter, der bereits Teil meiner DNA geworden ist. Das ist hin und wieder so präsent und niederschmetternd, dass ich mir manchmal wünsche eine grauenhafte Geschichte erlebt zu haben, ein Kriegsveteran zu sein oder so was in der Art, um ein wenig mehr Bedeutung in mein Selbstbild und in das Bild meines Lebens hineininterpretieren zu können, die Abscheu gegenüber mir und der Welt irgendwie legitimieren zu können, letztendlich dem Wunsch nachzugehen sich rechtfertigen zu müssen. Aber vor wem rechtfertigen? Etwa vor irgendeinem anderen jämmerlichen Versager? Doch gleich darauf erkenne ich, dass es gut ist, nichts dergleichen durchgemacht zu haben und letztendlich muss ich mir eingestehen für solche Dinge viel zu bequem und feige zu sein.
Währen ich so vor mich hindenke und hinqualme, hat die Nacht auch schon den späten Abend abgelöst und ich breite mich darauf vor zur anderen Seite der Existenz hinüberzugleiten, in den Traum. Realität und Traum, ein nettes Wechselspiel. Ich rauche die Zigarette auf und schmeiße die Kippe in die Glut. Dann schließe die Luke im Ofen, erst das eiserne Türchen mit den länglichen Öffnungen, dann das andere mit einem Hebel, welcher einen Verriegelungsmechanismus bedient. Ich drehe ihn nach rechts. Ein Quietschen und abschließend ein metallisches Klacken bekräftigen akustisch meine visuelle Deutung des Vorgangs als abgeschlossen. Die Tür ist zu.
Morgen geht es dann weiter, weiter mit dem Kleingeldleben, dem Durschnittsdasein, dem Gemüseeintopf und schwarzen Tee, Stream – TV, fünfzehn Quadratmetern und dem Gefühl für jemand anderen leben zu müssen.

smash,2017.Tagebuch eines Streuners.Dresden