Thema: Eiscafé

  1. #1
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    Eiscafé

    Es ist eine sehr eigene Wärme, die vom Asphalt abgestrahlt wird, an einem heißen Augusttag. Das Vorderrad meines Fahrrads weicht langsam den Rissen und Löchern auf dem Gehweg, den ich langsam entlangfahre. Leichte Kleidung und gebräunte Haut der Menschen, die mir entgegen kommen. Sonnenbrillen und lachende Gesichter, kalte Getränke und Eiscreme an diesem Sommertag.
    Zwei junge Mädchen bestellen einen Eiscafé. Sie genießen die Blicke, die sie, von den vorübergehenden männlichen Passanten, auf sich ziehen. Es ist so selbstverständlich, dass sie schön sind. Ihre Jugend und Frische, des, vor all zu langer Zeit, erblühten weiblichen Körpers, scheinen sich von Stunde zur Stunde zu erneuern. Sie können noch nicht ahnen, dass dieser Reichtum nur all zu schnell vergeht. Sie wissen nicht, dass diese sprudelnde Quelle nur einen kurzen Augenblick des Lebens darstellt. Den einzigen echten Augenblick der Jugend. Schon bald werden sie versuchen ihn festzuhalten, als sie merken, dass dieses seidene Engelsgewand ihnen entgleitet. All die vielen Cremes, Make-up-Pasten und Schminkkästchen machen die Seide dieses zarten Kleides nur noch glatter und dieser heilige Moment, der nur so lange andauert, als man die Schale mit dem Wasser des Jungbrunnens austrinkt, wird in ihren Geistern immer stärker zu einer bitter süßen Erinnerung werden. Denn ist dieser Brunnen erst mal leer, wird ihn kein Wasser mehr nachfüllen. Diese Quelle ist lebendig und folgt ihren eigenen Regeln. Jeder hat nur eine einzige in seinem Leben. Ist sie versiegt, so ist das endgültig. Der Dürstende folgt seinem Bedürfnis nach einem Trunk, aber er kann das Wasser danach nur noch aus anderen Brunnen schöpfen.
    Das Getränk der beiden Freundinnen ist momentan jedoch der Latte Macchiato auf Eis und sie scheinen nicht daran zu denken, ob die Gläser eine Seele haben oder nicht, oder, ob die Quelle im Café jemals erschöpft sein wird. Mein Blick verweilt unwillkürlich auf der Gestalt einer der jungen Damen. Sie schaut mich kurz an. In ihren Gesichtsausdruck interprätiere ich ein naives Unverständnis für mein Interesse hinein, doch sie weiß ganz genau, welche die eigentlichen Beweggründe eines Mannes sind, der eine schöne Frau anschaut. Sie wendet sich wieder ihrer Gefährtin zu, die mich nicht bemerkt hat und schlürft weiter ihr gekühltes Getränk in der Sommersonne. Ich radele weiter meine selbst gedrehte Zigarette paffend, lenke leicht nach links, leicht nach rechts, wechsele die Straßenseiten je nach Lust und Laune. Ich habe heute nichts Besonderes vor. Nun überkommt mich auch ein Durstgefühl und der spontane Gedanke an eine Erfrischung erfreut mein Gemüt. Vielleicht mache ich das den jungen Grazien nach und setze mich in ein Café. Mein Getränk wird jedoch ein anderes sein.

  2. #2
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    Hallo smash

    Deinen Text Eiscafé habe ich gerne gelesen. Ein junger Mann radelt ohne festes Ziel auf dem Gehweg und gewahrt in einem Eiscafé zwei reizende junge Damen vor ihrem Getränk. Bei diesem Anblick fängt er an, über die Vergänglichkeit zu philosophieren. Das Getränk der Mädchen läßt ihn an Jungbrunnen und Quelle und ihren Bezug zu Schönheit denken. Seltsam finde ich dabei, daß er den Mädchen unterstellt, nicht daran zu denken, daß die "Gläser eine Seele haben" könnten, so als könnte man diesen Gedanken allgemein erwarten.

    Letzte Woche habe ich ähnlich gedacht nur umgekehrt. Ich war auf einer Veranstaltung, an der mehrheitlich Senioren teilnahmen und beim Anblick dieser mittelmäßigen und unattraktiven Alten dachte ich, daß diese doch früher einmal jung und anziehend waren.

    Warum dauert es uns so, daß das Schöne vergänglich ist? Es ist wohl der Wunsch in uns Menschen, daß das Schöne unsterblich sein möge. Schiller schrieb ein Gedicht dazu: Nänie. Heute wird viel dafür getan, das Schöne in Kunst, Architektur und Natur zu erhalten, zu hüten und zu konservieren. Bei der menschlichen Schönheit ist das grundsätzlich vergebens. Das stimmt einen traurig, ist aber der Lauf der Welt.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

    Schillers "Nänie" - das Schöne

  3. #3
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    Hallo Friedrich,
    vielen Dank für deine Resonanz und dein Interesse an dem Text. Das mit den Gläsern, der Seele und der Quelle der Jugend soll die Damen im Text nicht interessieren, weil sie voll und ganz im Augenblick leben, die Zeit soll für sie gerade keine Rolle spielen, das unterstreicht ihre Jugend. Sie haben einfach keine Lust an irgenetwas zu denken als an den Augenblick. So habe ich es versucht zu vermitteln, mit einem Augenzwinkern.

    Dieser Leichtigkeit steht die ganze philosophische Schwere der Vergänglichkeit etc., so wie du sie in deinem Kommentar beschrieben hast.

    Schön, dass dir der Text gefallen hat!

    Viele Grüße
    smash

  4. #4
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    Hallo smash

    schön, daß Du so schnell geantwortet hast, das ist ja nicht selbstverständlich. Ich komme noch einmal auf Deine Schönen im Eiscafé zurück, weil mich das Thema beschäftigt.

    Die Mädels sind unbekümmert und denken nicht daran, daß in ihnen ein biologischer Prozeß abläuft, der sie unweigerlich zu unattraktiven Seniorinnen machen wird. Dächten sie daran, verlören sie durch die Sorge einen Teil ihres Charmes. Andererseits könnten sie auf die Idee kommen, ihre Schönheit möglichst auszubeuten, solange noch Zeit ist (Schmiede das Eisen ...), doch das würde sie auch nicht schöner machen, eher im Gegenteil.

    In der Literatur gibt es hierzu ein Beispiel "Das Bildnis des Dorian Grey" von Oscar Wilde. Dorians Wunsch, er möge jung und schön bleiben und stattdessen sein Porträt altern, geht in Erfüllung. Das verleitet ihn dazu, jedem Laster zu frönen, da sich Auswirkungen dieses Lebenswandels nicht in seinem Gesicht abzeichnen. Mädchen wie denen im Eiscafé ist ein solcher Wunsch nicht offen und sie müßten die Konsequenzen unmittelbar tragen.

    Als ich nach einer Herzoperation im Krankenbett lag, blickte ich aus dem Fenster und fragte mich, ob es einen Unterschied gäbe, hätte ich die Operation nicht überlebt? Für meine Freunde und Familie ja - zumindest zeitweise - doch die Natur draußen bliebe völlig unbewegt. Ihre Teile im Einzelnen sterben, doch das Ganze lebt in aller Schönheit weiter. Und genauso wie es immer süße Eichhörnchen geben wird, wird es auch immer anmutige Mädchen geben, doch ich werde eines Tages keinen Anteil mehr haben.

    So ist in einem gewissen Sinne die Schönheit der Natur unvergänglich. Ob solche Fragen die jungen Damen im Eiscafé interessieren, ist fraglich. Vielleicht sind solche Gedanken nur für Leute, die u.a. auch wissen wollen, ob Gläser eine Seele haben.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich


    P.S. Oscar Wilde schreibt meiner Meinung nach die schönste englische Prosa. Es lohnt sich schon deshalb, den Dorian Grey zu lesen.

  5. #5
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    Hallo Friedrich,

    "Das Bildnis des Dorian Grey" ist ein schöner Verweis. Der Roman beschreibt das Thema natürlich in einer meisterhaften Qualität. Sehr spannend finde ich auch die Verfilmung(1970) von Massimo Dallamano mit Helmut Berger.
    Wenn man an die Vergangenheit denkt, kann es, so finde ich, mit einer Reihe von Affekten verbunden sein. Von Trauer bis Freude eben. Vielleicht ist es vom Alter abhängig, vielleicht von dem Alter, dass man gerade empfindet. Leute, die zum Philosophieren tendieren, sind erfahrungsgemäß eher die melancholischen Typen. Naja..das Leben geht weiter.

    Danke für die Antwort und viele Grüße
    smash

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