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  1. #16
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    Hallo Ferdi,

    Jeder schreibt, wie er schreiben will
    Heißt das für Dich: Scheiß auf die Rechtschreibung, scheiß auf die Grammatik? Sprache ist doch nicht nur ein individuelles Gut, sondern auch ein gemeinsschaftliches, und das sah bereits der von Dir genannte Philipp von Zesen (1619-1689) so. Sprachbewahrung ist keine Erfindung von heute, sondern hat bereits eine lange Tradition. In wikipedia fand ich bei dem Eintrag über Zesen folgendes Zitat:
    Wahrscheinlich gründete Zesen schon 1642 in Hamburg eine Sprachgesellschaft mit Namen Deutsch-Zunfft. Ein Jahr später ging diese aber in die Deutschgesinnte Genossenschaft über. Diese Vereinigung hatte sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die deutsche Sprache zu bewahren und Einflüsse durch Fremdwörter zu vermeiden.
    Wenn ich einen Text vor mir habe, in dem es von Fehlern nur so wimmelt, empfinde ich das als unappetitliche Zumutung, und wenn es nichts Wichtiges ist, höre ich auch schnell auf, ihn zu lesen. Mit dem "ich schreibe so wie ich will", kommt man auch beruftlich nicht weit. Wer ein fehlerhaftes Bewerbungsschreiben abschickt, hat in der Regel schlechte Karten. Als ich in einer Kirche die Fürbitten der Gläubigen in einem extra dafür ausgelegten Buch las und feststellte, daß nahezu alle in irgendeiner Weise falsch geschrieben waren, war ich versucht, einen Satz in großen Buchstaben darunter zu schreiben.
    FEHLERHAFT GESCHRIEBENE FÜRBITTEN KÖNNEN NICHT WEITERGELEITET WERDEN

    Die Gemeinschaft der Heiligen
    Ich bin diesem Impuls natürlich nicht gefolgt.

    Daß ich den Beitrag von L A F Strässler mit Deinem in einen Topf geworfen habe, tut mir leid. Ein Versehen.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  2. #17
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    Hallo Friedrich!

    Was dir eine "unappetitliche Zumutung" ist, ist für andere der ganz alltägliche, und selbstverständliche, und erfolgreiche Umgang mit Sprache und Schriftsprache: Was sie sagen und schreiben, wird verstanden, das grundlegende Versprechen von Sprache, die Verständigung, wird erfüllt. Was macht deinen Standpunkt also so viel besser als den ihren? Du definierst für dich eine Norm und beurteilst dann mit ihrer Hilfe die sprachliche Leistung anderer. Wenn ich den Menschen um mich herum zuhöre, kommt in ihrer Norm der Genitiv nicht sonderlich häufig vor; ihrer Norm entsprechend sprichst und schreibst also du das fehlerhafte, anstrengende, nicht der Verständigung förderliche Deutsch.

    Wenn das, was du für dich als richtig erkannt hast, wirklich gut und überzeugend und förderlich ist: Dann gib Beispiele und mache so Angebote, sie werden sich durchsetzen. Aber diese Erziehungsbemühungen anderer durch Vorschrift und Überwachung (denn darauf läuft es hinaus) müssen nicht wirklich sein.

    Gruß,

    Soleatus


    Edit: Leicht andere, aber verwandte Baustelle - Icelandic language battles threat of 'digital extinction'

    Und da kann man dann tatsächlich anfangen, sich Gedanken zu machen ... (Ist irgendwo auch auf Deutsch drüber berichtet worden, aber weniger ausführlich.) - F.
    Geändert von Ferdi (29.04.2018 um 14:56 Uhr)

  3. #18
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    Wahrscheinlich verpasste ich was, trotzdem, ich stellte den Link ein, denn ihr solltet weniger quatschen, sondern bringt mal ein Ding aus euer Feder raus, nicht?
    ausgezogen
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    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  4. #19
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    Hallo L A F Strässler,

    ihr solltet weniger quatschen, sondern bringt mal ein Ding aus euer Feder raus,
    Ich denke, dieses Forum bietet Raum und Gelegenheit für beides: quatschen und eigene Dinge rausbringen. Im übrigen habe ich unlängst etwas Eigenes hier eingestellt Und wozu Dichter ...? Dort geht es um Hölderlin und ein Zitat zur Sprache (!)

    Hallo Ferdi,

    der Begriff "Überwachung" ist ein Totschlagargument, das alle Bemühung diskreditiert. Überwachung, da fällt mir ein Vortrag ein, den ich vor Jahren einmal in unserer Schule von einem Vortragsredner, Baldur Haase, gehört habe. Baldur lebte bis zur Wiedervereinigung in der untergegangenen DDR und wurde dort 1959 als 19jähriger zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus wegen "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" verurteilt. Sein Delikt, er besaß ein Buch - George Orwells Roman 1984 - , das ein Freund aus dem Westen ihm per Post zugeschickt hatte. Ein Mitglied der Familie - sein Schwager - verpfiff ihn bei der Stasi.

    Was hat das jedoch mit mir und dem Verein für Sprachpflege zu tun? Gar nichts! Was tut dieser Verein? Er gibt vierteljährlich eine Zeitung heraus, die Artikel über den rechten Umgang mit der deutschen Sprache enthält. Er stellt "Sprachpanscher und -verhunzer" an den Pranger. Er sammelt Unterschriften für eine Petition, wenn es darum geht, die traditionelle Schreibschrift an den Schulen abzuschaffen. Er wendet sich gegen das sogenannte Genderdeutsch, das stilistisch einfach häßlich und zudem völlig überflüssig ist. Das alles hat nichts mit einer "Überwachung" à la DDR zu tun.

    Lieber Ferdi, ich habe mir Deine Beiträge angesehen - Themen gibt es ja so gut wie keine - und stellte fest, daß Du ein fehlerloses Deutsch schreibst, stilistisch einwandfrei. Dazu stellte ich fest, daß Du wie ein Tutor an einer englischen Elite-Universität Rat und Auskunft gibst. Du weißt, daß Philipp von Zesen drei Jahre jünger ist als Gryphius und findest heraus, wer der Verfasser des Genitivgedichts ist. Ist das nicht eine Art Lehrtätigkeit, die Du da ausübst?

    Ein Englischlehrer, der seinen Schüler sagt: Ihr könnt ruhig informations schreiben, auch wenn das falsch ist und "the news are next, auch wenn es is heißt, man versteht euch ja", hat doch seinen Beruf verfehlt. Der Englischlehrer sorgt sich nicht nur um das Weiterkommen seiner Schüler, sondern auch um den Erhalt der Sprache.

    "Jeder schreibt wie er will", das erinnert mich an die Zeiten der 68er. Diese sahen in jeder gesellschaftlichen Erwartung eine "Repression" und widersetzten sich. Heute mutet mich das recht kindisch an: Hei Pippi Langstrumpf, sie tut, was ihr gefällt. "Ich schreibe so wie ich will" ist auch eine Weigerung, durch Lernen besser zu werden nach dem Motto: Jeder hat das Recht, so blöd zu sein und zu bleiben wie es ihm möglich ist!

    Liebe Grüße

    Friedrich

  5. #20
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    hallo friedrich

    dann sind wir uns ja letztendlich so gut wie einig. Die Entwicklung in unserem Land ist unschön bis bedrohlich, allerdings können weder Du noch ich etwas daran ändern.
    in der analyse..ja. ich gehöre jedoch zu den wenigen...die größenwahn für eine tugend halten. doch, wir können etwas daran ändern.

    gruß, a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  6. #21
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    Hallo Friedrich!

    "Eine Lehrtätigkeit ausüben"? Eher nicht. Du hast eine Frage nach dem Verfasser des Gedichts gestellt, ich habe mich um eine Antwort bemüht.

    Das getan und dieses gesagt verabschiede ich mich aus diesem Faden.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (01.05.2018 um 02:30 Uhr)

  7. #22
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    Abschließender Kommentar

    Lieber Leser dieses Fadens,

    am Schluß sei mir noch ein kurzes Fazit und eine Bermerkung erlaubt.

    mit dem Gedicht über den Gebrauch des Genitivs kam die Frage der Sprachbewahrung auf. Meiner Meinung nach ist die Sprache ein geistiges Element, das unser Denken trägt und unsere Kommunikation mit anderen ermöglicht. Wir werden in die Sprache hineingeboren, eignen sie uns an und geben sie an unsere Kinder weiter. Die Sprache, in die wir hineinwachsen, ist ein intaktes System, das wir uns, so sage ich, so gut wie möglich aneignen sollten. Darüber hinaus ist die Sprache ein Element wie die Natur oder das kulturelle Erbe, das wir bewahren, pflegen und vor schädlichen Einflüssen zu schützen aufgerufen sind.Letzteres wurde von einigen Lesern kritisiert. Sie sind der Meinung, daß die Sprache sich schon immer verändert habe und daß jeder so sprechen und schreiben solle wie es ihm beliebt, so fehlerhaft es auch immer sei. Die Sprache ist für sie ein Eigenes so wie z.B. das Haar, man kann es tragen wie man will: kurz, lang, gefärbt oder natur.

    Die Aussage, daß die Sprache sich verändere, erweckt den Anschein, daß es sich dabei immer um einen quasi natürlichen Prozeß handele, den es schon immer gegeben habe. Doch ist das so? Bis Ende der sechziger Jahre konnte man noch völlig unbeschwert Wörter wie Neger oder Zigeuner verwenden, inzwischen ist das nicht mehr der Fall. Diese Wörter seien nun "rassistisch" und ihr Gebrauch beleidigend. Stattdessen solle man "Schwarze" oder "Sinti und Roma" sagen. Wenn jemand früher Schwarze nicht mochte, dann hat der dem Wort "Neger" ein Attribut hinzugefügt wie z.B. "verdammt" oder "dreckig". "Neger" allein war völlig neutral

    Bis Ende der sechziger Jahren konnte man auch noch einfach von Schülern und Lehrer reden, ohne dafür kritisiert zu werden, daß die Lehrerinnen und Schülerinnen nicht eigens genannt werden. Lehrer und Schüler waren Oberbegriffe, die beide Geschlechter gleichermaßen meinten. Wenn jemand von Hunden spricht, dann meint er die Hündinnen doch gleich mit und muß sie nicht eigens nennen. Wenn jemand von Katzen spricht, dann klammert er die Kater doch nicht aus.

    Inzwischen hat man auch das sogenannte Binnen-I eingeführt, dann heißt es LehrerInnen und SchülerInnen. Da man beim Sprechen das Binnen-I nicht sieht, hört es sich an, als wäre allein von weiblichen Schülern die Rede. Da das Wort Schüler in der Einzahl ein ebensolcher Oberbegriff ist wie in der Mehrzahl, müßte es konsequentermaßen dann auch heißen: Dem SchülerIn (im Allgemeinen) obliegt es seinen/ihren Arbeitsplatz sauber zu halten.

    Was geschieht da eigentlich? Es gibt Leute, die Wörtern und einem neutralen Plural eine eigenwillige Bedeutung zuschreiben und nun alle anderen dazu nötigen, diese zu akzeptieren und nicht mehr in gewohnter Weise zu sprechen und zu schreiben. Die ausdrückliche Erwähnung des weiblichen Geschlechts gilt übrigens nur für positiv konnotierte Wörter. Ich habe jedenfalls noch nie von FaschistInnen oder SpekulantInnen gehört.

    Wenn ich sage, daß die Sprachreinigungsmaßnahmen erst mit den siebziger Jahren begannen, so liegt es nahe, daß wir diese dem Geist der 68er-Bewegung zu verdanken haben. Sie wollten uns ein neues, besseres Denken bescheren. Ich frage mich nur, ob es unserer Sprache gut tut, wenn sie von Leuten beeinflußt, besser manipuliert wird, die zu Deutschland ein zwiespältiges wenn nicht überaus kritisches Verhältnis haben. Die 68er hielten die alte DDR immer für das bessere Deutschland, rechtfertigten den Schießbefehl und empörten sich über die Wiedervereinigung. "Nie wieder Deutschland" und "Deutschland verrecke" konnte man damals aufgesprüht an den Mauern der Universität lesen.

    In George Orwells 1984 ist der politische Umgang mit der Sprache ein wichtiges Thema. Statt "very good" soll man "double plus good" sagen. Das Newspeak-Wörterbuch eliminiert immer mehr Wörter, damit die Leute unorthodoxe Dinge gar nicht mehr denken können. Sprachwahrer wehren sich dagegen, daß die Politik oder ideologisch gesinnte Leute die Sprache als Mittel benutzen, andere zu manipulieren. Sprachwahrer warnen Leute, den Ideologen auf den Leim zu gehen. Darüber hinaus erinnern sie die Sprecher, grammatische Formen wie den Genitiv zu benutzen, auf daß dieser nicht verloren gehe.

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

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