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  1. #1
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    Es lebe der Genitiv

    Es lebe der Genitiv

    Des Abends, wenn das Tagewerk gewissenhaft getan,
    regiere stets den Genitiv ein echter deutscher Mann.

    Begierig eines guten Trunks, sei er mit Herz und Sinn,
    und kundig des gewohnten Gangs eil er zur Kneipe hin.

    Der Tropfen sei er eingedenk, die er dort oft verzehrt,
    er spute sich, daß wieder er teilhaftig ihrer werd.

    Des Bacchus mächtig zeig' er sich, er trinke stets noch eins,
    und schließlich, wenn's nach Hause geht, sei er voll süßen Weins.

    Des Abends drum, den Genitiv der Mensch regieren soll:
    Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll.


    Rudolf Hermanns, 19. Jahrhundert


    Das oben zitierte Gedicht fand ich in Ausgabe 71 der Deutschen Sprachwelt, ein Organ des Vereins für Sprachpflege e.V.
    Es stand dort unter dem Titel; Angewandte Grammatik. Den Autor, Rudolf Hermanns, kenne ich nicht. Bei google fand ich nur einen deutschen Maler dieses Namens, der von 1860- 1935 lebte. Ob dieser nun der Verfasser des Gedichts ist oder jemand anderer desselben Namens, weiß ich nicht, vielleicht kann mir ja jemand helfen?

    Zu erwähnen ist auch noch Bastian Sicks Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, das nunmehr schon in sechs Folgen erschienen ist. Wenn ich meinem Beitrag den Titel Es lebe der Genitiv gegeben habe, so weniger in dem Sinne, daß ich ihn "hochleben" lassen will, sondern gemäß meines Wunsches, daß er weiter leben soll. Unsere Grammatik bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich differenziert und schön auszudrücken. Eine dieser Möglichkeiten ist der Genitiv. Wird er nicht mehr verwendet, so gerät er in Vergessenheit und klingt später dann im Gebrauch antiquiert und fremd. Mein Beitrag ist ein Anstoß, sich darauf zu besinnen, ihn häufiger und auch richtig zu verwenden.
    Des Abends drum, den Genitiv der Mensch regieren soll
    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  2. #2
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    Verein für Sprachpflege -das scheint mir doch mal (neben dem FC Liverpool und dem Häkelverein blau weiss Erfurt) ein sinnvoller Verein zu sein.

    Danke für den Exkurs!

    Genitiv ins Wasser, sonst drohst du zu ertrinken - so kam ich schon als Kind damit in Berührung.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  3. #3
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    Hallo Andere Dimension
    Verein für Sprachpflege -das scheint mir doch mal (neben dem FC Liverpool und dem Häkelverein blau weiss Erfurt) ein sinnvoller Verein zu sein.
    Deine Bemerkung scheint mir doch sehr ironisch zu sein, denn wer braucht hierzulande einen englischen Fußballverein oder einen "Häkelverein"?

    Der Verein für Sprachpflege schreibt weiter die herkömmliche Rechtschreibung und setzt sich gegen die fortgesetzte Anglisierung unserer Muttersprache (Denglisch) zur Wehr. Sehr zu recht wie ich finde.

    Früher hat die Duden-Redaktion den Sprachgebrauch in der Praxis beobachtet und danach ihre Regeln festgelegt. Mit der Rechtschreibreform hat ein Gremium von "Fachleuten" einfach darüber entschieden, wie man künftig zu schreiben hat. Dadurch hat die Rechtschreibsicherheit spürbar nachgelassen und die Rechtschreibfehler an den Schulen und Universitäten haben sichtlich zugenommen.

    Was die Anglizismen betrifft, so glauben inzwischen viele, sich mit englischen Wörtern schmücken zu müssen, damit sie einfach "in" sind. Deutsch ist doch viel zu provinziell, viel zu popelig. Das gilt für Individuen als auch für Unternehmen.

    Und weil die Deutschen so gerne immer alles besser wissen, "verbessern" sie auch die englische Sprache, indem sie ein Plural-S verwenden, wo normalerweise keins steht. Aggressions, advices, standing ovations. Was mich noch mehr stört, als daß Leute englische Ausdrücke - faute de mieux - einfach übernehmen, ist, daß sie selber welche erfinden. Anstatt deutsche Wörter zu prägen, erfinden sie englische, die es in dem von ihnen gemeinten Wortsinn gar nicht gibt. Beispiele: Handy, Beamer, Slip, Overhead Projektor, Oldtimer. Die Deutschen als kreative englische Wortschöpfer!

    Heutzutage ist das Bewußtsein für die Erhaltung der natürlichen Umwelt, der Artenvielfalt wie auch des kulturellen Erbes (Unesco Welterbe) gestiegen. Für die Erhaltung unserer Muttersprache mit allen ihren Möglichkeiten müßte man sich, so finde ich, in gleicher Weise engagieren. Wir haben mit unserer Sprache ein jahrhundertealtes Erbe empfangen und sollten dafür sorgen, daß die nachfolgenden Generationen wie wir davon profitieren. Durch Nichtgebrauch von Wörtern und grammatischen Möglichkeiten sterben diese auf ebensolche Weise aus wie Lebewesen in der Natur. Aus diesem Grund:

    Es lebe der Genitiv!
    Lieben Gruß

    Friedrich

  4. #4
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    hallo friedrich

    auch ich betrachte unsere sprache als einen schatz...den es zu bewahren gilt. auf der anderen seite weiß ich...dass jede sprache ein dynamisches gebilde ist - ein abbild kultureller einflüsse aus vergangenheit und gegenwart. wir haben eine wunderbare sprache zu behüten, aber wir sind auch ein einwanderungsland und müssen uns nicht nur dem stellen...sondern auch (im positiven sinne) rechnung tragen. auf eine gewisse weise steht unsere sprache auf der kippe - öffnen wir uns für das neue...oder verteidigen wir auf teufel komm raus das alte? ich halte es für geschickter sich zu öffnen, das neue einzubetten...statt eine subkultur gedeihen zu lassen. wir deutsche meinen alles monetär regeln zu müssen...zu können...doch wir werden nicht drum herum kommen auch von unserer kultur etwas abzugeben und von anderen kulturen etwas anzunehmen. und dazu gehört auch unsere sprache. geschieht das im gegenseitigen einvernehmen...muss deshalb niemand ärmer werden.

    gruß, a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  5. #5
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    Hallo AndereDimension,

    vielen Dank für Deine Antwort.

    auch ich betrachte unsere sprache als einen schatz...den es zu bewahren gilt. auf der anderen seite weiß ich ..
    Ersteres glaube ich Dir. Ich habe einige Sachen von Dir gelesen und gesehen, daß Du mit unserer Sprache sehr gut umgehen kannst. Andererseits sehe ich, daß Du Dich mit einer Entwicklung abfindest oder gar schönredest, die mir gar nicht gefällt und die mir ernste Sorgen bereitet. Wenn das jemand bei anderen Gefahren wie bei der Klimaerwärmung tut ("was ist daran schlimm, wenn es hierzulande wärmer wird?") , diskreditiert er sich sofort. Hierin ist man sich allgemein einig, bei der Sprache jedoch nicht.
    Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch),
    sagt mein Lieblingsdichter, Friedrich Hölderlin, wo aber keine Gefahr gesehen wird, kann auch nichts Rettendes wachsen.

    In Frankreich gibt es eine Institution, die académie francaise, die darüber wacht, daß die französische Sprache geschützt wird und unter diesem Schutz weiter gedeiht. Die Mitglieder bestehen aus Personen, die sich für die französische Sprache in besonderer Weise verdient gemacht haben - Schriftsteller und Dichter - . Sie werden auf Lebenszeit in das Gremium gewählt und heißen auch les immortels, die Untsterblichen. Ab und an haben sie versucht, eine Änderung von Schreibweisen durchzusetzen, doch ist, so weit ich weiß, noch jeder Versuch gescheitert; die Leute machen nicht mit. Bei uns setzt eine Kommission von sogenannten Fachleuten eine Rechtschreibreform durch und die Deutschen folgen ihnen wie Schafe ihrem Hirten. Dabei nehmen sie sogar so Kuriositäten hin wie die Großschreibung von Leid in "es tut mir Leid", so als handelte es sich um ein Nomen. Weiter gültig ist die Schreibweise von "es tut mir gut" und "ihm tut es wohl". Ob einer der immortels jemals so einen Mist verzapft hätte?

    In einem Ferienort in der Bretagne sah ich einmal eine größere Ansammlung von Touristen ein gemeinsames ... Diktat .. schreiben. Auf Anfrage erfuhr ich, daß das in Frankreich gar keine Seltenheit ist. Kann man sich das für Deutschland vorstellen? Einen fehlerfreien Beitrag im Internet muß man beinahe schon suchen.
    aber wir sind auch ein einwanderungsland und müssen uns nicht nur dem stellen...sondern auch (im positiven sinne) rechnung tragen.
    Auch hier hilft ein Blick ins Nachbarland, um zu sehen, wie die Entwicklung noch weiter gehen kann. Wegen eines riesigen Staus auf der Autobahn war ich einmal gezwungen, diese zu verlassen und über die Ortschaften (banlieues) zu fahren. Dabei kam ich durch Vororte, in denen kein einziger Franzose (francais de souche) auf der Straße zu sehen war, es waren nahezu alles Schwarze. An anderen Orten leben fast ausschließlich Nordafrikaner. Was das für Auswirkungen hat, kann man alljährlich bei Festtagen wie Sylvester oder dem 14. Juli, dem Nationalfeiertag, sehen. Dann brennen Tausende von Autos, sind hunderttausend Polizisten im Einsatz, um das Schlimmste zu verhüten. Du brauchst bei google bloß einmal die Stichworte "brennende Autos Frankreich" einzugeben und findest eine ansehnliche Ansammlung von Reportagen darüber.

    "im positiven Sinne Rechnung tragen" heißt bei Dir wohl hoffentlich nicht, auch einen möglichen Bürgerkrieg inkauf zu nehmen.

    Liebe Grüße

    Friedrich

  6. #6
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    hallo friedrich,

    herzlichen dank für die interessanten einblicke! sie verdeutlichen mir worum es dir geht.

    Ich habe einige Sachen von Dir gelesen und gesehen, daß Du mit unserer Sprache sehr gut umgehen kannst.
    du hast es treffend formuliert, denn mit einer sprache umgehen zu können ist etwas anderes als sie zu beherrschen. bei einem diktat nach den regeln der grammatik würde ich eher schlecht abschneiden. das liegt weniger an den hürden der germanistik...dafür hat es umso mehr mit meiner psyche...bzw mit meiner vita zu tun.

    ich kenne die situation in frankreich - und weiß, dass wir da gar nicht (mehr) in unser nachbarland schauen müssen. auch kann ich dir zu 100% zustimmen...will das aber nicht vertiefen...weil ich ahne...was ich, was wir damit lostreten würden. ist wohl besser zu akzeptieren, dass wir alle (noch) in unterschiedlichen wirklichkeiten leben. diese werden sich mit der zeit angleichen....und dann wird so mancher seine heutige haltung im nachhinein bedauern. da geht es aber nicht "nur" um die sprache...sondern um die kulturelle entwicklung im allgemeinen.


    im positiven Sinne Rechnung tragen" heißt bei Dir wohl hoffentlich nicht, auch einen möglichen Bürgerkrieg inkauf zu nehmen.
    sehr gute frage! natürlich möchte ich keinen bürgerkrieg...weder in unserem land...noch in einem anderen. auf der anderen seite wird es wohl auf einen solchen konflikt hinauslaufen....den ich niemandem wünsche...den sich dann aber einige redlich
    verdient hätten - schade ist es nur für alle anderen, denn wie bei fast jedem krieg...leiden die unschuldigen am meisten darunter.

    viele grüße aus dem südwesten
    a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  7. #7
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    Lieber Friedrich,

    vielen Dank für diese immer wieder notwendige Diskussion, die die Wachsamkeit gegenüber geschmacklosem Missbrauch unserer Muttersprache schärft.

    Des Abends drum, den Genitiv der Mensch regieren soll:
    Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll.

    Als Lateinschüler hatten wir für Adverbien des genitivus partitivus folgenden Merkspruch:
    Des Bieres kundig, eingedenk, sauf ich mich mächtig voll.

    Lieben Gruß
    Carolus

  8. #8
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    Hallo Friedrich,

    Lustiges Gedicht. Man fragt sich, was am Genetiv so toll sein soll. Objektiv schöner als der Dativ ist er bestimmt nicht (wobei ich in einen quasi genetivlosen Sprachraum hineingeboren wurde), sondern eher eine Art elitäres Statussymbol, das sich allerdings schwer in Auflösung befindet.


    Lieben Gruß
    dulce

  9. #9
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    Hallo AndereDimension

    dann sind wir uns ja letztendlich so gut wie einig. Die Entwicklung in unserem Land ist unschön bis bedrohlich, allerdings können weder Du noch ich etwas daran ändern.

    Hallo Carolus

    vielen Dank für diese immer wieder notwendige Diskussion, die die Wachsamkeit gegenüber geschmacklosem Missbrauch unserer Muttersprache schärft.
    Ich denke, die Teilnehmer eines deutschen Gedichteforums sollten die ersten sein, die sich für den Erhalt und das Gedeihen unserer Muttersprache einsetzen, einfach schon deswegen, weil sie ein besonderes Verhältnis zu ihr haben.

    Wußtest Du eigentlich schon warum es "der Deutsche" aber "ein Deutscher" heißt, also mit verschiedenen Endungen? Es heißt doch "der Franzose" und "ein Franzose" - gleiche Endungen wie bei allen anderen Nationalitäten auch. Auch gibt es keine "Deutschin", sondern nur "eine Deutsche". Es liegt daran, weil der "Deutsche" ein substantiviertes Eigenschaftswort ist. Es heißt "der deutsche Mann / ein deutscher Mann", ebenso: "die deutsche Frau". Aus diesem Grund also die verschiedenen Endungen. Der Deutsche definiert sich letztlich also über seine Sprache. Warum sich unsere Regierung so schwer tut, den Satz "Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch" ins Grundgesetz zu schreiben, ist für mich nicht verständlich. Wir sind das einzige deutschsprachige Land, das die Sprache nicht in seiner Verfassung nennt. Der schon genannte Verein für Sprachpflege engagiert sich dafür.

    Hallo albaa

    schön, daß Du hier reinschaust.
    Man fragt sich, was am Genetiv so toll sein soll. Objektiv schöner als der Dativ ist er bestimmt nicht (...) sondern eher eine Art elitäres Statussymbol
    Ich finde am Genitiv nichts "Elitäres". Wahrscheinlich hast Du die dialektgefärbte Umgangssprache im Sinn, die den Genitiv meidet. So heißt es

    hochdeutsch: Der Chef meines Vaters
    bayerisch: Der Cheef vo meim Vattern
    hessisch: Von meim Vadder der Chef

    Welche der Varianten nun schöner ist, bleibt wohl Geschmackssache.

    Im übrigen ist der Mensch in seiner Muttersprache "mehrsprachig". So sprichst Du bei einem Vorstellungsgespräch oder gegenüber einem Vorgesetzten anders als mit Freunden oder in der Familie. Es ist gut, mehrere "Register" zu beherrschen.

    Und wieder ein Blick in unser Nachbarland.
    In der Schule lernen wir "Qu'est-ce que c'est?", auf der Straße hört man "C'est quoi?" Kein Franzose käme auf den Gedanken "Qu'est-ce que c'est?" sei "elitär".

    Liebe Grüße an alle

    Friedrich

  10. #10
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    Hallo Ferdi,

    vielen Dank für Deine Hilfe. Bravo! Ich bin immer überrascht über die kompetenten Leute, die es in unserem Forum gibt.

    Ob sich die "Sprachpfleger Sprachüberwacher" nennen sollten, ist wohl keine gute Idee, da "Überwacher" negativ konnotiert ist, das Wort erinnert an "Überwachungsstaat". Andererseits ist es ja durchaus nichts Schlechtes, wenn es Leute gibt, die über die Sprache und ihren Gebrauch wachen. Dies hat im übrigen auch die Duden-Redaktion getan, bis 1996 die Rechtschreibreform einfach verfügt hat, wie eine ansehnliche Reihe von Wörtern neu geschrieben werden müßten. Bis dahin galt der allgemeine Sprachgebrauch. In alten Dudenausgaben findet man des öfteren die Bemerkung: inzwischen auch immer häufiger diese Schreibweise anzutreffen. Der Duden war also bis 1996 in gewissem Sinne demokratisch.

    Deinen Zweizeiler auf dem Link habe ich gelesen und finde ihn lustig und sprachlich gelungen. Er erinnert an den Spruch "Wes Brot ich eß, des Lied ich sing".

    Im übrigen ist der Genitiv in vielen stehenden Redewendungen noch lebendig wie "stehenden Fußes" oder "sehenden Auges".

    Liebe Grüße

    Friedrich

  11. #11
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    hochdeutsch: Der Chef meines Vaters
    bayerisch: Der Cheef vo meim Vattern
    hessisch: Von meim Vadder der Chef

    Welche der Varianten nun schöner ist, bleibt wohl Geschmackssach
    Alles unterliegt der ständigen Veränderung, so auch die Sprache. Wo waren die Sprachüberwacher, ähm Sprachhüter, nein, Sprachpfleger denn hier?:


    V.
    Vber des HErrn Leiche

    Bidermanni. Eheu! flebile funus

    ACh weh! was seh' ich hir? ein außgesträckte Leichen /
    An der man von Fuß auff nichts unzerschlagen find't:
    Die Seit / aus der das Blutt mit vollen Strömen rinn't
    Die Wangen so von Schmertz in Todes-Angst erbleichen.

    Wer hat dich so verletzt? Wer hat mit Geissel-Streichen
    Gewüttet auff diß Fleisch? Welch grimmes Tygerkind
    Hat Hand hir angelegt / als dise Glider sind
    Mit Nägel gantz durchbort? Wem sol ich den vergleichen

    Der deine zarte Stirn mit Dornen hat verschrenckt?
    Wer hat / mein Bräutigam / mit Galle dich getränckt?
    Ach! diß hat deine Lib und meine Schuld verübet.

    Wen dise Libe nicht zu Wider-Libe zwingt /
    Wem dises Jammerbild nicht Seel und Geist durchdringt /
    Verdint / daß er empfindt was für und für betrübet.


    (Andreas Gryphius: Sonette / Das Erste Buch - Kapitel 6)




    Lieben Gruß
    albaa

  12. #12
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    Hallo albaa

    vielen Dank für Deinen Beitrag.

    Wo waren die Sprachüberwacher, ähm Sprachhüter, nein, Sprachpfleger denn hier?:
    Antwort: Nirgends, denn zu Zeiten von Gryhius gab es sie noch nicht. Ich könnte mir jedoch vorstellen, was sie sagen würden, läsen sie diesen Faden und als besonderes Argument das von Dir zitierte Gedicht.

    Sie würden sagen: ein Glück, daß Konrad Duden 1880 das Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache veröffentlicht und damit für Deutschland eine einheitliche Rechtschreibung ermöglicht hat. Bis dahin mußten die Leute so schreiben, wie sie sich selbst reden hörten ohne Referenz zu einer orthographischen Autorität. Würde Gryphius' Gedicht laut vorgelesen, so wäre es ganz verständlich, denn so viel anders ist unsere Sprache seitdem gar nicht geworden. Außer:
    Der deine zarte Stirn mit Dornen hat verschrenckt?
    das würde man heute nicht mehr so sagen können.

    Glücklicherweise sprach Gryphius hochdeutsch. Hätte er Dialekt gesprochen und nach dem Gehör geschrieben, wäre es weniger deutlich geworden. Für "bücken" sagt der Bayer "bucka", der Hesse hingegen "bigge". Wem beide Dialekte fremd sind, wüßte wahrscheinlich nicht, was gemeint ist.

    Und wenn es seit 1880 eine Rechtschreibsicherheit gibt, warum muß dann eine Kommission von Rechtschreibreformern diese 1996 (mit Änderungen 2004, 2006, 2011) aufs Spiel setzen? Die Leute sind verunsichert: Schreibt sich das nun so oder anders? Wer außer den Deutschlehrern liest denn eigentlich all die neuen Regeln und prägt sie sich ein? Der Normalbürger merkt nur, daß es bei einer Reihe von Wörtern zwei verschiedene Schreibweisen gibt, was ihn nicht selten verwirrt. Das ist auch der Grund, weshalb Schüler und Studenten inzwischen mehr Rechtschreibfehler machen als in den Zeiten vor 1996.

    Die Sprachpfleger würden auch bemerken, daß Gryphius keine Anglizismen verwendet, daß ihm Deutsch als Ausdrucksmittel genügt. Anders im heutigen Deutschland. Eben sah ich in einer Illustrierten die Werbeanzeige der Automarke smart. Da heißt es:
    For you.
    For your friends.
    For your family.
    For 99.
    smart wendet sich als künftige Käufer oder Leasingnehmer (Rate à € 99) an Leute, die nicht klug oder gescheit, sondern vielmehr "smart" sein wollen, und smart-sein bedeutet wohl Anglizismen zu lieben. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, diese vier kurzen Aussagen in englisch zu schreiben. Ich glaube, es geschieht dadurch, weil es Leute gibt, die sich insgeheim ihrer Muttersprache schämen so wie manche gebildeten jungen Leute ihrer ungebildeten Eltern. Es gibt aber überhaupt keinen Grund sich seiner deutschen Muttersprache zu schämen und ebenso keinen, sie niederzumachen oder auf sie geringschätzig herabzusehen.

    Lieben Gruß

    Friedrich

  13. #13
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    Hallo Ferdi,

    Jeder schreibt, wie er schreiben will
    Heißt das für Dich: Scheiß auf die Rechtschreibung, scheiß auf die Grammatik? Sprache ist doch nicht nur ein individuelles Gut, sondern auch ein gemeinsschaftliches, und das sah bereits der von Dir genannte Philipp von Zesen (1619-1689) so. Sprachbewahrung ist keine Erfindung von heute, sondern hat bereits eine lange Tradition. In wikipedia fand ich bei dem Eintrag über Zesen folgendes Zitat:
    Wahrscheinlich gründete Zesen schon 1642 in Hamburg eine Sprachgesellschaft mit Namen Deutsch-Zunfft. Ein Jahr später ging diese aber in die Deutschgesinnte Genossenschaft über. Diese Vereinigung hatte sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die deutsche Sprache zu bewahren und Einflüsse durch Fremdwörter zu vermeiden.
    Wenn ich einen Text vor mir habe, in dem es von Fehlern nur so wimmelt, empfinde ich das als unappetitliche Zumutung, und wenn es nichts Wichtiges ist, höre ich auch schnell auf, ihn zu lesen. Mit dem "ich schreibe so wie ich will", kommt man auch beruftlich nicht weit. Wer ein fehlerhaftes Bewerbungsschreiben abschickt, hat in der Regel schlechte Karten. Als ich in einer Kirche die Fürbitten der Gläubigen in einem extra dafür ausgelegten Buch las und feststellte, daß nahezu alle in irgendeiner Weise falsch geschrieben waren, war ich versucht, einen Satz in großen Buchstaben darunter zu schreiben.
    FEHLERHAFT GESCHRIEBENE FÜRBITTEN KÖNNEN NICHT WEITERGELEITET WERDEN

    Die Gemeinschaft der Heiligen
    Ich bin diesem Impuls natürlich nicht gefolgt.

    Daß ich den Beitrag von L A F Strässler mit Deinem in einen Topf geworfen habe, tut mir leid. Ein Versehen.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  14. #14
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    Hallo L A F Strässler,

    ihr solltet weniger quatschen, sondern bringt mal ein Ding aus euer Feder raus,
    Ich denke, dieses Forum bietet Raum und Gelegenheit für beides: quatschen und eigene Dinge rausbringen. Im übrigen habe ich unlängst etwas Eigenes hier eingestellt Und wozu Dichter ...? Dort geht es um Hölderlin und ein Zitat zur Sprache (!)

    Hallo Ferdi,

    der Begriff "Überwachung" ist ein Totschlagargument, das alle Bemühung diskreditiert. Überwachung, da fällt mir ein Vortrag ein, den ich vor Jahren einmal in unserer Schule von einem Vortragsredner, Baldur Haase, gehört habe. Baldur lebte bis zur Wiedervereinigung in der untergegangenen DDR und wurde dort 1959 als 19jähriger zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus wegen "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" verurteilt. Sein Delikt, er besaß ein Buch - George Orwells Roman 1984 - , das ein Freund aus dem Westen ihm per Post zugeschickt hatte. Ein Mitglied der Familie - sein Schwager - verpfiff ihn bei der Stasi.

    Was hat das jedoch mit mir und dem Verein für Sprachpflege zu tun? Gar nichts! Was tut dieser Verein? Er gibt vierteljährlich eine Zeitung heraus, die Artikel über den rechten Umgang mit der deutschen Sprache enthält. Er stellt "Sprachpanscher und -verhunzer" an den Pranger. Er sammelt Unterschriften für eine Petition, wenn es darum geht, die traditionelle Schreibschrift an den Schulen abzuschaffen. Er wendet sich gegen das sogenannte Genderdeutsch, das stilistisch einfach häßlich und zudem völlig überflüssig ist. Das alles hat nichts mit einer "Überwachung" à la DDR zu tun.

    Lieber Ferdi, ich habe mir Deine Beiträge angesehen - Themen gibt es ja so gut wie keine - und stellte fest, daß Du ein fehlerloses Deutsch schreibst, stilistisch einwandfrei. Dazu stellte ich fest, daß Du wie ein Tutor an einer englischen Elite-Universität Rat und Auskunft gibst. Du weißt, daß Philipp von Zesen drei Jahre jünger ist als Gryphius und findest heraus, wer der Verfasser des Genitivgedichts ist. Ist das nicht eine Art Lehrtätigkeit, die Du da ausübst?

    Ein Englischlehrer, der seinen Schüler sagt: Ihr könnt ruhig informations schreiben, auch wenn das falsch ist und "the news are next, auch wenn es is heißt, man versteht euch ja", hat doch seinen Beruf verfehlt. Der Englischlehrer sorgt sich nicht nur um das Weiterkommen seiner Schüler, sondern auch um den Erhalt der Sprache.

    "Jeder schreibt wie er will", das erinnert mich an die Zeiten der 68er. Diese sahen in jeder gesellschaftlichen Erwartung eine "Repression" und widersetzten sich. Heute mutet mich das recht kindisch an: Hei Pippi Langstrumpf, sie tut, was ihr gefällt. "Ich schreibe so wie ich will" ist auch eine Weigerung, durch Lernen besser zu werden nach dem Motto: Jeder hat das Recht, so blöd zu sein und zu bleiben wie es ihm möglich ist!

    Liebe Grüße

    Friedrich

  15. #15
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    hallo friedrich

    dann sind wir uns ja letztendlich so gut wie einig. Die Entwicklung in unserem Land ist unschön bis bedrohlich, allerdings können weder Du noch ich etwas daran ändern.
    in der analyse..ja. ich gehöre jedoch zu den wenigen...die größenwahn für eine tugend halten. doch, wir können etwas daran ändern.

    gruß, a.d.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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