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    mit geputzter Brille

    Unter dem Kotwort ,,Arsch und Zwirn" werden auch in diesem Jahr wieder die lyrischen Wochen abgehalten, abgehalten in schönster Landschaft.
    Vor den Augen der Öffentlichkeit, streng in Einzelkabinen abgeschirmt und getrennt, finden in der tiefen Provinz der italieniscnen Poebene
    die Ausscheidungswettkämpfe statt. Eine kleine eingeschworene Gemeinde trifft sich irgendwo am Arsch der Welt um mit ihren Ergüssen und ihrem ganz persönlichen Ausdruck einen wichtigen Beitrag zum größten lyrischen Bullshit zu leisten.

    ,,In der Welt hat sich bereits vieles angestaut, und alles konnte noch gar nicht so schnell von uns verdaut werden."
    sprach es ein Insider ganz offen auf der Pressekonferrenz aus. Er z.B. hätte schon zu Schulzeiten viel nachsitzen müssen.
    Die Disziplinen Pressen und Drücken werden erstmalig um das Einhalten erweitert.
    In solch einer schnelllebigen Zeit sei der Einhalt und das Innehalten für den Zusammenhalt einer Gesellschaft nunmal von enormer Bedeutung und habe mittlerweile eine zentrale Stellung eingenommen. Ein Leben mit dem Stau.

    So hat sich bei den Kandidaten schon im Vorfeld viel Druck aufgebaut und Nervosität breit gemacht. Wie wird ihr Beitrag ankommen? Wieviel Sprengkraft und Brisanz wird er haben? Manch einer musste absagen, weil er die Hosen bereits voll hatte.
    Jeder der achzig Teilnehmerstaaten hatte einen losgeschickt und fahren lassen, um überhaupt lautstark wahr genommen zu werden und um in der Staatengemeinschaft eine Rolle zu spielen. Erstmals dabei ist ein Raketenmann mit einer bombigen Frühlingsrolle im Blümchenmusterdesign. Wien verspricht Sonderwürstchen, die Schweiz will einen abseilen und China wittert ein Großgeschäft.
    ,,Der Andrang wird jedes Jahr größer," klagt die offizielle Toilettenhygienebeauftragte. Das gesamte Gedankengebäude drohe einzustürzen, und sie warnt eindringlich vor den Folgen einer geplatzen Immobilienblase. ,Da müsse dringend etwas geschehen, sonst wird das eine Riesensauerei.'
    Die russisch Teilnahme war wegen einer manipulierten Stuhlprobe lange Zeit fraglich geworden. Das wäre nicht nach dem Geschmack vieler westlicher Diplomaten. Aber man hatte sich im letzten Moment doch noch zu einem Auftritt zwischen den Stühlen unter neutraler Flagge durchringen können. Gute Chancen wird den europäischen Staaten eingeräumt, da wieder viele auf ein raditionsbewusstes Braun setzen. Auf solchen Stühlen säße man einfach weich, bequem und vor allen Dingen richtig. Damit hätte man gute Erfahrungen gemacht.
    Eine klare Absage an die westliche Welt erteilte ein Gernegroß aus dem Morgenland, der sich mit seinen Vorstellungen einer orientalischen Wandornamentik nicht durchsetzen konnte. Diese handgemalten Kunstwerke seien in seinen Palästen nunmal üblich und hier dürfe die Grenze von Politik und Religion auch ruhig einmal verwischt werden.
    Bei seinem Auftritt vor Schulkindern und der Waffenlobby versuchte ein amerikanischer Hochhausbesitzer mit seiner Vorlage aufzutrumpen. Diese wurde jedoch vom Senat einhellig abgeschmettert.
    Irgend ein Machthaber in Syrien hatte bereits schon soviel Scheiß verzapft, dass er vorzeitig abziehen musste. Bei dem inzwischen entstandenen Wassermangel in seiner Region war dieses jedoch längst nicht mehr möglich. Durch die gährenden Prozesse geriet das Ganze zu einer enormen Giftgasexplosion. Eine unabhängige Expertenkommission unter dem Veto Russlands untersucht nun den Vorfall ohne jedoch den Verursacher benennen zu dürfen. Nur so könne die Objektivität und Diskretion gewahrt bleiben.

    Dementsprechend verkniffen aber immer noch engelsgleich,- um eine lyrische Metapher an dieser Stelle zu verwenden- , kamen die ersten Poeten heute morgen mit ihren bespritzen Kotflügeln in der Poebene angerauscht. Sofort haben sie sich an die Arbeit gemacht, mit ihren Zeitungen bewaffnet und auf die begehrten Plätze begeben, um dort sorgsam ihre Brillen zu putzen. ,Sie wollten ihre Sache schließlich sehr ernst nehmen.' Die Versteckte Kamera hat eine Sondersendung geschaltet. Unter Facebook wurden am frühen Vormittag bereits erste Haltungsnoten vertwittert und versprüht. Spontan hat sich auch wieder das legendäre Blasorchester zu einer Kackophonie eingefunden. Sie bilden den feierlichen Rahmen und Auftakt. Man will es der ganzen Welt heute wieder zeigen und vor allem gehört werden.

    Eine klopfende Schlange von Randalierern hat sich vor den besetzten Türen gebildet und gibt den Takt vor. Solange man groß muss, werden Rhytmus und Metrik immer noch ganz großgeschrieben. Um einen Durchmarsch zu erzielen, will man jedoch die größten Drückeberger, anders als in den Vorjahren, zügig von ihren angestammten Plätzen verweisen. Es wäre hier schon so viel Mist produziert worden, dass man sich weiterhin ganz optimistisch geben kann.
    Jeder setzt auf sein kleines Häufchen Glück, denn es geht bei diesem Ausscheidungswettkampf um nicht viel weniger als um den perfekten Stuhlkreis im praktisch quadratischen Ringelreim.

    Und allen ist klar: Wir müssen alle, denn alles hat seine zwei Seiten, und jede Wurst hat zwei Enden. Wie immer wird am Ende die Fucktenlage entscheiden müssen. Wenn es sein muss, muss hinterher wieder alles offen und postfucktisch auf den Tisch kommen.
    Gerüchen zu folge soll die dreilagige Jury zuvor ordentlich geschmiert worden sein. So würden einige Kandidaten zu Beginn durchfallen. Doch offiziell will noch keiner von einem echten Durchfall sprechen. In Russland geht die offizielle Seite bereits von einem Kompott aus. Aber solange nichts schwarz auf weiß zu Papier gebracht worden ist, will hier noch keiner an das Mikrophon treten. Man nimmt allerhöchstens reichlich viel heiße Luft in den Mund. Jeder versucht sich zunächst vornehm zurückzuhalten, still zu halten. Einhalt ist das Gebot der Stunde, damit die Welt mit ihren eigenen Beiträgen nicht zugegüllt werde, und irgendwo ein neuer unkontrollierter Shitstorm losbräche.
    Die Brillen werden zwar immer noch sorgsam geputzt, doch wer wollte bei allem den Durchblick behalten.
    Geändert von Anjulaenga (22.04.2018 um 11:59 Uhr)

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