1. #1
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    Mein Sperling (Freislighe)

    Fliege mit dem Morgenwind,
    geniess dein freies Leben,
    bist du doch kein Sorgenkind
    und willst dich hoch erheben.

    Setzt du dich auf einen Ast,
    weil dir die Kräfte schwinden,
    achte, dass du keinen hast,
    an dem sich Dornen finden.

    Dornenvögel singen dir
    im Sterben von der Liebe.
    Du jedoch sollst bringen mir
    das Leben, bitte fliege!



    Text und Bild: gugol, April 2018


    Eine Legende besagt, dass vom Augenblick an, da der Dornenvogel sein Nest verlässt, er nach einem Dornenbusch sucht und nicht eher ruht, bis er ihn gefunden hat. Dann lässt er sich so darauf nieder, dass ihn der grösste und schärfste Dorn durchbohrt. Doch während er stirbt, erhebt er sich über die Todesqual, und singt ein unvergleichliches Lied, bezahlt mit dem eigenen Leben. Die ganze Welt hält inne um zu lauschen, und Gott im Himmel lächelt, denn das Beste erfordert ein grosses Opfer, so die Legende.
    Geändert von Gugol (25.04.2018 um 17:33 Uhr)

  2. #2
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    Hall Gugol,

    ich sehe das etwas anders als LAF.

    Die Regeln, dich ich auf Wikipedia, als einzige wirkliche deutsche Quelle finden konnte (alles andere ist nur eine Kopie). In den englischsprachigen Beiträgen im Netz habe ich zwar noch mehr gefunden, aber die würden das vermutlich im Deutschen unnötig erschweren und die Sprache zu sperrig werden lassen. Außerdem waren die auch nicht bei allen vorhanden, sondern höchstens bei manchen. Für zwei Alliterationen pro Vers sind die Verse jedenfalls viel zu kurz, wenn es derart viele Möglichkeiten gibt, wie ein Wort beginnen kann. Die Bedingung, die Reime in drei- bzw. zweisilbigen Wörtern verstecken zu müssen, passt aber super zur deutschen Sprache. Aber wie gesagt, passt, was du gemacht hast. Ich weiß nicht, ob du die Regeln nicht gefunden hast oder bewusst ignoriert, aber beides passt für mich, wegen der kurzen Verse.

    Zwar kann man das Gedicht in einem einheitlichen alternierenden Metrum lesen, doch stolpere ich dennoch an der einen oder anderen Stelle. Ich schätze, das liegt am alternieren und daran, dass ein paar wichtige Einsilber auf unbetonten Silben liegen, obwohl ich sie gerne betonen würde. Da hilft mir dann auch nicht, dass die ersten beiden Verse unzweifelhaft betont werden. Aber bspw. "kein" (S1V3) und "sollst" (S3V3) sind mir zu wichtig, um nicht betont zu werden. Und für ein Gewohnheitsmetrum reichen mir die ersten beiden Kurzverse scheinbar auch nicht. Gerade in den Auftakten würde ich mir mehrsilbige Wörter wünschen, die mir den Rest des Verses "aufdrücken". S1V3 beginnt mit vier Einsilbern, von denen der letzte, direkt vor einem auftaktbetonten Dreisilber, das stärkste Gewicht trägt.

    Bei den Reimen bin ich mir nicht sicher, ob du die Aufgabe gemeistert hast. Nicht wegen der Dreisilber (siehe oben), sondern, weil es zu sehr ins Schüttelreimen geht, indem jede Silbe einzeln reimst. Ich hätte eher Reime des Stils "negieren/regieren" erwartet. Bei den Beispielgedichten zur Freislighe, die ich fand, gibt es aber beide Alternativen. Deine und meine. Wobei ich manche der englischen Wörter auch erst im zweiten Anlauf reime, wenn ich weiß, wie sie ausgesprochen werden sollen. XD Der Nachteil einer so weit verbreiteten Sprache, die in jedem Land andres klingt.

    Da du alle Regeln, die man auf Deutsch findet, eingehalten hast, werde ich bei der Einzelkritik darauf nur bedingt eingehen, wenn mir etwas perfektes einfällt.



    Zitat Zitat von Gugol Beitrag anzeigen
    Fliege mit dem Morgenwind,
    geniess dein freies Leben,
    denn du bist kein Sorgenkind
    und willst dich hoch erheben.
    Im ersten Vers würde ich eine Nuance ändern, indem ich von "mit dem Morgenwind" zu "auf dem Morgenwind" wechseln würde. Denn mit dem Wind segelt man (oder am Wind) aber fliegen würde ich auf dem Wind.
    Statt "Genieß dein freies Leben" würde ich eher "erhalt dein freies Leben." schreiben. Das Genieß klingt mir zu abgekürzt. (Und wer Yolo sagt, vergißt, dass dann auch Yodo gilt.) Klar, "erhalt" ist auch eine Elision, aber üblicher und fühlt sich dadurch für mich besser an. Das sollte aber Geschmackssache sein.
    Mein Metrikproblem könnte man mit "Niemand nennt dich Sorgenkind" beheben. Klingt aber auch nicht unbedingt gut. Aber um zu sehen, was so geht vielleicht hilfreich.

    Setzt du dich auf einen Ast,
    weil dir die Kräfte schwinden,
    achte, dass du keinen hast,
    an dem sich Dornen finden.
    Hier gefällt mir der erste Vers klanglich nicht wirklich, ich weiß aber nicht, wie man in verbessern könnte, ohne dass das gesamte Konzept wackeln würde.
    Was ist denn an einem Dornenast so schlecht? Der auf deinem Foto sitzt selbst auf einem. Darauf ist man ja auch vor Angriffen geschützt.

    Dornenvögel singen dir
    im Sterben von der Liebe.
    Du jedoch sollst bringen mir
    das Leben, also fliege!
    Die ersten beiden Verse gefallen mir. Auch wenn ich nicht weiß, warum Dornenvögel im Sterben von der Liebe singen. Aber es klingt zumindest gut.
    Danach folgt aber eine Inversion, die vermeidbar wäre. "Freie/Frohe Vögel bringen mir" würde die Inversion rausnehmen. Beim Adjektiv bist du da frei. Hauptsache es ist etwas, das einem Freude bringt, das ich für "das Leben" erwarte. Das würde auch zufällig mein Metrumproblem lösen.

    Beim Schluss hätte mir die (zugegeben deutlich schwerer, aber lösbare) Spielerei mit der Silbe statt mit dem Wort besser gefallen. Mit (weiter)ziehen und fliehen hätte man da auch was basteln können.

    Im Großen und Ganzen hast du die Form gut umgesetzt, auch wenn es noch die eine oder andere Stellschraube gäbe, an der ich drehen würde, um ihm noch eine andere Nuance zu geben. Mit dir zusammen ein Gedicht schreiben will ich darum aber nicht. Liegt allerdings nicht an dir.

    Nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  3. #3
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    Hey Nachteule. Meine genutzten Informationen (Wikipedia):
    "...besteht die Freislighe (sprich: Freschlíh) immer aus Vierzeilern mit jeweils sieben Silben.
    xxxx(aaa)
    xxxxx(bb)
    xxxx(aaa)
    xxxxx(bb)"

    Ausserdem fand ich auf einer englischen Seite ein Beispiel mit genau meinem Metrum (XxXxXxX / xXxXxXx):
    Shire, for the harrowing
    This time, the black silks riding
    Ever target narrowing
    But final outcome biding.

    Ich weiss jetzt nicht so genau, was daran missverstanden werden kann, aber lasse mich gerne aufklären.

    Ich weiss, dass diese Einsilber die Gefahr bergen, von jedem ein bisschen anders betont werden zu wollen. Das hat mich auch nicht so ganz befriedigt.
    Dein Vorschlag zum Sorgenkind gefällt mir gut und das mit am/auf/im Wind hatte ich mir länger überlegt (segle selber und weiss was "am Wind" bedeutet). "mit" fand ich schön, weil es ein Getragenwerden ausdrückt.
    "geniess/erhalt"... eine ziemlich unterschiedliche Aussage, mMn beides gut möglich.
    Ja, mit "ziehen" fiel mir nichts ein, was zur Aussage passte, aber liesse sich bestimmt was bauen.
    Die Dornen sind natürlich nicht "nur" schlecht, aber schon einfach gefährlich. Und als ich diesen Vogel da so sitzen sah, kam mir eben die Legende des Dornenvogels in den Sinn. Da dieser aber kein Sperling ist, wollte ich mein LD nicht direkt zu so einem machen.

    Danke für deine ausführliche Kritik. Ich werde an diesem Gedicht nichts ändern, aber manches hilft ja auch für künftige Gedichte. LG gugol

  4. #4
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    Hei Gugol,

    wie schön, eine Freislighe. Diese Form war mir bisher unbekannt und, wie ich dem Kommi von Nachteule entnehme, nicht so einfach umzusetzen.

    Mir gefällt, was du uns mit Hilfe des Vogels mitteilst. Er steht ja für die Freiheit, ihm gehört der Himmel - beneidenswert. Aber das Glück ist nicht perfekt, dafür stehen die Dornen.

    Zitat Zitat von Gugol
    Du jedoch sollst bringen mir
    das Leben, also fliege!
    Dieses befehlende "also" klingt mir, gerade zum Schluss, etwas zu hart. Auch wenn du nichts mehr ändern willst, mache ich dir einen Vorschlag. Was hältst du davon?

    Du jedoch sollst bringen mir
    das Leben, Vogel fliege!

    Liebe Grüße
    Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  5. #5
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    Hey Sidgrani, gugol,

    also ich mag das Gedicht sehr. Sidgranis Vorschlag greift den "Vogel" wieder auf, der ja kurz vorher schon da war. Wie wäre es mit "bitte", das hätte etwas Flehendes. Auch das Ausrufezeichen macht es ja "befehlend".

    Die von Nachteule kritisierte Inversion in dem letzten Satz empfinde ich als vertretbar, weil mir kein besserer Vorschlag einfällt.
    Nachdem ich nun weiß, was der Dornenvogel für einer ist, finde ich das Gedicht nochmals schöner, als ich es gestern fand.

    Vielleicht packt gugol ja noch eine kleine Erklärung dazu.

    Ein Dornenvogel ist, finde ich jedenfalls, eine Art Romantikheld? Wahnsinn ... es hat etwas anzuhimmelndes, was er so tut, jedenfalls empfinde ich das so.

  6. #6
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    Hey ihr beiden! Vielen Dank für eure lobenden Worte und fürs Mitdenken. "bitte fliege" gefällt mir gut für die letzte Zeile, das werde ich gern einbauen. Scheinbar ist die Legende des Dornenvogels weniger bekannt als ich dachte, zumindest seid ihr nun schon zu dritt, die sie nicht kannten. Ich werde also noch eine kleine Notiz unten anfügen.
    Ein Romantikheld? Zumindest in dem Liebesfilm "die Dornenvögel" wird er dazu gemacht, ja. Mir ist aber doch der fliegende, lebende Sperling näher als der suizidale Liebestolle. LG gugol

  7. #7
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    Hallo Gugol,

    dass ich davon ausging, dass das deine Informationen waren, habe ich ja gesagt und auch immer markiert, wenn ich von etwas sprach, das nicht von Wikipedia kam.

    Wo ich etwas missverstanden haben soll, weiß ich auch nicht. Da wird es dann wohl nichts gegeben, wenn wir beide das meinen. Aber dein Beispiel ist das, das ich meinte, das mit dreisilbigen Wörtern komplett rein reimt.

    "geniess/erhalt"... eine ziemlich unterschiedliche Aussage, mMn beides gut möglich.
    Genießen kann man nur, was man hat (oder dass etwas weg ist, das man loswerden wollte).

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  8. #8
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    Ah Nachteule, jetzt ist der Zwanziger gefallen! Ich dachte du sagst, die Verse seien zu kurz. Aber nein, um zwei Alliterationen zu vertragen, sind sie zu kurz. Ja nö, da hab ich keine Regel absichtlich unterschlagen sondern bin von der Definition eines "reinen" Reims ausgegangen, dass der betonte Vokal und was danach kommt, identisch sein muss. Bei zwei Betonungen ging ich davon aus, dass die Regel dann bei der zweiten Betonung quasi neu startet. In der dritten Strophe schrieb ich gar extra "bringen dir" und nicht "mir", um das identische "mir" zu verhindern, denn die Aussage wäre mit "mir" sogar besser gewesen. Scheinbar ist das nicht so gedacht und also ein Irrtum. Alles klar jetzt und danke fürs nochmalige Ansetzen.
    Der Spatz hat ein freies Leben, also kann er es auch wunderbar geniessen. Erhalten kann man übrigens auch nur was man hat, nicht?
    Guet Nacht! gugol

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