Thema: Und doch...

  1. #1
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    Und doch...

    Und doch...

    Geschichten schreiben Ewigkeiten

    und sollen uns noch ewig leiten,
    in ferne Welten, ferne Zeiten,
    in die unendlich großen Weiten.

    Und doch…

    Das Leben bleibt in Einbahnstraßen.
    Erst leben wir das Sein, dann rasen
    wir durch das Leben, ohne irgendwann zu sein.
    „Wir geben unser bestes“ dann und wann zum Schein.

    Und doch…

    erlauben wir uns, jeden Tag zu träumen
    von weiten Wiesen, Feldern, großen Bäumen,
    die morgen gänzlich schon verschwinden werden.
    Wir bauen uns die Höllen auf und in den Erden.

    Und doch…

    verbleiben wir blind und taub immerfort im Leben
    und sprechen nun auch unser letztes Wort im Streben.
    Der jüngste Morgen zeigt sich noch in seinen Farben.
    Wir sterben bald darauf an unsren kleinsten Narben.


    Hey liebe Leute, ich habe mich nun nach lang vergangenen Tagen auch mal wieder an etwas gewagt und bin mir daher noch etwas unsicher wegen des Textes.

    Lg Snyder
    "Mother is the name for God on the lips and hearts of all children." - William Makepeace Thackeray's Vanity Fair, Eric Draven (Brandon Lee) The Crow, Silent Hill -

    "...Schon als Kind hat man dir eingebläut,
    dass man jede Schwäche bald bereut.
    Als gebranntes Kind, das Feuer scheut,
    hast du verlernt, wie man sich freut...."

    ASP - Weichen(t)stellung

  2. #2
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    Hallo Snyder,

    wenn ich darf, würde ich gerne etwas zum Handwerklichen deines Gedichts sagen, und zwar zum Rhythmus:

    Die erste Strophe ist durchgängig jambisch und vierhebig. Damit wird bei mir die Erwartung einer zwar einfachen, aber streng durchgehaltenen Regelmäßigkeit erweckt. Das passt zum angeschlagenen Thema „Ewigkeiten“.

    Das setzt sich auch in der zweiten Strophe so fort, wird aber durch das Enjambement „... dann rasen / wir...“ gebrochen, der dritte und vierte Vers sind dann auch sechshebig, was vielleicht mit der rasenden Bewegung zu tun hat? (Übrigens erinnert mich das „dann und wann“ gerade an ein bekanntes Gedicht, ich muss nachschlagen, an welches).

    Die dritte Strophe ist durchgängig jambisch und nun fünfhebig. Allerdings will mir der letzte Vers mit seinen sechs Hebungen und dem „und in den Erden“ noch nicht rund erscheinen, zumal ich das auch in der Aussage nicht ganz durchdringe: Wir bauen uns die Höllen auf und zwar in den Erden? Also der Ort der Höllen wird genannt. Oder leitet das „und“ zu einem unvollständigen Gedanken weiter: ... und in den Erden... ?

    In der letzten Strophe wechselst du in den ersten beiden Versen in einen daktylischen Rhythmus, das beschwingt das Ganze. Das „Streben“ passt zwar dazu, aber inhaltlich drückt sich doch eher ein Stillstand aus (verbleiben, immerfort, letztes Wort). Die beiden Verse sind fünfhebig.

    Die letzten beiden Verse sind dann wieder streng jambisch und sechshebig, was die einfache, aber regelmäßige Form vom Anfang ja aufgreift.

    Ich weiß nicht, wie sehr du auf den Rhythmus achtest, aber vielleicht regt dich meine kleine Analyse, die nichts mehr als lautes Denken sein sollte, dazu an, Bewegung und Inhalt deines Gedichts noch weiter zu prüfen, das mir aber in seiner jetzigen Gestalt schon gefällt. Das Thema der Ewigkeiten und Weiten, die im Schreiben vor allem von Gedichten ausgelotet wird, lohnt sich immer.

    Herzliche Grüße
    Tynset



    Jetzt habe ich es verstanden:

    "wir bauen uns die Höllen auf und in den Erden" ist natürlich eine doppelte Ortsangabe: sowohl auf den Erden als auch in sie bauen wir die Höllen!

    Übrigens noch der Nachtrag: "dann und wann" hat mich an den Refrain in Rilkes Karussell erinnert:

    "Und dann und wann ein weißer Elefant."
    Geändert von Claudi. (05.05.2018 um 19:06 Uhr) Grund: Doppelpost zusammengeführt

  3. #3
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    Hallo Tynset,
    klar darfst du, ich freue mich über jegliche Kritik, egal ob positive oder negative.

    Das Enjambement habe ich gewollt eingesetzt, um die Strophe zum einen ruckeliger zu gestalten und zum anderen auf das kommende "rasen" vorzubereiten, sozusagen die Ruhe vor dem Sturm oder im Sinne der Interpretation, das Jugendleben nach dem Schulabschluss und vor dem Berufsleben, welches für viele, sowohl abrupt kommt, als auch ruckelig vonstattengeht.

    Was die sechshebigen Verse betrifft, wollte ich eine thematische Ordnung erschaffen, sodass das böse und unheilvolle am Ende jeder Strophe (seitdem das Unheil begann) sechshebig ist und letztlich eine ganze Strophe davon eingenommen wird, als Abschluss.

    Daher auch:
    "verbleiben wir blind und taub immerfort im Leben
    xXxXxXxXxXxXx
    und sprechen nun auch unser letztes Wort im Streben.
    xXxXxXxXxXxXx usw."

    Das verlangsamende Ende ist ebenso gewollt, denn das Leben klingt nach zu viel Arbeit langsam aus, der Körper ist kaputt und zerschunden und dennoch müssen wir weiter arbeiten. Ein letztes Mal sehen wir noch, wie wunderschön die Welt doch eigentlich ist und bemerken zu spät, dass wir unser Leben doch viel schöner hätten genießen können.

    Als Interpretationsmöglichkeiten waren also gedacht, sowohl der Text an sich und dessen Gesellschaftskritik, als auch die Übertragung auf den Lebenszyklus eines Menschen.

    Es freut mich sehr, dass dir mein Gedicht gefallen hat und dass der Rhythmus einigermaßen passend war, auch wenn ich verstehen kann, dass es etwas holprig ist, aber so ist das Leben eben. Und an das Karussell Rilkes bzw. dessen Refrain habe ich gar nicht gedacht als ich das schrieb, aber es ist schön zu hören, dass es daran erinnert. ^-^

    Herzliche Grüße
    Snyder
    "Mother is the name for God on the lips and hearts of all children." - William Makepeace Thackeray's Vanity Fair, Eric Draven (Brandon Lee) The Crow, Silent Hill -

    "...Schon als Kind hat man dir eingebläut,
    dass man jede Schwäche bald bereut.
    Als gebranntes Kind, das Feuer scheut,
    hast du verlernt, wie man sich freut...."

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  4. #4
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    Zitat Zitat von Herr_Snyder Beitrag anzeigen
    Daher auch:
    "verbleiben wir blind und taub immerfort im Leben
    xXxXxXxXxXxXx
    und sprechen nun auch unser letztes Wort im Streben.
    xXxXxXxXxXxXx usw."


    Jetzt möchte ich nicht übergenau sein, aber ich löse diese Verse rhythmisch eher so auf:

    verbleiben wir blind und taub immerfort im Leben

    xXxxXxXxxXxXx

    und sprechen nun auch unser letztes Wort im Streben.

    xXxxXxxXxXxXx

    Also nicht durchgängig jambisch, sondern mit Daktylen aufgelockert.

    Herzliche Grüße
    Tynset

  5. #5
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    Hallo Snyder,

    im Großen und Ganzen passt das schon - sind eher Kleinigkeiten, die ich mir auch anders vorstellen könnte.


    Geschichten schreiben Ewigkeiten
    und sollen uns noch ewig leiten,
    Die Doppelung ist ok...dann aber vielleicht "auch" statt "noch", denn "noch" steht mit "ewig" im Widerspruch

    Das Leben bleibt in Einbahnstraßen.
    Erst leben wir das Sein, dann rasen
    wir durch das Leben, ohne irgendwann zu sein.
    Statt "bleibt in" "nimmt meist/oft/stets.."...je nach Intention

    erlauben wir uns, jeden Tag zu träumen
    von weiten Wiesen, Feldern, großen Bäumen,
    die morgen gänzlich schon verschwinden werden.
    Wir bauen uns die Höllen auf und in den Erden
    Semantik: Suggeriert wir würden uns das wünschen - das Gegenteil ist der Fall

    ...großen Bäumen -
    die morgen gänzlich wohl...

    Wir bauen uns die Höllen auf und in den Erden
    Wir bauen uns die Höllen, auf und tief in Erden

    und s
    prechen nun
    auch unser letztes Wort
    im Streben
    .
    Mit dieser Aussage kann ich offen gestanden nicht viel anfangen, aber wenn...dann "dann" statt "nun"...


    Gruß, A.D.

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