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    Heimsuchungen einer Kleinstadt

    Polizeipräsens

    „Ich war gerade beim Türken um die Ecke. Ich habe mir ein Bier und veganen Döner gekauft und als ich herausgetreten bin, habe ich mir eingebildet, ich hätte im Laden meine Geldbörse vergessen und verloren. Da bin ich zurückgegangen in die Kneipe und habe in den kleinen Raum hineingeplärrt: „Gebt mir meine Kohle wieder!“, aber dann habe ich im gleichen Moment festgestellt, dass ich doch den Beutel in meiner Seitentasche hatte. Aber egal, was die sich gedacht haben. Welch ein absonderlicher Auftritt dies wohl in der Dönerspelunke gewesen sein musste.“
    Amüsiert darüber schüttelt Gina den Kopf, der gleichzeitig von einem Lachen geschüttelt wird. Sie erzählt weiter.
    Danach schob sie ihr Fahrrad schwankend über den Schneematsch. Es hatte geschneit, aber es war nicht kalt genug, so daß der Schnee nicht sofort schmölze. Sie war zu betrunken, um Fahrrad zu fahren. Außerdem waren es nur cirka 20 Meter bis zum Hauseingang, in dem sie wohnte. Das würde sie auch so gehen. Auf ihrem Gepäckständer befand sich ein Döner, vegan. Sie hatte aufgehört Fleisch zu essen, sie war eine Rasta-Frau, wenngleich sie kiffte, wenn es ging, was ja angesichts dessen, daß sie eine Rastafrau war nur natürlich war und Whisky, kleine Flachmänner, verschmähte sie auch keineswegs. Ein Beispiel für die besondere Anziehungskraft des Pots, um nicht zu sagen des magischen Soges insbesondere, kommt, nachdem sie den quadratkubikmetergroßer Stein, ein Relikt aus vergangener Zeit, 50iger, 40iger, wer weiß, ein lustig-anmutendes Unikum, umrundet hat. Nachdem!
    Zuvor fällt sie aber hier, wie sie eben um die Ecke in ihre kleine Gasse biegen will, mit dem Fahrrad um, weil sie diesen Stein geschnitten, besser gestriffen hat und kann von Glück reden, dass sie nicht gegen eine rechtwinklige Kante gefallen ist. Das Rad rutscht von dem gebogenen Stein weg und fährt, rutscht und hutscht zurück, so dass sie auf das Trottoir niederfällt, nicht jedoch gegen eine spitze Hausecke. Sie rappelt sich mit mit dem Song „Get up, stand up. Fight for your right!“, wieder auf, ohne daß ihr Gepäck verloren geht. Um die Ecke und in die Gasse hinein gelangt sie schon weiß, feucht und verschmuddelt, um ihr Fahrrad am abblätternden Wandverputzt des alten fränkischen Fachwerkhauses abzustellen, mehr werfend, als fallen lassend und als es daran anzulehnen.
    Hier steht auch der Sog ihrer kaschierten Kiffersucht: ein grüne Biotonne. Gestern, als sie mit Louise, das Glück oder Pech wollte es so, einen Batzen Haschisch in Alufolie auf der Straße gefunden haben, haben sie es darin entsorgt, nach einhelligem Einverständnis der Glücks- oder Giftpilze, nichtsdestoweniger beugt sie sich jetzt, Klappe aufgerissen, über den dreckigen Schlund und langt mit ihren langen Armen hinein. Gefunden, was gesucht, steckt sie es freudig in die Seitentasche ihres amerikanischen High-School-Balzes, Danach streift sie den Schneematsch von der flachen Sohle ihrer dünnen, windigen, kaum wintertauglichen chinesischen Sportschuhe an der Türschwelle ab.
    Ein Wunder, daß sie den Beutel Döner nicht verloren hat, trotz ihres trunkenen Zustandes war er nicht herausgefallen. Zufrieden greift sie sich das Paket von der Schwelle aus dem Ständer, bewusst darin, dass sie ihn hätte leicht verlieren können. Aber zurzeit klappte einfach alles. Sie hätte es bestimmt nicht gemerkt, denn sie schwebte auf Wolke Sieben. Sie war verliebt.
    In die Küche tretend, plärrt der zu laut eingestellte Radio. „Sicherheitskräfte wurden von randalierenden ausländischen Jugendlichen, wahrscheinlich aus Afghanistan, attackiert. Ein Beamter liegt im Krankenhaus mit einer Schädelfraktur, nachdem er, von den herbeigeholten Polizisten wegen Ruhestörung...“, die anonym erfolgt war, wie sonst auch in diesem Land, zu Boden geschubst und dort mit Füßen traktiert worden war.
    „Diese verdammten Nigger!“, grölt Gina dazu.
    „Was?“ Bin ich etwas von entsetzt. Eine ausländerfeindliche Gina, unmöglich, so etwas hätte ich ihr niemals zugetraut, bei ihrer Biographie: Sozialpädagogik Studium begonnen und zudem war sie in meiner Generation. Aber Gina denkt, was ich noch nicht weiß, an ihren Polizisten, der das Opfer einer solchen Attacke hätte sein können, vielleicht es auch ist und den sie vielleicht noch nicht liebt, aber Hoffnung in ihr entzündet, die sich nicht dämpfen kann. In Wirklichkeit kann sie gar nicht gegen Schwarze sein als Rastafa-Frau hat sie etliche Male mit schwarzhäutigen Gleichgesinnten geschlafen, wenn man es euphemistisch ausdrücken möchte. Sie hätte mehr Anlass gegen die Bullen zu sein, denn ihr geliebter Lebensgefährte Kevin war als Gegenstand und Subjekt der Verfolgung von Konsumenten illegaler Drogen seitens der Staatsmacht über eine Mauer geklettert, an einem Nato-Draht hängen geblieben und sich in unglücklichsten Umständen selbst erhängt, erwürgt und zu Tode gestürzt. Also wäre ihre Wut gegen die Ordnungshüter dieses Landes mit Sicherheit gerechtfertigter! Aber!
    Ihre Entgleisungen, für mich solche, sind nur ein Ventil, um sich von ihren Ängsten zu befreien und das Ventil bieten hier die Schwächeren der involvierten Parteien. Sie ist tatsächlich in einen Polizisten verschossen, der jüngst aufgrund einer von der hier wohnenden dritten Person, von Grit, veranstalteten widerspenstigen Aktion in Erscheinung treten musste. Weil die Oberaufseherin, die Sozialpädagogin dieses Vereins nach diesem geschickt hatte, nicht ohne selbst im Hintergrund zu bleiben, nicht mitgekommen ist sie, nur angezeigt hat sie diese Grit, wenn man das im wörtlichen Sinne nimmt, wobei sie sich selbst eben nicht die Hände schmutzig machte, sondern die dafür auserwählten und autorisierten Helden vorangeschickt hatte, um die unliebsame Mitbewohnerin in die Psychiatrie zu befördern, zumindest den Weg dafür freizugeben, Informationen sammeln und das Terrain erkunden zu lassen. Dabei hatte ein Beamter die gleichfalls hierinnen Wohnenden befragt. Gina inspizierte er etwas genauer, Körperfilsitation genannt, welche dieses An-Ihr-Wäsche-Gehens als wohlwollenden, ernstgemeinten und liebevollen Annäherungsversuch gewertet hat. Keinerlei freundschaftliche Bezugspersonen zu haben, musste sich jede Berührung wie ein Heilsversprechen auswirken.
    „Wir werden das nicht dulden, werden die Kriminellen, unser Gastrecht mit Füßen tretend, unerbittlich verfolgen und mit aller Härte des Gesetzes bestrafen, bis auch der Letzte begriffen hat, daß Sicherheitskräfte und Beamte des Staates nicht...“, tönte die monotone, modulationslose und dunkle Bassstimme des Innenminister Bayerns. Ich bezweifele, dass das, was hier berichtet wird, stimmt, der Wahrheit entspricht, wirklich geschehen ist und stelle mir vor, wie sich diese rechtstaatlichen Sicherheits-Engel solch Spaß habenden Jugendlichen wohl gegenüber aufführen, daß sich jene herausgefordert fühlen – nachdem, was ich mittlerweile selbst von Staatsvertretern erfahren musste, Einschüchterung, Ignoranz und Weigerung, mein sauerverdientes Honorar zu bezahlen – sicherlich so eine Finte, so eine provokante Lüge in den zwangsverordneten Medien, ähnlich der bereits vor 40 Jahren durch einen Agent Provokateur gelegten Falle – wobei dies natürlich eine andere Dimension als die mittlerweile stark um sich gegriffene Korruption in Amtsstuben und Behördenzimmern darstellt - ist denn von staatlichen Korruption zur inszinierten Aufhetzung und Aufwiegelung mehr als ein kleiner Schritt.
    Nun zetert Gina wieder, denn es, womöglich kreislaufbedingt, Fahrradschieben und hierinnen warme Küche, brodelt jetzt der Wodka und das Bier aufgeheizt in ihren Adern darüber, dass sie von einem Polizisten im Verhör am Busen und Po angegrabscht worden ist, als sie sich auch noch ins Polizeipräsidium begeben hatte, angelockt durch die Aussicht auf Geschenke wie Handy und Kleidung. „Das geht (doch) nicht, dass der mir gleich an die Wäsche geht!“, stammelt und brummelt sie hilflos.
    „Genau. So schnell schießen diè Preußen auch wieder nicht“, entgegnet Louise.
    „Ich habe ihm gesagt, er solle das Handy zurücknehmen, es sich bei mir abholen oder ich bringe es ihm ins Präsidium vorbei. Jedenfalls geht das so nicht.“ Sie ist stark betrunken, schwankt auf dem Stuhl bedrohlich als würde sie sogleich davon herunterfallen und abstürzen. Zudem ist sie dieser abhängigen Situation des Staatsgewaltigen gegenüber völlig hilflos ausgesetzt.
    [Der Polizist, eine Ausnahmeerscheinung? Das sagen diejenigen, die zu dieser anderen Mafia, der Mafia-Bande Staat selbst gehören. Genau das gleiche haben sie gesagt, als sie jüngst einen Krankenpfleger mit bis über 100 ermordeten Patienten entlarvt haben, der von einer Krankenpflegerstelle mit besten Empfehlung zur anderen gelobt und ausgelobt worden war. Dies komme und käme und könnte wahrscheinlich nicht wieder vor, weil es sich um ein singuläres, einmaliges, unwiederholbares Ereignis handele. Dass es vielleicht im System, an der Bewertung, an der Staatsstruktur liegen könnte, kommt denjenigen, die mit ihrem Teil, Aufgabe, Funktion daran mitwirken nicht in den Sinn. Klar, müssten sich ja selbst in Frage stellen, sich selbst kritisch hinterfragen, womöglich Konsequenzen ziehen, die an ihrem fetten Schmerbauch zerren würden.]
    „Wie konntest Du bloß glauben, da entstünde etwas, wenn Du ins Geschäft von dem gehst? Er hätte Dich ins Restaurant oder so etwas einladen sollen, aber nicht ins Revier. Das hätte Dir gleich verdächtig vorkommen und sagen müssen, dass da nichts Gescheites entstehen könne“, resümiert Louise ganz vernünftig.
    „Naja, vielleicht ja doch, habe ich gedacht. Man weiß es ja nicht. Möglicherweise ist er ja ganz nett, habe ich gedacht“, labert Genia entgegen. Sie wiederholt sich in der Folgezeit öfter, ist sternhagelvoll und weiß nicht, ob sie ihren vorhin gekauften Döner nun schon in ihr Zimmer nach oben abgelegt hat oder nach unten in der Küche irgendwohin.
    „Ist das vielleicht derselbe Polizist, der letzthin Wilhelmine, du weißt, die Behinderte im Rollstuhl, besucht hat. Sie hat erzählt, dass ein Polizist oder ein in einer Polizei-Uniform Verkleideter zu ihr in die Wohnung gekommen sei und wegen irgendeiner Ermittlungssache hinsichtlich einem nur fern Bekannten ausgefragt worden ist. Dabei sei dieser Uniformierte übergriffig geworden, ihr ständig an die Wäsche gegangen, hat sie erzählt. Aber sie hat nicht geglaubt, dass das wirklich ein waschechter Polizist gewesen ist.“
    „Ja, klingt nicht so, als ob es einer war“, sage ich, denke aber angesichts Genias Erlebnisse das Gegenteil. Das ist bestimmt der gleiche gewesen. Mann, ein Polizist, der abhängige Zivilpersonen sexuell belästigt. Na Prost, Gemeinde!
    Louise sagt schnell hinter dem Rücken von Genia zu mir gerichtet: „Vielleicht steht er auf gewisse Praktiken im Verhörraum, sexueller Art, meine ich.“ Dabei zeigt sie ihre porös lachenden Zähne.
    Ich lache verhalten zurück: „Das kann schon sein.“ Ich knöpfe mir den obersten Knopf meines Hemdes auf, denn mir ist sehr heiß geworden.
    Schön, dass wir jetzt Luft schnappen gehen und uns nach draußen begeben, um sich auf die Schwelle des alten fränkischen Fachwerkhauses zu setzen. Es riecht aus den daneben stehenden Abfalleimern, grüne, weiße und braune Tonne, weil seit Jahren nicht mehr gründlich ausgeputzt worden. Wir schauen durch die schmale Gasse auf die Innenstadt-Straße, durch die immer wieder am steuersitzende Backfische Ralley-Rennen veranstalten. Vielleicht aber auch sind es Polizei-Aspiranten, ist doch dieser Beruf bei Jugendlichen sehr beliebt geworden, die sich bereits auf ihren Diensteinsatz vorbereiten. Wundert es jemanden, dass hier keine Geschwindigkeits-Meßgeräte aufgestellt werden? Aber wir leben in einem Land, auf dem Gesetze auf Papier stehen, gebracht und verschwendet werden, die die Tinte nicht wert sind, womit sie geschrieben worden sind.
    Gina verfällt nun wieder in heulendes Elend, diesmal über ihre Vergangenheit. Sie müsse mit einem noch Lebenden unter ihren Freundeskreis unbedingt heute noch Kontakt aufnehmen, um mit dem über ihren verstorbenen Rastafa-Freund Kevin zur reden, sie brauche dies, sie müsse dies unbedingt spätest am WE machen.
    „Und dabei“, Genia verfällt wieder in weinerlichen Tonfall, was immer dann geschieht, wie ich vermute, ihre weinerliche Nostalgie und Erinnerungsseeligkeit rührt bestimmt von daher, dass sie an diese Situationen mit dem behördlichen Aufdringling denkt.
    „Dabei hatte er so lange Rastafa-Locken.“ Sie meint wieder ihren verstorbenen Freund. Sie macht ein Andeutung mit der Hand bis zur Taille. „So schön.“ Ob er schön war oder wegen seiner Erscheinung, der bis zum Hinternansatz herfallenden Dreadlocks, bleibt offen.
    Wenn sie, so besessen von der Erinnerung, lacht, zeigt sie ihre weißen Hackerchen. Dieser Ausdruck trifft nur insofern zu, als sie keine gleichmäßig aufgereihten 32 Zähne mehr hat, zwar noch die großen Schneidezähne vorne, aber einige Backenzähne sind bereits herausgefallen, so dass eine schwarze Lücke in ihrem offenen Mund klafft. Wenn sie lacht und ihre betont kehliges Grunzen ausstößt, frankiert von dieser Lücke, erscheint sie als entweder faszinierendes oder abstoßendes Original, Unikum und Hexe. Das Gesicht, beim Lachen krass ins Auge springend, höhnt gleichsam.
    Uns ist kalt geworden, wir sind wieder in die Küche zurückgegangen. „Mensch, habe ich einen Durst!“, grunzt sie dabei in einem einem Schwein ähnlich schnarrenden, nasalen Ton, als sie hiermit Gelegenheit hat, in Schränke, Ablagen und Kühlschränken die Objekte ihrer Wünsche zu vermuten. Und sie schaut sich in der Küche um, indem sie sich beinahe um sich selbst dreht, um etwas Drinkbares zu entdecken und zu ergattern.
    Als sie nichts findet, lässt sie die Hände in den Schoß fallen, als bete sie und erzählt satanisch, was ihr alles in der Vergangenheit mit dem Kevin so Schönes zugestoßen ist, sie erlebt hat und erleben durfte - ach!
    Bald kommt sie aber auf Dringenderes: der belästigende Polizist.
    Louise meint, Sibylle meint dazu: „So etwas geht nicht!“ - Sibylle ist ihre neue Suchberaterin - womit sie recht hat, ich stimme entschieden zu. Dies geht natürlich nicht, dass ein Polizist Abhängige mit kleinen Geschenken zu sexuellen Abschweifungen nötigt und treibt. Aber das sagt gerade die Sucht-Therapie-Mieze! Denn es geht auch nicht, dass eine Sucht-Therapeutin Patienten, die die allerhärtesten und stärksten Medikamente verschrieben bekommen, etwas von „kontrolliertem Alkoholtrinken“ vorschwärmt oder nahelegt und überhaupt so einen Gedanken in deren Köpfe pflanzt.
    Mühselig, dumm und überflüssig darüber nachzudenken, was am Schlimmsten ist bei all den Überdruss Hervorrufendem...



    Ginas Heimsuchung


    Abends saßen wir in der Küche. Louis spülte ab. Gina stieß dazu.
    Manche Menschen haben Pech. Ginas Eltern kamen als Flüchtlinge nach dem Krieg nach Deutschland, aus Schlesien, aus Pommern, wer weiß es. Sie erwarben eine kleines Haus, das in einem Überschwemmungsgebiet lag. Die Feuchtigkeit kroch Jahr für Jahr höher die Mauern hinauf, bis zum Dachstuhl, in dem es bald hereinregnete, weil die Familie keine Mittel, Energie und Ausdauer mehr hatte, jedes Jahr erneut die Löcher zu stopfen oder zumindest alle Dekaden einmal das Dach zu erneuern.
    Als der Zustand der war, dass Mauersteine und Quadratmeter große Verputzstücke herunterbröckelten und die Nässe selbst im heißesten Sommer die Zimmeratmosphäre derart anreicherte, dass man erst spät nachts, wenn auch die Luftfeuchtigkeit zu einem erträglichem Maß herabgesunken war, ans Einschlafen denken konnte, wurde das Haus für einen Scherbelpreis an die Gemeinde weiterverkauft, damit die es plattmachen konnten. Die Kosten der Planierung waren so hoch und der Wert des Hauses samt Grundstückspreis derartig niedrig, dass die Besitzer mit 1500 Euro aus dem Dilemma herauskamen.

    Gina war betrunken, „Aber morgen höre ich auf.“
    Louise funkte ungehalten dazwischen und der Tenor ihrer Rede war: „Du bist für Dich selbst verantwortlich. Du musst es wollen, sonst geht gar nichts.“ Ich staunte Bauklötze, denn die Botschaft war so untypisch für Louise, die sich ständig an andere Menschen andockte, um Herr ihrer Probleme zu werden oder davon loszukommen und darin auch die Ursache derselben zu sehen beliebte. Zitat: „Ich bin umgeben von Trinkern. Wie soll ich da stark sein?“
    Beide, Louise und Gina, haben sich nach diesem Sermon von Louise, von wegen, man muss selbst wollen, sich vom Alkohol zu befreien, einträchtig zusammen auf die Schwelle der Tür zur Gasse hinausgesetzt, um eine Friedenspfeife zu rauchen, wohingegen ich in der Küche sitzenblieb.
    Klar, warum Gina gerne moralisch Ergüsse von so religiösen Sendern über sich ergehen lässt. Entweder Horrorfilme, thrillerartige Krimis zog sie sich vorm TV rein. Oder Predigten von amerikanischen, evangelischen Befreiungstheologen. Louis hatte quasi letztere Sendereihe live in der Küche in Anwesenheit der reumütig sich gebärdenden Sünderin Gina weitergeführt.
    Nach einer Weile kam Louise zurück in die Küche, schlug das Geschirr-Schrank-Fenster ziemlich heftig zu, so dass ich das Schlimmste ahnte: „Nach der Zigarette ist Gina aufgestanden und über die Straße zur gegenüberliegenden Sisha-Bar gewankt. Abgesehen davon - die Straße ist sehr belebt, dass ich Todesängste ausgestanden habe - war ich zunächst perplex, dass auf ihre Reue hin keinerlei Taten folgen, dann jetzt bin ich nur noch wütend. Die verarscht mich.“
    Das-Ins-Gebet-Nehmen von Gina war wie für die Katze, denn von der Schwelle des Hausausgangs weg ist sie zu der neoleuchtenden „Goldenen 77“, der nicht einzigen Sisha-Bar in der kleinen Stadt, zugelaufen, um sich dort restlos die Kante zu geben.
    Louis schob einen Hals!

    Jedenfalls war sie frustriert ob der Bemühungen um Ginas Alkoholkonsum-Verhalten. Ihr Engagement entpuppte sich doch stets und regelmäßig als bloße Rohrkrepiererei. Wer würde da nicht langsam verzweifeln?
    Enttäuscht, gedrückt und bedrückt gingen wir in das Zimmer von Louise im ersten Stock, von dem aus man direkt auf der anderen Straßenseite auf die Sisha-Bar schauen konnte: durch die Fenster blinkte der Geldspiel-Automat bunt, krebsartig leuchtete die chromverzinkte Bar in ihrem roten Neonlicht, davor flankierten zwei schwarz-goldene Nofreteten-Statuen, den Eingang schmückten feldbetten-artige Lehnsesseln aus der Rumpelkammer der 50-Jahre, in denen sitzend oder liegend vor überdimensionalen Wasserpfeifen sich Dampflok-Schlot-Dicke Qualmwolken vor den Gesichtern der Jugendlichen aufbauten, die sich damit die Kante gaben. Praktisch, würden sie einen Kreislaufkollaps bekommen, lägen sie bereits auf einer transportablen Tragbahre.
    Ich saß allerdings mit dem Rücken zu diesem herrlichen dekadenten Ausblick, aber Louis beobachtete jede Bewegung von Gina, sprang schließlich auf, als sie diese in den Eingang hineinschwanken sah, lief zum Fenster, um ihre Beobachtung durch näheren Augenschein zu verifizieren und drehte sich zu mir um: „Soll ich sie holen?“
    „Hm!“ Das hieß Ja-Nein.
    „Hm, nein. Das ist nicht meine Aufgabe.“ Louis wollte sich wieder setzen.
    Das Argument fand ich schwach. „Nein, aber geh und hol sie trotzdem dort heraus!“
    „Okay!“
    Dennoch ging sie nicht sofort. „Ich rauche erst einmal eine Zigarette.“ Das Ritual fand stets statt: bevor man etwas anpackte, wurde eine Zigarettenpause eingelegt. Nach ein paar Minuten war sie wieder so besorgt, dass sie sich aufmachte und hinüberging.
    An der Tür riefen ihr ein paar Mädchen zu: „Sie suchen bestimmt die Alte? Sie ist dahinten in der Kneipe.“ Verschämt holte also Louis die strutzbetrunkene Mitbewohnerin Genia aus der von 18 bis 25jährigen besuchten Bar heraus, in der bereits der Barkeeper sich schon kategorisch, stand- und heldenhaft geweigert hatte, der sternhageldichten Besucherin nur einen Tropfen Alkohol auszuschenken. Gina hatte mittlerweile ihre Reputation weg wie ein bunter Hund.
    Allerdings beging ihre Retterin in ihrer Über-Fürsorge einen schwerwiegenden, folgendschweren Fehler, indem sie die Sprüche der jungen Mädchen von vorhin wiedergab: „Suchen Sie die Alte?“
    Zwei Tage später klopfte Gina nachts um 1 Uhr bei der schlafenden Louise an die Tür.
    Verschlafen lugte Louis zwischen einem Türspalt in den Gang, in der glücklich und beseelt sich eine himmlisch wiegende Gina stand oder vielmehr wankte, die wie eine Gottesbotschaft quasi das scheinbar Unmögliche wie damals der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria eine frohe Botschaft verkündete: „Ich bin gerade von einem jungen Türken gevögelt worden: So alt bin ich auch wieder nicht. Mensch, bin ich glücklich.“

    Ist diese Szene nicht filmreif?
    Ein junger, stämmiger, bärtiger, dichtbehaarter Türke um die Ecke vögelt eine weiße, engelsgleiche, herausgestylte alte Tussi in der Dönner-Laden-Rumpel-Kammer, in dem vergammelnde Fleisch-Spieße hängen und Fleischfliegen herumschwirren, ihr breiter Hintern auf riesige, flache, knusprige Pizzakladden geklatscht, umhangen und umgarnt wie Weihnachtslammeta den Tannenbaum von Gemüsebeuteln, diversen Geschnetzelten aller Art, sowie flachen Fladenbroten – als läge ein besonderes Lamm Gottes auf einem okkulten, archaischen Altar – ein samtig-weißes, blond-gefärbtes und engelsgleiches Opfertier, das nach Strich und Faden gevögelt wird: auf Teufel komm heraus!

    Am nächsten Tag, ernüchtert oder im nüchternen Zustand, je nach dem, wie man es sehen mag, war der Jubel dem Jammer gewichen: „Ich fühle mich so elend!“ Scham, Liebe oder die Gemengelage obskurem Verschnitts davon hatte sich ihrer bemächtigt, da sie in der kleinen Stadt an jeder Ecke das Bartgesicht des edlen Vöglers, Rammlers und Sex-Derwischen wahrnahm und es half auch nichts, dass sie es vermied, die Hauptverkehrsstraße zu passieren, wo sie an dem heruntergekommenen Dönerladen vorbeidefilieren musste, aus deren Schaufensterauslagen inzwischen bereits eine ganze Meute sexhungriger body-gestylter Ausländer welcher Herkunft auch immer gierten.
    Sie hätte es nicht ertragen können – wohlgemerkt, den Geliebten sehen zu müssen.
    So fuhr sie statt der breiten, hell erleuchteten Einkaufsstraße durch die verwinkelten, engen, kantig-sperrigen Kleinstadtstraßen – für eine oft angeheiterte Fahrradfahrerin eine nahezu zirkusreife Nummer.
    Louis war außer sich: „Ich würde mich schon fragen, wenn ich besoffenen Zustandes in dem Hinterzimmer (einer Fleischbude von einem jungen Mann (+ Ehemann) genagelt worden wäre (wo ich jetzt stehe; wer ich bin; ob ich mich nicht unbedingt ändern müsse). Damit wäre der Tiefpunkt meines Lebens erreicht worden.“
    Sie war gerade sehr stolz darauf, es eineinhalb Monate ohne Alkohol durchgestanden zu haben!


    @pentzwerner


    pentzw@gmx.de
    Geändert von pentzw (30.10.2018 um 13:17 Uhr)

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