1. #1
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    Traue nie einer Huldra

    Hörst du sie auch, die berauschenden Töne,
    leise vom Tann herübergeweht.
    Wollüstig spielt die betörende Schöne,
    himmlisch und süß, sie bettelt und fleht.

    Wonne verheißt ihre schmeichelnde Flöte,
    kündet von Lust, verzaubert dein Herz.
    Keck lockt ihr Haar in verwerflicher Röte,
    Jüngling gib acht, du findest nur Schmerz.

    Ihre Gestalt, einer Sage entstiegen,
    zieht dich hinunter ins nasskalte Reich,
    höre nicht hin, du wirst kläglich erliegen,
    folgst du den Klängen, vergehst du sogleich.

    Schelmischen Blicks leckt sie lüstern die Lippen,
    nur noch ein Schritt und es gibt kein Zurück.
    Stark ist der Bann, ihre Brüste, sie wippen,
    süß der Moment, doch er kostet dein Glück.

    Disharmonie lässt die Töne zerschellen,
    du bist verwirrt und windest dich frei,
    hörst deinen Hund die Versuchung verbellen,
    bis sie entweicht mit schaurigem Schrei.
    Geändert von Sidgrani (15.05.2018 um 15:42 Uhr)
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  2. #2
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    Hallo Sidgrani,

    ein formschönes Gedicht, das gut durchkomponiert wirkt und die klassische Thematik der Verführung durch mystische Frauengeister aufgreift, die, wie man weiß, nie zu einem angenehmen Ende führt.

    Obwohl sich das Gedicht sehr schön lesen lässt, fühlt sich die Sprache und Thematik für mich durchweg etwas angestaubt an. Interessant ist, dass am Ende der Hund des Verführten den Frauengeist verschreckt. Diese Auflösung verschiebt die Begebenheit eher in Richtung der Gegenwart, weil die Verbreitung von Hunden als Haus- und Hoftieren ja eher der Moderne anhaftet. Wenn man dem so folgen will, entsteht dadurch allerdings ein Widerspruch zwischen der Zeitebene (Gegenwart/Moderne) und Sprache ("doch Jüngling gib Acht", "Schelmischen Blicks"...).

    Die Perspektive des Ichs im Gedicht kommt mir etwas inkonsistent vor. Der Text legt nahe, dass ein Mentor-Schüler-Verhältnis aufgegriffen wird (immerhin wird das Du als Jüngling bezeichnet und durch das Gedicht gewarnt). Allerdings bricht die letzte Strophe mit dieser Perspektive. Die Variante, dass man selbst als Leser angesprochen wird, funktioniert in meinen Augen noch schlechter. Ich höre die "berauschenden Töne" nicht, bin kein Jüngling und besitze ja vielleicht gar keinen Hund.

    Grundsätzlich empfand ich die Wahl des Daktylus sehr passend, kann aber die Variationen in den ersten beiden Strophen nicht ganz nachvollziehen (siehe unten). Für mich hätte es tatsächlich eigentlich viel, viel mehr Sinn ergeben, wenn am Anfang die Form eingehalten worden wäre und die "Disharmonie" erst im Verlauf/gegen Ende des Gedichts auftaucht. Magst du vielleicht erzählen, was deine Gedanken dazu waren?


    x..x..x..x.
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    .x..x.x..x


    Trotz des Meckerns aber schön geschrieben!

    Liebe Grüße
    Laika

  3. #3
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    Hallo Sidgrani,

    gefällt mir in Wortwahl und Bildern recht gut!

    doch Jüngling gib Acht
    acht ist hier ein Verb (sei achtsam) und kein Substantiv (hab Achtung)...deshalb kleinschreibung

    Keck weht
    ihr Haar
    das Wehen kann keck rüberkommen...aber das Haar kann leider nicht keck wehen...deshalb:

    keck lockt (nicht im sinne von siuch kräuseln, sondern im sinne von verführen/auffordern) ihr haar

    in nasskaltes Reich
    ins nasskalte Reich

    Ansonsten gerne gelsen!

    Gruß, A.D.

  4. #4
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    Hei Laika,

    ich freue mich über deine tiefgreifenden Gedanken und dein „schön geschrieben“ zu meinem Gedicht. Heutzutage kann man sich eine Begegnung mit einem Wesen aus der skandinavischen Mythologie nur schwer vorstellen, also musste das Gedicht Vergangenheit und Gegenwart miteinander verweben. Der Jüngling könnte zu einem mysteriösen Ort gelangt sein, an dem die Zeit stehengeblieben ist und somit die Voraussetzung für das Geschehen erfüllt. Ehrlich gesagt, habe ich beim Schreiben nicht an so etwas gedacht, aber ich finde, damit kann ich meinen Kopf aus der Schlinge ziehen.

    Ein Mentor-Schüler-Verhältnis soll es nicht sein, ich schreibe von einem imaginären „Du“, womit nicht der Leser gemeint ist. Wieso bricht die letzte Strophe mit dieser Perspektive?

    Die Variationen in den ersten beiden Strophen haben sich so ergeben (ist inzwischen korrigiert), das hatte ich nicht bewusst gemacht.

    Danke für deine interessante und ausführliche Stellungnahme.

    Liebe Grüße
    Sidgrani



    Hei A.D.,

    deine Ratschläge habe ich umgesetzt und auch die letzte Strophe etwas abgeändert.

    Danke, habe mich gefreut.

    Liebe Grüße
    Sidgrani
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