1. #1
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    Schattenschlag - Schlagschatten

    Schattenschlag - Schlagschatten

    Den Schatten nur, und sonst ist nichts,
    Ihn trifft der Mensch auf freier Fläche:
    Er schlägt im Winkel grellen Lichts
    Und stört die Spiegelung der Bleche
    Und trifft die Linie des Gesichts.

    Er spricht die Losung, feine Worte,
    Die niemand hört, sein Schatten nur.
    Es ist die Einsamkeit der Orte,
    Es ist im Nirgendwo die Spur;
    Sie führt zur nächsten hohen Pforte.

    Er geht. Es ist ein müdes Schlurfen.
    Er hustet und entlässt den Ruf
    Nach Müssen, Sollen, Wollen, Dürfen
    Und nach dem Herrn, den ihn einst schuf,
    Um nach dem Sinn im Sand zu schürfen.
    Geändert von Walther (11.05.2018 um 13:33 Uhr)
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  2. #2
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    Hallo Walther,

    beim stimmhaften Lesen sieht und hört man förmlich, wie der Schatten den Menschen überzieht, wie dieser immer bedrückter, müder, verdrossener wird und zuletzt einen Schrei/den Ruf nach dem Sinn des Ganzen loslässt.
    Spannend ist, dass hier in S1 erst der Mensch den Schatten trifft und dann der Schatten stört und „zuschlägt“ (und trifft die Linie des Gesichts).
    In S2 wird dann klar, dass der Mensch allein mit seinem Schatten ist, welcher gleichzeitig Verfolger und einziger Begleiter ist – wie könnte man eine Depression, wie könnte man absolute Einsamkeit besser beschreiben?
    In S3 steht dieser einsame, verzweifelte, inzwischen kranke (hustet) Mensch dann auf dem Scheideweg/vor der Pforte/vor dem Ende des Weges. Aus seinem Gang ist ein müdes Schlurfen geworden, das sich gut in den Gesamtkontext einpasst, aber (gelungenes Stilmittel!) als Reimpartner unzulänglich ist. Hier wird nicht nach dem Sinn des Lebens und nach Gott gefragt, hier wird danach gerufen, nein, eigentlich sogar geschrien. Genial der allerletzte Vers: Wie nach Gold wird hier nach dem Sinn des Lebens geschürft – und zwar im Sand, wo weder Gold noch Sinn zu erwarten sind, wo einem Menschen schlussendlich womöglich wird: Er ist bestenfalls ein winziges Sandkorn im großen Getriebe, der Weg war das Ziel und der Sinn im Sein liegt nicht auf der Straße.

    Normalerweise wirkt es eher ungeschickt, die Verse eines Gedichtes mit so vielen Wiederholungen zu beginnen – hier passt es gut zu Thema und Inhalt des Textes: So kann man die Ödnis, die alltäglichen Mühen auf dem Weg und das immer mühsamere Schlurfen sehr gut nachvollziehen.

    Freundliche Grüße

    Isaban

  3. #3
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    lb Isaban,

    ganz, ganz lieben dank für deinen text unter mein kleinen schattenwerk.
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    Hallo Walther,

    beim stimmhaften Lesen sieht und hört man förmlich, wie der Schatten den Menschen überzieht, wie dieser immer bedrückter, müder, verdrossener wird und zuletzt einen Schrei/den Ruf nach dem Sinn des Ganzen loslässt. ...
    s1 spielt mit der feststehende formulierung, daß etwas "einen schatten schlägt". auch das wort "schlagschatten" hat hier seinen ursprung. wenn man die wörter in ihre wurzeln auflöst und mit weiteren bedeutungsebenen spielt, könnte s1 ein ergebnis sein.
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    ... Spannend ist, dass hier in S1 erst der Mensch den Schatten trifft und dann der Schatten stört und „zuschlägt“ (und trifft die Linie des Gesichts).
    der schatten wird als sog. "datenschatten" immer wichtiger in unserem leben. seine ablösung findet täglich statt, er "west" sozusagen ohne seine/n besitzer/in in der realen welt - und kann diesen überwältigen. es wird zeit, diesen schatten ernst zu nehmen - und ihn zu bedichten.
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    ... In S2 wird dann klar, dass der Mensch allein mit seinem Schatten ist, welcher gleichzeitig Verfolger und einziger Begleiter ist – wie könnte man eine Depression, wie könnte man absolute Einsamkeit besser beschreiben?
    durch unsere zunehmende vereinzelung scheint dieses bild eigentlich literarisch geradezu zwangsläufig auf. es wird daher zurecht immer wieder neu und anders thematisiert - so auch hier.
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    ... In S3 steht dieser einsame, verzweifelte, inzwischen kranke (hustet) Mensch dann auf dem Scheideweg/vor der Pforte/vor dem Ende des Weges. Aus seinem Gang ist ein müdes Schlurfen geworden, das sich gut in den Gesamtkontext einpasst, aber (gelungenes Stilmittel!) als Reimpartner unzulänglich ist.
    jeder hat, glaubt man, eine wahl. das stimmt schon, aber es stimmt eben auch: wenn man allein an seinem ende angekommen ist, und die letzte tür die letzte ist. dann wird bilanz gemacht und ein strich drunter gesetzt.
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    Hier wird nicht nach dem Sinn des Lebens und nach Gott gefragt, hier wird danach gerufen, nein, eigentlich sogar geschrien. Genial der allerletzte Vers: Wie nach Gold wird hier nach dem Sinn des Lebens geschürft – und zwar im Sand, wo weder Gold noch Sinn zu erwarten sind, wo einem Menschen schlussendlich womöglich wird: Er ist bestenfalls ein winziges Sandkorn im großen Getriebe, der Weg war das Ziel und der Sinn im Sein liegt nicht auf der Straße.
    der mensch braucht einen bezug in der bezugslosigkeit. wen soll er um hilfe anrufen? was ist, wenn es nicht einmal mehr einen gott gibt, weil wir der religion entsagt haben und selbst unsere religion geworden sind?
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    ... Normalerweise wirkt es eher ungeschickt, die Verse eines Gedichtes mit so vielen Wiederholungen zu beginnen – hier passt es gut zu Thema und Inhalt des Textes: So kann man die Ödnis, die alltäglichen Mühen auf dem Weg und das immer mühsamere Schlurfen sehr gut nachvollziehen.

    Freundliche Grüße

    Isaban
    mit diesem stilmittel soll der text "singen", er bekommt momentum im vortrag. wir vergessen oft, daß gedichte nicht lautlos erlebt werden, ganz erleben kann man sie nur deklamiert. und dafür sollten wir schreiben.

    danke dir vielmals für die chance, deine interpretation zu kommentieren.

    lg W.
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