Thema: Maikäfer

  1. #1
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209

    Maikäfer

    Käfer bist du
    auf dem Rücken
    deine Beine in der Luft
    spürst das stete Steinezwicken
    hörst wie dich die Stille ruft

    kippst und steigst dann auf das Hochhaus
    schaust auf Schnee aus Blütenbäumen
    summst und glaubst nicht mehr ans Träumen

    nicht an Liebe Kampf und Sieg
    und so breitest du die Arme
    aus. Der Käfer fliegt.

  2. #2
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.784
    Hallo Isaban!

    Willkommen! Wie gut, dass die Fluchtrouten im Netz offen sind.

    Ein feines Gedicht. Vor allem von der Form her, sehr durchdacht fürs Ohr, wenn ich so sagen darf. Schon der Beginn:


    Käfer bist du
    XxxX
    auf dem Rücken
    (X)xXx
    deine Beine in der Luft
    XxXx(X)xX


    Eigentlich schreibt du ja Vierhebig, aber den ersten Vers brichts du um und machst zwei Zeilen daraus. Das ist ganz raffiniert, denn einerseits wirkt die Aussage in Z1 (wie eben dieses "Mensch bist du") und du bekommst auch die Betonund auf "du" - was nicht möglich gewesen oder jedenfalls geholpert hätte, wenn du "auf dem Rücken" in derselben Zeile geschrieben hättest.

    Ja, und dann folgt in Zeile 3 eine schwache Hebung am Beginn - ich markiere schwache Hebungen ober Senkungen in () - sodass wiederum dieses "du" sehr deutlich "vernehmbar" ist, wie auch deshalb, da in der nächsten Zeile mit Luft am Wortende ein betontes Wort und mit dem gleichen Vokal "u" steht - ist das eine Assonanz? - ich sag Anklang und bei Reimen wie Luft - ruft mit kurzen und langen Vokal "unrein" - das wär dann eigentlich eine unreine Assonanz
    Ist "sieg - fliegt" eine Assonaz oder ein Halbreim, keine Ahnung, aber das Spiel gefällt mir eben, hier ganz besonders, weil es für mich auch für die scheinbare Ungeschlicklichkeit des Käfers steht.

    Ich denke noch immer darüber nach, warum der Käfer eigentlich an nichts mehr glaubt und trotzdem, anstatt sich in die Tiefe zu stürzen, plötzlich fliegt. Ich habe dazu meine (eigentlich logische) Theorie, aber die schreibe ich jetzt nicht auf, damit ich die anderen Leser nicht beeinflusse.

    Formal gefällt mir dann auch noch dieser Umbruch vor "aus":

    und so breitest du die Arme
    aus. Der Käfer fliegt.


    Damit bekommt diese "aus" irgendwie betonungsmäßig so viel Platz oder eine so beudeutenden Platz, dass man das Gefühl hat, man muss beim Lesen auch gleich die Arme ausbreiten und dann diese wunderbar klare, unverschnörkelte, befreiende Aussage: Der Käfer fliegt.

    Die zweite Strophe gefällt mir nicht so gut, das ist alles ziemlich umständlich - schon beginnend mit "Hochhaus" - ein Hochhaus und darunter blühende Obstbäume - also ich stelle mir jedenfalls Obstbäume vor - gut die Kastanien blühen auch, aber ...

    Was mir weniger gefällt sind die Wortprägungen
    "Steinezwicken": Das klingt mir zu humorig in diesem Gedicht.
    "Blütenbäume": Nein, das ist nicht schön, wie ich es drehe und wende, oder?
    "summt" ein Käfer?, könnte man so oder so weglassen

    nur damit du weißt, wie ich denke:


    kippst und steigst hinauf (kletterst bis?) zum Dach
    unten liegt der Schnee der Bäume
    du glaubst nicht an Träume

    nicht an Liebe Kampf und Sieg



    Gerne gelesen und ich freu mich auf mehr von dir!

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (13.05.2018 um 11:01 Uhr)

  3. #3
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo Albaa,

    Mist, wenn man seinen Text erklären muss, hat man meist Murks gebaut, weil er sich so offensichtlich nicht selbst erklären kann. Ich grübele noch, wo ich da noch einmal ansetzen und nachfeilen muss.

    Kennst du das alte Kinderlied "Maikäfer flieg"?

    Es fängt so an:

    Maikäfer flieg
    dein Vater ist im Krieg
    deine Mutter ist in Pommernland
    Pommernland ist abgebrannt
    Maikäfer flieg

    Dieses Kinderlied ist schon weit mehr als 200 Jahre alt. Trotz des Alters kennen immer noch viele Kinder dieses Lied, es wird durch die Familie oder durch Kinder untereinander weitergegeben. Für mich ist es Sinnbild für absolute Einsamkeit, Verlassen sein, Angst und Hoffnungslosigkeit. Der Vater ist in Krieg, die Mutter weit weg, von beiden weiß das (singende) Kind nicht genau wo sie sind und ob sie noch leben, es ist vollkommen auf sich selbst gestellt. Es ist so allein, dass es einem Maikäfer, einem übrigens sehr kurzlebigen Gesellen, sein Leid klagen muss. In dem "Maikäfer flieg" klingt dabei fast so etwas wie Neid oder aber zumindest ein „Flieg du nur endlich davon, ich kann es leider nicht“ mit, vermutlich weil dieses Fliegen eine Möglichkeit eröffnet, sich aus der unerträglichen Situation zu entfernen.

    Den ersten Vers habe ich halbiert, weil ich die eine Hälfte bildlich Huckepack nehmen wollte, weil ich der zweiten Hälfte eine stilistische Last auf die Schultern/den Rücken legen wollte, wobei sich natürlich auch die Möglichkeit ergibt, den Leser die Betonung nach eigener Auslegung setzen zu lassen. (Der Vers lässt sich auch durchgehend im Trochäus lesen.)

    Es werden hier zwei Geschichten erzählt, eine offensichtliche und eine, die man sich zwischen den Zeilen herausfischen kann, wenn man mag.

    Zum "Steinezwicken": Ja, da könntest du Recht haben. Bebildern wollte ich die spitzen, unnachgiebigen Steine, die man fühlt, wenn man mit dem Rücken auf dem Boden liegt. Es ist wie beim Mobbing oder bei akuten Depressionen: Sie lassen einen nicht bluten, verletzen denjenigen, der am Boden liegt, auch körperlich nicht tödlich, drücken und zwacken nur, sind aber aufreibend und unangenehm und nach einer gewissen Zeit wegen des ständig anwachsenden Dauerschmerzes kaum noch zu ertragen, auch wenn eigentlich gar nicht viel - nicht einmal ein „richtiger“ Angriff - passiert. Man wünscht sich, dass man aus diesem Dilemma herauskommt, dass man den vielen fiesen, kleinen, schrillen Schmerzen und Unerfreulichkeiten entfliehen kann, man wünscht sich Ruhe und Frieden – möglichst für immer. Eine bessere Bebilderung als "Zwicken", das so harmlos klingt und doch so grausam sein kann, ist mir nicht eingefallen - ich grübele noch mal.

    Wenn man nur die eine Ebene des Textes betrachtet, ergeben sich offensichtlich ein paar Fragen - wie zum Beispiel die nach dem Hochhaus oder warum dieser Käfer Arme hat.

    Gäbe es nur diese eine Ebene, würde ich deinem Vorschlag "kippst und kletterst bis zum Dach" sofort folgen - es klingt runder als "kippst und steigst dann auf das Hochhaus". Nur würde ich dem Text dann die zweite Ebene rauben, ich würde dem Käfer die menschliche Seite verbauen, die ich ihm verleihen wollte.

    Ein "Dach" assoziiert man nicht zwingend mit schwindelerregender Höhe, ein Hochhaus schon, wenn man von oben herabschaut. Vom Dach eines normalen, eher kleinen Wohnhauses aus sieht man Blütenbäume eher auf Augenhöhe. Hier sollten sie klein und unwirklich wirken und ein bisschen "verlogen", weil sie mit ihrem "Schnee" auf gewisse Weise hintenrum den Winter wieder zurückbringen, die kalte und dunkle Jahreszeit - wenn man es denn so betrachten will.

    Zum "Blütenschnee": Im Mai blühen unglaublich viele Baumarten. Von Hochhäusern aus sind Obstbäume eher selten zu sehen - bestenfalls nicht essbare Zierkirschen, Blutpflaumen o.ä. - aber auch Flieder, Akazie etc. werfen gerade ihre Blütenpracht ab, die am Boden dann zu matschigem Grau wird.

    Zum Summen: Ja, Käfer summen, hektisch surren, knurren, fauchen und knacken bei Bedarf - das Summen ist das harmloseste der zur Verfügung stehenden Geräusche und hat mit Bewegung zu tun - und gleichzeitig ist es etwas, das ein Kind tun würde, wenn es Angst hat und vielleicht auch etwas, das ein Erwachsener tut, um sich zu beruhigen oder Mut zu machen.

    Zum "aus": Stimmt, es hat viel Platz, es kann ganz besonders betont werden, es steht sowohl für den Entschluss als auch für den Auftakt zum "Abflug", es sollte - je nach Auslegung - (zumindest wollte ich es so anlegen) ultimativen (Ausrufe-) Charakter haben.

    Ich habe mich riesig gefreut, dass mein Text dich anlocken und zu einem so schönen, ausführlichen, hinterfragenden und konstruktiven Kommentar verlocken konnte.

    Herzlichen Dank dafür.
    Liebe Grüße

    Isaban
    Wir lesen uns!

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Maikäfer flieg ...
    Von Richard von Len im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 02.05.2009, 20:50
  2. Maikäfer sind Chinesen
    Von Ibrahim im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 23.04.2008, 02:41

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden