Mäuseinvasion


Warme Sommernacht, von Ferne hört der Alte noch das gellende Lachen der spielenden Urlaubskinder – Ausgelassenheit, Sorglosigkeit.
Aber er geht schweren Schrittes in Richtung Wald zu seiner einsamen, bescheidenen Hütte.
Ihm bleibt in dieser Gesellschaft nicht mehr viel -- Liebste weg, Job weg, Träume weg.
50 Jahre hier auf diesem Erdball – Er glaubt, man braucht ihn nicht mehr, aber er weiß, dass er diese Welt nicht unaufgefordert verlassen darf.
Er weiß, dass die Hoffnung zuletzt stirbt und so lebt er weit ab von dieser Zivilisation, am Ende des morastigen Weges in seiner zugigen Holzhütte, in der die Kälte so oft zu Hause ist wie er und er hofft auf das große Wunder einer reinen gefühlvollen Welt.

Hier – weit weg vom Lärm der Straße, vom Zetern keifender Frauen findet er seinen Frieden beim Berühren seiner Gitarre, bei Klängen, die sein Herz streifen und seine Träume wecken.
Hier genießt er die Dankbarkeit der Vögel, die er füttert und erfreut sich an den heimlichen Blicken von Fuchs, Has und Reh, die ihn beobachten und belauschen.

Wieder geht ein Tag zur Neige – Er schließt die knarrende Tür und streckt seinen Körper auf die Matratze, die auf dem Boden neben dem kleinen Ofen liegt. Sie ist mit einem samtigen weinroten Laken bespannt, das nach frischer Waldluft riecht, denn er pflegt es sorgsam mit liebvollen Erinnerungen.
Im Raum steht noch die Luft seines kargen Abendmahles aus frischen Waldpilzen. Die Krümel vom Brot sind auf Tisch und Boden verteilt, aber das interessiert ihn nicht. Auch die herumstehenden Kisten und die Stapel der angesammelten Zeitungen, die ein wärmendes Feuer geben werden, interessieren ihn nicht, denn warum sollte sich sein Leben ändern? Wofür ?? Für wen ???

Er liegt auf seinem Bett und bevor ihn der Schlaf übermannt, huscht noch ein Lächeln über seine Lippen und die Bilder von seinem Lieblingshexlein – wie er sie nannte – werden in ihm wach.

„Wo ist sie?? Was ist aus ihr geworden??“
Man hat sie ihm vor 30 Jahren aus seinen Armen entrissen und noch immer hört es ihr Schreien in seinen Ohren. Sie saßen auf ihrer Wiese unter der dicken Linde. Er streichelte sie sanft, die Sonnenstrahlen glitzerten in ihren Haaren und durch ihr weißes, dünnes Kleidchen konnte es die feinen Konturen ihres edlen Körpers sehen – doch das Berühren ihrer Brüste bis zur Hüfte war für ihn ein schier unerreichbarer Traum.
Zart nahm er ihr Gesicht in seine Hände, schaute ihr in die Augen, spürte ihren Atem, der seinem Gesicht ganz nah war. Seine Lippen bebten und bevor sich ihre Lippen berühren konnten, hörten sie einen großen dumpfen Donnerschlag und ein Tornado wirbelte dicht neben ihnen auf der Wiese.
Ganz unsichtbar wurde sie seinen Armen entrissen.
Ihre zarten Wangen entglitten seinen Händen und noch immer spürt er in jeder Nacht ihre Wärme in ihnen.
Tiefe Trauer und Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber hatten sich in ihn eingegraben, und sein Körper hat schon lange seinen Glanz verloren.
Seine Männlichkeit versiegte, ehe sie zum Erblühen kam. Doch einmal im Jahr,
am Tag der grausamen Trennung, erblühte seine unberührte Lanze in der Nacht.
Sie war auch nach 30 Jahren noch immer jugendlich schön, außergewöhnlich groß und leuchtete vom Einbruch der Dunkelheit bis um Mitternacht.
Dieses jährliche, nächtliche Ritual war für ihn immer ein quälendes Zerreissnis für ihn, das verbunden war mit großen Sehnsuchtsschmerzen und einem riesigen Tränenschwall des gebrochenen Mannes.

In diesem Jahr schien er diesen schmerzlichen Tag vergessen zu haben.
In den Jahren zuvor wusch er sich zur für diese Nacht gründlich, zog ein hemdähnliches Nachtgewand an und trank zur Erträglichkeit aller seelischen Qualen ein paar Gläser von seinem selbst gebrauten Wein.
Er sank müde von der Waldarbeit auf seine Matratze und im Halbschlaf bemerkte er, dass sich seine knarrende Tür öffnete.
Er schreckte auf, hielt den Atem an und lauschte in die laue Nacht.
Sein Atem wurde aus Angst und von seinem sich regenden Schwert schwer.
Wie immer in solchen, wahnsinnigen Nächten umfasste er es mit beiden Händen, aber mit den Jahren waren diese Hände schon rau und knittrig geworden.

Doch was war das? Eine, zwei – nein! nein! Hilfe !!! 10, 100 – nein, etwa 1000 kleine und auch sehr große Mäuse zwängten sich lautlos durch den Türspalt und rannten auf sein Schlaflager zu. Er erstarrte, riss die fast leblosen Augen auf und aus seinem weit geöffneten Mund kam kein Laut heraus. Er griff nach seinem jugendlichen Schönling, doch seine Hände glitten kraftlos von ihm ab.
Noch schienen die Mäuse verspielt zu sein, wedelten mit ihren Schwänzen über sein Gesicht, erfreuten sich an den vielen Brotkrümeln im ganzen Haus, ergossen ihr Wässerchen über den Alten und bildeten so nach und nach einen Mäusekreis um sein Lager.
Plötzlich fingen die kleinen Körper wie auf Kommando an zu vibrieren.
Ein leises Fauchen war zu vernehmen und nach einem markigen Schrei der größten Maus, der Mäusechefin, stürzten sie sich über den glühenden Körper des zitternden Mannes.
Sie kletterten hinauf zum immer prächtiger wachsenden Penis und fingen an, ihre Zähne in das Fleisch zu hauen.

Der Mann schrie um sein Leben. Eine neuen Mäuseplage stellte sich im Kreis auf. Die dicke Mäusechefin schrie zum Kampf: „Nächster Angriff!“
Zwei Stunden Kampf, Geschrei, Blutschwall auf beiden Seiten und dann das Unglaublichste….
Zuerst draußen ein Rumoren in der Ferne, aufkommender Wind, Sturm, ein Tornado. Alles ging ganz schnell. Das Dach der armseligen Hütte wurde weggerissen, die klapprigen Hauswände krachten nach außen hin weg, Balken und Bretter schienen gespenstig durch den Wald zu eilen und dann - ein Blitz mit Regenguss.
Der Alte wurde vom herumwirbelnden Laub fast völlig auf seinem weinroten Bettlaken begraben. Nun ließen die Mäuse von ihm ab, richteten sich senkrecht auf zwei Pfoten auf und blieben erstarrt mit weißem Siegerfell stehen.
Der Mond schob sich durch die Bäume und aus der Ferne schien sich ein Lichtkegel dem laubbedeckten Lager des Alten zu nähern.
Nicht ein Balken, nicht ein Möbelstück, nichts Essbares ward ihm geblieben.
Die Glut aus seinem Körper wich und er begann unter dem Laub zu frösteln.
Seine unbeweglichen Augen starrten auf den sich nähernden Lichtstrahl und plötzlich verdunkelten zwei zarte warme Hände seine Augen.
Was war das? Der Geruch…, der wohlbekannte Atem…Lippen ?
Ihre Lippen?

Er fiel in eine Ohnmacht. Alles rauschte um ihn, alles glitzerte vor ihm und dann sank sein Körper kraftlos in sich zusammen. Aber er spürte, was mit ihm geschah.
Ein warmer Hauch befreite ihn vom Blätterwall. Hände berührten sein langes graues Haar, seine Kleider wurden liebevoll geöffnet, sanft über seinen Körper gestreift und seine Haut fing an, sich zu straffen.
Seine Wangen und der Mund säumte ein Lächeln und sein Männerstolz schien in eine warme Höhle zu versinken. Er lag auf dem Rücken, versuchte vorsichtig die Augen zu öffnen, doch er sah nur ein sich bewegendes Licht, was ihn an den majestätischen Gang seiner kleinen Lieblingshexe erinnerte.
Er hatte keine Zeit zum Nachdenken, sein Atem wurde immer schwerer, sein Körper bebte, er schrie und erlebte eine gewaltige Erschütterung, die durch den Raub seiner Liebsten ihm noch nie im Leben vergönnt gewesen war.
Noch nie hatte er erlebt, wie die weiße Lava aus ihm hervortrat und er sank wie betäubt in einen tiefen Schlaf.
Die Sonne blinzelte durch die Bäume, als er mit roten Wangen erwachte und zwei wohlbekannte Augen strahlten in sein jungenhaftes Gesicht.
Ein langer Kuss, Freudentränen und zwei Hände, die zusammengewachsen schienen.