1. #1
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    Das tägliche Ungetüm

    (Bitte beachten: Die Ideen habe ich von Isaban geklaut.)

    Der tägliche Wahnsinn, der rauschende Nonsense,
    das heisere Hecheln von hungrigen Hunden,
    sie kommen von selbst und sie kommen von nirgends,
    die Uhr treibt sie an, zieht sie fort in den Abgrund.

    Den Abgrund der klaffenden Strassen und Gleise,
    den Tunnel, den fromme Maschinen uns bohrten;
    sie hasten und husten und schlafen im Eilen
    und ruhen nicht eher, als bis sie am Ort sind.

    Am Ort sind, wo Münder von Häusern sich öffnen,
    die Leiber genüsslich sich einzuverleiben,
    ihr Blut zu saugen, ihr Ego zu fressen,
    ihr Fett in die kalten Gelenke zu reiben.

    Zu reiben, zu walzen, zu pressen, zu mangeln,
    bis abends die Türen sich wiederum auftun,
    die Häuser die Menschen nach Hause entlassen,
    damit sie sich gütigst erholen und ausruhn.
    Geändert von kaspar praetorius (17.05.2018 um 07:02 Uhr) Grund: Verbesserung durch Tynset

  2. #2
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    Hallo Kaspar,

    schöne Alliterationen, schaurig, was Uhren, was Häuser tun können!

    Jede Strophe greift auf, was die vorherige zuletzt genannt hat. So reihen sich die Bilder stringent aneinander.

    Der Rhythmus gehetzt wie die Menschen, oft nur eine hektische Aufzählung. (S2, V3 "im Eilen": da vielleicht sogar noch ein Verb mit und verbunden - "...und schlafen und eilen"?).

    Und der letzte Vers mit seinem "damit" (was diese Häuser willentlich tun können!) und "gütigst" - auch wenn die Idee geklaut ist, die Ausführung ist überzeugend.

    Nur eine Sache: "an Ort", da habe ich kurz gestutzt. Ich ergänze da "an Ort und Stelle", wenn aber die Stelle fehlt, zöge ich "am Ort" vor.

    Herzliche Grüße
    Tynset

  3. #3
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    Hallo kaspar,

    Das hat dir sichtlich Spaß gemacht. Den Ball schön von Wiederkäuer aufgenommen, zu diesem Thema passt dieser "gehetzte" Dreifüßer mit Auftakt gut; und wie könnte man die "ungetüme Wirkung" von gehäuften Amphibrachys besser in Worte fassen als hier:

    "Zu reiben, zu walzen, zu pressen, zu mangeln,"
    xXx xXx xXx xXx

    Lustig!

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    hallo tynset
    hochdeutsch gehört für mich Alemannen zu den Fremdsprachen. also danke für deinen Verbesserungsvorschlag.

    hallo albaa
    du möchtest es lieber unlustig haben? fällt mir echt schwer.

    danke euch beiden jedenfalls für das feedback. schön zu wissen, dass ihr euch einem vergleich von Ungetümen nicht verschliesst, egal wie das Ergebnis eurer Überlegung ausfällt.

    kp

  5. #5
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    Hallo kaspar,

    wie schmeichelhaft, dass dich mein Text inspirieren konnte – und dann noch zu Daktylen (zumindest flächenweise)!
    Ich merke mal in Klammern zum Text an, was mir beim Lesen ins Auge stach.

    Freundliche Grüße

    Isaban

    Der tägliche Wahnsinn, der rauschende Nonsense, (Warum das englische nonsense und nicht der deutsche Nonsens?)
    das heisere Hecheln von hungrigen Hunden, (Gefällt mir ausgesprochen gut!)
    sie kommen von selbst und sie kommen von nirgends,
    die Uhr treibt sie an, zieht sie fort in den Abgrund. (Am Versende eventuell ein Komma anstelle des Punktes , der Satz geht ja in der nächsten Strophe noch weiter.)

    Den Abgrund der klaffenden Strassen und Gleise,
    den Tunnel, den fromme Maschinen uns bohrten;
    sie hasten und husten und schlafen im Eilen (Hier wird stilistisch geschickt Tempo aufgebaut.)
    und ruhen nicht eher, als bis sie am Ort sind.
    x Xx x Xx x X x X x (da wackelt die Metrik ein bissl und „am Ort“ wirkt ein wenig ungelenk, vielleicht „und ruhen nicht eher, als bis sie vor Ort sind“ oder „und ruhen nicht eher, bis sie dann vor Ort sind“ o.ä.?)

    Am Ort sind, wo Münder von Häusern sich öffnen, (Siehe Vorvers, vielleicht “Vor Ort, wo die Münder/Mäuler/Rachen der Häuser sich öffnen“?)
    die Leiber genüsslich sich einzuverleiben, (Inversion – könnte man noch dran feilen, z.B. „um sich ihre Leiber schnell einzuverleiben“ o.ä.)
    ihr Blut zu saugen, ihr Ego zu fressen,
    (x X x Xx x Xx x Xx - hier brichst du aus dem Daktylus aus, warum? Eventuell „ihr Blut auszusaugen, ihr Ego zu fressen“?)
    ihr Fett in die kalten Gelenke zu reiben. (Eventuell am Versende ein Komma setzen, der Satz geht ja in der nächsten Strophe weiter.)

    Zu reiben, zu walzen, zu pressen, zu mangeln, (Auch hast du hier durch die Aufzählung wieder gekonnt Tempo gemacht)
    bis abends die Türen sich wiederum auftun,
    die Häuser die Menschen nach Hause entlassen,
    damit sie sich gütigst erholen und ausruhn.
    Wir lesen uns!

  6. #6
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    hallo isaban
    vielen dank für deine hinweise und vorschläge.
    und für deinen nachsichtigen umgang mit meinem ideenklau.
    kp

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