Thema: Das Fazit

  1. #1
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    Das Fazit

    Das Fazit

    Weshalb verreckten alle
    doch er erwachte immer wieder
    Bewusst verzichtet aufs Gefieder
    damit der Tod ihn kralle

    Er sprang verrückt von jeder Höhe
    Poet und Kind zugleich
    verwahrlost oder reich
    dann knackte Satan seine Flöhe

    Er wollte Menschen leiden sehen
    schlussendlich stand’s ihm zu
    ertrug deshalb die eigne Qual

    Ich band ihn an den Marterpfahl
    mir schien, er kam zur Ruh:
    Wir werden uns an uns vergehen

    L.A.F. Strässler – Mai18
    ausgezogen
    um die welt zu sehen - der versuchung zu entgehen - und sich selber zu verstehen
    lebenslinien wie mäander - führten beide zueinander - wurden voneinander
    angezogen

  2. #2
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    "Hey Lorenz, dein Gedicht las ich zum ersten Mal aus Zeitgründen nur ganz oberflächlich, aber da wusste ich schon, dass es mich zutiefst anspricht. Da ist also einer, der die verrücktesten Dinge überlebt, sich dem Tod sogar nackt und schutzlos darbietet und doch nicht umkommt. Er ist aber keineswegs ein Held, sondern eine zwar dominante aber dennoch bedauernswerte Figur. "Poet und Kind zugleich" könnte so schön sein, ein Hinweis auf Leichtigkeit; aber hier ist es auch eine Metapher für den kranken Glauben, unsterblich zu sein. Und dann brach der Teufel in ihn ein, der Wunsch zu zerstören kehrte sich auf andere. Schliesslich setzt sich das Ich (Gewissen) über das Er durch, übernimmt die Kontrolle, aber der Preis ist hoch, was nicht nur der Marterpfahl symbolisiert, sondern auch die traurige letzte Zeile, die eben alles andere als ein Happy End darstellt. Es ist mehr eine Art Arrangement mit sich selbst (Er und Ich wird Wir), um andere zu schützen und wenigstens für das Gewissen Ruhe zu finden.
    Du verzichtest auf Satzzeichen, finde ich okay, weil alles wunderbar verständlich geschrieben ist; und auch sonst ist formal wie gewohnt alles im Lot. Gern gelesen, weil es mich berührt hat. d. Karin

  3. #3
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    Fazit - oft missverstanden als Bilanz, richtet sich in die Zukunft.
    Und die wird pointiert in der letzten Zeile in all ihrer Widersprüchlichkeit ausgeheckt.
    Ich habe gestern bei einem Spaziergang der Sihl entlang an jene gedacht, welche nicht überlebt haben und stosse nun auf deinen starken Text. Inhaltlich und dramaturgisch stark, sag ich ehrlich. Stilistisch ist er mir zu sprunghaft.
    Das leicht regional gefärbte "schlussendlich" müsste man vielleicht dem internationalen Leser ausdeutschen. Es trägt wesentlich zum düsteren Ambiente bei, das in der letzten Strophe beschworen wird.
    Mich erinnert das ganze etwas an die komplizierten Berechnungen bei Ventilen: Druck, Überdruck, Entlastung - ein fragiles Gleichgewicht.
    Fazit kann deshalb auch heissen: Wir haben für die Zukunft eine Formel gefunden, wie wir mit dem Druck umgehen.
    Ich denke, du hast hier in kürzester Form vieles gesagt, dafür apllaudiere ich gern.
    kp

  4. #4
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    Hi Karin und Matthias, danke fuer eure wunderbaren Worte, die mir die Welt bedeuten und mich in ihrer Richtigkeit beeindrucken. S3Z2 ginge ebenso “das stand ihm schliesslich zu”, jedoch duenkt mich, das Gedicht verhaelt/stimmt auch, wenn man “schlussendlich” international versteht und der Wahnwitz der Aussage kommt genauso rueber.
    Den Tod als Schwaeche und Niederlage empfinden, den Willen haben, geduldig, zurechnungsfaehig und zuversichtlich zu sein, LG, Lorenz
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  5. #5
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    Ich denke, dass es keinen schönen Phrasen der Welt gelingen wird, solche Widersprüche endgültig aufzulösen.
    Aber solche Verse, wie du sie mehr oder minder elegant gemacht hast (wie falsch in diesem Zusammenhang Eleganz sein könnte/müsste, wäre zu überlegen), solche Verse sind auf jeden Fall ein guter Ansatz, das Problem "schlussendlich" in den Griff zu bekommen und im Dampfkochtopf ein Gleichgewicht zwischen Druck und Deckel zu schaffen. Wörter, sogar Gedichte, sehen sich oft in der Rolle des Ventils. Und deins (wenn es eins ist) oben finde ich formal exakt austariert. Das ist eine Leistung, die ich anerkenne, mehr als schöne Phrasen.
    kp
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  6. #6
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    Dinge elegant sagen und/oder brutal oder wie auch immer, kann helfen, etwas Druck abzulassen und Erloesung lebend zu erfahren, und wenn die Worte gar noch gefallen, bestaetigt das nur, dass dieses Ventil als eines von ganz wenigen schon immer zum Gleichgewicht beigetragen hat. Z.B. wuerde ich Drogensucht und/oder Untreue als einen Topf sehen, der irgendeinmal explodiert. Und das Zusammenkleben ist dann zweifelsohne schwierig bis unmoeglich. Danke fuer dein Feedback Matthias und die coole Metapher. LG, L.
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  7. #7
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    Hallo L A F Strässler,

    auch mich hat dein Gedicht angezogen.
    Es ist sehr spürbar und zeigt gut gewählte Bilder. Dennoch gibt es zwei, drei kleine Stellen, an denen man m.E. noch ein wenig feilen könnte. Ich habe unten in Klammern neben den entsprechenden Textstellen angemerkt, was ich meine.

    Freundliche Grüße

    Isaban

    Das Fazit

    Weshalb verreckten alle
    doch er erwachte immer wieder
    Bewusst verzichtet aufs Gefieder (Grammatikalisch ein wenig fragwürdig. Je nach Auslegung fehlt entweder das „er“ oder der Satzzusammenhang wackelt. Wie wäre es da mit „verzichtete auf sein Gefieder“ oder „bewusst ganz ohne sein Gefieder“ o.ä.?)
    damit der Tod ihn kralle

    Er sprang verrückt von jeder Höhe (Ganz marginale Meckerei: Zwei Strophen beginnen mit „er“. Sollte das als stilistisches Mittel gedacht sein: Gut. Dann will ich nichts gesagt haben. Falls nicht, ginge hier z.B. auch „Verrückt sprang er aus jeder Höhe“)
    Poet und Kind zugleich
    verwahrlost oder reich
    dann knackte Satan seine Flöhe

    Er wollte Menschen leiden sehen
    schlussendlich stand’s ihm zu
    ertrug deshalb die eigne Qual (Hier schwimmt die Syntax ebenfalls ein wenig. Wie wäre es da mit „deshalb ertrug er seine Qual“ o.ä.?)

    Ich band ihn an den Marterpfahl
    mir schien, er kam zur Ruh:
    Wir werden uns an uns vergehen
    Wir lesen uns!

  8. #8
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    Hey Isaban, ich kann zwar nicht für den Autor sprechen, stimme dir aber nicht zu:
    Wenn in S1 was ändern, dann "verzichtend" statt "verzichtet", aber mir fehlt hier weder das "er" noch das "hatte", denn es wird klar, wie der Satz gemeint ist. Ausserdem wäre es ein Sinnverlust, wenn das Adverb "bewusst" oder das Verb "verzichtete" gestrichen würde.

    S3Z2 ist ein eingeschobener Satz. Ohne diese Zeile lauten Haupt- und Nebensatz korrekt: "Er wollte Menschen leiden sehen, ertrug deshalb die eigne Qual"
    Zweimal "er" am Zeilenanfang finde ich in Anbetracht des komplexen Zusammenspiels von er/ich/wir gar wichtig. LG gugol
    Geändert von Gugol (20.05.2018 um 17:59 Uhr)

  9. #9
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    @ Gugol:

    zum "verzichtend": Klar, auch eine Möglichkeit, ein o.ä.

    (Grammatikalisch ein wenig fragwürdig. Je nach Auslegung fehlt entweder das „er“ oder der Satzzusammenhang wackelt. Wie wäre es da mit „verzichtete auf sein Gefieder“ oder „bewusst ganz ohne sein Gefieder“ o.ä.?)
    zu S2V3: Den eingeschobenen Satz habe ich natürlich erkannt. Dennoch wirkt der ganze Satz
    "Er wollte Menschen leiden sehen, schlussendlich stand’s ihm zu, ertrug deshalb die eigne Qual"
    irgendwie ungelenk oder unfertig und entspricht nicht dem üblichen Sprachgebrauch, findest du nicht?
    Daher meine Anregung oben. Danach würde der Satz so aussehen:

    Er wollte Menschen leiden sehen, schlussendlich stand’s ihm zu, deshalb ertrug er seine Qual.

    Für mich liest sich das sehr viel flüssiger. Wir beide müssen nicht zwingend einer Meinung sein.
    Anregungen jedweder Art sollten sowieso nur übernommen werden, wenn sie wirklich überzeugen.
    Wenn nicht, dann nicht. Ob sie überzeugend sind, kann nur der Autor entscheiden.

    Desgleichen gilt für das "er". Ich schrieb:

    Ganz marginale Meckerei: Zwei Strophen beginnen mit „er“. Sollte das als stilistisches Mittel gedacht sein: Gut. Dann will ich nichts gesagt haben.
    Falls das "er" nicht ausdrücklich als stilistisches Mittel gedacht war, bot ich lediglich - wie auch schon an anderer Stelle - eine mögliche Lösung an.


    Freundliche Grüße

    Isaban
    Wir lesen uns!

  10. #10
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    Hey Lorenz,

    dein Gedicht hier habe ich nun doch schon etliche Male gelesen und komme jedesmal zum gleichen fürchterlichen Fazit.
    Es ist eines deiner stärksten Werke. Supersupergut.
    Congratulation, dear guy.

    Gern gelesen, herzliche Grüße
    Liara
    Für verlorenes Vertrauen gibt es kein Fundbüro!
    - wenn das auge nicht sehen will, hilft auch kein licht -
    ist auch das herz blind, erkennt man die dinge nicht mehr, wie sie wirklich sind

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