Thema: Siedlung

  1. #1
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    Siedlung

    Der Sommerflieder zieht sich von den Gleisen
    bis zu den gelben Häuserreihen hin.
    Am Bahnsteig musste morgens einer speien,
    fürs Taubenvolk ein wahrer Hauptgewinn.

    Der Bolzplatz vor der Hausfront ist ein Marsfeld,
    acht Schmuddeljungen kicken dort den Ball,
    zwei weitere besorgen sich das Milchgeld
    vom kleinen Prinzen aus dem Bonzenstall.

    Die Bengel auf dem Marsfeld kämpfen lautlos
    um Ehre, Stolz, den Ball, um einen Rang;
    das Spiel gewinnt, bei wem das meiste Blut floss,
    wenn er dabei nicht wie ein Mädchen klang.

    Am Montag war der Erste und die Väter
    der Siedlungskinder sind ab Mittag blau.
    Gegessen wird nach Mitte Mai erst später.
    Wenns dunkelt stutzt der Nachbar seine Frau.

    Die Schicksen strahlen nur, wenn einer hinschaut,
    stets wittern sie, wo sich ein Auftritt lohnt.
    Sie schminken sich die Reife auf die Kindhaut
    und hoffen, dass ihr Prinz woanders wohnt.

    Hier leben will wohl keiner. Die es müssen,
    sind hart wie Kruppstahl, zäh und viel gewöhnt.
    Wer schwach ist, kriegt was ab und wird gerissen;
    im Suff wird dann und wann mal kurz gestöhnt.
    Wir lesen uns!

  2. #2
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    Liebe(r) Isaban,

    es liest sich so, als hättest Du Erfahrung in oder mit einem solchen Milieu gemacht. Leider ist es so, dass sich solche Siedlungen als gesellschaftlich getrennte Gemeinschaften bilden und sich so in ihrem
    verhängnisvollen Status generationenübergreifend stabilisieren. Eine sozial gemischte Wohngegend ist nicht erwünscht. Der gesittete Mittelstand möchte das Elend nicht in seiner Nachbarschaft haben. Sieht man es nicht, kann man verdrängen. Falls man davon hört, vergibt man Schuld und hält es für gerecht.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
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    Lieber Hans,

    solche Siedlungen gibt es in jeder Stadt, mal mehr, mal minder ausgeprägt. Ich habe früher in Essen, NRW, gelebt. Dort hat man schon vor Jahren begonnen, die "Brennpunkte" aufzulösen - und das recht erfolgreich.

    Jetzt lebe ich in Unterfranken. In der "großen Kreisstadt" (nee, ist eigentlich eine sehr kleine Kleinstadt, nennt sich nur große Kreisstadt, weil sie die Verwaltungszentrale für den Landkreis ist), in der ich jetzt lebe, gibt es eine Straße, in der sich das Elend sammelt.

    Hier her weist die Stadt all jene, die obdachlos wurden, also diejenigen, die aufgrund von Mietschulden ihre Wohnung verloren, sogar diejenigen, deren Vermieter aufgrund von Eigenbedarf die Wohnung kündigten und die im entsprechenden Zeitrahmen keine bezahlbare neue fanden, die, die aus der JVA kommen, die Flüchtlinge (+ ihre Kinder!), die anerkannt wurden und somit aus den Gemeinschaftsunterkünften der Regierung von Unterfranken ausziehen mussten, aber ebenfalls wegen der akuten Wohnungsknappheit keine bezahlbare Unterkunft fanden (hausgemachtes Problem, der Betrag, der für eine Sozialwohnung bewilligt wird, ist in etwa halb so hoch, wie die Miete der angebotenen Wohnungen), geistig leicht eingeschränkte Menschen, die einen Betreuer haben, aber nur den Sozialhilfesatz - und somit keine andere bezahlbare Wohnung bekommen, 18-Jährige, die aufgrund von pubertärer Penetranz von den Eltern aus dem Hus geworfen wurden, all jene, die aufgrund von Krankheit oder Unglück aus dem sozialen Raster fielen, Menschen mit Mietschulden (z.B. Vater weg, Mutter mit mehreren kleinen Kindern muss aus der zu teuren Wohnung raus)etc.

    Dort ist der Drogenumschlagplatz, dort zählt Kleinkriminalität noch fast zur anständigen Arbeit, da kommt auch schon mal eine Messerstecherei vor und die Polizisten trauen sich fast nur noch im Mannschaftsbus in die "Egerländer". Die Wohnungen sind marode, dort wurde seit Jahrzehnten nichts mehr dran getan; es sind 1-höchstens 2 Zimmerwohnungen, keine Küche, kein Bad. Es gibt noch Gemeinschaftsklos auf jeder Etage und duschen dürfen die Menschen (auch die Säuglinge und Kinder!) dort 1-2 x die Woche in einer fußnahen "Begegnungsstätte", wo sie sich stundenlang anstellen müssen, weil eben alle (oder fast alle, manche haben es ganz aufgegeben) mal sauber sein wollen. Oder sie müssen ins Stadtbad, was nicht besonders preisgünstig ist.

    Wäsche muss mit der Hand gewaschen werden oder sie müssen in die nächstgrößere Stadt (20 km entfernt), in den Waschsalon, den es bei uns nicht gibt. Die Fahrt hin und zurück kostet ungefähr 14€ mit der Bahn (der Weg zum Bahnhof ist fußläufig von dort aus nicht unter 30-40 Minuten zu erreichen, mit mehreren kleinen Kindern bei ungünstigen Wetter eine absolute Tortur) - und Waschsalon kostet ja auch pro Maschine. Das alles soll dann von der "Stütze" bezahlt werden. Die Kinder werden im Kindergarten und in der Schule ausgegrenzt, weil sie stinken und in dreckigen Klamotten rumlaufen, die Erwachsenen haben nichts Vorzeigbares anzuziehen, wenn sie sich irgendwo – sei es nun neue Wohnung oder Job - vorstellen wollen.

    Darauf angesprochen, warum diese menschenunwürdigen Wohnverhältnisse, für die ja die Stadt verantwortlich ist, nicht verändert werden, sagte der Oberbürgermeister, dass man es den Leuten dort nicht zu gemütlich machen sollte, schließlich sollen sie ja noch ausreichend Anreiz haben, sich bald selbst wieder eine Wohnung zu suchen. Dabei gibt es zwei große Probleme: Es gibt zurzeit nicht genügend freien und halbwegs bezahlbaren Wohnraum und wer einmal diese Adresse im Ausweis stehen hatte, wird im gesamten Landkreis von keinem Arbeitgeber mehr eingestellt - die Siedlung ist bekannt und berüchtigt und keiner will sich solche "Kuckuckseier" ins Nest setzen. D.h.: Einmal Siedlung, immer Siedlung. Die Schlange beißt sich in den Schwanz.

    Liebe Grüße

    Isaban (Sabine)
    Geändert von Isaban (20.05.2018 um 11:59 Uhr)
    Wir lesen uns!

  4. #4
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    Liebe Sabine,

    die Aussage von diesem Oberbürgermeister finde ich zynisch und Menschenverachtend. Die Politik fördert den Reichtum in Deutschland und spart an den Ärmsten. Neben dem Reichtum in Deutschland ist Deutschland insbesondere wegen der Ausgrenzung für einen großen Teil der Menschen eins der ärmsten Länder Europas. Dies wird von den Medien selten so dargestellt und meist schöngeredet. Die Politik fördert diese verhängnisvolle Entwicklung und importiert dazu auch noch Armut statt sie zu bekämpfen, dort wo sie ist. Hierzu denke ich, dass die politisch gewollt ist, im Interesse von Wirtschaft und Reichtum.

    LG Hans
    Geändert von Hans Plonka (20.05.2018 um 19:30 Uhr)
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  5. #5
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    Hallo Isaban,

    zuerst las ich natürlich dein Gedicht und dachte bei der ersten Strophe Vers 4: Naja, nächstes mal vor dem Lesen von einem ihrer Gedichte erstmal mit dem Abendessen warten. Diese Szene mit dem Taubenvolk habe ich in meiner Großstadt schon mehrmals morgens beobachten können.

    Wenn ich dann deinen Kommentar #3 lese, fällt ein Groschen: Ich habe vor wenigen Monaten einen Beitrag im TV gesehen, wo ich ziemlich sicher bin, dass es da um die "Egerländer" ging. Denn dieser Spruch des Oberbürgermeisters ist mir noch heute im Kopf.

    Es ist besonders zynisch, wenn man an das Beispiel einer Frau von dort denkt, die nicht rauskam aus der Siedlung, weil sie mal Mietschulden hatte. Sie wollte raus (diese total schimmeligen Räume!), aber keiner bot ihr mehr eine anständige Wohnung an. Sie saß glaube ich seit 15 Jahren in diesem Elend, war anfang 50, sah aus wie 70, vom Kummer zerfressen und depressiv. Dann gabs da Menschen, die Arbeit suchten, wurden abgewunken, wenn sie ihre Adresse nannten. Ein Teufelskreis, aus dem schwer rauszukommen war.

    Da kommt so eine Aussage eines Oberbürgermeisters besonders menschenverachtend. Vielleicht wurde seine Aussage aus dem Zusammenhang gegriffen, man weiß es nicht, aber Ich habe damals gedacht: Ich wüsste gern mal, wie du selbst wohnst. Würde gern sehen, wie du deine Vorstadtvilla betrittst, nachdem Du von der Stadtratssitzung kommst, in welcher der Bau von Duschen in der "Egerländer" abgelehnt wurde.

    Wenn ich nun vom Kommentar zu deinem Gedicht zurückgehe und dann an dies Elendsviertel denke, kommt mir das Gedicht fast zu harmlos rüber. Ich hätte es nicht mit dem Dokumentarfilm in Verbindung gebracht, weiß aber auch nicht, ob dies überhaupt deine Absicht war. Ich persönlich würde mich beim Beschreiben einer so trostlosen Gegend eher gegen Reime entscheiden.

    Die Menschen dort kamen mir nicht hart wie Kruppstahl - so wie du schreibst - vor. Und kämpfen und bluten, ohne dabei wie ein Mädchen zu klingen, tun Jungs glaube ich auch in besseren Gegenden.

    Sehe ich dein Gedicht losgelöst von dem Film, gefällt mir in der ersten Strophe dieser Gegensatz vom blühenden Flieder zum Taubenfestmal. Ein sehr überraschender Schwenk.

    In S2 stört mich etwas der kleine Prinz aus dem Bonzenstall. Dieser wäre in der Gegend nicht zu vermuten.

    In S5 finde ich "Sie schminken sich die Reife auf die Kindhaut" eine sehr gelungene Beschreibung.

    LG
    Richmodis

    Nachtrag: Ich habe einen Ausschnitt des Films auf you tube gefunden. Es war eine Reportage auf Stern-TV. Eine so reiche Stadt, dieses Kitzingen. Und dann solche Zustände am Randbezirk. Als wohlhabender Bewohner von Kitzingen würde ich mich glaube ich fast schämen. Aber eigentlich schäme ich mich auch so schon. Als Deutsche.

    Ganz gleichgültig, wie und warum der Einzelne dort gestrandet ist: Wenn er oder sie den Willen hat, da raus zu kommen und es trotz aller Anstrengungen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht schafft, sind Bund, Länder, Städte oder Gemeinden, also die Gesellschaft der Deutschen, moralisch verdammt nochmal verpflichtet, denjenigen unter die Arme zu greifen,. Bezahlbaren Wohnraum schaffen wäre ein wichtiger Schritt.

    Mir fällt da gerade die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein: Die Einstellung des OB von Kitzingen ähnelt irgendwie der des Ebenezer Scrooge: "Ich zahle meine Steuern ...Sollen sie doch ins Armenhaus gehen ...".

    Der OB wie Scrooge haben das Armenhaus wohl beide noch nie betreten, bevor sie die Entscheidungen trafen, nichts zu geben, weder Geld noch eine Zweite Dusche.

    So. Das ist wohl mein längster Kommentar ever geworden. Am Ende eigentlich mehr ein Kommentar auf deinen Kommrntar. Aber es hat mir unter den Nägeln gebrannt.
    Geändert von Richmodis (21.05.2018 um 01:56 Uhr)

  6. #6
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    Hallo ihr beiden!

    Ja, die Tauben - auch nach meinem Empfinden ein sehr drastisches Bild - der eine kotzt es aus, der andere muss es fressen, weil ihm nichts anderes bleibt - und das ganze unter Blumenduft, damit man nicht gleich riecht, was da so richtig stinkt. Verzeih, wenn dir, liebe Richmodis, dein Abendessen nicht mehr mundete. Ich gestehe, ich hatte versucht, es so zu bebildern, dass erst nach dem Lesen des ganzen Textes die Bedeutung so richtig aufblühte, was vielleicht nicht ganz so gelungen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte - womöglich war es doch noch ein wenig zu subtil angelegt.

    Und ja, es ist beschämend, insbesondere weil Kitzingen wirklich nicht besionders groß ist und Reich und Arm so nah beieinander leben (Da ist es nicht weit vom Bolzplatz bis zum Bonzenstall, liebe Richmodis, und die Bonzenställe sind leicht zu finden.). Und aus meiner Sicht noch beschämender ist, dass der OB die Egerländer wirklich und wahrhaftig besucht hat, bevor er seine Äußerungen tat - er wusste also, wovon er sprach; in meinen Augen Menschenverachtung pur. Noch blöder und realitätsferner als Marie Antoinettes Ausspruch "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Brioche (feines Tafelgebäck ähnlich einem ei- und fetthaltigem süßen Stuten) essen!".

    Den Text habe ich absichtlich etwas "offener" gehalten, etwas "allgemeingültiger" gebaut, weil die Egerländer (im Stadtteil Kitzingen-Siedlung) nicht der einzige Ort ist, an dem es derart hart zugeht und der so gern und gründlich totgeschwiegen wird, wie es hier viel zu lang der Fall war.

    Solche "Siedlungen" gibt es wirklich in jeder Stadt. Und oftmals wird so gründlich weggesehen, dass viele der Einwohner dieser Städte behaupten, sie hätten von diesem Notstand, diesen prekären Zuständen nichts gewusst oder bei Nachfrage die Problematik mit „Das sind die doch selbst schuld!“ von sich schieben.

    In Essen (daher "hart wie Kruppstahl", ein nicht nur deutschlandweit geläufiger "fester Begriff") gab es solche Zustände, solche Brennpunkte, über Jahrzehnte hinweg auch - nur wurde dort das Problem vor geraumer Zeit angepackt und die Situation für alle grundlegend verbessert, wenn auch vielleicht nicht vollkommen ausgeräumt, so doch aber zumindest auf einen guten Weg gebracht.

    In den meisten Städten steht das noch aus - und wird vermutlich noch sehr viel länger ausstehen. Daran wollte ich ein bisschen rütteln.

    Euch beiden noch einmal herzlichen Dank für eure Rückmeldungen.

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

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