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Thema: Schmelzpunkt

  1. #1
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    Schmelzpunkt

    Damals hast du dort gestanden,
    rechte Hand auf linker Brust,
    und sie klopfte eins, zwei, dreimal,
    und sofort hab ich gewusst,

    der kann mir gefährlich werden!
    Dieses Rehbraun deiner Augen
    schien mich förmlich anzusaugen.
    Ich versuchte mich zu erden,

    nur ging das, weiß Gott, daneben,
    doch auch du schienst irritiert:
    Du kamst nah und immer näher,
    lachtest, grüßtest mich verwirrt,

    wow, dann spürte ich das Beben,
    als dein Finger meinen streifte,
    sich mein Hirn auf dich versteifte,
    mein Entschluss mit Tempo reifte,

    unter diesem Blitzschlagknistern;
    ich war angespannt und lüstern,
    aber brauchte nur zu wispern
    und schon kam dein raues Flüstern –

    es erging dir so wie mir.
    An dem Tag verschmolzen wir.
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  2. #2
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    Liebe Isaban,

    das ist ja wirklich in dem „Tempo“ geschrieben, in dem „mein Entschluss reifte“, aber die glaubhafte Schilderung eines „Blitzschlagknisterns“, das in einem ruhigen und lapidaren Zweizeiler und dem Schluss mündet: „An dem Tag verschmolzen wir“. Raffiniert, der einfache Paarreim dort, davor nämlich ist das Reimschema ziemlich komplex:
    S1: ohne Reim
    S2: Kreuzreim
    S3Z1: Assonanz zu „werden – erden“ aus S2, Z3 eine Waise, Z2 + Z4 gereimt
    S4Z1: weiter mit der Assonanz, dann 3facher Reim
    S5: fast 4facher Reim („wispern“ fällt ein bisschen raus)

    Das heißt, mit der zunehmenden Annäherung des "Rehbraunäugigen" und der "Wispernden" wird auch die Reimfolge dichter, am Ende aber bedarf es dieser Kunststückchen nicht mehr.

    Dazu die einfache, unromantische, jedenfalls unverschwiemelte Sprache, die trotzdem farbigere Einsprengsel wie die zitierten verträgt. Allein, wie in S1 das berüchtigte Herz ins Spiel gebracht wird, „wow“.

    Ich weiß nicht mal, ob mir das Gedicht wirklich gefällt, trotzdem:

    Wow!

    Michael
    Geändert von Michael Domas (24.05.2018 um 10:01 Uhr)

  3. #3
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    ich bin gleicher Meinung. hier reisst der drive der zeilen alles in den strudel, der um knistern, flüstern, wispern lüstern kreist.

    (meine grammatikbeseelten Kollegen würden den Bezug von "sie" in Strophe 1 hinterfragen. wenn diese Zweideutigkeit geplant ist, ist sie der einzige plumpe gestaltungsversuch im rauschenden fluss.)

    also mir gefällt's (bis auf... s.Klammer)
    kp
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  4. #4
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    Hallo Isaban,

    Ja, mir gefällt hier vor allem auch der drive bzw. die Sogwirkung der Form, für Erotik ist es mir zu wenig sinnlich und erdig, also zu abstrakt, aber das ist ja bekanntlich Geschmacksache - und ich denke da bestimmt ein bisschen eigen.
    Also diese Verse sagen eigentlich das, was ich empfinde:

    Ich versuchte mich zu erden,

    nur ging das, weiß Gott, daneben, ...





    Liebe Gruß
    albaa

  5. #5
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    Hallo zusammen,

    herzlichen Dank für eure Rückmeldungen!

    @ Michael Domas:

    Hallo Michael,

    schön, dass du dich so tief in und zwischen meine Reime begeben mochtest.
    Ja, das Herz, eine schwierige Angelegenheit in Texten, vor allem, wenn man vermeiden will, zu nahe an die Kitschgrenze zu geraten. Und das "wow", sehr umgangssprachlich, ich weiß. Aber sehr authentisch, auch wenn man es im Normalfall nicht laut aussprechen würde.

    Ich hab mich über deine Ausführungen gefreut. Wenn du dann weißt, ob dir der Text gefällt, kannst du mir gern Bescheid geben.

    Freundliche Grüße

    Isaban

    @ kaspar:

    Hallo kaspar,

    merci beaucoup! Es ist mir eine Freude, dass dir der "drive" gefällt.
    Zu deiner Klammer: Nee, die Zweideutigkeit ist der Geschwindigkeit geschuldet, mit der sich der Text im Kopf zusammensetzte. Ich hatte eine Hand vor Augen, die ein wenig aufgeregt/nervös wegen des Treffens auf die Brust klopft, eher so, als wollte da jemand provisorisch sein Herz zur Ruhe gemahnen oder sicherheitshalber festhalten. Die Doppeldeutigkeit ist mir erst viel später aufgegangen, aber da war ich nicht mehr bereit, das Bild der aufgeregten Erwartung zu zerstören, das mir mein (Tunnel-)Blick immer noch zeigt. Vielleicht sollte ich noch einmal dran feilen. Was meinst du?

    Freundliche Grüße

    Isaban

    Hallo albaa,

    auf dir noch einmal vielen Dank für deine Ausführungen.

    Ich versuchte mich zu erden,

    nur ging das, weiß Gott, daneben,
    Hm, das Zitierte war als Bebilderung eines Versuchs gedacht, Vernunft zu bewahren, ein Versuch, der allerdings im "Sog" unterging und spätestens ab der unvorhergesehenen Berührung restlos scheiterte. Eine "halb-zog-sie-ihn-halb-sank-er-hin-win-win-Situation" zweier eigentlich vernunftbegabter Menschen, bei denen das Knistern die Regie übernommen hat.

    Klar, hier werden keine sexuellen Handlungen beschrieben, hier wälzt sich keiner lustschreiend auf dem Boden, aber Erotik ist ein weites Feld und muss sich ja nicht zwingend gleich in bildlich beschriebener sinnlicher Feuchte und körperlichen Aktionen ausdrücken - auch wenn ich gut gemachte Lyrik solcher Art ebenfalls ausgesprochen spannend finde.

    Es freut mich sehr, dass dir zumindest die Sogwirkung gefällt.

    Liebe Grüße

    Isa
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  6. #6
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    b) kann sein, dass die erotikkritik von albaa hier nicht auf fruchtbaren boden fällt.
    es wird doch durchaus sinnliche feuchte und lustschreiendes sich wälze beschriebenn! also was soll's?

    a) und nein, ich denke nicht, dass solch ein ungewollter syntaxambiguismus eliminiert werden muss. der rambass-stil des ganzen gedichtes erlaubt solche sprachlichen Ungenauigkeiten, er verlangt sogar danach.

    kp
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  7. #7
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    b) Nun ja, die Beschreibung ist zugegebenermaßen eher subtil, die Bebilderung der Körperlichkeiten findet einzig kopfintern statt, daher kann ich albaas Einwand durchaus verstehen - wie gesagt, Erotik ist ein weites (und aufgrund der naturgemäß divergierenden Erwartungen irgendwie schwieriges) Feld.

    a) Ah, gut (Ich bin erleichtert!). Vielen Dank für deine Rückmeldung.

    LG Isaban
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  8. #8
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    hey isaban,

    ich lese ja sehr selten in dieser rubrik, aber ich muss sagen, dass mir dein gedicht ausgesprochen gut gefallen hat.
    ob ich es nun wirklich erotisch empfinde? ich weiß es nicht, aber es zieht mich in die bilder und wie die anderen drei bereits sagten, man fließt im tempo durch die zeilen. mir gefällt auch die klare sprache und man gönnt es dem LI, mit einem freundlichen lächeln, dass das erden dann doch daneben ging.

    liebe grüße
    liara

  9. #9
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    Hallo Liara,

    ja, das mit dem Erden ist immer so eine Sache.
    Es freut mich riesig, dass mein Text dir gefällt, umso mehr, da er ja in einer Rubrik zu finden ist, die du sonst eher meidest.
    Herzlichen Dank für deine Rückmeldung.

    Liebe Grüße

    Isa
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  10. #10
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    Ein tolles Gedicht, Isaban.
    Gefällt mir so wie es ist.
    Ohne große Worte;

    Jonny

  11. #11
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    Hallo zusammen!

    @ Jonny:

    Herzlichen Dank, ich freu mich.

    Freundliche Grüße

    Isaban



    @ L A F Strässler:

    Freut mich sehr, dass es dich packt! Vielen Dank für deine Rückmeldung.

    Hm, da war ja vorher noch kein Beben, das Beben entstand doch erst durch die Berührung. Was genau stört dich denn an "Wow, dann spürte ich das Beben"?

    Freundliche Grüße

    Isaban
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  12. #12
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    Hallo Isaban,

    das hast du wunderschön geschrieben. Da leider schon so ziemlich alles von dem, was ich auch sagen würde, gesagt ist, wiederhole ich nur noch:
    Ein sehr gelungener Spannungsaufbau der durch das wechselnde Reimschema und die gehäuften Reime am Ende perfekt flutscht!

    Mein kleiner Wermutstropfen:
    "An dem Tag verschmolzen wir" betont sich vom Sprachgefühl her "xXXxXxX" , die gewünschte Betonung XxXxXxX bringt ja den Inhalt nicht wirklich auf den Punkt, es geht ja um eben "diesen" Tag, nicht wahr? "Dem" Tag!

    Aber ... das ist egal, denn alles was davor kommt, war wunderbar genug

    Liebe Grüße
    Geändert von MiauKuh (01.06.2018 um 13:23 Uhr)

  13. #13
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    lieber miaukuh
    ein grund für das "flutschen" ist wohl auch der souveräne umgang mit dem trochäischen muster: Es sind sehr viele anapästische zeilenanfänge eingestreut, da passt dann auch dein Wermutstropfen ohne Problem hinein. Einen Anapäst auf der zweiten Silbe zu betonen, macht einen ganz besonderen Reiz, der die Schlusszeile noch stärker aus allem heraushebt.
    An dem Tag verschmolzen wir
    ergibt dann
    xXx xXxx
    also einen Daktylus.
    erst so was lässt flutsch zu.
    kp
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  14. #14
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    hey kaspar,

    jaaaa das ginge natürlich auch, dass so zu betonen, hier ist viel Spiel möglich. Und ja, als Anapäst die Anfänge zu verstehen hätte durchaus seinen Reiz und erlaubt sogar diese kleine, neckische Frechheit in der letzten Zeile. Wobei ich mir bei der Betonung von Tag - unbetont oder betont - unsicher bin.

    Sei gegrüßt

  15. #15
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    an dem Tag verschmolzen wir = xX(X) xXxx
    geht doch super, oder nicht?
    versuchte gerade, einem schüler zu vermitteln, dass
    in einem gedicht von Wilhelm hey über störche

    "da steht es ja" vier betonte silben sind, egal, wie das Versmass sonst laufen mag.

    solche metrikfehler können vom Autor gewollt und als gestaltungsmittel verwendet sein.
    und hat er's unebwusst gemacht, ist's trotzdem o.k.

    finde ich
    kp

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