Thema: Melodei

  1. #1
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    Melodei

    Herz, mein Herz, was soll das Klagen!
    Sieh, der Frühling kehrt' zurück.
    Auch in diesen trüben Tagen
    scheint erneut ein kleines Glück:

    Sonnenstrahlen wärmen wieder,
    Vögel zwitschern ihre Lieder.
    Ach, der Duft vom weißen Flieder!
    Maiennacht senkt sich hernieder.

    In den Gärten kannst du lauschen
    dem geheimnisvollen Rauschen,
    so als ob die Bäume plauschen
    um sich friedvoll auszutauschen,

    dass der Mensch ein Dummkopf sei
    und erhebe groß Geschrei.
    Klagen gäb es viel dabei.
    Und es wär doch einerlei:

    Immer wieder ziehn die Zeiten,
    und wir müssen sie durchschreiten.
    Freud und Leid werden begleiten,
    sind nun mal des Lebens Seiten.

    Leis' erklingt in meinem Herzen
    eine kleine Melodei,
    denn trotz aller tiefen Schmerzen:
    Alles geht einmal vorbei!


    2. Fassung

    Herz, mein Herz, was soll das Klagen?
    Sieh , der Frühling kehrt' zurück.
    Auch in diesen trüben Tagen
    scheint erneut ein kleines Glück.

    Sonnenstrahlen wärmen wieder,
    Vögel zwitschern ihre Lieder.
    Ach , der Duft vom weißen Flieder,
    Maiennacht senkt sich hernieder.

    In den Gärten kannst du lauschen
    dem geheimnisvollen Rauschen,
    so als ob die Bäume plauschen
    um sich friedvoll auszutauschen,

    dass der Mensch ein Dummkopf sei
    und erhebe groß Geschrei.
    Klagen gäb es vielerlei.
    Und es wär doch einerlei :

    Hurtig ziehn die Jahreszeiten,
    lass uns achtsam sie begleiten,
    Leben hat verschiedene Seiten,
    Tore auch, die wir durchschreiten.

    Leis' erklingt wie nebenbei,
    eine kleine Melodei,
    und der Frühling zieht vorbei.
    Geändert von Cara 1963 (26.05.2018 um 16:56 Uhr) Grund: Vorschläge von kaspar und Michael

  2. #2
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    hallo cara
    der drive und die Reimform in den ersten Strophen machen dein gedicht zu etwas eigenem, zu etwas nicht an jeder Strassenecke hingeschissenem.
    in den folgenden letzten zwei Strophen entgleitet dir mmn der Stoff, die zeilen triefen mehr und mehr von kitsch. der metrische ausflug ins kreative in der zeile freud und leid wirft den zug noch zusätzlich aus der bahn.

    Immer wieder ziehn die Zeiten,
    und wir müssen sie durchschreiten.
    Freud und Leid werden begleiten,
    sind nun mal des Lebens Seiten.

    Leis' erklingt in meinem Herzen
    eine kleine Melodei,
    denn trotz aller tiefen Schmerzen:
    Alles geht einmal vorbei!

    wenn du erlaubst, bastle ich ein wenig herum:

    Munter ziehn die Jahreszeiten,
    lass uns achtsam sie begleiten.
    Leben hat verschiedne Seiten,
    Tore auch, die wir durchschreiten.

    Leis' erklingt in meinem Herzen
    eine kleine Melodei,
    und der Frühling zieht vorbei!

    lgkp

  3. #3
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    Liebe Cara,

    Du sagtest einmal, es fiele Dir schwer, Reime zu finden. Davon merkt man hier nichts, Kaspars Lob teile ich.
    Aber auch seine Kritik an den letzten beiden Strophen und finde seine Bastelei sehr ansprechend. Nur das „Leis' erklingt in meinem Herzen“ find ich furchtbar. Dabei lassen sich auf „ei“ viele Reime finden, z.B. „Leis' erklingt wie nebenbei“, oder auch „Leis' erklingt und sorgenfrei“ oder „Leis' erklingt wie Gaukelei / Plauderei / Zauberei“ usw.

    Danke für Dein Trostgedicht

    Michael
    ............................................................................................
    Mehr von mir in "Herzmarinade, Liebesgedichte", Chora Verlag

  4. #4
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    @ kaspar , Michael ,
    als ich das Gedicht schrieb, war mir schon ein wenig plumerant zumute, denn ich dachte an unsere Kitschdebatte und sah euer Stirnrunzeln.
    Nur : Ich empfand mehr Kitsch in den ersten beiden Strophen.
    In den beiden letzten kam ich mir ziemlich weise und abgeklärt vor!
    Eure Vorschläge, lieber kaspar und lieber Michael, gefallen mir jedoch viel besser und so werde ich sie zum großen Teil übernehmen.
    Vielen Dank für eure Mühe!

    Lieber Lorenz,
    vielen Dank fürs Hereinschauen und deine Vorschläge

    LG, Cara

  5. #5
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    Liebe Cara,

    lesend dein Gedicht überkommt mich ein seltsames Gefühl. Es ist, als ob ich in einem Gedichtband aus früherer Zeit lesen würde, und dabei steigen Anmutungen von wehmütigem Glück, Vergänglichkeit und friedvoller Gelassenheit in mir auf wie damals in jungen Jahren, als ich zum ersten Mal
    ein Abendgedicht von Georg Trakl las. Dafür, d.h. für dein Gedicht, danke ich dir von Herzen.
    Vergiss die Kitschdiskussion. Ein selbstkritischer Autor weiß selbst, wenn er mit seinen Aussagen richtig liegt, vorausgesetzt sein Anliegen steigt aus tiefem Innern auf.

    Herzlichen Gruß
    Carolus

  6. #6
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    Hallo Cara,

    eine Herzansprache, wie sie schon Goethe gedichtet hat:


    "Herz, mein Herz, was soll das geben?
    Was bedränget dich so sehr?"

    (Neue Liebe, neues Leben)

    bei dir auf ein anderes Thema gelenkt, den Aufruf zu neuer Hoffnung im Frühling.

    Mir ging es beim ersten Lesen so - und der Begriff "Kitsch" kam mir nicht in den Sinn dabei, dass ich dachte: Das ist ein Frühlingsgedicht, wie ich schon unzählige gelesen und gehört habe, die üblichen vierhebigen Verse, glatte Reime, konventionelle Frühlingsbilder, ganz hübsch, aber nichts Neues unter der Maisonne.

    Beim zweiten Lesen habe ich aber einen Bezug in der Mitte deines Gedichts entdeckt, den ich beachtlich finde:

    B. Brecht hat in seinem Gedicht An die Nachgeborenen geschrieben:

    "Was sind das für Zeiten, wo
    ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist..."

    Ein Satz, der selbst so oft wiederholt und kleingeredet wurde, dass er wie Kitsch wirkt, und über den einige andere Dichter Variationen geschrieben haben.

    Du drehst den Spieß in deinem Gedicht jedoch um und lässt, wenigstens in der Haltung des "als ob", die Bäume über die Dummheit der Menschen sprechen oder besser plauschen (mir fällt kein besseres Wort ein, mit dem ausgedrückt ist, wie es sich anhört, wenn Bäume miteinander reden).

    Das macht dein Gedicht für mich lesenswert!

    Herzliche Grüße
    Tynset
    Geändert von Tynset (27.05.2018 um 16:32 Uhr)

  7. #7
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    @Carolus u. Tynset,

    lieber Carolus,
    ja, die Gelassenheit und vor allem die heitere Gelassenheit, mit der man die Wechselfälle des Leben betrachten sollte, das ist immer noch ein weites Feld für mich. Mal recht fruchtbar und dann wieder ziemlich steinig. Aber ich bemühe mich!
    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!

    Cara

    Hallo, Tynset,
    "es ist alles nur geklaut...!"
    Ja, ich machte eine kleine Anleihe bei Goethe, gefiel mir zu gut!
    In den Gärten, auf die ich aus meiner Dachwohnung blicke, stehen uralte Bäume, richtige Baumriesen, zu jeder Jahreszeit ein prächtiger Anblick.
    In der Nacht sehr romantisch, wenn sie vom Mondlicht beschienen werden.
    Sie wirken so unerschütterlich, ihr Anblick lässt mich meistens innehalten und beruhigt mich.
    Vielen Dank für deinen Kommentar!
    LG, Cara

    Cara

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