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Thema: Paternoster

  1. #1
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    Paternoster

    Ja, lass uns Paternoster fahren,
    weil ich dich so verehr, drum
    so weit, bis wir verkehrtrum
    uns voreinander offenbaren.

    Wir würden beide munter kopfstehn,
    das tuen wir doch sowieso.
    Jetzt würde es fortissimo
    und flott zum Wiedehopf gehn

    zum Kuckuck, Dompfaff und zur Lerche.
    Dann kläng zu unsrem Tete-a-tete
    ein Vaterunser-Stoßgebet
    in unsres Aufzugs kleiner Kerche.
    Geändert von Michael Domas (18.06.2018 um 23:28 Uhr) Grund: Isaban. Kaspar, vgl. auch #19

  2. #2
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    Hallo Michael,

    eine hübsche Idee, witzig, flott und mit interessanten Stilmitteln versehen!
    Ich wende mal meine „Klammermäkelei“ an, ok?

    Freundliche Grüße

    Isaban

    Ja, lass uns Paternoster fahren,
    weil ich dich so verehr, drum (1. Kandenzverbrechen: Diese durch das fehlende „e“ bei „verehre“ unbetonte männliche Kadenz lässt, wie auch das zweite, in V3 durch Elision hervorgerufene KV, den Eindruck entstehen, dass hier - sowie auch in S2 - die Metrik kopfsteht.)
    so weit, bis wir verkehrtrum (2. Kadenzverbrechen)
    uns voreinander offenbaren. (Spannende Ambiguität: Offenbarung, Offenlegung, impliziert sowohl "Offenbarungseid" als auch kirchlichen Bezug, Bindeglied zu S3 - ähm - und impliziert eventuell auch Nacktheit, dann wann ist man offenbarer, als wenn man vollkommen unverkleidet, vollkommen unbekleidet, vollkommen bar aller Dinge, barfuß bis zum Kopf, also nackt ist?)

    Wir würden beide munter kopfstehn, (3. Kadenzverbrechen)
    so ist's mit uns doch sowieso.
    Jetzt würde es fortissimo (also forciert, drängend, schnell – toller Reim übrigens!)
    und flott zum Wiedehopf gehn (4. Kadenzverbrechen – eindeutig ein Serientäter! Auch hier eine nette Ambiguität, impliziert der Wiedehopf doch recht gelungen die Verbindung zur Vogelschar in S3, zeigt zudem die Frisurform, die sich ergibt, wenn man kopfunter hängt - und ein bestimmtes Körperteil (Ja, das Teil!), das ab und an mehr oder minder widerspenstig auf und ab - na, ich lass das Bild mal im Raume stehen.)

    zum Kuckuck, Dompfaff und zur Lerche. (Jede Menge Vogelei und sehr geschickt, wie hier der in einem „Gefluche“ untergebrachte Dompfaff den Bezug zur Aufzugskirche bildet!)
    Dort kläng zu unsrem Tete-a-tete
    ein Vaterunser-Stoßgebet (Stoßgebet - honi soit qui mal y pense!)
    in unsren Aufzugs kleiner Kerche. (Tz, hier wird sogar die Kirche dem Reim und eventuell den „regionalen“ Gegebenheiten angepasst!
    Achtung, Genitiv: in unsres Aufzugs kleiner Kerche)
    Wir lesen uns!

  3. #3
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    Liebe Isaban,

    köstlich, was Du an Bezügen alles aus dem Gedicht herausholst, gerne bin ich der Schuft, der sich Schönes dabei gedacht hat.

    Die „Kadenzverbrechen“, die Du in S1Z2+3 und S2Z1+4 bemerkst, sind Antispaste, der „wahre Dämon der Disharmonie“. Sagt August Wilhelm Schlegel, da seid Ihr also einer Meinung. Claudi nennt dieses Ungetüm „Pfingstochse“ und hat ihm erstaunliche Kunststücke beigebracht, z.B.: "Antispastische Knallfrösche".

    Kerche“ stammt aus dem Kinderlied „Die Vogelhochzeit“.

    Dem Genitiv in der letzten Zeile habe ich seines „s“ gedacht, danke des Hinweises, ist ja peinlich.

    Leider werden die Paternoster, die es noch gibt, stillgelegt. Aus Sicherheitsgründen (technischen, nicht amourösen). Auch mit Vögeln sieht's schlecht aus

    Michael

  4. #4
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    Hallo Michael,

    es war mir ein Vergnügen!

    Auch mit Vögeln sieht's schlecht aus
    Das tut mir aufrichtig leid.

    Aber ich bin sicher, ganz normale Aufzüge können auch recht spannend sein.

    Tröstende Grüße

    Isaban
    Wir lesen uns!

  5. #5
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    das heisst in modernem deutsch nicht "aufrichtig", sondern "aufrichtend".
    kp

  6. #6
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    Lieber Michael,

    Lustig deine Knallfrösche ... also ich plädiere dafür, dass Pfingstochsen (was ist das überhaupt?) in Zukunft Knallfrösche heißen - aber deine sind keine Knallfrösche.

    Aber das steckt viel Gestaltungswillen und Originalität in deinem Metrum und vor allem auch in den Reimen und (jugendfreien ) Untentönen.

    Lieben Gruß
    albaa

  7. #7
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    Ihr Lieben,

    das ist nun wirklich nicht „aufrichtend“ Kaspar, wann hast Du zum letzten Mal einen Kuckuck gehört? (Ich am Montag an der Mosel! Es hat mich glücklich gemacht. Der Rest über den Kuckuck steht in Robert Gernhardts „Die Spötter und der Kuckuck“. ) Und hätte man sich jemals vorstellen können, einen ganzen Tag durch die Feldflur zu gehen, ohne eine einzige Lerche zu hören? Es gibt also, liebe Albaa, tatsächlich auch „jugendfreie Untertöne“. Umso dankbarer war ich, dass Du, Isaban, mir „aufrichtig“ den Honi machtest.
    Denn eigentlich habe ich mir nur von Reim zu Reim und an der Metrik entlanggehangelt. Da ergibt sich ja aber immer einiges

    Michael

    Die „Knallfrösche“, albaa sind nicht meine, sondern die von Claudi. Ganz großer Antispast! https://www.gedichte.com/showthread....llfr%C3%B6sche

  8. #8
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    Lerchen waren kurz aktiv, bevor der Bauer erstmals mit dem mäher über die wiesen fuhr.
    Kuckuck vor 10 Tagen. Ist bei uns eine Sensation.
    Generell kaum mehr was ausser Elstern und Meisen.
    kp

  9. #9
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    Lieber Kaspar,

    es ist furchtbar. Das Kinderlied „Die Vogelhochzeit“ wird bald mehr Arten kennen, als ein Ornithologe noch zu Gesicht bekommt.

    Die Meise, die Meise,
    die singt das Kyrie leise.

    (Das könnte auch anders gereimt werden.)

    Die Elster stiehlt den Jungfernkranz
    und darauf geht´s zum Hochzeitstanz

    Fiderallala, fiderallala
    ??

    Michael

  10. #10
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    Jaja, mit den Vögeln geht's erst nächstes Jahr wieder hoch, wenn die Insekten wieder zunehmen mangels natürlicher Feinde und die Nesträuber wieder abnehmen mangels Futter.
    War da noch was?
    KP

  11. #11
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    Lieber Kaspar,

    dann könnte man das Auf und Ab des Paternosters ja geradezu als Metapher für die Populationsdynamik in der Natur sehn. Einschließlich der Kopfstände

    Michael

  12. #12
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    und die Flaschenhälse?
    vielleicht anstatt das billige "so ist es mit uns sowieso"...
    kp

    so wie du bist
    und wie es ist
    steh ich immer wieder
    mit dir kopf


    wäre zu geistreich für nena, hätte aber was, was deinem gedicht abgeht.

  13. #13
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    Lieber Kaspar,

    „Flaschenhälse“? „nena“? Und wo sollte ich Deinen Vorschlag zum Ersatz von "so ist es mit uns sowieso" unterbringen?
    Sollte meinem Gedicht das „Geistreiche“ abgehen, wäre der Verlust so bedauerlich nicht, oder?

    Michael

  14. #14
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    Flaschenhälse sind in der Evolution bekannter als Kopfstände, wenigstens bis jetzt.
    Neben "uns voreinander offenbaren" und "fortisssimo und flott" hat eh nichts eine Chance, also lassen wir doch das "sowieso" als ultima ratio des Poeten stehen.
    von nena gesungen: Leuchtturm. würde man jenen nonsense-text von dort mit deinem Paternoster mischen, käme vielleicht mein Vierzeiler heraus, wer weiss das schon. was der hätte, was dein gedicht jetzt nicht so sehr hat? Pep!

    (was machst du um 12.44 Uhr im internet?)
    kp

  15. #15
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    Lieber Kaspar,

    sowieso“ ist nicht „ultima ratio des Poeten“, sondern in der Hochliteratur eingeführt: „Geht in Ordnung - sowieso - genau -: Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold“ von Eckhard Henscheid.

    Als Hochliterat war ich natürlich schwer beleidigt, dass Du mich mit Nena vergleichst, von der ich allerdings nur wusste, dass sie irgendwie Schlager singt. Aber von ihrem „Leuchtturm“ bin ich begeistert, jedenfalls von der 2. Strophe.
    Komm geh' mit mir den Leuchtturm rauf
    Wir können die Welt von oben sehn
    Ein U-Boot holt uns dann hier raus
    Und du bist der Kapitän
    O.k., kreuzen wir Paternoster, Leuchtturm und U-Boot und setzen das Ergebnis, Deinen „peppigen“ Vierzeiler oben hin. Einverstanden?
    Danke für die Erweiterung meines Literaturkanons

    Michael
    Festival, hast Du in Baden-Baden nicht versprochen, was über Leuchttürme zu machen?

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