Thema: ABENDSTILLE

  1. #1
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    ABENDSTILLE

    Wenn sich der Tag dem Ende neigt,
    am Horizont die Sonne schwindet,
    der Eichelhäher plötzlich schweigt,
    der See in fahlem Licht erblindet,

    dann legt der Wald sich auch zur Ruh,
    sieht über sich die Sterne stehen.
    Der Tag schließt seine Türen zu
    und Licht ist nun mehr kaum zu sehen.

    Der Fluss fließt ruhig in dunklem Glanz.
    Man hört ganz leis noch eine Grille.
    Es ist ihr Tagesabschiedstanz,
    der ausklingt in der Abendstille.
    Geändert von Alfred Plischka (30.05.2018 um 20:13 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Alfred,

    sehr stimmungsvolle, irgendwie beruhigende und besänftigende, sehr schöne Bilder!
    Du kennst das ja schon; ich schreibe in Klammern zu den einzelnen Textstellen, was mir beim Lesen dazu einfiel.


    Wenn sich der Tag dem Ende neigt,
    die Sonn' am Horizont entschwindet, (Auch das Auslassungszeihen hinter „Sonn“ kann man getrost weglassen. Falls diese Elision/Wortverkürzung bei „Sonn“ als Stilmittel gedacht ist, um das Entschwinden zu bebildern: Gut! Falls nicht, könnte man eventuell auch durch eine kleine Satzumstellung solch eine der Metrik geschuldete Elision in dieser Aufzählung vermeiden, z.B. „am Horizont die Sonne schwindet“ o.ä.)
    die Grille nach dem Zirpen schweigt,
    der See in fahlem Licht sich findet, (Eine Inversion/Satzverdrehung, das „sich“ befindet sich an der falschen Stelle im Satz. Sowas wirkt immer irgendwie gekünstelt oder gestelzt und sollte nur als Stilmittel genutzt werden, um den Inhalt zu unterstreichen. Sollte es als stilistisches Mittel gedacht sein, um das sich Finden des Sees zu bebildern: Hm. Na ja, kann man durchgehen lassen. Falls diese Inversion aus reimtechnischen oder metrischen Gründen geschah: „der See sich fahl beleuchtet findet“ o.ä. würde sie vermeiden.)

    dann legt der Wald sich auch zur Ruh, (Alternativ: „dann legt sich auch der Wald zur Ruh“)
    sieht über sich die Sterne stehn. (warum nicht „stehen“ und „gesehen“?)
    Der Tag schließt seine Türe zu, (eventuell „Türen“, um der Interpretation mehr Raum zu geben?)
    bald ward das Licht nicht mehr gesehn. (Um beim heutigen Sprachgebrauch zu bleiben, könnte man eventuell das „ward“ durch ein etwas jetztzeitlicheres Verb ersetzen, z.B.: „Viel Licht ist jetzt nicht mehr zu sehen“ o.ä.)

    Still fließt der Fluss in dunklem Glanz.
    Man hört ganz leis noch ein paar Grillen. (Nee, die kann man nicht hören, die schweigen seit S1. Hier würde ich die Grillen stehen lassen, in S1 eventuell nach etwas anderem suchen, das da schweigt.)
    Es ist ihr Tagesabschiedstanz: (Sinnzusammenhang zum letzten Vers?)
    Die letzte Lust nach Leben stillen. („Die letzte Lust nach Leben“ bedeutet, dass danach keine Lust am Leben mehr besteht, finito, Todeswunsch. Ich würde versuchen, das Ganze etwas weniger ultimativ zu bebildern, denn immer, immer wieder geht… )

    Also an der letzten Strophe musst du unbedingt noch ein kleinbissl feilen, lieber Alfred.

    Nichtsdestotrotz: Ich habe dein Gedicht sehr gern gelesen.

    Liebe Montagsgrüße

    Isaban
    Wir lesen uns!

  3. #3
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    Die letzte Lust nach Leben bäumt alles nochmal dahin auf wo der Fluss unsere Erinnerungen an diese Momente transportraitiert. Wie eine sonst nur Ahnung gebliebenes Gedicht sich so sehr dem widmet wie etwas verschwindet und dabei langsamer immer deutlicher hervortritt.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  4. #4
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    Hallo Sabine..
    .... um Lebenslust bald neu zu stillen. Bedeutung: heute ist Schluss mit Lebenslust, bald=morgen geht es weiter mit der Lebenslust

    Oder letzte Zeile:.... in dem (Abschiedstanz) sie Lust nach Leben stillen.

    . Bedeutung:im Abschiedstanz haben sie am Ende dieses Tages noch einmal ihre Lebenslust gestillt.


    Soll ich die letzte Formulierung wählen?

    Danke für deine Antwort!

    LG. Alfred

  5. #5
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    Hallo Alfred,

    so richtig stellt mich keine der beiden Alternativen zufrieden. Mit einer perfekten Lösung kann ich allerdings auch nicht aufwarten.
    Vielleicht das Ganze noch einmal ein bisschen sacken lassen und dann noch mal dran feilen.

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  6. #6
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    Hallo Sabine,

    ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung. Die letzte Strophe habe ich folgendermaßen verändert:


    Der Fluss fließt ruhig in dunklem Glanz,
    Man hört ganz leis noch eine Grille.
    Es ist ihr Tagesabschiedstanz,
    der schließlich endet in der Stille.


    Das "Kind" müsste jetzt eigentlich geboten sein. Was meinst du? Ich bin gespannt.

    Einen schönen Abend wünscht dir
    Alfred

    .
    ,
    .



    Hallo Sabine, noch ein kleiner Nachtrag. Durch die Erwähnung von Stille in der Überschrift und dem Wort Stille am Ende der letzten Strophe ist doch jetzt das Thema konsequent zu Ende gebracht und der prozessuale Vorgang der Stille, die ja nichts Statisches ist, sondern sich erst einmal zum Begriff hin entwickeln muss, mit angemessenen Worten deutlich gemacht worden. Ich bin jetzt eigentlich ganz zufrieden. Du auch?
    Viele Grüße
    Alfred

  7. #7
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    Hallo Alfred,

    ich kanns nicht lassen. Dieses "schließlich" bricht aus der Syntax aus, steht im Satzgefüge also nicht an der richtigen Stelle, bildet eine Inversion, eine Satzverdrehung. Wenn sowas als stilistisches Mittel genutzt wird, um den Inhalt zu betonen, ist das vollkommen in Ordnung. Hier kann ich solche eine stilistische Begründung aber nicht sehen. Im normalen Sprachgebrauch würde dort vermutlich stehen "der schließlich in der Stille endet". Das würde natürlich arg aus dem Reimschema ausbrechen. Wie wäre es stattdessen mit "hernach beginnt die Stille" oder (weil "hernach" wohl eher regional Verwendung findet) "danach beginnt die Stille? Dann ist der Vers zwar kürzer als seine Vorgänger, aber das findet ja inhaltlich eine recht gute Begründung. Danach ist es ganz einfach still, was das dabei angewendete Stilmittel der Versverkürzung perfekt bebildert.

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  8. #8
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    Liebe Sabine,
    ich bin schon "ein harter Brocken", aber lernfähig und hoffe, dass ich es bleibe. Ich werde versuchen, die Anwendung ungerechtfertigter Inversionen in Zukunft zu vermeiden und diese "Krankheit" in mir auszumerzen. Danke auf jeden Fall für deine intensive und aufopferungsvolle Hilfe.
    Ich werde deine Anregung aufgreifen und das Gedicht berichtigt ins Netz stellen.

    Besten Dank!
    LG Alfred

  9. #9
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    Danke bestens!

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