Thema: Schummern

  1. #1
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209

    Schummern

    Blausam schleicht die große Graue
    sich ins Blattwerk, ins Geäst,
    mogelt sich ins Ungenaue,
    krallt sich in den Schatten fest,

    wird dann samten, schwer und dunkel,
    schlüpft zum Schluss ins schwarze Nest.
    Überm Dach glitzt Goldgefunkel,
    das die Kinder träumen lässt.

    Münder summen Wiegenlieder,
    Ruhe will gefunden sein.
    Sieh, der Wächter wacht schon wieder,

    sternumflort und doch allein,
    und wer kann, legt sich bald nieder;
    wer viel Glück hat, schläft zu zwein.
    Wir lesen uns!

  2. #2
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    Irgendwo am Niederrhein
    Beiträge
    1.563
    Hei Isaban,

    schön, wie du den schwindenden Tag und die aufziehende Nacht umschreibst. Das verleiht deinem Gedicht etwas märchenhaftes. Der Mond zieht einsam seine Bahn und schaut in viele Fenster und freut sich über ruhig träumende Kinder und glückliche, zufriedene Zweisamkeit.

    Mir persönlich gefällt die erste Strophe am besten, was nicht heißt, dass die anderen schlechter sind.

    Liebe Grüße
    Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  3. #3
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo Sidgrani,

    wie schön, dass du den Text noch einmal aus den Forentiefen hervorgekramt hast!
    Ich dachte schon, er sei sang- und klanglos untergegangen.
    Vielen Dank für deine Rückmeldung. Ich freu mich sehr, dass er dir gefällt.

    Liebe Grüße

    Isaban
    Wir lesen uns!

  4. #4
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    1.478
    hi sid, hi isaban,
    in T2V1 gefiele mir ein simples: Sterne leuchten allen fein oder ähnliches besser.
    ..
    ..
    ..
    Sieh, der Wächter wacht schon wieder,

    sterne funkeln ihm so fein
    und wer kann, legt sich bald nieder;
    wer viel Glück hat, schläft zu zwein.

    ..
    ..
    ..
    sternumflort ist für mich ein harter Brocken, den ich nicht schlucken wollte.

    Ist es ein Sonett? Oder erhebt es Anspruch ein Sonett sein zu wollen?

    lg
    fietje

  5. #5
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo fietje,

    vielen Dank für deine Rückmeldung.


    Ein Klinggedicht ist es auf jeden Fall.

    Ob es nun ein Sonett ist, das kann man sehen, wie man will. Die ganz klassische Aufteilung zwischen These und Antithese in den Quartetten sowie der Synthese in den Terzetten ist hier nicht eindeutig gegeben. Klar, es gibt in den Quartetten zwei Blickwinkel und die Terzette resümieren - aber so 100%ig- na ja. Betrachten wir es ganz streng nach Regel und Norm, würde ja schon allein die Möglichkeit, das Einschleichen ins Blattwerk in S1, v2 mit zwei unbetonten Silben zu Versbeginn zu lesen der Sonettnorm widersprechen, ebenso wie das "Samtenwerden" in S1, V1, das sich ebenfalls
    x x Xx X x Xx betonen ließe und die anderen kleinen stilistischen Spielereien, die der stilistischen Bebilderung des Inhalts dienen.

    Zum "sternumflort": Was spricht gegen diese Wortwahl?

    "Sterne funkeln ihm so fein" empfinde ich als etwas zu "kindgemäß"; es drückt auch nicht wirklich das aus, was ich beschreiben wollte.

    Beim "umflort" finde ich sowohl den Trauerflor passend, der dem Wort innewohnt, als auch das Bild, indem die Sterne ihn umgeben/umhüllen wie ein Schleier und somit die Möglichkeit der Darstellung des vergeblichen Funkelns der Sterne, ein Funkeln, ein Glitzern, ein Geschmeide, das hier nicht über die Einsamkeit hinwegtrösten kann. Gleichzeitig ruft ein "Wächter" ja (bei mir zumindest) irgendwie eine Uniform-Assoziation hervor und das "sternumflort" könnte unserem Unterbewusstsein Medaillen- und Ordensbilder entlocken - gleich hätte man den bewährten, einsamen, alten Hüter der Menschheit vor Augen, der dort droben ganz allein Wacht hält und auf uns niedersieht.

    Freundliche Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  6. #6
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    Irgendwo am Niederrhein
    Beiträge
    1.563
    "Sternumflort" kommt in der Tat nicht so leicht über die Lippen, da stimme ich dir, lieber Butenlänner, zu.

    Medaillen- und Ordensbilder kommen mir beim Lesen allerdings nicht in den Sinn. Der dir, liebe Isaban, vorschwebende Wächter kommt sicher ohne soldatisches Imponiergehabe aus. Wie gefällt dir

    sternumnetzt und doch allein,
    und wer kann, legt sich bald nieder;
    wer viel Glück hat, schläft zu zwein.

    Liebe Grüße
    Sidgrani
    Dichten und dichten lassen

  7. #7
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo Sidgrani,

    nimm es mir nicht krumm, "sternumnetzt" empfinde ich nicht wirklich geschmeidiger als "sternumflort". Wenn dieses "umflort" wirklich als so störend empfunden wird, könnte man eventuell ein "sternbeglänzt" draus machen, das würde zumindest keiner meiner Intetionen widersprechen, auch wenn der angedachte Trauerflor dann wegfällt.
    Was meint ihr dazu?

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  8. #8
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    1.478
    Zitat Zitat von Isaban Beitrag anzeigen
    Hallo Sidgrani,

    nimm es mir nicht krumm, "sternumnetzt" empfinde ich nicht wirklich geschmeidiger als "sternumflort". Wenn dieses "umflort" wirklich als so störend empfunden wird, könnte man eventuell ein "sternbeglänzt" draus machen, das würde zumindest keiner meiner Intetionen widersprechen, auch wenn der angedachte Trauerflor dann wegfällt.
    Was meint ihr dazu?

    Liebe Grüße

    Sabine
    hi sabine, hi sid,

    sternumwoben
    lichtumwoben

    werfe ich noch ins rennen.

    lg
    fietje

  9. #9
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    Irgendwo am Niederrhein
    Beiträge
    1.563
    Hei Sabine, hei Fitje,

    Zitat Zitat von Isaban
    nimm es mir nicht krumm, "sternumnetzt" empfinde ich nicht wirklich geschmeidiger als "sternumflort".
    Da gibt es nichts krumm zu nehmen, ist ja schließlich dein Gedicht. Ich kam auf das Netz, weil sich alle sichtbaren Sterne zu einem großen Netz formen. Bei "Umfloren" denke ich zuerst immer an einen Schleier bzw. einen Trauerflor.

    Zitat Zitat von Butenlänner
    sternumwoben
    lichtumwoben

    werfe ich noch ins rennen.
    "sternumwoben, doch allein". Ja, das ginge.

    "Sternumringt" ist auch nicht so toll oder?

    Liebe Grüße
    Sid
    Dichten und dichten lassen

  10. #10
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo zusammen,

    hm. Ich habe es mir jetzt mehrfach durch den Kopf gehen lassen. Das "umwoben" klingt lyrisch, aber macht den Wächter, wenn man das Bild einer "umwobenen Person" verfolgt, doch eher bewegungsunfähig, das passt kaum zum "Wächter", zum Beschützer, desgleichen das "umnetzt".
    Das hier umstritttene "sternumflort" habe ich ja ausdrücklich (neben den anderen weiter oben aufgeführten Gründen) deswegen gewählt, weil da ein bisschen Trauerflor/von Trauer umgeben mitschwingt. Nichts für ungut, ich glaube, ich bleibe dabei. Keine der anderen Lösungen, nicht einmal mein eigenes "sternbeglänzt" (dem jegliche Traurigkeit fehlt) konnte mich 100%ig überzeugen.

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

  11. #11
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    Irgendwo am Niederrhein
    Beiträge
    1.563
    So sei es!

    L.G. Sid
    Dichten und dichten lassen

  12. #12
    Registriert seit
    Nov 2011
    Beiträge
    1.013
    Hallo liebe Isaban,
    nachdem ich die Kommentare gelesen habe, will ich gleich mal zu Anfang ausdrücken, mir hat das "sternumflort" sehr gefallen und wäre eines der positiv hervorzuhebenden Dinge, die die Wirkung des Gedichts mitbestimmen. Insgesamt hat mir das Gedicht gefallen, weil es sehr anschaulich und einfühlend ein Naturbild vermittelt und durch die Kleimschrittigkeit nacheinander den Prozess der Bewegung lebendig nachempfinden lässt, um langsam eine nachtfühlige, in doppeltem Sinne romantische Stimmung aufziehen zu lassen. An romantische Gedichte erinnern auch die feinen Substantivierungen (die Graue, das Ungenaue) und Komposita (blausam, Goldgefunkel, sternumflort), die das Bild erhaben und gewichtig machen. Dahinter folgt aber mit flüssigem Übergang auch etwas Leichteres, Bürgerlich-Schlichtes. Den Vorschlag "Sterne funkeln fein" fände ich auch ZU kindlich, aber Kinder sind ja schon auch, sogar explizit aufgegriffen, daneben mit Wiegenliedern, Ruhe. Hier hat man das Gefühl, wir sind langsam den Himmelskörpern gefolgt und dann, wo sie bildlich an ein Haus stoßen, ins Gemach getreten, wie die Mutter das Kind zum Schlafen bringt, und gemeinsam mit ihr schauen wir durchs Fenster wieder hinaus. Das Kind ist still, der Wächter schützt, die Mutter lächelt - dieses Bild empfinde ich als sehr friedlich und seelisch ausgeglichen. Daher kann es dann schließlich sanft in einen Spruch ausklingen.

    LG BS

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  13. #13
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    1.478
    Hi,
    die Komposita, die das bürgerlich-schlichte erweitern und neue Räume erobern, in denen wir uns alle wiederfinden, so als würden wir aus dem Hotelfenster blicken und Dortmund sehen, geben dem Leser die notwendige Gelassenheit und Vertrautheit, den Geheimnissen, die eben AUCH unmissverständlich in den Neo-romantischen Werken unserer Zeit mitzuschwingen versuchen, auf die Spur zu kommen. Unweigerlich kommt es hier zu Beginn der zweiten Terzette durch eine tonale Auffälligkeit des "normalen" zu einer etymologischen Reaktion: Flor meint "feines Gewebe", im 16 Jhd. entlehnt aus gleichb. nl. flores; dies über afrz. velous aus lat. villosus "haarig". Einschub eines r auch in frz. velours "Samt". Ja auch unser Flor kann "Haare am Samt" bedeuten: Zeitschrift f. d. Wortf. 14,149 ca 1880. Natürlich bringen bürgerlich-schlichte Einwendungen feline odontoklastische resorptive Läsionen zu Tage, oder eben Florkohlenwasserstoffe (hahaha, nee nee). Begriffe wie Flort, Sternumflort, umflorten, oder eben das zu Recht von Isaban erwähnte "Trauerflor" spielen doch im verborgenen mit...und entfalten ihre ganz explizitäre Wirkung: noch immer bin ich gewillt es zu schlucken!!
    lg fietje

  14. #14
    Registriert seit
    May 2018
    Ort
    Kitzingen
    Beiträge
    209
    Hallo zusammen!

    @Blobstar:

    Herzlichen Dank für deinen freundlichen Kommantar!
    Schön, dass wir konformgehen, was das "sternumflort" betrifft.
    Ich habe versucht, im Text ein wenig Zeitlosigkeit einzufangen, habe versucht, die Stimmung so zu konzipieren, dass man ihn vor 50 oder 100 Jahren genau so empfunden hätte wie heute: beruhigend, entspannend, heimelig, ein paar angenehme Bilder mit in den Traum bringend, etwas, das man Menschen jeden Alters zur Guten Nacht vorlesen kann. Es freut mich sehr, dass das geklappt zu haben scheint.

    Liebe Grüße

    Sabine

    @ Butenlänner:

    Hi Fietje,

    vielen Dank für deine florigen Ausführungen!

    feline odontoklastische resorptive Läsionen
    Ha, gib es zu, du wolltest mich Tante Google in die Arme treiben. Ich gestehe: Du hast es geschafft.
    Interessante Bilder. Gibt es eigentlich Dentisten für Katzen?

    Liebe Grüße

    Sabine
    Wir lesen uns!

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden