1. #1
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    schleiertanz der tonine

    ich werfe dem schwarzen straßenkater
    einen abergläubischen blick hinterher
    am fenster taut ein gefrorener tagtraum

    schwer zu ertragen das klägliche miauen
    der märzkatzen wenn sie versuchen
    sich gegen den lauf der natur zu wehren

    auf den feldern fliegen letzte raben hoch
    krächzen ein nachtlied ins dämmrige
    bis der schlaf aus den mundwinkeln rinnt

  2. #2
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    Hallo Perry,

    Einmal schwarzer Kater: Er läuft wohl von links durchs Bild, den schreienden Märzkatzen entgegen, die dem frühen Ruf der Natur ihr klägliches Miauen entgegensetzen als Protest. Das lyrische Ich sieht und hört, doch der Blick ist abergläubisch und scheel und die Ohren werden besser zugehalten bei diesem räudigen Geschrei, denn Natur ruft alle.

    Am Fenster rinnt ein Tropfen Tagtraum herab, eben noch gefroren und schön wie eine Eisblume fängt der Blick ihn ein, kann ihn aber nicht halten oder ist noch zu abergläubisch, denn schon fliegen die Raben, schwarz wie die Katze, und krächzen ihr Nachtlied.

    Aus den Mundwinkeln rinnt der Schlaf, bekanntlich des süßen Todes Bruder. Speichel oder Blut rinnt für gewöhnlich aus den Mundwinkeln, doch in diesem Gedicht sind die Bilder nicht gewöhnlich.

    Von den frühen Märzkatzen zu den letzten Raben reichen ein Blick und ein Lauschen, Der Tag ein Traum, die Nacht ein Lied, dann kommt schon der Schlaf. Erde ruft.

    Trakl hätte das sicher, schon wegen der vielen A, gefallen – mir auch!

    Grüße
    Tynset
    Geändert von Tynset (04.06.2018 um 21:31 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Tynset,
    freut mich, dass dich die Bilder ansprechen konnten.
    Was die Alliterationen anbelangt, sind sie in diesem Text tatsächlich stiltragend.
    Danke für den Vergleich mit Trakl, auch wenn er viel zu hoch gegriffen ist.
    LG
    Perry

  4. #4
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    Hallo Perry,

    nun über die schleierhaften -tonine aufgeklärt, die bisweilen unsere Sinne trüben können, lese ich dein Gedicht erneut und es fällt mir zuerst auf, dass offenbar weder Blick noch Gehör sonderlich verschleiert sind. Der Blick ist zwar abergläubisch, doch erkennt er den Kater, das Ohr hört Miauen und Krächzen.

    Wenn also Verschleierungen, dann am ehesten durch den Tagtraum, der am Fenster taut und seine Schlieren an der Scheibe hinterlässt.

    Die Tonine wirken wohl am meisten in den Märzkatzen, vielleicht auch in den Raben?

    Trakl bediente sich jedenfalls anderer Stoffe als der im Körper vorkommenden um seine Sinne zu schärfen. Aber damit hat er am Ende doch zu hoch gegriffen.

    Herzliche Grüße
    Tynset

  5. #5
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    Hallo Tynset,
    manchmal erschwert zuviel Wissen um die Intention des Autor, den (unterschwelligen) Blick hinter die reale Bildebene.
    Das Gaukeln auf der realen Bildebene (Aberglaube, Katzenjammern und Rabengekrächze) sind lediglich Gasblasen, die befeuert durch Tonine, aus dem depressiven Gemütssumpf des LI aufsteigen.
    Danke fürs Feedback und LG
    Perry

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