1. #1
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    Der Traum vons Grüne

    Den Großstadtmenschen zieht’s ins Grüne.
    Drum zieht er um nach Jottwede,
    das stärkt das innre Renommee,
    da hellt sich auf die saure Miene.

    Nun ist er endlich umgezogen.
    und stellt besorgt des Morgens fest,
    von Morpheus‘ Tun noch arg gestresst:
    Sein Traum vons Grüne hat gelogen.

    Die Ausfallstraße vor dem Fenster,
    die hat er nicht genug bedacht,
    denn fast noch jede Wahnsinnsnacht
    besuchen ihn geräderte Gespenster.

    Die rattern übers Straßenpflaster
    mit Tempo Hundert oder mehr,
    auch stinkt es reichlich nach Verkehr -
    der ganze Umzug ein Desaster.

    Dann sitzt er da, halb angezogen,
    er flucht auf sich und auf die Welt,
    was hat er da bloß angestellt -
    DAS hätt zum Umzug ihn bewogen?

    Was er noch nie so stark empfunden:
    Im Herzen ziept’s. Was er nur hat?
    Und fern die schöne große Stadt!
    Bedauernd leckt er seine Wunden.

    Ein Nachwort kann ich mir ersparen,
    wohin der Traum vom Grünen führt.
    (Ich tu’s sogleich ganz ungerührt).
    Kein Narr wird weiser mit den Jahren.

  2. #2
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    Welche Eigenarten die ewige Suche manchmal mit sich bringt ist hier sehr gut beschrieben worden. Man freut sich einerseits dass es einen selber noch am Boden hält und man was zum drüber schreiben hat und andererseits bedauert man manchmal nicht noch blöder sich selbst zum Gespött machen zu können. Natürlich nur dem inneren Renommé gegenüber. Weil man dann endlich wirklich mal was zu lachen hätte ohne sich verstellen zu müssen wie hier. Der wird ja wohl noch ein paar Verwicklungen mehr erleben.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    Hallo Rumpelstilz,

    vons "vons" reingelockt, habe ich mich im Domizil im Grünen umgesehen. So kann es gehen, wenn man sich Hals über Kopf entscheidet. Meint, man will es schöner haben, müsse zugreifen, bevor ein anderer ... das isses etc. Und plötzlich merkt man, dass das, was man hatte, gar nicht so schlecht war. Als "die ewige Suche" hat Terrorist es finde ich sehr treffend bezeichnet. Der Eine kommt irgendwann an, der Andere nie.

    Deine Beschreibung ist sehr anschaulich, formal gut gelungen und hat es geschafft, mein volles Mitgefühl für das LI zu erwecken. Nachdem ich mit Lesen fertig war, habe ich geguckt: in welcher Rubrik steht es eigentlich? Und war dann erstaunt, dort, bei Natur, hätte ich es nicht angesiedelt. Aber wo eher? Gute Frage. Satire? Gesellschaft? Oder - für diejenigen, die nicht wissen, was sie wollen - die Flucht in "Diverse"?

    LG Richmodis

  4. #4
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    Hallo Terrorist und Richmodis,

    schön, dass ihr reingesehen habt. Ja, der Mensch nimmt sich erwartungsvoll was vor und stellt dann fest, dass er danebengegriffen hat. Wollen wir hoffen, dass er sich zu helfen weiß. Danke für eure mitfühlenden Kommentare.

    Lb. Gruß, Rumpelstilz

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