1. #1
    Liara ist offline free flying butterfly
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    die nacht der beerdigung

    neuere Version:

    heute nacht
    steigt die freiheit
    übers dach.

    unheimlich wimmert stillstand
    und selbst elend liegt in agonie.
    vom grabstein tropft gestern ins grab
    dort unten proben bleiche gebeine
    den aufstand.

    flüsternd
    halte ich die grabrede,
    trauerlos.

    von oben
    starrt die freiheit
    und schenkt sich mir.


    erste Version:

    heute nacht
    steigt die freiheit
    übers dach.

    hörst du das?
    unheimlich wimmert stillstand
    und selbst elend liegt in agonie.
    vom grabstein tropft schon
    das gestern ins grab.
    sieh nur!
    dort unten
    proben bleiche gebeine
    den aufstand.

    flüsternd
    halte ich die grabrede,
    trauerlos.

    von oben
    starrt die freiheit
    und schenkt sich mir.
    Geändert von Liara (08.06.2018 um 10:42 Uhr)
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  2. #2
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    Hi Liara, warum Arbeitszimmer? Weil dein LI noch auf Ueberarbeitung hofft und auf dass es dann doch gesundet weiterleben kann, denn mich duenkt, hier gibt‘s nur ein LI, das tote, hoffnungslose, welches nach oben aber auch nach unten schaut, sich wie von sich losgeloest selber betrachtet und sein Tod als das Ende der Qualen sieht, aus dem Neues entstehen kann, oder so? Ich finde dieses Gedicht sackstark. Die Verzweiflung ist greifbar, brutal ehrlich, herzzerreissend, auch weil offen bleibt, ob die Erloesung im Tod oder im Darueberstehen gefunden wird, wenn ueberhaupt. Ich wuensche deinem LI einen wunderschoenen, gesegneten Tag, dein Lorenz
    ausgezogen
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  3. #3
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    starke worte für einen unheimlich stillen moment.
    wenn ich denn etwas ändern würde: "sieh nur! dort" könnte man weglassen, vielleicht.
    oder doch das "sieh nur!" stehen lassen, weil es den Appell verstärkt?
    und mit Strophen zu "riechst du" und "spürst du" ergänzen?

    kp

  4. #4
    Liara ist offline free flying butterfly
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    Hallo Lorenz, hallo Kaspar,

    vielen Dank für eure Worte und euer Lob. Eure Gedanken dazu sind sehr interessant. Ich habe das Gedicht in die Werkstatt gestellt, da ich gerne erleben (sehen) möchte, wie aus einem nicht ganz schlechten Gedicht ein perfektes Gedicht werden könnte. Und was macht ein solches überhaupt aus.
    Die Form ist ja relativ einfach und hauptsächlich durch Umbrüche gestaltet.
    Wäre es in gereimter und durchgetakteter Form intensiver in der Aussage oder verlöre es?
    Inhaltlich habe ich nur Bilder aufgestellt. Das einzige geschriebene Gefühl ist "trauerlos". Eigentlich Positives nimmt eine verbal heftig düstere Gestalt an.

    Ich habe versucht "ein du" einzubeziehen, indem ich es direkt angesprochen habe. Ich habe den Eindruck, dass es dich, Kaspar, eher stört, deshalb stelle ich eine Version ohne darüber.
    Die Aufgabe des LI dürfte klar sein.

    Herzlich
    Liara
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  5. #5
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    nein, es stört nicht mich. aber es könnte auf dem weg zum perfekten gedicht möglicherweise zu wenig an Kommunikation sein. deshalb meine Idee, es noch in anderer form anzurufen.
    kp
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  6. #6
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    Hi, dieses Gedicht spricht fuer sich selber und verlangt keine Aenderungen, jedoch ihr steht offensichtlich auf Kommunikation, was manche Leiche ans Tageslicht bringen kann und meine Zustimmung findet. Anruf angekommen? LG, Lorenz
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  7. #7
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    ja, ist ja gut. man kann durchaus die Originalversion behalten. oft ist das sowieso eine gute Politik. aber ein wenig merkeln wird man wohl noch dürfen.
    kp

  8. #8
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    wenn ein gedicht im arbeitszimmer steht, ist merkeln (was auch immer du genau damit meinst?) erlaubt.

    wenn es mir gelingt, würde ich gerne, noch das gleiche gedicht in anderer form einstellen, aber kommunikation? wer soll den da mit wem sprechen? das müsst ihr mir schon genauer erklären.

    lg liara
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  9. #9
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    Zitat Zitat von Liara Beitrag anzeigen
    Ich habe das Gedicht in die Werkstatt gestellt, da ich gerne erleben (sehen) möchte, wie aus einem nicht ganz schlechten Gedicht ein perfektes Gedicht werden könnte. Und was macht ein solches überhaupt aus.
    Hallo Liara,

    was macht ein perfektesGedicht aus? Diese Frage kann ich nicht allgemein beantworten. Wörtlich bedeutet per-fekt (Lateinisch: per-ficere / Partizip Perfekt Passiv: per-fectus) soviel wie "vollendet", "durch und durch gemacht", "zu einem einheitlichen Ganzen abgeschlossen, sodass es Vollkommenheit erreicht hat".

    Ich gehe davon aus, dass du an diesem Text länger gearbeitet, gefeilt, ihn im Kopf und auf dem Papier (oder Bildschirm) immer wieder gedreht und gewendet hast und dass sich dir irgendwann die Frage gestellt hat "Ist er jetzt fertig?"

    Wie fühlt sich das an, wenn etwa ein Gedicht, an dem du intensiv gearbeitet hast, "fertig" ist? Woran lässt sich das messen?

    Indizien für mich, dass dein Gedicht fertig ist und ich beschränke mich auf die neuere Version, die mir besser gefällt, sind:

    - die Freiheit vom Anfang kehrt am Ende wieder, damit schließt sich ein Kreis

    - die Worte und Bilder sind vielschichtig und spielen mit der Sprache (Freiheit steigt übers dach / die gebeine proben den aufstand), um nur zwei Beispiele zu nennen. Es stellen sich zahlreiche Bezüge / Assoziationen her.

    - die Bilder sind bis aufs Äußerste verknappt

    Ich persönlich würde versuchen, diese Verknappung in den beiden Mittelstrophen noch weiter zu treiben, etwa:

    stillstand wimmert,
    elend liegt in agonie.
    vom grabstein tropft gestern.
    dort unten proben die gebeine
    den aufstand.


    Und wie perfekt wäre unsere Sprache, wenn sie für diese beiden Wörter:

    flüsternd
    halte ich die grabrede,
    trauerlos

    ein einziges kurzes kennte!

    Herzliche Grüße
    Tynset

  10. #10
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    Hallo Liara,

    starker Text. Nur an einer Stelle bin ich mir nicht ganz sicher:

    und
    selbst
    elend liegt in agonie.
    "Selbst" hat m.E. keinen Mehrwert und dadurch den den Charakter eines Füllwortes. Ich hätte da vermutlich, wenn nicht ganz gestrichen, eher zu einem Adjektiv gegriffen.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  11. #11
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    Selbst AD müsste hier erkennen, was dieses selbst bedeutet.

  12. #12
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    das, k.p. soll doch jeder für sich selbst herausfinden - aber das muss ich dir nicht sagen-das solltest selbst du wissen.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  13. #13
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    Hallo Tynset,

    ich habe auch keine Ahnung, wie ein perfektes Gedicht aussehen sollte, aber hier wird so viel hin- und herdiskutiert und die Meinungen sind manchmal so unterschiedlich, und das eine Argument klingt logisch und manchmal das Gegenargument ebenfalls. Und dann kann man sich gar nicht mehr entscheiden oder am Ende kommt etwas dabei raus, das eine völlig andere Aussage hat, aber wirklich schön geformt ist.

    Wann ist nun ein Gedicht fertig? Ich weiß es manchmal nicht. Oder es liegt Monate, ja Jahre vermeintlich fertig da und plötzlich, schreibt es sich fast alleine um, in wenigen Minuten und kommt "fertig" schon erheblich nahe.

    Mit meiner neueren Version fühle ich mich eigentlich schon ganz wohl. Die Einwände von Kaspar waren sinnvoll und haben mich weitergebracht. Deine weitere Verknappung lasse ich mir durch den Kopf gehen, mir fehlt dabei, wohin das Gestern tropft. Aber auch wie beim Vorschlag ist es ohne "selbst".

    Ich danke dir sehr für deinen Kommentar.
    Liebe Grüße
    Liara

    Hallo AD,

    herzlichen Dank für dein Lob. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, ob ich das "selbst" herausnehmen möchte. eigentlich ist es ja nicht bedeutungslos. War jetzt nicht als Füllwort gemeint.

    Auch liebe Grüße an dich
    Liara
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  14. #14
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    Hallo Liara,

    wegen mir musst Du es nicht herausnehmen - höre einfach auf deinen Bauch...der weiß es am besten (für dich). In den seltensten Fällen greift man bewusst zu einem Füllwort. Schon der Name sagt aus...dass es eine Lücke füllen soll. Das Füllwort ändert nichts an dieser Lücke. Die Lücke wird "nur" optisch ausgefüllt...die semantische Lücke bleibt. Natürlich kann "selbst" für sich eine Bedeutung haben...ist aber bei deinem Text nicht der Fall.

    Beispiel: "Anke und Paul wagten eine Achterbahnfahrt - selbst ich saß mit im Wagen...sogar ganz vorn". Dieses "selbst" sagt aus, dass es für dich alles andere als selbstverständlich ist...z.B. weil Du ängstlich bist...dir schnell übel wird....usw.

    heute nacht
    steigt die freiheit
    übers dach.

    unheimlich wimmert stillstand
    und selbst elend liegt in agonie.
    wenn alles im Stillstand liegt...warum nicht auch die Agonie?!? Das meinte ich mit Mehrwert. Es gibt keinen Grund das Elend explizit zu erwähnen.
    Bei der Achterbahnfahrt ist das anders -es ist für den Zuhörer eine Überraschung, dass auch Du mitgefahren bist. Es wäre keine Überraschung...würde dich der Zuhörer nicht kennen.

    Wirst jetzt vielleicht denken "so viel Aufhebens wegen eines Wortes"...aber der Teufel steckt manchmal im Detail. Deine Texte sind durch die Bank weg alle sehr lesenswert und gut gemacht...sprich handwerklich ausgereift und durchdacht. Nur deshalb äusserte ich überhaupt mein Bedenken bzgl. "selbst". Nicht als Kritik...sondern als einen Haltepunkt. Oder anders ausgedrückt: Einen Einwand...den Du zu reflektieren weißt - ganz unabhängig davon zu welchem Ergebnis du letztendlich kommst. Wir sind hier in der Werkstatt - manchmal ist der ganze Motor im Eimer...mal sitzt nur ein Kabel locker. So oder so...man muss nachschauen.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

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