1. #1
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    Verfolgungswahn

    Niemand nahm Notiz von der fliehenden Frau, die sommerlich leicht bekleidet, in der aufkommenden Dunkelheit, den Fußweg entlang rannte, sich dabei immer wieder mit angstgeweiteten Augen umschaute.
    Nichts, sie schien entkommen zu sein. Heftig atmend drückte sie sich hinter einer Reihe Tonnen an die Wand. Dort kauerte sie unbeweglich, geräuschlos, und wie ihr vorkam, Ewigkeiten. Ihr Herz schlug heftig und der Puls dröhnte unangenehm in ihren Ohren.

    Dinge geschahen, so lang schon,
    unerklärlich, seltsam, nachteilig.
    Malheure brachten Ärger.
    Der Fokus der Mitmenschen
    schnürte ihr den Hals, nahm ihr
    den Atem.
    Verunsicherung bauschte sich auf.
    Beteuerungen verrauchten
    in fadenscheinigem Lächeln.

    Weitere Leute kamen
    und brachten offene Feindseligkeit,
    Hass, Verleumdung, echte Gefahren.
    Beobachtet und belauscht?
    Von Schleimern und Heuchlern
    denunziert und gerufmordet.
    Vereinsamung, Spießrutenlauf,
    Hetze gefolgt von Zusammenbruch.
    Angst.

    Zeugenlos, beweislos,
    verlacht, verachtet
    im Verfolgungswahn
    startete sie
    endlich eine Offensive.

    Schließlich wagte sie aufzublicken, sie konnte nicht die ganze Nacht hinter den Tonnen verbringen, und sah direkt in die hasserfüllten Augen eines Chefs. Er schrie sie an, schrie mit überschlagender Stimme: "Ich werde dich vernichten!"

    Sie war ihm schon mal begegnet,
    früher, in ihrer Jugend,
    da hatte sie sich nicht erpressen lassen
    von ihm
    - zu einer gemeinsamen Nacht.

  2. #2
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    Die junge Frau damals hatte nicht eine potente Fürsprecherin, vielleicht nicht einmal eine verständnisvolle Zuhörerin.
    Indem du diesen Text schriebst, könntest du beides für sie sein. Ein Glück.

    Ich würde die letzte Zeile ersatzlos streichen. Sie klingt viel zu "harmlos" verglichen mit allem, was vorher kommt.

    Vielleicht könnte man auch "startete sie eine Offensive" irgendwie bildhafter erzählen? z.B. "fühlte sie die Erde unter ihren Händen"

    kp

  3. #3
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    hey kaspar,

    ich mache mir gedanken wegen der offensive. "fühlte sie die erde unter ihren händen" verstehe ich nicht. magst du mir das erklären?

    die junge frau von damals stand sicher alleine da. aber was ist mit dem LI von heute, braucht es keine fürsprecher? oder ist es nicht klar, dass sich mit "verfolgungswahn" nicht das LI gemeint ist? was ist, wenn man dem wort einen umgedrehten sinn gibt?

    ob ich den letzten satz weglassen soll, bin ich mir nicht sicher, denn es zeigt die ursache- und unangemessene folge-wirkung. verwischt das nicht, wenn ich ihn weglasse?

    liebe grüße
    liara

    nachtrag: ich mache es deutlich - es geht hier nicht um die paranoia, einer an wahrnehmungsgestörten frau, sondern um den menschen, in einer machtposition, die/der seine/ihre macht missbraucht.

    und noch etwas: täter neigen dazu, die "opfer" als gestört hinzustellen oder sie zumindest lächerlich zu machen und unglaubwürdig, um ihr eigenes gestörtes handeln zu rechtfertigen - auch vor sich selbst.

    zu deutsch: man kann verfolgungswahn auch eine ganz andere bedeutung zuweisen.
    Geändert von Liara (10.06.2018 um 14:49 Uhr)

  4. #4
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    Da bekommt man ja richtig Lust auf neues ein Hobby welches wie solches das kann so schön alles mit Action und trotzdem ist nicht zum Lachen. Gerade da die Technologie diesen Verhaltensbereich sehr fördert, ist es doch verwunderlich wieso Schattenseite immer dunkel sein muss bei sowas.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    lieber terrorist,

    schattenseiten sind nunmal dunkel, die frage ist nur, ob dann das licht von rechts oder von links auf das objekt fällt. und doch, manchmal ist lachen die beste medizin.

    danke für deinen kommentar
    liebe grüße
    liara
    Geändert von Liara (10.06.2018 um 14:49 Uhr)

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