Thema: verlässlich

  1. #1
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    verlässlich

    Immer steht er dann nackt am fenster
    und spielt gemächlich mit seinem glied
    wenn ich zu ihm trete
    dreht er sich um und berührt mich
    im kalten hauch der von den scheiben reflektiert
    lege ich mich auf den Rücken
    er neben mir knieend aufgerichtet
    seine wärme streift über mich
    der raum ist ganz still
    während wir atmen während
    er mich streichelt mit ausgetreckten armen
    an meinen orten
    glüht es wie nacheinander angeknipst
    ich öffne meine beine oder er
    schiebt sich über mich
    stützt sich auf seine arme hoch
    (heute ohne armbanduhr)
    nur mit der spitze seiner eichel dringt er ein
    öffnet mich lässt mich sich schließen
    langsam immer wieder
    während wir atmen während
    ich an seinem körper entlangstreiche
    mit den Fingernägeln
    ihm bedeute jetzt schneller
    tiefer langsamer schneller tiefer
    ausgefüllt mein herzschlag mein herz
    ist er mein geschlecht mein schoß
    er weiß mich so wir nehmen uns
    während wir atmen während
    die hitze über uns zusammenschlägt
    und ich mich aufbäume
    er aber weitermacht als wär nichts
    bis ich mich aufbäume und er
    in mich schlägt in meine schwellung
    und wieder langsam und er sich
    verliert in mir und findet und kommt

    Du solltest mehr sport machen sage ich
    du keuchst. Gab ich dir anlass erwidert er
    zu beschwerden oder nicht doch eher
    zu einer hymne.
    Dann hymne ich sag ich.
    Geändert von Michael Domas (11.06.2018 um 10:47 Uhr) Grund: Isaban, am Ende von S1 "entleert" durch "kommt" ersetzt

  2. #2
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    Hallo Michael,

    verzeih, wenn ich mit der Tür ins Haus falle, aber das "nackend" in Z1 ist so umgangssprachlich, dass es in einem solchen Text unangenehm heraussticht. Wie wäre es da mit einem schlichten "nackt"?

    Mir fällt es nicht leicht, diesen Text zu kommentieren, weil er auf mich ein wenig wirkt wie "zu sehr aus dem Nähkästchen geplaudert" und nach solchen Äußerungen ist man sowohl als Autor wie auch als Kommentator leicht angreifbar. Noch dazu ist diese meine Empfindung natürlich eine sehr subjektive Angelegenheit und gerade was Erotik betrifft ist alles eine reine Geschmackssache. Nicht falsch verstehen, ich finde ihn nicht schlecht, er ist nur nicht das, was in meiner Vorstellung knistert.

    Womöglich liegt ja auch für viele Leser der Reiz dieses Textes gerade in der Schlüssellochposition, die er dabei einnimmt.

    Was mich an diesem Text ein wenig stört ist, dass nicht wirklich viel der Fantasie des Lesers überlassen bleibt, die Beschreibungen sind schon sehr explizit (und dennoch ganz gewiss nicht pornografisch oder geschmacklos zu nennen, sondern durchweg sehr liebevoll - bis auf diese seltsame Bemerkung mit der Uhr, die vielleicht einem Akteur durch den Kopf schießt, der noch nicht ganz bei der Sache ist) und wirken sehr persönlich, was bestimmt den einen oder anderen mitzureißen vermag - aber es ist halt nicht das, was mich jetzt mitreißen oder kribbelig werden lassen würde.

    Mein "Kopfkino" wird durch diese sehr detailgetreuen Darstellungen eher eingeschränkt, aber - wie gesagt - da funktioniert wohl jeder anders.

    Vielleicht ist dieses "immer" zu Beginn ein wenig ungeschickt, denn jedes "immer" zeigt zwar, dass es sich um eine längerfristige Beziehung geht, birgt aber Routine, birgt Gewohnheit, zeigt, dass es da fest vorgegebene Abläufe, dass es ein festgefahrenes Schema gibt - alles Sachen, die mich eher ab- als erregen - jedoch ist auch dies natürlich eine höchst subjektive Sicht der Dinge.

    Als sehr gelungen betrachte ich, wie hier der Text Tempo aufnimmt:

    ihm bedeute jetzt schneller
    tiefer langsamer schneller tiefer
    ausgefüllt mein herzschlag mein herz
    ist er mein geschlecht mein schoß
    er weiß mich so wir nehmen uns
    während wir atmen während
    die hitze über uns zusammenschlägt
    und ich mich aufbäume
    er aber weitermacht als wär nichts
    bis ich mich aufbäume und er
    Das Entleeren kurz vor dem Dialog hingegen empfinde ich als drastisch unerotisch, sowas klingt eher nach Stuhlgang als nach Orgasmus. Falls also nicht ausdrücklich die zärtliche Stimmung gebrochen werden soll, wäre hier m. E. n. vielleicht ein anderer Ausdruck angebracht.

    Warum nur die vereinzelt gesetzten Punkte hinter "anknipst", "entleert" und ganz zum Schluss? Beim Entleeren und am Ende kann ich es vielleicht in einem ansonsten interpunktionsfreien Text nachvollziehen, aber nach dem "Anknipsen" geht es ja doch eigentlich erst richtig los, oder übersehe ich da eine stilistische Begründung?

    Die meiner Ansicht nach lyrischste Stelle und gleichzeitig auch meine Lieblingsstelle in diesem Text:

    ausgefüllt mein herzschlag mein herz
    ist er mein geschlecht mein schoß
    er weiß mich so wir nehmen uns
    Freundliche Grüße

    Isaban

    Edit: RS
    Geändert von Isaban (11.06.2018 um 16:35 Uhr)
    Wir lesen uns!

  3. #3
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    Liebe Isaban,

    ja, dass ich mich „als Autor angreifbar gemacht“ habe, ist auch mein Gefühl, deshalb bin ich Dir umso dankbarer, dass Du das Risiko eines Kommentars eingegangen bist, obwohl Dir das „Explizite“ (die „Schlüssellochposition“) nicht behagt. Darüber, wie sehr Erotik der „Fanatsie des Lesers überlassen bleiben“ sollte, ließe sich lange und grundsätzlich diskutieren, Du hast das ja sehr differenziert angesprochen, und vielleicht ist es wirklich „reine Geschmackssache“. Ich habe auch den Eindruck, dass Frauen Explizites eher weniger mögen als Männer. Ich selbst habe oft sehr explizit geschrieben, manchmal noch expliziter. Der Balanceakt zwischen Pornografie und Geschmack hat mich immer gereizt.

    Hier habe ich mir ein Ehepaar aus dem Personal von Jane Gardam („Ein untadeliger Mann“) vorgestellt, Lord und Lady sozusagen, stiff upper lip irgendwie. Ein Paar, das trotz (?) langer Zusammengehörigkeit (deshalb die Eröffnung mit “Immer”) noch Sex hat. „Verlässlichen“! Muss ja nicht „mitreißen oder kribbelig werden lassen“, aber immerhin, zwischen den beiden scheint es zu funktionieren, ja, die „fest vorgegebenen Abläufe“ werden vom LI sogar als Vorteil empfunden („er weiß mich so“). Jedenfalls herrscht nicht die Tristesse, in der sich S69, Aron Manfeld und manchmal Andere Dimension so gerne ergehen.

    Die Bemerkung mit der Uhr finde ich selber „seltsam“. Vielleicht ist ein Akteur „nicht ganz bei der Sache“, kann sein. Aber von etwas ergriffen zu sein und gleichzeitig an blöde Kleinigkeiten zu denken, schließen sich nicht gegenseitig aus. (Meine Lieblingsstelle dazu: Wenn in Italo Svevos „Zeno Cosini“ der Protagonist in Panik gerät, weil sein Vater stirbt, er aber (schuldbewusst!) darüber nachdenkt, wie peinlich es ist, wenn gleich der Arzt kommt und das Loch im Strumpf des Vaters sehen wird.) „(heute ohne armbanduhr)“ weist, glaube ich, darauf hin, dass es tatsächlich ein „festgefahrenes [?] Schema“, jedenfalls ein Schema gibt, so dass auch kleinste Veränderungen wahrgenommen werden. Oder heißt es, dass „er“ heute nicht auf die Zeit guckt?
    entleert“ sollte natürlich nicht an „Stuhlgang“ denken lassen, sondern ist ganz bewusst so nüchtern hinter „ausgefüllt“ und „sich verliert in mir und findet“ gesetzt. Aber jetzt ist die Stelle natürlich scheiße kontaminiert und ich werde „entleert“ durch das (schlichte) „kommt“ ersetzen.
    nackend“ in Z1 hätte ich eher für einen Lyrizismus als für Umgangssprache gehalten, aber Du hast recht, das „schlichte“ (!) „nackt“ ist besser.

    Die Punkte hinter "anknipst", "entleert" und ganz zum Schluss kommen weg, danke für den Hinweis.

    Und danke, dass Du in dem Text, der Dein Kopfkino nicht ist, doch Zärtlichkeit und Liebevolles entdeckt hast

    Michael

  4. #4
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    Aus meiner comic-lese-Zeit blieb mir ein new Yorker Ausdruck für sex in Erinnerung, der hiess "den Abfalleimer vors Haus tragen". was spricht also gegen "entleert"?
    kp

  5. #5
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    Weil es sich hier anbietet, Michael:
    Zitat Zitat von Michael Domas
    Ich habe auch den Eindruck, dass Frauen Explizites eher weniger mögen als Männer.
    Das zeigen doch auch Studien und es passt auch zum Konsum von Pornografie, der visuell deutlich von Männern betrieben wird, die ohnehin das Visuelle lieben. "Männer Lieben mit den Augen, Frauen mit den Ohren" hieß es doch von Oscar Wilde. Mir gefallen deine Texte, da sie expliziter sind, deutlich besser als die, die so sehr "Tristesse" sind. Aber hey, darum schau ich ja auch hier rein und bin gespannt, was du servierst und wie du es drapierst ... Zwar gab mir der Text thematisch jetzt nicht das was ich dachte, aber geschrieben ist er gut.

    Liebe Grüße

  6. #6
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    Lieber Michael,
    diese Art von Verlässlichkeit habe ich immer sehr genossen,
    und daher finde ich dein Gedicht durchaus erotisch!

    LG, Cara

  7. #7
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    Lieber Michael,

    Ich mag Explizites, wie du weißt , wenn es so schön menschelt wie hier. Gar nicht schlecht, wie du in die Frauenrolle schlüpfst.
    Ich switche auch gerne in die Männerrolle bei erotischen Gedichten, weil ich da freier bin, also weniger Ahnung habe, was ein Mann wirklich empfindet, sodass ich freier dichten kann.

    Ich war überrascht über deine Erklärung, ich hätte die Beiden für gut aufeinander eingespielte Fremdgeher in einem Hotelzimmer gehalten (nicht nur wegen der Armbanduhr), die Gefühle lieber nicht aufkommen lassen. Anstatt danach verliebt zu kuscheln, beschwert man sich lieber cool über die mangelnde Fitness des Geliebten. So eine Ansage kann nur einem männlichen Gehirn entspringen; Männer sehen vieles, also eigentlich fast alles im Leben als Leistungssport an. Selbst wenn sie kochen, machen sie einen Wettbewerb daraus. Sie tun mir eh leid

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (11.06.2018 um 18:37 Uhr)

  8. #8
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    Lieber Kaspar,

    „den Abfalleimer vors Haus tragen" für sich „entleeren" – waren das Robert Crumbs Comics? So ziemlich die Gegenwelt von Jane Gardam.

    Lieber MK-Werner,

    danke für's Lob. Und Du teilst auch meinen Eindruck, dass Frauen Explizites eher weniger mögen als Männer.

    Liebe Cara,

    das gilt ja eigentlich auch für Dich. Da Du mein Gedicht trotzdem erotisch findest, bin ich wohlgemut, dass mir die Balance gelungen ist. Wenn Du mal wieder „erotisch dichten möchtest“ regt Dich der Text vielleicht an,

    Liebe albaa,

    „schön menschelt“ gefällt mir. Und Deine Erklärung zu den Vorteilen des Rollenwechsels beim Schreiben gefällt mir.

    Die Beiden könnten auch „gut aufeinander eingespielte Fremdgeher in einem Hotelzimmer“ sein, ja, es läuft dann jedoch auf's selbe raus. Aber lassen die zwei tatsächlich „Gefühle lieber nicht aufkommen“? Wenn „er sich verliert in mir und findet und kommt“ – was fehlt da noch? Selbst der kleine anschließende Dialog scheint mir zwar spöttisch, aber liebevoll spöttisch.
    Und um das Mann-Frau-Ding noch eine Drehung weiter zu schrauben: Mir scheint das Interesse einer Frau an der „(mangelnden) Fitness des Geliebten“ nicht ungewöhnlich. Wenn „Männer vieles, also eigentlich fast alles im Leben als Leistungssport ansehen“, dann tun sie das oft, weil sie eine Frau beeindrucken wollen. Frauen lassen sich auch durchaus von sowas beeindrucken, das ist ein Spiel auf Gegenseitigkeit, Biologie im Übrigen. Dass sie über Hahnenkämpfe spotten, gehört dazu und erhöht natürlich die Anforderungen an den Mann, z.B. an seine Dezenz. Muss er einem deshalb leid tun? Nicht solange er's bringt. Aber das ist natürlich nur die eine Seite des Spiels.

    Michael
    Geändert von Michael Domas (16.06.2018 um 11:14 Uhr)

  9. #9
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    Es könnte sehr wohl bei Robert Crumb gewesen sein. Könnte dort "to bring the ashbin down" geheissen haben.
    Jane Who?
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  10. #10
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    Lieber Michael,

    Ja, wenn du dich mit mir austauscht, dann muss ich wohl mittauschen; mach ich doch gerne! Allerings ... ich weiß nicht mehr, was die Buchstaben wollten, die meine Hirnschale perforierten und ob dies überhaupt ein Kommentar sein will und wenn, ob dieser etwas aussagen solle.

    Ob das heilbar ist? Immerhin kostet es nix ... lall

    Lieben Gruß
    der/die albaa

  11. #11
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    Lieber Michael,

    ich habe mich heute mal wieder in diese Rubrik gewagt und bin auf deinen Text gestoßen. Doch was soll ich nun sagen. Es liest sich wie eine kleine Filmszene. Schön formuliert und ohne einen Touch ins Dreckige. Was mir ja schon mal gefällt.

    Aber, wir diskutierten ja schon öfter - etwas mehr verschleiert, viel mehr nur angedeutet, weniger offensichtlich, wäre mehr mein Geschmack gewesen. Doch, das macht ja nichts. Geschmäcker sind eben verschieden.

    Das "dann hymne ich" finde ich allerdings genial.

    Liebe Sonntagsgrüße
    Liara
    Geändert von Liara (17.06.2018 um 11:40 Uhr)

  12. #12
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    Lieber Kaspar,

    Robert Crumb kenne ich zu wenig. „Jane Who?“ ist Jane Gardam, deren „Ein untadeliger Mann“ sich very british liest. Freilich macht der Nachfolger „Eine treue Frau“ dann klar, dass albaas Intuition da wohl besser passen würde: „gut aufeinander eingespielte Fremdgeher“. Freilich würde Gardam nie so explizit erzählen.

    Liebe albaa,

    „die Buchstaben., die Deine Hirnschale perforierten“ waren so daneben also nicht, und Dein letzter Kommentar sagt ja durchaus was aus: Bitte kein weiterer Austausch über Mann-Frau-Unterschiede nicht. O.k.

    Liebe Liara,

    beim nächsten Mal „etwas mehr verschleiert“? Dabei lege ich meine Burka doch nur noch selten ab.
    "dann hymne ich" findest Du allerdings genial? Dann hymne ich auch

    Michael

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