Thema: Fingernägel

  1. #1
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    Fingernägel

    Sie sitzt auf einer Bank im Park,
    die Sonne sinkt, die Nacht rückt nah
    und Nebel steigt vom Boden.
    Auf ihren blassen Mädchenarmen
    setzt sie die Fingernägel ab
    und denkt sie sich als Rosendornen,
    drückt zu und zieht so fest sie kann.
    Sie spürt die tiefen Risse bluten
    und fühlt den Nebel drüberstreichen,
    erst zögernd, kühl, dann wie ein Hauchen,
    das Wassertropfenpflaster setzt.
    Der Mond scheint nieder auf das Mädchen,
    beleuchtet Nebel, Bank und Strauch
    und all die kleinen blauen Flecken
    an Handgelenken, Oberschenkeln,
    die Narben im Gesicht, am Hals;
    und eine schwarze Brandmarkierung,
    die zeigt sich in dem Mondlicht auch –
    ein Kreis mit einer schwarzen Eins.
    Und nächsten Monat, denkt sie so,
    wird sie erwachsen, anderswo
    wird sie erwachen, sowieso,
    vielleicht in Russland, irgendwo
    in Spanien, Frankreich, Ukraine
    und dort wird sie als Nummer Eins
    den Männern zur Verfügung stehn.
    Da denkt sie an die Rosendornen,
    die Sommer in den Winter bringen,
    zerfließt in Blut, gekühlt vom Wind,
    vom Nebel und dem Schwarz der Nacht,
    bis das sie Tags darauf erwacht,
    zwei Männern in die Augen sieht,
    bei denen klar ist, was sie wollen.
    Seit dem ist sie verschollen.

  2. #2
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    9
    Liebe MiauKuh,

    eine düstere Situation elegant umschrieben. Ich finde es ist dir gut gelungen mit dem Sinnbild der Rose die Selbstverletzung als ein "schönes" Ventil darzustellen. Mein Mitgefühl hat das arme verzweifelte Mädchen im Gedicht jedenfalls.

    Liebe Grüße

  3. #3
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    Beiträge
    537
    Hey Candycat,

    tatsächlich ist es so, wie du sagst: Ich wollte mit der Schönheit der Rose und dem Teil:
    "Da denkt sie an die Rosendornen,
    die Sommer in den Winter bringen, "

    verdeutlichen, dass das Mädchen in ihrem sich-selbst-zerkratzen anstelle der Kälte der Prostitution, die Wärme des Körpers spürt. Natürlich ist es für sie schlecht und diese düstere Situation wollte aber genau das. Zum Schluss wird sie ja verschleppt es musste so enden.

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