Geschichte und Geistreichtum

©Hans Hartmut Karg
2018

Wenn wir nur in Gegenwarten leben
Und nach Bauchsorge beständig streben,
Wird das Leben nicht so automatisch wärmer,
Vielleicht wird es dadurch kühler und ärmer.

Denn wie die Altvordern gelebt,
Wonach im Leben sie gestrebt –
Das gibt uns doch heute erst den Mut,
Anzuseh'n: „So hatt' man's einmal gut!“

Wenn man alles immer nur verteufelt,
Was aus Vergangenheiten zu uns träufelt,
Bleibt vieles, das der Mensch bedenkt,
In der nahen Wirklichkeit beschränkt.

Ihn haben Möglichkeiten sehr verleitet,
Die nur technisch, ideologiegeleitet
Ihn viel zu früh führen zum Daddelwahn,
Wo als antiquiert Früheres wird abgetan.

Es gibt so viele schlimme Kriegsberichte,
Damit wir endlich lernen aus Geschichte,
Wie man die Kriege klar vermeiden kann
Und wie man sich entzieht dem Siegerwahn.

Doch leben leider lieber viele Leute
Im Taggeschäft, im Hier und Heute.
Deshalb verarmt das große Geistesleben,
Wenn wir uns nur noch täglich Technik geben.

Man kennt doch den Canossakönig
Nur als gescheitert – das ist wenig!
Man sieht bei uns da kein Genie,
Nur Scheitern, Schwachdiplomatie.

Und auch die Bertha, sein Frau –
Weit abgedrängt und im Historiengrau!
Italien feiert heute lang und breit
Sie für die Größe und Mildtätigkeit!

Ein Mädchen schenkte ihr dort Wolle,
Dass sie daraus sich stricken solle
Ein winterliches, warmes Jäckchen
Und sich erwärmen so die Bäckchen.

Da war die Bertha ganz gerührt,
Dass sie das Mädchen dorthin führt,
Wo es den Blick zum Lande lenkt,
Das ihr die Bertha reichlich schenkt.

So erst lernt man Mildtätigkeit,
Wenn man dazu wieder bereit
Geschichte als Denkschatz begreift
Und hin zu Möglichkeiten reift.

Kein Adel ist nur dafür gut,
Dass man dort auslässt seine Wut
An denen, die mildtätig waren
Und nicht nur Räuber und Husaren.

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ZUSATZINFORMATION:
Heinrich IV., der nach Canossa ging,
war mit Bertha von Savoyen oder
auch Bertha von Turin verheiratet.

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