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Thema: achillea

  1. #1
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    achillea

    die berauschende wirkung lässt nach
    und ich lege mir neue blüten auf
    die zunge des säuerlichen sommers

    nachts hülle ich mich in die wolle
    im mondlicht springender schafe
    träume mich zurück in die zeit mit dir

    sag mir wo der schäferwagen steht
    mit dem wir zu den sternen flogen
    den einzigen esel an der deichsel

  2. #2
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    Hallo Perry

    Das hier ist ein schönes Beispiel, was Lyrik alles kann und darf.

    Achillea ist die Schafgarbe, eine Heilpflanze. Die hat eher keine berauschende Wirkung. Aber vermutlich schmecken die Blüten bitter (Bitterstoffe).

    Achillea ist die weibliche Form von Achilles? Ich kann nicht griechisch. Aber zumindest klingt es in meinen Ohren so.

    Und da passiert dann dieses Erstaunliche, so etwas ist nur in der Lyrik möglich:

    „ich lege mir neue blüten auf die zunge des säuerlichen sommers“

    Warum neue Blüten?
    Wie kann ein Sommer eine Zunge haben?
    Hat man schon jemals von einem säuerlichen Sommer gehört?
    Wie passt säuerlich überhaupt zur bitteren Schafgarbe?

    Aber alles passt, man weiß genau, was diese Symbolik bedeutet. Und die Lyrik darf sich solche Freiheiten nehmen und da LI Schafgarbenblüten auf seine Zunge des Sommers“ legen, weil diese Zunge die Wahrnehmung des LI verbildlicht.

    Behandelt wird hier offensichtlich nicht nur irgendein Magenleiden, sondern ein Unwohlsein, das von einer Frau (Achillea) ausgelöst wurde. Wenn ich säuerlicher Sommer und Schafgarbe verknüpfe, dann denke ich an Sodbrennen. Sodbrennen als Nachwirkung eines zu üppigen Essens und Trinkens? Ah, die berauschende Wirkung? Zuviel Wein? Zuviel von allem möglichen Guten, vermutlich? Aber das Bild beinhaltet auch, dass die Blüten eine berauschende Wirkung haben könnten, deshalb die "neuen" Blüten, um sich neu zu berauschen, damit das LI das "Säuerliche" nicht schmecken muss. Was du da mit wenigen (unaufgeregten) Worten aufrufst, finde ich großartig. Über Achilles und dessen Verletzung habe ich jetzt noch gar nicht nachgedacht, da eröffnet sich noch ein neuer Interpretationsraum.

    S2: knüpft gekonnt an das Schafgarbenbild an.
    Das LI hüllt sich in die Wolle von Schafen - im Mondlicht springender Schafe, wohlgemerkt! Das erinnert mich an bewegliche Bilderbuchbilder: wo man dran zieht und die Schafe springen: Das LI sitzt wie ein Däumling im Fell und wird warm eingeüllt, von den Schläfchen über den Himmel getragen. Diese Bilder evozieren bei mir eben kindliche Geborgenheit. Und ja, jetzt ist auch ganz deutlich, dass es um Erinnerungen an eine Liebe geht, die das LI so kuschelig und entrückend empfindet.

    S3: In diesen Versen ist wieder aus mit kuschelig, das LI hat genug vom Träumen. Zurück beim Sodbrennen und dessen Behandlung - hier statt mit Schafgarbe mit Sarkasmus.

    Nachdem das LI das LD direkt fragt, wo den der Schäfchenwagen stehe, ist es wohl doch keine verflossene, sondern eher eine mit der Zeit erkaltete Liebe. Aber nein, das passt nicht zu S2 V3 – ist nicht so wichtig?

    Ich schätze, dass der "einzige" Esel, der vor dem Karren gespannt wurde, das LI war. Und das Wort Deichsel hat auch noch eine andere Bedeutung.

    Ich finde dieses Werk ausgesprochen gelungen. Ich will ja nicht gleich übertreiben und bin auch keine Poetikfrachfrau, aber für mein Gefühl könnte man diesen Text als Lehrstück für gelungene, vielschichtige Metaphorik bezeichnen.

    Allenfalls könntest du mE noch über S2V3 nachdenken, ob das wirklich so explizit sein sollte, vielleicht wäre etwas mit: „sie tragen mich fort oder weit zurück“ besser, und wirkungsvoller, das LD erst in der letzten S auftreten zu lassen; damit bliebe dann auch offen, ob das LI die aktuelle Partnerin ist oder eine verflossene Liebe.

    Ich habe jedenfalls diese wehmütig-feinironische Betrachtung ausgesprochen gerne gelesen.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (23.06.2018 um 11:23 Uhr)

  3. #3
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    Hallo albaa,
    wie Du gut herausgelesen hast überspannt den Text das Thema Schaf einmal als Schafgarbe, als Einschlafhilfe und als Schäferwagen mit dem besagten Esel an der Deichsel. Das LI hängt den Träumen einer verflossenen Liebe nach und kommt zu dem Schluss, dass es als einziger Esel der Erinnerung nachhängt. Die Nebenschauplätze sind aus der griechischen Mythologie (Achillea ist nach Achilles benannt, der bereits ihre heilende Wirkung nutzte) und ein säuerlichen Sommer, der für die bittersüße Zeit Erinnerung steht.
    Was die Überarbeitung anbelangt, ist das bei mir ein fortlaufender Prozess bis hin zu einem eventuellen Druckschlusstermin.
    Die momentane Fassung lautet:

    achillea

    die berauschende wirkung lässt nach
    und ich lege mir neue blüten auf
    die zunge des säuerlichen sommers

    nachts hülle ich mich in die wolle
    über eine wiese springender lämmer
    träume mich zurück in die zeit mit dir

    sag mir wo der schäferwagen steht
    mit dem wir zu den sternen flogen
    den einzigen esel an der deichsel

    Ich werde deine Anregung aber gerne im Augenwinkel behalten.
    Danke fürs Hineinspüren und die positive Einschätzzung.
    LG
    Perry

  4. #4
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    S2V2 neu finde ich persönlich nicht so gut wie den alte - ist irgendwie 0815 geworden - und nimmt mir die Freiheit, mir die Lämmer (ich finde auch das sich das Wort "Schaf" hier durchziehen sollte, Lämmer führen weg von der "bedeutungsintensiven" Heilpflanze) bilderbuchhaft über den Sternenhimmel galoppierend vorzustellen, mit dem Däumling im Fell.

    Das ist ein großer Wurf Perry, verschenk ihn nicht mit so leichtfertigen Änderungen, wie du sie S2v2 angetan hast!!

    LG
    albaa
    Geändert von albaa (23.06.2018 um 11:38 Uhr)

  5. #5
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    Hallo albaa,
    gemeint war die Sternenwiese, da schien mir das Mondlicht entbehrlich, aber ich nehms als Anregung gerne mit.
    LG
    Perry

  6. #6
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    siehe noch oben, ich habe meine Kommentar #4 noch ergänzt, das hast du wahrscheinlich noch nicht alles gelesen

    Die Assoziation "Wiese" zu "Sternenwiese" hat bei mir jedenfalls nicht funktioniert.

    LG
    albaa

  7. #7
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    Hallo albaa,
    danke fürs nachhaken. Was den von Dir hineininterpretierten "Däumling" anbelangt, stand dieses "märchenhafte" Bild nicht auf meiner vordergründigen Interpretationsliste. Was hältst von folgender Variante?

    nachts hülle ich mich als däumling
    in die wolle springender lämmer
    lasse mich ins wiesenweit tragen

    Lämmer statt Schafe finde ich nicht so schlimm, Hauptsache mit dem "springender" kommt Bewegung ins Spiel und ich kollidiere nicht mit dem "Schäferwagen" ins der 3. Strophe.

    Danke fürs Dranbleiben und LG
    Perry

  8. #8
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    Hallo Perry,

    Dein Gedicht hat mich gleich beim ersten Lesen angesprochen und auch ich finde die "Verbesserung" nicht besser.

    Wie wäre es mit:
    nachts hülle ich mich in die wolle
    im mondlicht tollender lämmer

    Würde mir klanglich gefallen, bleibt in der Nacht und ruft ein Bild von Jugend und Sorglosigkeit auf.

    LG
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  9. #9
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    Hallo Okotadia,
    danke für den Vorschlag, der eine schöne Lautwiederholung mit wolle/tolle beinhaltet. Ich würde aber das "springende" nachwievor bevorzugen, weil es weniger verspielt rüberkommt.
    Ich sehe schon, da muss wohl etwas Abstand her, um zu einer endgültigen Lösung zu kommen.
    Freut mich, dass dich der Text ansprechen konnte.
    LG
    Perry

  10. #10
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    Die Strophe mit dem Däumling gefällt mir gut. Wie wärs mit "Traumweiden"? "lass mich zu den Traumweiden tragen" oder so? oder "Mondweiden"

    Aber ja, ich denke auch, Abstand ist immer gut.

    LG
    albaa

  11. #11
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    Da bin ich mit albaa einmal nicht d'accord. Der Däumling macht für mich das Fass zu Kindheit/Märchen auf. Das passt mMn nicht zum Rest des Gedichtes.
    Naja, die Assoziationen sind halt verschieden und jeder Kopf liest einen Vers anders...

    Nichts für ungut, trotzdem ein sehr schönes Gedicht.
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  12. #12
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    Lieber Perry,

    auch mich hat das Gedicht gleich angesprochen, und ich bin albaa dankbar für die ausführlichen Erläuterungen.

    Bei der Diskussion um mögliche Änderungen ist spannend, was sich da in drei kurzen Strophen alles entfalten kann. Ohne auf die Argumente im Einzelnen einzugehen: Wie albaa finde ich die erste Fassung der S2Z2 (im mondlicht springender schafe) noch immer die beste, und wie Okotadia glaube ich, der „Däumling“ würde das Gedicht sprengen.

    Nur noch eine Kleinigkeit: Statt
    und ich lege mir neue blüten auf
    die zunge des säuerlichen sommers

    fände ich den Zeilensprung deutlicher, wenn
    und ich lege mir neue blüten
    auf die zunge des säuerlichen sommers

    sonst liest sich das „auf“ für mich wie ein Teil von „auflegen“.

    Sehr schönes Gedicht über einen Liebesabschied

    Michael

  13. #13
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    Hallo Michael,
    danke für dein Interesse an dem Text und die Anregung, das "auf" zu verlegen.
    Ich bin selber gespannt, wie der Text letztendlich ausschauen wird.
    LG
    Manfred

  14. #14
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    Ich sage mal: Hurtz!

  15. #15
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    Hallo TollerHecht,

    ich nehm das mal als Zustimmung. Hier nun die neue Version:

    achillea

    die berauschende wirkung lässt nach
    und ich lege neue blütenblätter
    auf die zunge des säuerlichen sommers

    träumend im mondlicht lasse ich mich
    in die wolle springender schafe gehüllt
    übers wiesenweit zurück zu dir tragen

    sag mir wo der schäferwagen steht
    mit dem wir zu den sternen flogen
    den einzigen esel an der deichsel

    LG
    Perry

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