1. #1
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    Tief sitzt der Schmerz

    Als sie vor fünf Jahren von uns gegangen ist, hat es mich zunächst fast gar nicht berührt. Ich war sauer auf sie, dass sie sich und ihrem Körper selbst so viel Schaden zugefügt hat. Ich war sauer auf sie, dass sie sich nicht von uns hat helfen lassen. Ich war sauer auf sie, dass sie uns nicht zuhörte und allem anderen die Schuld gab, aber ihren Lebensstil nicht ändern wollte.

    Dann kam die Erkenntnis.

    Ich war gar nicht sauer auf sie. Ich war sauer auf uns. Ich war sauer auf mich selbst. Ich war sauer, weil wir nie genug getan haben. Wir haben sie immer nur mit Vorwürfen konfrontiert, haben uns nie die Mühe gemacht, sie zu verstehen, zu hinterfragen, warum sie so lebte.

    Aus Wut wurde Trauer.

    Am Tag ihrer Beerdigung war ich nicht da, um ihr Lebewohl zu sagen. Ich blieb zuhause, um auf meine Schwester aufzupassen. Ich dachte, das wäre die richtige Entscheidung. Ich dachte, ich sei so glücklicher.

    Wie sehr ich mich getäuscht habe. Ich sah aus dem Fenster. Es regnete. Ich stellte mir vor, wie die Beerdigung ablaufen würde. Ich weinte. Ich weinte so sehr, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint habe. Meine Schwester kam ins Zimmer und nahm mich in den Arm. Wir weinten gemeinsam.

    Das war der Moment, in dem ich mich selbst verabscheute. Mir wurde klar, dass es die wohl falscheste Entscheidung war, nicht zu ihrer Beerdigung zu gehen. Ich erkannte, dass ich den Abschied gebraucht hätte. Den Abschied, den ich nie bekam. Es ist was völlig anderes, im Nachhinein an ihrem Grab zu stehen und diesen in Stein gravierten Namen zu lesen, mit dem du überhaupt nichts anfangen kannst.

    Ich habe realisiert, warum es mir so weh tut, nicht bei der Beerdigung gewesen zu sein.

    Ich habe realisiert, dass ich sie geliebt habe. Ich hatte nach diesem großen Streit mit meiner Mutter vor vielen Jahren keinen wirklichen Kontakt mehr zu ihr. Aber ich habe sie geliebt. Immerhin verdanke ich ihr mein Leben und dass die ersten Jahre meiner Kindheit so unbeschwert und schön waren. Sie war wie eine zweite Mutter für mich.

    Aber das alles habe ich erst realisiert, als sie schon tot war.

    Wie oft sehe ich in die Sterne, in der kindischen Hoffnung, sie dort oben zu sehen, und weine, weil ich sie vermisse. Ich wünschte so sehr, ich könnte ihr sagen, wie viel sie mir eigentlich bedeutet hat.

    Und heute?

    Heute traf mich erneut eine Abrissbirne. Jetzt hat es dich erwischt.

    Du warst ihr Mann, du hast am meisten getrauert. Aber du warst wohl auch der Stärkste von uns allen. Du hast es geschafft und dir erlaubt, wieder zu lieben. Du hast eine neue Frau gefunden. Wir alle waren froh, dass du wieder glücklich werden konntest. Das hat auch uns geholfen, ein wenig loszulassen.

    Schmerzen verschwinden nie ganz, aber sie können erträglich werden.

    Doch nun liegst du selbst im Krankenhaus.

    Prostatakrebs.

    Als wäre das nicht schon schlimm genug, mussten sie dich auch noch notoperieren und feststellen, dass der Krebs bis ins Rückenmark streut.

    Niemand weiß, wie es jetzt weitergehen soll. Der Schock sitzt tief. Wir können dich doch nicht auch noch verlieren!

    Ich habe Angst. Angst, dass diese Familie noch mehr zerbricht, wenn sie dich auch noch gehen lassen muss.

    Du hast mir einmal gesagt, wie stolz du auf mich bist. Wie glücklich es dich macht, zu sehen, was für ein tolles Leben ich mir nach und nach aufgebaut habe. Du hast gesagt, du bist stolz auf mich, weil ich das mache, was ich für richtig halte und mir von niemandem etwas vorschreiben lasse. Du hast gesagt, das ist eine besondere Stärke, die in unserer Familie schon länger in Vergessenheit geraten ist.

    Ich habe dir geantwortet, ich sei stolz auf dich. Ich sagte, ich freue mich so sehr für dich, dass du wieder glücklich werden konntest und dass ich sicher bin, dass sie das auch so sieht.

    Doch nun habe ich Angst um dich. Bitte pass auf dich auf! Bitte kämpfe! Für uns! Für dich! Für sie!

    Ich schaue nach draußen. Es regnet. Welch makabre Ironie des Schicksals.



    Update:

    Gestern rief deine neue Frau an. Sie war bei dir. Sie sagte, du siehst schlecht aus.

    Der Krebs hat gestreut. Erst ins Rückenmark. Jetzt hat er die Knochen befallen.

    Ich weiß nicht mehr, wie ich mich fühlen soll. Es ist, als wäre eine große Leere in mir, wenn ich daran denke. Ich kann nicht einmal mehr trauern. Es ist einfach zu viel!

    Die Ärzte haben gesagt, sie können dir keine Chemotherapie anbieten, weil deine Leber und Nieren angegriffen sind. Sie wollen es mit einer Hormonbehandlung versuchen.

    Ich habe die Hoffnung fast aufgegeben. Dir ist es innerhalb einer Woche so schlecht wie noch nie gegangen. Ich glaube nicht, dass die Behandlung hilft.

    Sie sagen, du hast so starke Schmerzen, dass du nicht mehr sprechen kannst und nur unter Unmengen an Schlafmitteln zur Ruhe kommst.

    Ich würde dich so gern besuchen und dir sagen, dass ich für dich da bin und jeden Tag an dich denke.

    Doch es ist dein Wunsch, dass deine Enkel dich nicht besuchen sollen. Du sagtest, wir sollen dich so in Erinnerung behalten, wie du vorher warst.

    Was soll das? Warum tust du mir das an?!

    Ich habe dich zuletzt vor 4 Monaten gesehen. Wie soll ich es schaffen, deinen Wunsch zu akzeptieren und ihm zu entsprechen?

    Ich vermisse dich!

    Ich will dir doch noch zum Geburtstag gratulieren können, der nicht mehr fern ist. Ich will wenigstens noch ein letztes Mal in dein Gesicht sehen, dir erneut sagen können, dass ich stolz auf dich bin.

    Bitte bleib am Leben!

    Ich kann das nicht noch einmal durchmachen. Nicht jetzt.



    Update 2:

    Endlich eine gute Nachricht! Du darfst wahrscheinlich nächste Woche nach Hause.

    Ich weine Freudentränen vor Glück. Nun kann ich dir doch noch zum Geburtstag gratulieren, dich in den Arm nehmen und dir noch einmal sagen, wie stolz ich auf dich bin.

    Ein Teil von mir bewundert dich jetzt sogar noch mehr, weil du den Mut gefunden hast, dich uns endlich selbst mitzuteilen. Der andere Teil weiß um deine Stärke, mit der du dem Krebs, so lange wie es möglich ist, trotzen wirst.

    Ich glaub an dich!
    Geändert von Thrillermietze (04.07.2018 um 13:03 Uhr)


  2. #2
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    Was soll man dazu sagen, liebe Trulla?

    Wäre ich ein böser Mensch, täte ich das alles als Tagebuchfetzen ab - doch da ich lieb und unschuldig bin, die Macht des Todes als Höchste Macht anerkenne, verstehe ich Deine Intention sehr genau, leider zu genau ...

    Intention heisst Absicht, doch gerade der Tod zeigt uns unsere unglaubliche Schwäche, die wir mitunter mit Denkschablonen wie Wille und Freiheit unbedarft zu verbergen trachten. Auch auf Marx und Goethe drücken am Ende Stein und Erde.

    Gern entdeckt
    Dein
    Aron
    Aron Manfeld 2019

  3. #3
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    Lieber Aron,

    vielen Dank für deinen Kommentar!

    Intention heisst Absicht, doch gerade der Tod zeigt uns unsere unglaubliche Schwäche, die wir mitunter mit Denkschablonen wie Wille und Freiheit unbedarft zu verbergen trachten.
    Recht hast du. Der Tod kann uns ohnmächtig machen und uns all unserer Handlungen, ja teilweise sogar unseres Denkens berauben. Aber wir sollten nicht vergessen, dass er zu jedem Leben dazugehört.

    Liebe Grüße und ein kräftiges Miau,
    Thrillermietze


  4. #4
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    Das war der Moment, in dem ich mich selbst verabscheute. Mir wurde klar, dass es die wohl falscheste Entscheidung war, nicht zu ihrer Beerdigung zu gehen. Ich erkannte, dass ich den Abschied gebraucht hätte. Den Abschied, den ich nie bekam.
    Dieses "verabscheute" klingt mir zu geschwollen, zu angelesen, zu lyrisch, tausendmal gelesen. Was bedeutet denn "Abschied" genau?
    Aron Manfeld 2019

  5. #5
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    Was bedeutet denn "Abschied" genau?
    Ich glaube, das kann niemand für den anderen beantworten. Jeder definiert 'Abschied' anders, weil es eine äußerst persönliche, emotional private Handlung/manchmal auch nur ein Gedanke ist.


  6. #6
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    Ich glaube, das kann niemand für den anderen beantworten. Jeder definiert 'Abschied' anders, weil es eine äußerst persönliche, emotional private Handlung/manchmal auch nur ein Gedanke ist.
    Hab doch mal den Mut, an die Grenze zu gehen: Was bedeutet "Abschied" genau?
    Aron Manfeld 2019

  7. #7
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    Lieber Aron,

    ich weiß, was du meinst, möchte das aber hier nicht großartig an einem Wort ausdiskutieren. Es hat seinen Grund, warum es bei "Biografisches" steht und auch, warum ich danach nichts ändern möchte und werde.

    Gern kannst du mich aber per PN kontaktieren, wenn du weiter darüber schreiben möchtest, da ist es etwas abseits von diesem hier.

    Viele Grüße und ein kräftiges Miau,
    Thrillermietze


  8. #8
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    Entschuldigung ...
    Aron Manfeld 2019

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