1. #1
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    Er liegt und fault


    Er liegt und fault

    ©Hans Hartmut Karg
    2018

    Als ich noch klein war mit dem jungen Vater,
    Spielend im Sandkasten mit Nachbarskindern,
    Dazu dort streichelte die Hühner und den Kater,
    Waren wir weit entfernt vom Tod und seinen Schindern.

    Doch immer wieder mal verschwand ein alter Mann
    In unserer Nachbarschaft. Man trug dort Trauer,
    Denn: „Der liegt und fault“, sagte man immer dann,
    Wenn zwischen Lebenden und Toten wuchs die Mauer.

    Der Vater selbst liegt ein Vierteljahrhundert
    In kalter, feuchter, dunkler Friedhofserde.
    Ich selbst bin darob heute sehr verwundert,
    Wie rasch die Zeit mir floh und zur Distanz sich kehrte.

    In dieser Losheit ohne Sprache unseres Seins,
    Bei der es weder Antwort gibt, noch Frage,
    Nicht Austausch über Meins und Deins,
    Wird dieses Schweigen wohl zu unserer größten Plage.

    Gezwungen bleiben wir schicksalsergeben,
    Die wir noch immer lebensreisend sind,
    Uns fragen und selbst Antwort geben,
    Doch wegerinnert von des Schicksals Wind.

    Wenn Mutter und wenn Vater tot,
    Greift leichter jener Fatalismus,
    Der Zweifel sät, wo einsam unsere Not:
    Vermehrt hadern wir mit des Todes Kuss.

    Einschläge kommen plötzlich näher,
    Obwohl man scheinbar noch in vollem Leben.
    Doch unsere Ärzte sind uns auch die Späher,
    Die uns noch wenig Hoffnung geben.

    Die Achsenzeit, sie läutet ein
    Dein Leben nach der Eltern Tod,
    Lässt Dich zurück, oft einsam sein
    Und treibt so manchen aus dem Lebenslot.

    Denn nie mehr wirst Du fragen können
    Den Vater, der als Kind Dich trug.
    Antworten wird er Dir auch keine nennen,
    Die retten Dich vor Lug und Trug.

    *

  2. #2
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    Liebe Brigitte,
    das wäre durchaus ein weiteres Gedicht zum Thema. Gelungen! Danke dafür!
    Dort, wo ich geboren wurde, war der Begriff "er liegt und fault" durchaus als Ehrenerinnerung gemeint.
    MfG H. H. Karg

  3. #3
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    Hallo Dr. Karg, hallo Sonnenwende,

    die Gegenüberstellung der Texte gefällt mir außerordentlich gut. Was, habe ich mich gefragt, hat der zweite Text, das der erste nicht hat. Warum erzeugt dieser Nachdenklichkeit, weckt eigene Erinnerungen und will Vorsätze von mir einfordern, wohingegen der erste eine unfreiwillige Komik nicht unterdrücken kann. Das ist echt schade vor dem Hintergrund, dass der Inhalt ja taugt...

    Vielleicht solltest du, Dr. Karg, dich eher auf das Schreiben von Prosa verlegen? Einen Versuch wäre es ja wert. Also: Hände weg von Reimen, Inversionen und Versuchen, irgendeiner Metrik zu folgen. Trau dich!

    lg VC

    P.S.: Ach ja - der Titel ist klasse. Vielleicht nicht gerade für die von dir anvisierte Stimmung, aber für einen humorigen Stoff. Den heb ich mir mal auf.
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

  4. #4
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    Liebe Dichterfreunde,
    die Ironie soll manchmal auch die Lachmuskeln anregen - durchaus erwünscht!
    MfG H. H. Karg

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