Thema: für H.

  1. #1
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    für H.

    Du schüttelst den Kopf,
    weil ich jammer,
    ich sei der unglücklichste Tropf!
    Das mache man still in der Kammer

    sagst du
    und schaust ärgerlich drein.
    Ich höre dir zu,
    mir fällt siedendheiß ein,

    was du so alles erlebtest,
    welch Streiche das Leben dir machte,
    in welchen Gefahren du schwebtest,
    das war nichts, worüber man lachte.

    Dann sagst du, was alles so toll ist
    an unserem heutigen Sein,
    Und ich denk, dass du wirklich im Recht bist,
    mir fällt kein Widerspruch ein.

    Beschämt sitze ich in der Sonne
    und lächle dir zustimmend zu,
    verschließe die Betrübnisabfalltonne:
    Hinweg mit dem Seufzergetu!
    Geändert von Cara 1963 (05.07.2018 um 22:27 Uhr)

  2. #2
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    Liebe Cara 1963,
    ich bin mal so unverschämt und beziehe Dein Gedicht auf mich und viele Diskussionen um das "Seufzergetu"vieler User in verschiedenen Gedichten.
    Nie, das versichere ich Dir, habe ich das Gejammer mancher Dichtenden auf Dich bezogen und nie hab ich den Kopf geschüttelt, wenn es um tatsächlich Erlebtes/Durchlittenes ging. Richtig: Es ist vieles toll an unserem heutigen Sein und als ein Beispiel (pars pro toto) sagte ich mal: "Wenn ich an dem silbrigen Knopf drehe, kommt bei mir Wasser aus der Wand." In ähnlicher Form könnte ich hundert Beispiele bringen und komme nicht in die Gefahr, ein Schönfärber zu sein. Es gibt so vieles, was zu bemängeln und endlich zu verändern wäre. Was bleibt, ist meine Überzeugung: Wir (mit "wir" meine ich die grundlos Betrübten) jammern auf einem sehr hohen Niveau und übersehen die Fakten: Unsere Lebenserwartung ist in den letzten 200 Jahren mindestens um das Doppelte gestiegen (unser Gewicht auch - aber wer zwingt uns zum Übermaß an Zucker- oder Fettgenuss?).
    Was soll ich beispielsweise zu einem mehrstrophigen Gedicht mit traurigem Inhalt sagen, wenn das betreffende LI unmittelbar nach dem Tod eines nahen Verwandten die Eloquenz besitzt und mir mitteilt, wie traurig doch ein Trauerfall ist? Ich habe dreißig Jahre gebraucht, um den Versuch zu machen, meiner größten Jugendliebe ein "Denkmal" zu schreiben.
    Die Schlussstrophe Deines Gedichts (bis auf das "beschämt" - denn dafür gibt es keinen Grund) lässt mich Beifall klatschen: Ja - hinweg mit dem Seufzergetu! Ich sag so etwas ja immer ein bisschen drastischer: "Einem traurigen A... gelingt kein fröhlicher Furz!"
    Liebe Grüße,
    Festival
    Geändert von Festival (08.07.2018 um 15:43 Uhr)

  3. #3
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    Liebe Cara 1963,

    hier kann sich jeder mit dem Anfangsbuchstaben H angesprochen fühlen. Jeder hat seine persönlichen Probleme, doch im Verhältnis zu dem Leid der Welt geht es mir noch sehr gut. Was ich auch von Dir hoffe. Gut ist auch, dass uns das ganze Leid der Welt nicht bekannt oder auch nicht bewusst ist, so belastet es uns auch nicht. Oft sind eigene Probleme schwer genug, so dass andere gemieden werden. Jeder ist sich selbst der Nächste, doch darüber sollten die anderen nicht vergessen werden. Dein Mitgefühl (gleich für wen) ist lobenswert. Danke!

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  4. #4
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    Liebe Cara

    Mir fällt da Selbstreflexion ein wenn ich dein
    Gedicht lese.
    ...fast unter dem Motto: was jammer Ich, andren geht oder erging es weit schlechter.

    Nur allein in der Kammer; da stimme ich bedingt zu.
    Seinen Kummer auszusprechen bei Freunden hilft oft viel mehr als alles allein mit sich auszumachen und ein sinnloses Gedankenkarusell zu fahren.

    Mir hat's gefallen.
    Mit oder ohne H.

    Liebe Grüße

    Wüstenblume
    So bin ich nur als Kind erwacht,
    so sicher im Vertraun
    nach jeder Angst und jeder Nacht
    dich wieder anzuschaun.
    Ich weiß, sooft mein Denken misst,
    wie tief, wie lang, wie weit - :
    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

  5. #5
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    lieber Heinz,
    ganz richtig: Du bist gemeint, denn deine Lebenseinstellung schätze ich sehr.
    Aber es ist auch ein wenig "Dichtung und Wahrheit " in meinem Gedicht.
    Natürlich weiß ich, dass du noch nie gegrummelt hast, wenn ich nicht gut drauf war.
    Ich vermute, dass du dir nur deinen Teil gedacht hast.
    Denn ich weiß doch ein wenig, wie du mit den "Unwägbarkeiten" des Lebens umgehst.

    Auch ich habe übrigens Jahrzehnte gebraucht, um in einem Gedicht ausdrücken zu können, was ich damals beim Abschied von einem geliebten Menschen empfunden habe.
    Endlich fand ich die Worte für die Szene, die sich in meine Erinnerung so so unlöschbar eingebrannt hat.

    LG, Cara

    Lieber Hans,
    vielen Dank für deinen wohlwollenden Kommentar!

    LG, Cara
    Geändert von Cara 1963 (08.07.2018 um 22:15 Uhr)

  6. #6
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    Liebe Cara,
    ich frag mich ja manchmal auch, wo ich meinen Optimismus hernehme. Ich denke, wenn ich weit in meine Kindheit zurück schaue, könnte ich ein paar Erklärungen finden: Ich war als Kind "umliebt" und von Menschen umgeben (bis auf zwei waren es alles Frauen - meine Mutter, meine "Omi", die eigentlich meine Urgroßmutter war, meine Tante Berta und wohl auch meine erste Lehrerin, später einige Frauen, die mein Selbstbewußtsein stärkten und mir alle Liebe gaben, nach der mein kleines, goldenes Herz immer lechzte. Klar - da gab es dann auch ein paar Enttäuschungen und drei missglückte Ehen sprechen ihre eigene Sprache. Was blieb? Die Überzeugung, die Goethe zum Schlußvers im Faust formulierte.
    Liebe Grüße,
    Festival

  7. #7
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    @Wüstenblume u. Festival

    Liebe Wüstenblume,
    da liegst du ganz richtig.
    Dem Gedicht gingen einige Diskussionen voraus. Da der Lebensbejahende trotz allem, hier die seufzende Melancholikerin.
    Selbst als eine von mir sehr gefürchtete Diagnose sich nicht bewahrheitete , war meine Freude darüber nur verhalten und ich wurde deshalb
    ermahnt. Das war dann der Anlass zu meinem "Werk".
    Ich jammere nie in meinem stillen Kämmerlein, weiß aber, dass andere da viel verschlossener sind.

    Vielen Dank für deinen Kommentar!

    LG, Cara

    Lieber Heinz,
    hatte man eine Kindheit, die durch die Liebe der nächsten Umwelt geprägt war, wurde ja schon das Urbedürfnis des Menschen nach Zuneigung
    und Wärme erfüllt. Es ist ein großer Halt für die Zukunft, dass man sich der Liebe dieser Menschen sicher war.
    Menschen, denen ein liebesvolles Zuhause fehlte, haben einen ungleich schwereren Start ins Leben. Ich gehe also völlig d'accord mit deiner Annahme, die du in deinem Kommentar äußerst.

    LG, Cara

  8. #8
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    Hey Cara,

    ein starkes Gedicht mit Bewunderung und Demut, aber beschämt muss hier nichts sein, Kummer auch nicht im Kämmerlein ... nein nein
    Mehr vermag ich nicht dazu sagen. Vielleicht noch: Da spricht viel an Erfahrung im Gedicht mit. Hohe Sphären ...

    Schön!

  9. #9
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    Hallo, Werner,
    ich bin nun nicht jemand, der im stillen Kämmerlein jammert, im Gegenteil. Und ich weiß auch nicht, ob das gut für meine Psyche wäre, wenn
    ich schwerwiegende Probleme hätte.
    Aber, wenn mich mal wieder der allesumfassende Weltschmerz erfasst hat, dann ist es gut, wenn jemand sagt:" Wenn ich bei mir den Wasserhahn aufdrehe, dann kommt Wasser raus, und wenn ich den linken aufdrehe, sogar warmes." Das erste Mal habe ich über diesen Spruch gelacht.
    Aber ich weiß natürlich, was er bedeutet . Und nun ist er so etwas wie mein Mantra geworden. Ich "sehe" blitzartig, wie Menschen um Ihr Leben kämpfen müssen, aus sehr verschiedenen Gründen und bin beschämt!

    Vielen Dank für deinen Kommentar!

    LG, Karin
    Geändert von Cara 1963 (11.07.2018 um 19:42 Uhr)

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