Thema: Handschrift

  1. #1
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    Handschrift

    Sie wollte, dass ich mit der Hand ihr schriebe,
    und zwar, verdammt noch mal, gleich ein Sonett,
    so eins mit vielen Klängen, richtig fett,
    mit Herzschmerz und doll Kitsch, sonst gäb es Hiebe.

    Ich maulte, dass ich doch schon ihr zuliebe
    mich zwängte in gar mancherlei Korsett,
    vor allem diese Form sei mir suspekt,
    was soll das antiquierte Versgeschiebe

    Auch bräuchte ich dann erst ein Linenblatt,
    ich käme mit der Hand sonst aus der Reihe.
    Ach, sagte sie kokett, nimm mich anstatt
    Papier, dafür sie sich mir gerne leihe.

    Und wirklich hatte sie Konturen satt,
    da schrieb erregt ich der Sonette zweie.

    Albaas vierhebige Fassung:

    Sie wollte, dass ich Verse schriebe,
    verdammt noch mal, gleich ein Sonett,
    so eins mit Klang und richtig fett
    mit Herz und Schmerz, denn sonst gäbs Hiebe.

    Ich nörgelte, dass ihr zuliebe
    ich trüge mancherlei Korsett,
    doch diese Form sei mir suspekt,
    beengend dieses Versgeschiebe.

    Auch fehle ein liniertes Blatt,
    sonst würde ich den Halt verlieren.
    „Nimm mich“ sprach sie kokett „anstatt
    Papier! Die Hand will ich dir führen.“

    So werde ich nun niemals satt
    ihr Jamben auf die Haut zu schmieren.
    Geändert von Michael Domas (02.09.2018 um 02:51 Uhr) Grund: Albaa #4
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    Am Do., 27.9, ist bei "poetry trifft Poesie" der Slammer Christofer mit f mein Gast.
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  2. #2
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    Hallo Michael Domas,

    schön. Hat ihre Gewaltandrohung die Lust auf das Beschäftigen mit ihrem Body noch erhöht? Manchmal hört man ja über beiderlei Geschlecht von einem gewissen Zusamenhang zwischen dem Ausüben körperlicher Gewalt und dem Entstehen sexueller Lust.

    Gruß Henrik

  3. #3
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    Lieber Henrik,

    das wäre natürlich auch ein mögliche Fortsetzung gewesen:
    ...
    … sonst gäb es Hiebe.

    Na gut, sagt ich, was soll da noch das Schreiben,
    dann hau mich doch so richtig fest und nett
    und strieme mich rundum und zwar komplett,
    bis Keilschriftzeichen auf der Haut verbleiben.

    Aber, wie Du siehst, es passt schlechter ins Sonett.

    Michael
    .................................................................................................... ...............................................................
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  4. #4
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    Zitat Zitat von Michael Domas
    Sie wollte, dass ich mit der Hand ihr schriebe
    und zwar, verdammt noch mal, gleich ein Sonett,
    so eins mit vielen Klängen, richtig fett
    und kitschig auch, sonst gäb es Hiebe.

    Ich maulte, dass ich doch schon ihr zuliebe
    mich zwängte in gar mancherlei Korsett,
    zu dieser Form jedoch, da sagt ich njet,
    was soll das enge Versgeschiebe.

    Auch bräuchte ich dann erst ein Linenblatt,
    ich käme mit der Hand sonst aus der Reihe.
    Ach, sagte sie, dann nimm doch mich anstatt
    Papier, dafür sie sich mir gerne leihe.

    Und wirklich hatte sie Konturen satt,
    an denen lang schrieb ich gleich zweie.
    Lieber Michael,

    Das LI versteht das LD falsch. Meint, es solle tatsächlich ein handschriftliches Gedicht verfassen, aber das LD klärt es rechtzeitig auf, dass es eigentlich Sex will (Sex=also darauf komme ich nur weil es in dieser Rubrik steht)?

    Aber die letzten beiden Verse verstehe ich trotzdem nicht (?):
    Sie hat Konturen satt und trotzdem schreibt LI den Konturen entlang, gleich zweie (Konturen?) – da wird sich das LD aber nicht freuen?

    Was mir hier wieder einmal formal auffällt, ist dein Faible für betonungsmäßig unbestimmte „Einsilberketten“. Das wirkt an manchen Stellen, als hättest du die Verse unnötig verlängert, um auf die fünf Sonett-Hebungen zu kommen und dort läufts beim Lesen auch nicht rund, vor allem V5 und 12. Es wirkt also ein bisschen auf Metrum und Reim hingekünstelt, zB auch
    „njet“, „Linienblatt“, "zweie" das umständliche und eigentlich überflüssige „dafür sie sich mir gerne leihe“.

    Ich habe ein bisschen experimentiert, nur aus Spaß auf vierhebig:


    Handschrift

    Sie wollte, dass ich Verse schriebe,
    verdammt noch mal, gleich ein Sonett,
    so eins mit Klang und richtig fett
    mit Herz und Schmerz, denn sonst gäbs Hiebe.

    Ich mauelte, dass ihr zuliebe
    ich trüge mancherlei Korsett,
    doch diese Form sei mir suspekt,
    beengend dieses Versgeschiebe.

    Auch fehle ein liniertes Blatt,
    sonst würde ich den Halt verlieren.
    „Nimm mich“ sprach sie kokett „anstatt
    Papier! Die Hand will ich dir führen.“

    So werde ich nun niemals satt
    ihr Jamben auf die Haut zu schmieren.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (19.07.2018 um 20:39 Uhr)

  5. #5
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    Liebe albaa,

    auf „Sex kommt man nur, weil es in dieser Rubrik steht“? Aber ab S3Z3 ist klar, worum es geht, oder? Und das ist doch beim Sex früh genug.

    Dass sich in der letzte Strophe „gleich zweie“ grammatisch auf „Konturen“ bezieht, war mir nicht aufgefallen, dabei reagiere ich ja bei anderen manchmal empfindlich auf Bezugsfehler.
    So verändere ich
    Und wirklich hatte sie Konturen satt,
    an denen lang schrieb ich gleich zweie.

    in
    Und wirklich hatte sie Konturen satt,
    da schrieb erregt ich der Sonette zweie.


    Dass ich ein „Faible für betonungsmäßig unbestimmte „Einsilberketten““ hätte, wirft mir auch Kaspar Praetorius immer wieder vor, nur gibt es hier keine Zeile, die (anders als Deine Z3 + 4) nicht mindestens zwei Mehrsilber enthält. Ich selbst kann natürlich nicht beurteilen, wo ein Leser betonen wird, aber meine ersten beiden Zeilen und damit auch den Rest anders als jambsch zu lesen, seh ich nicht.

    Du hast aber Recht, „njet“ in S2Z3 ist blöd, und gerne nehme ich Deinen Vorschlag „suspekt“ auf.
    Statt
    zu dieser Form jedoch, da sagt ich njet,
    also
    vor allem diese Form sei mir suspekt.

    Und wenn ich „kokett“ von Dir übernehme, wird die Unsauberkeit des Reims „ett – suspekt“ ja wiedergutgemacht.
    Statt in S3Z3
    Ach, sagte sie, dann nimm doch mich anstatt
    jetzt also
    Ach, sagte sie kokett, nimm mich anstatt
    Der Koketterie entspricht dann auch eine Zeile später das „hingekünstelte“ „dafür sie sich mir gerne leihe

    Witzig ist, da Du nun vierhebig geantwortet hast, dass auch meinText drei Vierheber enthält. Die Schlusszeile habe ich ja schon umgeschrieben, verändere aber auch die beiden anderen Stellen.
    In S1Z4
    und kitschig auch, sonst gäb es Hiebe
    zu (angelehnt an Deine Lösung)
    mit Herzschmerz und doll Kitsch, sonst gäb es Hiebe.
    In S2Z4
    was soll das enge Versgeschiebe
    zu
    was soll das antiquierte Versgeschiebe

    Deine Version ist knackiger als meine und gefällt mir so, dass ich sie oben hinstelle. (Sag mir nur, was ich mit dem „mauelte“ in Deiner S2Z1) machen soll.

    Vielen, vielen Dank, albaa, für Deine Mühe und den vierhebigen Spaß

    Michael
    Geändert von Michael Domas (14.08.2018 um 11:01 Uhr)
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  6. #6
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    Lieber Michael,

    Gott sei Dank bist du wieder da! Gehts dir eh gut!? Ich hatte mir echt schon Sorgen gemacht, dass du uns nicht mehr sexy findest. Und wir (also kaspar und ich) haben für dich sogar sapphische Odenstrophen geschrieben - ohne Erfolg. Ich habe sie jetzt auf die Schnelle nicht gefunden habe.

    Danke für deine ausführliche, einleuchtende Antwort und die Ehre, dass du meine Version oben aufgenommen hast. Ja bitte korrigiere auf "maulte". Ich finde das kann man auch so stehen lassen, da holpert trotzdem nix, weil man es bei uns praktisch dreisilbig mit einem ganz leichten "e"-Einschub vor dem "l" spricht, also: mau-el-te. Aber falls es im deutsch-deutschen Modus sehr stört, ginge von mir aus auch "nörgelte". Entscheide Du!


    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (14.08.2018 um 19:33 Uhr)

  7. #7
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    Die Hineinversetzung in sich selber als äusserlicher Ausdruck von Leidenschaft kann als Jambus sehr viel mehrhebiger sein als womit die Lehre dazu beginnt. als Ahnung gut anformuliert und dann fehlte nur noch der Abgang in welchem Abgrund dann die Schreie zu hören waren. Ist es unsere Höhle der fantasiegeborenen Überlagerungen von Korsett und dem sich daraus hervorarbeitendem?
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  8. #8
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    Hallo Michael Domas,

    warum "schriebe"?

    Sie wollte, dass ich mit der Hand ihr schriebe
    wäre nur im Konjunktiv...wenn überhaupt...angebracht

    "Sie wollte" (alleine) ist (obwohl mit der Vergangenheit oder Zukunft verhaftet) zeitunabhängig...da man nicht weiß ob sie es auch heute noch will.... früher schon...oder auch morgen noch wollte. Darum: "Sie wollte, dass ich mit der Hand ihr schreibe..."

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  9. #9
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    Liebe albaa,

    ja, es geht mir gut, danke der Nachfrage. Allerdings war ich einigermaßen mit Außerlyrischem beschäftigt, hoffe aber, wieder ins Forum zurückzufinden. Ein Leben ohne Gedichte ist möglich, aber sinnlos wie eins ohne Mops.

    Zu Deiner Fassung von „Handschrift“: Da man bei uns im Schuldeutschen „maulte“ ganz ohne, auch ohne „leichten "e"-Einschub vor dem "l" spricht“, habe ich Deine Alternative „nörgelte“ eingesetzt.

    Fehlt nur noch die sapphische Ode, vielleicht:
    flötet dann dem tauberem Ohr die hohe
    lyrische Dichtung. (ungefähr August von Platen).

    Lieber Terrorist,

    Dir ist es aufgefallen: „Korsett“ bezieht sich hier nur auf den ersten Blick allein auf das des „mehrhebigen Jambus“, es könnte hier doch auch die leibliche Schreiboberfläche bis zu „Schreien“ „hervorgearbeitet“ werden. So viel „Abgrund“ lässt das kleine Gedicht gar nicht vermuten.

    Liebe A.D.,

    ja, „schriebe“ ist Konjunktiv. Und da der Konjunktiv 1 „schreibe“ gleichlautend mit dem Indikativ wäre, ist der Konjunktiv 2 „schriebe“ angebracht.“Sie wollte“ ist jedoch einfach die Erzählvergangenheit, oder?

    Danke für Eure Aufmerksamkeit

    Michael
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  10. #10
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    Hallo Michael Domas!

    Ich mag dein Sonett wie auch die Abänderung @ albaa, bei der der Abschluss sehr gelungen ist ;
    So ist es auch beim Sex; immer gleich betont wäre doch langweilig; Es kommt auf die Mischung an
    und lässt sich nicht in ein Korsett zwängen; angezogen hingegen kann es recht betörend sein;

    Gefällt mir ausgesprochen gut;
    mfg. Behutsalem
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