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    Sein oder Nichtsein - Shakespeares Hamlet

    Sein oder Nichtsein



    Shakespeares Hamlet gehört zu den in der Literatur- und Theaterwissenschaften am häufigsten untersuchten Texten. Zur Zeit erscheinen beinahe 400 wissenschaftliche Publikationen jährlich, die sich mit dem Stück befassen.

    Soweit wikipedia. Dieser Eintrag zeigt zum einen, wie beliebt das Drama nach wie vor ist und zum anderen, daß wohl kaum eine weitere zu den schon erschienenen Arbeiten nötig ist. Allerdings glaube ich, daß den Lesern dieses Forums, weniger an „wissenschaftlichen Publikationen“ gelegen ist, als daran, was einer von ihnen – ein Freund von Literatur – dazu schreibt. Wichtig für einen solchen Beitrag ist, daß er authentisch – also kein Plagiat – sowie gut lesbar ist. Beides kann ich versprechen.

    Die Handlung des Stücks (plot) ist schnell erzählt. Hamlet, König von Dänemark, wird schlafend von seinem Bruder Claudius ermordet, indem dieser ihm unbemerkt Gift ins Ohr träufelt. Claudius wird daraufhinKönig und heiratet zwei Monate später des Königs Witwe, Gertrude, Prinz Hamlets Mutter. Hamlet bekommt nachts auf den Zinnen des Schlosses vom Geist seines Vaters, den Auftrag, den feigen Mord an ihm zu rächen. Hamlet verspricht es ihm, doch läßt sein Elan bald nach. Weil sein Leben in Gefahr ist, spielt er zu seiner Sicherheit bei Hofe eine Narrenrolle.Statt die ihm aufgetragene Rache zu planen und durchzführen, denkt er über sein und das Leben im Algemeinen nach. Der König möchte Hamlet zuletzt loswerden und ermuntert Polonius’ Sohn,Laertes, ihn zu einem Kampf herauszufordern. Er wettet zum Schein auf den Sieg Hamlets, und um sicher zu gehen, daß Hamlet stirbt, vergiftet er Laertes Degenspitze sowie den Wein, von dem der Prinz während des Kampfes trinken soll. Hamlet nimmt die Herausforderung an, ficht mit Laertes und wird von diesem mit der Degenspitze verletzt, Im weiteren Kampf läßt Laertes seine Waffe fallen, Hamlet ergreift sie und verletzt Laertes. Währenddessen trinkt Hamlets Mutter von dem vergifteten Wein. Hamlet bemerkt den Verrat des Königs, zwingt ihn, von dem Wein zu trinken und ersticht ihn dann mit Laertes Degen. Bevor er stirbt schenkt er dem kühnen norwegischen Prinzen Fortinbras das dänische Königreich.

    Shakespeare hat die Geschichte des dänischen Prinzen nicht erfunden, sondern sich einer historischen Quelle bedient und zwar der Gesta Danorum des dänischen Gelehrten und Dichters Saxo, genannt Grammaticus. Daneben bestand noch eine französische Version von Francois de Belleforest.In beiden Vorlagen erfüllt Prinz Hamlet seinen Racheauftrag, in Shakespeares Version jedoch nicht. Warum also diese Änderung?

    Blickt man auf die Zeit der Entstehung des Hamlet – (1601 – 1602), so fällt auf, daß er ein Jahr vor dem Tode Königin Elizabeths I (1603; 69 Jahre) erschienen ist.. Könnte es nicht sein, daß Shakespeare sich Gedanken gemacht hätte, wie es nach dem Tode der Monarchin mit England weitergehen sollte, zumal sie unverheiratet war und keinen Erben hinterließ? Wollte er mit seinem Stück vielleicht sagen, daß ein Thronfolger wie Hamlet England ins Unglück stürzen könnte?


    In Akt II, Szene 3 sagt Rosencrantz, daß der Tod des Königs (cease of majesty ) für das Land schwerwiegende Folgen hat, zieht er doch seine ganze Umgebung mit in den Abgrund.

    The cease of majesty
    Dies not alone; but like a gulf doth draw
    What’s near it with.
    Und Guildenstern mahnt, daß es des Königs heilige Pflicht sei, seine Untertanen zu schützen.

    Most holy and religious fear it is
    To keep those many, many bodies safe;
    That live and feed upon your majesty.
    Hamlet schützt seine Dänen nicht, er überläßt sie am Ende des Dramas kampflos dem jungen Fortinbras.

    Als Hamlet zu den Schauspielern am Hof spricht, sagt er ihnen, daß das Schauspiel die Natur widerspiegeln solle.

    The purpose of playing (..) is, to hold, as ‘t were the mirror up to nature (II.2.19)
    Nach Meinung der Experten spricht hier Shakespeare seine eigene Meinung über Sinn und Zweck des Schauspiels aus. Doch wie sollen wir uns das vorstellen? Den historischen Hamlet hat Shakespeare nie gesehen und zudem hat er seine Geschichte ja auch noch abgewandelt. Was hier „“gespiegelt“ werden soll, ist die allgemeine Natur des Menschen. Ein Typus Hamlet soll auf der Bühne den Zuschauern erkennbar vor Augen geführt werden. Diesen Typus Mensch hat Shakespeare in der englischen Aristokratie und wohl auch teilweise an sich selbst wahrgenommen., denn.“einen anderen Mann aus dem Grunde kennen, hieße sich selbst kennen.“

    But to know a man well were to know himself.” (V,2,143)
    Apropos Shakespeare: Seit langem schon bestehen Zweifel, ob der Mann aus Stratford, der seinen eigenen Namen nur ungelenk schreiben konnte und seiner Tochter testamentarisch kein einziges Buch hinterließ, tatsächlich der größte Dramatiker aller Zeiten gewesen sein kann. Als Favorit unter all jenen, die hinter dem Pseudonym „Shakespeare“ vermutet werden, gilt der hochgebildetete Edward de Vere. Von ihm heißt es in wikipedia

    Edward de Vere (1550 – 1604), 17. Earl of Oxford übertrumpfte alle anderen Höflinge in der Gunst der Königin. (..) Er ging in zahlreichen Turnieren als Sieger hervor.
    „Shakespeare“ hätte somit einen unverstellten Blick auf Höflinge vom Schlage eines Polonius oder Osric gehabt. Zudem kannte er die Schwäche Hamlets, immer der Beste sein zu wollen. Diese Schwäche nutzt König Claudius im Stück aus, um den Prinzen letztlich zu verderben.

    Shakespeare legt sehr ausführlich dar, warum Prinz Hamlet den väterlichen Racheauftrag nicht erfüllt. Der Sein-nicht-Sein-Monolog ist eine Schlüsselszene zum Verständnis.

    Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
    Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
    Des wütenden Geschicks erdulden oder,
    Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
    Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –

    Daß wir die Übel, die wir haben, lieber
    Ertragen als zu unbekannten fliehn.
    So macht Gewissen Feige aus uns allen;
    Der angebornen Farbe der Entschließung
    Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
    Die vorliegende deutsche Übersetzung ist die altbewährte von SchlegelTieck mit einer Ausnahme: „consceience“ in der Zeile „Thus conscience doth make cowards of us all“ übersetze ich mit „Gewissen“ und nicht mit „Bewußtsein.“ Bewußtsein solle Feige aus uns allen machen, so die entsprechende Interpretation, weil unser Denken uns die Folgen unseres Handelns deutlich vor Augen führt und wir somit von der Ausführung abgeschreckt werden. Doch ein entschlossener Mann läßt sich von möglichen Folgen nicht von seinem Plan abbringen, oft sind ihm diese keines Gedankens wert. Ist es nicht vielmehr so, daß allein ein ängstlicher Mensch, an mögliche Konsequenzen denken muß? Die Angst erzeugt die bangen Gedanken und nicht umgekehrt. Und das Gewissen ruft uns auf, das zu tun, was wir uns schuldig sind.

    Im übrigen kommt im Hamlet „conscience“ mehrere Male vor und wird immer mit Gewissen übersetzt, nur an dieser Stelle soll das Wort plötzlich eine andere Bedeutung haben.

    Sein oder Nichtsein? Wie sieht ein Leben aus, das dem Freitod gegenübersgestellt wird? Es ist durchaus schrecklich und gar nicht lebenswert. „Pfeil und Schleudern“ eines „wütenden Geschicks“ gilt es zu erdulden. Etwas Schönes und Liebenswertes ist nicht in Sicht und schon gar keine Verantwortung für die dänischen Untertanen,. Warum also nicht dem Ganzen ein schnelles Ende bereiten (to sleep, no more) ? Ja, wenn da nicht die Ungewißheit wäre, was einen nach dem endgültigen Entschluß erwartet.

    Und dann stellt sich dem Prinzen noch die Frage, welche der beiden Alternativen die edlere sei. (Whether tis nobler in the mind ..)

    Angesichts seiner mentalen Zerrrüttung beschreibt Ophelia Hamlet wie folgt:

    Oh what a noble mind is here o’erthrown
    The courtier’s, scholar’s eye, tongue, sword
    (..) The glass of fashion and the mould of form
    The observed of all observers, quite, quite down (III, 1)
    Hamlet war vor seines Vaters Tod das viel beachtete und bewunderte Idol des dänischen Hofes, stolz im Auftreten, redegewandt und turniererprobt (sword). Was des „Höflings Sprache“ (courtier’s tongue) betrifft, so tut er bisweilen des Guten zu viel. Eine einfache Aussage wie: „manchen Leuten passiert es, daß sie von diesem besonderen Fehler verdorben werden“

    It chances in particular men - that these men - shall take corruption from that particular fault
    dehnt sich bei ihm mit allen eingeschobenen Verschachtelungen über16 Verszeilen hin. Es finden sich einige Beispiele von Hamlets geschraubter und manierierter Sprache im Stück, die ich aus Platzgründen jedoch nicht alle zitieren will.

    Manieriert ist auch der Versuch Hamlets, Ophelias Bruder Laertes in seinerTrauer um die Schwester übertreffen zu wollen. Er springt deshalb zu ihm ins offene Grab und prahlt mit seiner besonderen Trauerleistung, die besser sei als die des Bruders.

    Hamlet versteht sich als vollkommener Edelmann. Er arbeitet an sich wie an einem Kunstwerk, und wie bei einem solchen kann ein kleiner Fehler (dram of evil) das Gesamte wertlos machen.

    The dram of evil
    Doth all the noble substance off and out,
    to his own scandal. (I,4,39)
    Hamlet charakterisiert sich selbst, als “stolz, rachsüchtig und ehrgeizig”.

    I am very proud, revengeful and ambitious (III,1,124)
    Und dieser Ehrgeiz ist die Schwachstelle, an der der König den Hebel ansetzt, um den Prinzen für immer zu loszuwerden. Daß er sich dabei übelster Tricks bedient, wurde schon erwähnt.

    Hamlets letzte Sorge vor dem Sterben gilt nicht seinen dänischen Untertanen, sondern allein seinem Ruf in der Nachwelt.

    O good Horatio, what a wounded name,
    Things standing thus unknown, shall live behind me. (V, 2, 343)

    Horatio soll seine Geschichte wahrheitsgemäß der Welt berichten (tell my story)

    Fassen wir zusammen. Hamlet wird als Prinz und Thronfolger geboren, um nach dem Tode seines Vaters König von Dänemark zu werden. Der alte König Hamlet wird von seinem Bruder Claudius ermordet, der sich darauf selbst die Krone aufzusetzt. Zugleich nimmt er die verwitwete Königin Gertrude zu seiner Frau. Prinz Hamlet wird vom Geist seines Vaters aufgefordert, den Mord an ihn zu rächen, doch dieser zögert. Trotz mehrfacher Aufforderung seines Gewissens bleibt er „seiner Sache fremd“ (unpregnant of my cause).Wie ein weltfremder Träumer (John a dreams) geht er umher und tut – nichts. Er fragt sich zudem, warum augerechnet er die aus den Fugen geratene Welt (world out of joints) wieder einrenken soll. In Abwandlung zu den Vorlagen führt Shakespeares Hamlet seinen Racheauftrag nicht durch, sondern verursacht durch seine Passivität eine Katastrophe für das Königreich. Die königliche Dynastie erlischt und der Norweger Fortinbras übernimmt mit Hamlets Zustimmung (he has my dying voice) das führerlose Dänemark.

    Was können wir aus dem Stück – ist es doch der „Spiegel der Natur“ – für unsere Gegenwart lernen?

    Den Typus Hamlet gibt es nach wie vor. Junge Männer, erzogen nach einem Ideal, gefallen sich darin, dieses öffentlich zu verkörpern. Dabei schauen sie verächtlich auf die einfachen Leute, das Volk, herab, kritisieren deren ungeschliffene Manieren. Werden sie dazu aufgerufen, sich in der Welt, so wie sie ist, zu bewähren, versagen sie. Den Untergang ihrer alten Welt durch Schicksalschläge verkraften sie nicht. Sie werden schwermütig und denken angesichts der sie umgebenden Sinnlosigkeit an Selbstmord.

    Solche Leute taugen nicht zum König, trägt dieser doch die Verantwortung für das Wohlergehen seines Volkes. Als hamletartige Fehlbesetzung für den Thron fällt mir aus der jüngeren Vergangenheit der letzte russische Zar, Nikolaus II (1868 – 1918) ein. Er wurde von englischen Hauslehrern erzogen, war hochgebildet und pflegte ein klassentypisches Upperclass-Phlegma. Er war ein weicher, unentschlossener Mann mit sehr guten Manieren. Das Wohlergehen seines Volkes kümmerte ihn so wenig wie Prinz Hamlet. Obwohl der größte Teil der Russen in dürftigen Verhältnissen lebte, bestellte er bei Fabergé regelmäßig zu Ostern ein kostbares Ei, insgesamt 40, das teuerste für 24.600 Rubel (versteigert 2002 für 9,6 Mio. US-Dollar) Nikolaus II: selbst ein kunstsinniges Weichei.

    Trotz der Tatsache, daß Wilhelm II sein Cousin und seine Frau eine deutsche Prinzessin (Alix von Hessen-Darmstadt) war, ließ er sich von seinen Beratern dazu überreden, gegen Deutschland und Österreich Krieg zu führen. Dabei war seine Armee nicht einmal besondes gut aufgestellt. Als absoluter Herrscher hätte er sich verweigern können. Dieser Krieg wurde Rußland und ihm selbst zum Verhängnis. Er wurde 1918 von den Boschewiken ermordet und Rußland stürzte in Chaos und Anarchie, Millionen Russen wurden entwurzelt.

    The cease of majesty (..) like a gulf doth draw what’s near it with.

    Wenn es ein Schwachpunkt der Monarchie ist, daß die Geburt und nicht die Eignung den Thronfolger bestimmen, haben wir dann in der Demokratie systembedingt die fähigsten Leute an der Spitze eines Landes? Hamlethaft erscheint mir das Bestreben der europäischen Nationalstaaten, freiwillig immer mehr Kompetenzen an eine übergeordnete Institution wie die EU abzugeben. Eine weitere Parallele ist die Neigung unserer „Voksvertreter“ Volkes Stimme verächtlich als „Populismus“ abzuqualifizieren.

    Zum Abchluß noch ein Zitat:

    The Rest is Silence (V,2)

  2. #2
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    Lieber Friedrich,

    zunächst möchte ich Dir einmal danken, dass Du in dieser Rubrik immer wieder äußerst interessante und lesenswerte Beiträge postest. Das trifft auch auf diesen Beitrag zu.

    Allerdings kann und möchte ich den letzten Absatz dieses Beitrages nicht einfach schweigend hinnehmen, da er von einem Vergleich zweier unterschiedlicher Kategorien ausgeht. Der Vergleich zwischen Monarchen und Spitzenpolitikern einer Demokratie mutet an, wie der Vergleich zwischen Äpfel und Birnen.

    Der Monarch ist in erster Linie ein Souverän. Die Souveränität erhält er dadurch, dass sich sein Volk (seine Untertanen) ihm unterwerfen, aus welchen Gründen auch immer. Er nimmt sich in seinem Selbstverständnis als gottgegebenen Kopf seines Volkes (seiner Untertanen) wahr. Und ohne diesen Kopf könne das Volk nicht existieren.

    Richtig ist, dass eine auf Geburt gründende Thronfolge die Möglichkeit einschließt, ungeeignete Thronfolger und damit ungeeignete Souveräne zu erhalten. Viele von denen wurden in der Geschichte durch Kriege, Rebellionen und Attentate beseitigt und ersetzt. Es gab auch eine Reihe von Monarchen, von denen die Historiker behaupten, sie hätten durchaus ihre historische Mission erfüllt. Die meisten hatten im Übrigen die Staatsgeschafte auf ihnen fähig erscheinende Politiker übertragen. Der Monarch kann, muß aber nicht der Staatsführer sein, er ist in erster Linie der gottgegebene Souverän.

    In der Demokratie geht diese Souveränität auf das Volk über. Das Volk ist sozusagen Souverän und eigener Untertan. Diese Dualität ist sein Fluch und sein Segen zugleich. Das Volk bestimmt die Politiker, die für ihn die Staatsgeschäfte ausüben. Im Gegensatz zur Monarchie kann es die Staatsgeschäfte nicht selber übernehmen, weil dies ins Chaos führen würde. Es ist gezwungen seine Regierung zu wählen. In einer Demokratie kann man wohl getrost behaupten, dass das Volk seine Regierung selbst verdient. Die Frage ist nur, ob die anderen Völker sie auch ertragen müssen.

    Wenn das Volk als Souverän aber schwach und ungebildet ist, kann es als Souverän genauso versagen und genauso schnell wie ein schwacher Monarch gestürzt werden. Und schwach ist es, wenn es einer seiner Grundaufgaben, geeignetes Spitzenpersonal auszuwählen nicht nachkommt, wenn es faul und träge geworden ist, sich vom Futternapf der Bildung fernhalten lässt oder wenn es zulässt, dass die Summe der Einzelinteressesn seiner Mitglieder größer wird als die gemeinsamen verbindenden Interessen, wenn es sich also weigert, sein eigener Untertan zu sein und natürlich wenn es sich wehrlos die Souveränität aus der Hand nehmen lässt.

    Volkes Stimme kenn ich nicht. Gibt es überhaupt die Stimme des Volkes. Die Stimmen, die von sich behaupten des Volkes Stimme zu sein, nehme ich mit viel Argwohn zur Kenntnis. Es sprach schon einmal ein ganzes Volk mit der Stimme seines Führers, um in eine Katastrophe zu schlittern. War das wirklich des Volkes Stimme?

    LG Eremit
    Hinweis: Lyrik im Foyer 2018 in Frankfurt (Oder)

    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  3. #3
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    Lieber Eremit

    vielen Dank, daß Du noch zu später Stunde so ausführlich auf meine Hamlet-Interpretation antwortest. In allem, was Du sagst, gebe ich Dir grundsätzlich recht. Mir ging es auch nicht darum zu sagen, daß die Demokratie genau so schlecht oder schlechter sei als die Monarchie. Mein Anliegen ist zu zeigen, daß wir als interessierte Leser von den großen Dichtern direkt etwas lernen können und zwar so, indem wir Parallelen in der Gegenwart oder Geschichte entdecken.

    Was unsere Gegenwart betrifft, so leben wir in einer Demokratie und das ist auch gut so. Nur hat man manchmal den Eindruck, daß unsere maßgeblichen Eliten der Meinung sind, daß das Volk - die Mehrheit also - eigentlich zu blöd für diese ist. Was ist denn eigentlich das alternative Wort zu "Populismus"? Ist es "Lobbyismus"? Man hat den Eindruck, daß die bester aller Welten nach der Meinung unserer Eliten jene ist, wie sie sich die internationalen Anleger wünschen. Ich wollte mit meinem Bezug zur demokratischen Gegenwart nur zeigen, daß auch heute noch eine hamlethafte, herablassende Haltung zum Volk möglich ist. Wir, die Gebildeten und dort die Dummen, die von nichts eine Ahnung haben. Ein bißchen mehr Respekt vor dem "Souverän" wäre doch angebracht, oder nicht?

    Daß das Volk eigentlich zu blöd für die Demokratie sei, hat es doch einen Hitler gewählt, wird oft als Argument gebracht, vor allem dann, wenn es, wie anderenorts üblich, ein Referendum über wichtige Themen abzuwehren gilt. Hitler kam aber letztendlich durch die Stimmen des Parlaments zur Macht, alle Parteien bis auf die SPD, die sich der Stimme enthielt - haben für ihn gestimmt. Wäre das nicht ein Grund, der Weisheit des Parlaments zu mißtrauen?

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

    In Deiner Fußzeile steht ein Zitat aus Schillers "Glocke". Zu diesem Gedicht habe ich einmal eine Interpretation geschrieben, vielleicht interessiert sie Dich.
    Das Lied von der Glocke

  4. #4
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    Hallo Friedrich,

    Danke auch für deine interessante Hamlet-Besprechung. Die von dir aufgezeigten "Parallelen in der Gegenwart" erscheinen mir jedoch (populistisch) zu vereinfachend. Ich bin zwar auch eher skeptisch, was demokratische Mehrheiten betrifft, geradezu hellseherisch war zB der Ausspruch:

    Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines grossen und glorreichen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weisse Haus mit einem wahren Idioten verziert sein. (Henry Mencken, amerikanischer Journalist und Schriftsteller, gestorben 1956)

    Wer nun letztlich Hilter formell gewählt hat, spielt da keine Rolle mehr, oder? Die überwiegende Zustimmung des Volkes war da. Aber die Deutschen haben ja daraus gelernt: Merkel ist der aktuelle Beweis dafür. Über mein Land sage ich jetzt lieber nichts.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (17.07.2018 um 07:25 Uhr)

  5. #5
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    Hallo alba,

    schön, daß Du mich mit einem Beitrag zu meiner Interpretation beehrst. Wie bereits gesagt, geht es mir immer darum, von unseren Dichtern - vor allem den großen - zu lernen. Sie waren mit Sicherheit intelligenter als die meisten der heute agierenden Journalisten.

    In I.4.13 steht Hamlet in Erwartung des Geistes auf den Zinnen des Schlosses und tadelt die zechenden Dänen zu seinen Füßen. Die Nachbarn (other nations) bezeichneten sie als Suffköpfe (drunkards) und Schweine (with swinish phrase). Das hat mich dazu gebracht, über das Verhältnis unserer Eliten zum Volk nachzudenken.

    Du zitierst Henry Mencken, der sinngemäß sagt: "läßt man das Volk ungehindert wählen, dann wählt es letztlich einen, der genau so blöd ist wie es selbst, nämlich einen 'wahren Idioten'"

    Ich habe immer das Gefühl, wir leben in einer "Ja-aber-Demokratie". Das Volk soll wählen dürfen, aber nur so, wie es den Erwartungen entspricht. Die von Dir erwähnte Angela Merkel ist in einem Staat sozialisiert worden, wo dies genau so der Fall war. In der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik wurde vom Volk erwartet, daß es die "Parteilinie" der SED mit großer Mehrheit absegnete, was sie dann auch brav taten. Und dann gab es noch das Lied "Die Partei, die hat immer Recht"

    Ich hab ne eigne Meinung
    und das macht mich glücklich wie noch nie!
    Ich darf sie sogar laut sagen.
    Stimmen tut sie nie!
    Darum lass ich jetzt das Denken,
    das bekommt mir doch nur schlecht!
    Denn die Partei hat immer Recht!
    Da nicht wenige denken, daß sich die Aussage Henry Menckens bereits erfüllt habe, lasse ich jetzt den größten Präsidenten der USA zu Wort kommen, Thomas Jefferson (1743-1826). Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung schreibt:

    Wenn die Regierung das Volk fürchtet, herrscht Demokratie
    Wenn das Volk die Regierung fürchtet, herrscht Tyrannei.
    Und die damaligen Eliten fürchteten das Volk so sehr, daß sie den größten Teil der Amerikaner erst gar nicht wählen ließen. Wählen durfte nur, wer männlich, weiß und vermögend war. Die Frauen, die Indianer, die Schwarzen und die Habenichtse blieben außen vor. Dazu gab es noch die Wahlmänner, die auch noch einen verläßlichen Einfluß darauf hatten, daß nicht der Falsche an die Macht gelangte.

    "Ja-aber-Demokratie": Jeder erwachsene Deutsche darf wählen aber nicht mitbestimmen. Eine Volksbefragung wie in anderen Ländern gibt es bei uns nicht. Hat uns Helmut Kohl gefragt, ob wir die DM aufgeben wollen oder die Kontrolle über unsere Grenzen? Eine Volksbefragung wie die, ob wir in der EU verbleiben wollen, ist für Deutschland völlig undenkbar. Warum eigentlich? Sind wir soviel dümmer als die Briten? Diese haben selbst zu EU-Zeiten die Grenzkontrolle und die Währungshoheit nicht aufgegeben. Die englischen Abgeordneten (MPs) werden auch direkt vom Volk gewählt und haben keinen sicheren Listenplatz ihrer Partei wie bei uns.

    Aber im Grunde genommen, will ich gar keine politische Debatte mit Dir, liebe albaa führen, mir kommt es vielmehr darauf an, daß uns Shakespeare dazu anregt über unsere Welt - die von gestern und die von heute - nachzudenken. Und das ist ihm so mein Eindruck - auch gelungen.

    Liebe Grüße

    Friedrich

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