1. #1
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    Ein sehr alter Mann erzählt

    Du fragst, wie es mir geht, so ganz alleine?
    Ach, irgendwie kommt man doch immer hin.
    Die Zeit, sie führt mich an der kurzen Leine,
    am Ende bleibt sie die Gewinnerin.

    Ich fühl, mir kam da irgendwas abhanden,
    vielleicht der Gleichmut oder was weiß ich,
    weil schon so viele Freunde still verschwanden.
    Ich jetzt allein – nicht angenehm für mich.

    Stupide Tage voller Langeweile,
    ich denk an dies und das. Und überhaupt,
    an manchen Tagen lauf ich eine Meile,
    sobald der alte Körper es erlaubt.

    Als Fremder gehe ich durch meine Straßen,
    und was da lebt, ist nicht mehr meine Welt.
    Die Häuser, die mich lange schon vergaßen,
    was hat die Zeit mit ihnen angestellt?

    Zu Hause endlich, schließe ich die Türen,
    will nichts mehr sehen, keinen Laut mehr hören,
    die Gegenwart kann mich nicht mehr berühren,
    sie würde meine leise Welt bloß stören.

    So lebt sich’s hin, ich zähl zum Überreste,
    der kranke Baum, der‘s nicht mehr lange macht.
    Ein letzter Schlaf, ach ja, der wär das beste.
    Dann liege ich und warte auf die Nacht.

    Den Frühling möchte ich noch mal erleben,
    die Welt wie neu, wenn alles blüht und grünt,
    ein Restchen Leben wäre mir gegeben.
    Wer weiß? Ich denk, ich habe es verdient.

  2. #2
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    Hallo Rumpelstilz,

    ein sehr anrührendes und stimmiges Gedicht, wie ich finde. Obgleich man diese Gedanken auch in jungen Jahren, sogar
    in der Kinderzeit haben kann, denn mir erging es so, wenn ich den Erzählungen der "Alten" lauschte.
    Gern gelesen!
    Beste Grüße vom lautmaler

  3. #3
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    Ab wann ist mann sehr alt? Ab der Pubertät?
    Wie auch immer: Du wendest hier einiges an poetischer Sprache auf, um dem "Sehr Alten" eine Stimme zu geben. Darum ist das ein unbedingt lesenswerter Text. Finde ich.
    KP

  4. #4
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    Hallo Lautmaler,

    danke für deinen Kommentar. Ja, du hast recht, dass man sich von der Welt abschließt, dass man sehr allein ist, kann in jedem Lebensalter passieren. Aber ich wollte mal das Thema der Vereinsamung der alten alleinlebenden Menschen ansprechen, was ja immer ein Zeichen dafür ist, dass etwas in diesem Lande nicht stimmt.


    Hallo Kaspar Praetorius,

    auch dir meinen besten Dank für den Kommentar. Ich habe das in der Familie erlebt, mich mit meinem alten Onkel (92) unterhalten, und das Ergebnis ist das Gedicht. Leider kann man in einem Gedicht nicht alles unterbringen. Ich habe ihn dann noch mehrmals besucht bis zu seinem Tode. Ich war der einzige Besuch.

    Lb. Gruß, Rumpelstilz

  5. #5
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    Hallo Rumpelstilz!

    Das finde ich sehr gelungen. Obwohl, die eine oder andere Formulierung wohl ziegt, dass der, der da schreibt noch nicht wirklich "sehr alt" ist und wie meine Vorredner schon sinngemäß sagten, denke ich auch, man kann schon vor der Zeit "sehr alt" sein. Wenn ich an meine Mutter denke, trifft fast alles zu, außer "stupide Tage voller Langeweile", denn sie füllt ihre Tage auf ihre Weise aus, was Jüngeren vielleicht als "stupide" und "langweilig" erscheinen mag. Aber im Großen und Ganzen ein schönes und tiefsinniges Stück Lyrik, die S4 gefällt mir besonders.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (26.07.2018 um 18:48 Uhr)

  6. #6
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    Hallo albaa,

    ich bedanke mich herzlich für deinen Kommentar. Du hast recht, ich bin noch keine 92, aber es kommt ja immer darauf an, ob ein Mensch im Alter noch geistig rege ist oder ob er vielleicht dement ist, wie sich der Betroffene äußert. Ich glaube auch, dass es mit Frauen etwas anders läuft als mit Männern, sie haben meistens den Ehrgeiz, ihre Umgebung nicht verkommen zu lassen, und da gibt es auch im Alter immer noch etwas zu tun, so dass sie kaum unter Langeweile leiden. Aber wenn ein Mensch lebenslang geistig gearbeitet hat und nun keine Impulse von außen mehr empfängt, ist das für ihn sehr bitter, und das Gefühl der Nutzlosigkeit, der Langeweile stellt sich ein, besonders dann, wenn auch die Augen nicht mehr so richtig mitmachen und das Lesen eines Buches eine übermenschliche Anstrengung ist. Wer weiß, wie es unsereinem ergehen wird, sollte man überhaupt dieses fast biblische Alter erreichen.

    Lb. Gruß, Rumpelstilz

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