1. #1
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    Was zu tun war - Teil 1

    Was zu tun war

    Ich wusste, was zu tun war. Ich brauchte eine Schlafstelle, also brach ich Äste von den Sträuchern, die am Rand der abgetretenen Wiese den Abgasen zum Trotz üppig wucherten und begann mit dem Bau eines Wigwams. Immer wieder trat ich ein paar Schritte zurück, um mich zu vergewissern, dass die Abstände zwischen den im Boden verankerten Ast-Bögen regelmäßig waren und eine kreisrunde Grundfläche entstand. Der Lärm der hinter der Hecke vorbeirasenden Fahrzeuge umgab mich wie ein Kokon, der jede andere Wahrnehmung ausschloss, bis mich ein schleifendes Geräusch, begleitet von einem angestrengten Schnaufen, aus meiner Versenkung riss. Ein Mann, der eine LKW-Plane schleppte, kam auf mich zu. Der Oberkörper verschwand fast vollständig unter der Plane, deren Ösen schnitten sich bedrohlich in die Haut der Stirn. Er beugte sich so weit nach vorne, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. „Jesus!“, entfuhr es mir und ich eilte ihm pflichtschuldig entgegen, um ihn von der Last zu befreien. Da blieb er stehen, warf die Plane ab und grinste mich breit an. Ich war erleichtert. Dieser Mann sah nicht aus wie einer, der die Schuld der ganzen Welt auf seinen Schultern trug; und schon gar nicht wie einer, der ausgerechnet meine Hilfe brauchte. Er war kleiner als ich, drahtig und ganz offensichtlich an körperliche Arbeit gewöhnt. Alles an ihm war ungepflegt und er roch streng nach altem Schweiß, Zigarettenrauch und Diesel. Auch wenn er nicht lächelte, schien es, als hätten sich an seinen Augenwinkeln Sonnenstrahlen eingenistet; das erinnerte mich an die Heiligen-Geist-Tauben aus Holzspan, die vor dem Kruzifix im Herrgottswinkel schweben. Herrgottswinkel? Woher kannte ich das? Mich irritierte, dass religiöse Symbolik in Gedächtnis verankert schien, während jedes Selbstbild fehlte. Ich bemühte mich redlich, das offene Lächeln des Fernfahrers zu erwidern. Was ich zustande brachte, fühlte sich verkrampft und zugeknöpft an.

    Der Fernfahrer schien meine Verunsicherung nicht zu bemerken. Er griff mit beiden Händen nach meiner Rechten und drückte sie fest. „Josef“, sagte er ernst und verbindlich. Dann sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen erwartungsvoll an. Ich zögerte. „Paul“, entgegnete ich und war überrascht von meiner brüchigen Stimme und diesem Namen. Ich räusperte mich und wiederholte nun mit festerer Stimme: „Ich heiße Paul!“ Da ließ er meine Hand endlich los und deutete geschäftig auf die abgewetzte Plane und danach auf mein Zeltgerüst. Er schien kein bisschen überrascht oder misstrauisch. Anscheinend fand er es ganz normal, dass da jemand, der verdreckte Leinenhosen und Wildlederslipper ohne Socken trug, sonst aber ganz offensichtlich keine Habe bei sich hatte, am Autobahnrastplatz Indianer spielte.






    to be continued ...
    Geändert von albaa (13.09.2018 um 21:07 Uhr)

  2. #2
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    liebe albaa,

    ich schreibe hier unter den anfang gleich mal mein resümee für die ganze geschichte, auch wenn es eigentlich noch nicht ausgereift ist. es sind nur ein paar gedanken, die mir beim lesen durch den kopf gingen, die ich dir aber gern hier lassen möchte.

    ich bin noch hin und hergerissen, um wen es sich bei paul handeln könnte. da lässt du den leser im unklaren, was mir aber logisch erscheint, denn paul weiß es ja selbst nicht genau. da sein erster gedanke für eine schlafstelle ein wigwam ist, liegt die vermutung nahe, dass er indianische wurzeln hat oder aber anderweitig den bau eines wigwams gelernt hat. später kommen dann auch noch die wildlederslipper (mokassins?) und leinenhosen dazu. er erscheint mir aber ein wenig wie ein zeitreisender, eine art kaspar hauser (aber ohne geistige beeinträchtigung oder höchstens in hinblick auf sich selbst). der gedanke, auf einem autobahnrastplatz ein wigwam zu bauen, ist bizarr. der jesus-ausruf wiederum lässt mich spontan an jemanden aus bayern denken, ebenso die religiösen anspielungen im text. zu guter letzt heißt der polnische lastwagenfahrer auch noch josef. die überleitung hin zu josef finde ich übrigens sehr gelungen.

    so kommt dann also josef ins geschehen, der völlig selbstlos eine plane für das wigwam beisteuert (wieso eigentlich, bleibt ebenfalls im dunklen). die beiden verstehen sich, obwohl sie nicht die gleiche sprache sprechen, mittels schauspielerei. ich fand es ein wenig schade, dass ich die erkenntnis von paul (wenn ich sein kann, wer ich will, muss ich nicht wissen, wer ich bin) als leser nicht selbst herausfinden durfte, sondern mit diesem satz aufgedrückt bekam, wenn du verstehst, was ich meine.

    ganz zum schluss hatte ich noch die idee, dass paul ein unfallopfer aus einem verkehrsunfall sein könnte. vielleicht bildet er sich den wigwambau, josef und alles drumherum nur ein und liegt gerade unter den rädern eines polnischen schwerlasttransporters im sterben. der imaginäre bau eines schlafplatzes wäre dann eine metapher für die ewige ruhestätte.

    technisch habe ich nichts zu meckern gefunden. manche worte sind natürlich geschmackssache, ich würde z. b. in satz 4 statt versenkung versunkenheit schreiben, im nächsten satz statt bedrohlich bedenklich usw. das ist aber nichts, was wirklich korrigiert werden müsste.

    eine sehr interessante geschichte, die man sicher noch in tiefen ausloten könnte, in die ich jetzt nicht mal ansatzweise eingetaucht bin. aber auch an der oberfläche liest sie sich sprachlich sauber und gekonnt rätselhaft.

    lg
    lilisarah

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  3. #3
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    Liebe lilisarah,

    Herzlichen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, die lange Geschichte zu lesen. Ich habe sie in kleine "Häppchen" unterteilt, weil mir bewusst ist, dass kaum jemand so lange Texte in einem Forum lesen mag, in dem vor allem (kurze) lyrische Texte gelesen und kommentiert werden. Es blieb trotzdem unbeachtet. Umso mehr freue ich mich über Feedback.

    Der Plot ist ja nicht wirklich aufregend und versandet praktisch ohne Höhepunkt. Aber du bist offensichtlich an meinen Protagonisten interessiert (wie ich es selbst beim Schreiben war) und mehr kann ich nicht erwarten.


    Zu: Wenn ich sein kann, wer ich will, muss ich nicht wissen, wer ich bin. Ist das wirklich überflüssig? Das fände ich schade, weil das mE der schönste Satz in dieser Geschichte ist. Abgesehen davon denke ich, Prosa kann eine solche "Führung" schon vertragen (?). Es ist ein "Schlüsselgedanke" des Ich-Erzählers. Ich entwickle ja einen Charakter. Ein anderer Charakter könnte diese Situation ja völlig anders erleben und ich wüsste nicht, wie ich das in einer so kurzen Geschichte anders vermitteln hätte können.


    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Da sagst ganz normal aber mit ein bisschen Gespür für die Charaktere hätte man noch andere, wirksamere Klassifikationen für dieses sich selbst so hervorhebende Wort finden können. Extrem normal fand er es da ihm so eine Art Erleichterung vom Rücken fiel, was du in deiner verkleideten Schreibart Plane nennst. Die anderen Arten von normal überlasse ich dir mal selber sonst ist das nicht vorhandene Selbstbild noch in seiner Religiösität gefährdet.
    Der Roman: "Verballistik"
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  5. #5
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    Hallo Terrorist,

    Danke für deine Normal-Betrachtung. Ja, du hast recht, wenn das Kurzzeitgedächtnis ausfällt, dann taucht vielleicht auch wieder auf, was eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Könnte fast eine Metapher für den Untergang des Abendlandes sein. Interessant, was mir mein Unterbewusstsein da (vielleicht) eingegeben hat. Bist du etwa mein Unterbewusstsein ?


    Lieben Gruß
    albaa

  6. #6
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    Das lässt sich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres vermeiden, da ja viel liegengebliebene Arbeit auf etwas hindeutet was man Verarbeitungsproblem nennt. also hat die Geschichte mindestens 2 gute Schnittstellen vorzuweisen, anhand derer in mir und dir weitere Auswirkungen zu erwarten sind.
    Der Roman: "Verballistik"
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  7. #7
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    liebe albaa,

    ja, der plot ist nicht aufregend, aber das hat er auch nicht nötig. er ist rätselhaft, mysteriös und ich muss gestehen, dass ich beim ersten flüchtigen lesen nur dachte *hä?*

    dein schönster satz bleibt dir natürlich unbenommen. ich persönlich hätte es nur schöner gefunden, wenn ich diese erkenntnis über das schauspiel der beiden selber gewonnen hätte (habe ich nicht und insofern ist der satz wohl tatsächlich nötig, denn wie man das schauspiel so beschreiben könnte, dass mir die erkenntnis darüber von selbst kommt, weiß ich auch bloß nicht).

    lg
    lilisarah

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  8. #8
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    Hallo Terrorist,

    Ich sehe das weniger als Schnittstellen, sondern eher als Klammer, aber ich weiß auch nicht, was davor geschah und wie es weiter geht, also sich es womöglich doch Schnittstellen.


    Liebe lilisarah,


    ja, der plot ist nicht aufregend, aber das hat es auch nicht nötig.
    Na ja, die Urum-Geschichte im Teil 2 ist schon aufregend

    Es freut mich, dass du trotz dem anfänglichen "hä?" drangeblieben bist.

    Vielleicht ist mein Lieblingssatz doch überflüssig. Ich weiß ja auch nicht, wie jemand denkt, der an Amnesie leidet. Ich wollte auch gar nicht recherchieren, sondern die Geschichte so stehen lassen, wie sie aus mir raus kam.

    Vielen Dank für euer nochmaliges Einlassen!


    Lieben Gruß
    albaa

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