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    Was zu tun war - Teil 2

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    Josef inspizierte mein Wigwamgerüst, während er es mehrfach umkreiste; dann nickte er zustimmend. Er redete fortwährend, als würde er keine Sekunde daran zweifeln, dass ich seine Sprache verstünde. Sein Monolog war eine Art Gesamtkunstwerk aus Klang, Mimik und Körpersprache. Der weiche Bass und die Sprachmelodie schmeichelten dem Ohr wie eine italienische Oper. Was gesagt wurde, klang irgendwie bedeutend, nach großem Drama. Ich horchte auf, als ich "Mama" und "Tata" vernahm. Vermutlich erzählte er mir einfach nur Banales aus seinem unbedeutenden Leben, doch ich beneidete ihn um jede Erinnerung. Er sprach jetzt andächtig, ja feierlich, ohne mich zu beachten, bekreuzigte sich mehrfach und sah zum Himmel hinauf und wiederholte drei Mal den gleichen Satz. Zweifellos waren seine Eltern bereits tot, vielleicht zu früh oder sogar gewaltsam gestorben. Josefs zutiefst erschütterter Tonfall und das versteinerte Gesicht verursachten mir eine Gänsehaut und ließen mich erfahren, dass es selbst für einen nicht mehr ganz jungen Mann bedrückend war, als Waise zurückzubleiben. Was war dann mit mir, dessen Leben völlig verwaist war? Ich verdrängte die aufkeimende Panik.

    Josefs Gesicht belebte sich bald wieder. Er erzählte nun offensichtlich von seiner Kindheit. Er hob einen kleinen Stein auf und zeigte, dass dort wohl unzählige und riesige Steinbrocken herumlagen. Da gab es einen Steinbruch oder nein, eine verfallene Burg. Er und seine Freunde – es waren elf zwischen etwa 1,30 und 1,70 groß, er war einer der Kleinsten – spielten wohl häufig Burgherr oder Ritter, zumindest aber Kämpfer. Ausgelassen galoppierte Josef um mein Zeltgerippe herum, stieß ein imaginäres Schwert in die Luft, wieherte und scharrte mit seinen schweren Schuhen, deren vorspringende Gummisohlen tatsächlich fast wie Hufe aussahen, in der Wiese, aus der sich kleine Staubwölkchen lösten. Als er die Zugbrücke aufzog, ging ich irrtümlich von einem neuen Kapitel aus und tippte auf ein Angelerlebnis - vielleicht im Schwarzen Meer. Um ihm zu zeigen, dass ich wusste, worum es ging, summte ich so gruselig wie möglich, „Uurumm ….. Uurumm ….. Uurum Uurum …“(wieder eine dieser unnötigen Erinnerungen) und zog und zerrte an einer Angel, bis mich schließlich der weiße Hai samt dem Boot auffraß. Josef lachte und schlug mir anerkennend auf die Schulter, schüttelte dann aber heftig den Kopf und spielte die Zugbrückenpantomime detailverliebt nochmals, bis ich ihn verstand; er glitt sogar als Schwan um den Wigwam. Josef war ein großartiger Schauspieler.




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    Was zu tun war - Teil 1
    Teil 3
    Geändert von albaa (14.09.2018 um 16:24 Uhr)

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