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    Was zu tun war - Teil 3

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    Stolz und Freude über meine neu entdeckte Stummfilmkunst erfüllten mich. Wenn ich sein kann, wer ich will, muss ich nicht wissen, wer ich bin: Ich klemmte mir ein Büschel Gras zwischen Oberlippe und Nase. Mit meinem zu kurzen Spazierstöckchen - einem Stück Ast - in der Linken drehte ich mehrere Runden um mein Gerüst und versuchte den berühmten Hüftknick und den traurigen Gesichtsausdruck zu imitieren und ließ mich in der staubigen Wiese auf den Hintern fallen und sprang wieder auf und fiel wieder hin und sprang wieder auf. Josef lachte und klatschte und schrie: "Opa, Opa!" "Nein, Josef. The Tramp! Tramp!", sagte ich und versuchte den Staub von meiner Kleidung zu klopfen. Josef schaute mich nur groß an.

    Müde von der Schauspielerei setzte ich mich auf die Plane und Josef setzte sich dicht neben mich; ich rutsche möglichst unauffällig ein Stück von ihm weg. Er bot mir eine Zigarette an, die ich mit einer knappen Handbewegung ablehnte. Kein Raucher also oder ich hatte es glücklicher Weise vergessen.
    Als er sich selbst die Zigarette ansteckte, bemerkte ich seinen Ehering. „Luisa“, stellte er sachlich fest, ohne dass er meinen Blick auf den Ring gesehen haben konnte. Ich nickte. Er schwieg und rauchte. Ich ließ ihn. „Luiisa!“, wiederholte er nach einer Zeit. Sein Bass klang nun etwas belegt. Er stand auf, begann mit geschlossenen Augen zu tanzen, drückte Luisa an sich und sang ihr ganz leise und gekonnt ein Lied ins Ohr. Er vergaß die Zigarette zwischen seinen Fingern, die Asche fiel zu Boden und die Glut erlosch. Als er die Augen wieder öffnete und durch mich hindurch blickte, glänzten sie und seine sonnengegerbte Gesichtshaut schien für Momente fast durchsichtig. Er liebte Luisa. Ich spürte es in meinem Brustkorb, der mir plötzlich viel zu eng war, als müsse sich mein Herz den Platz dort mit Josefs und Luisas teilen. Auch ich liebte plötzlich diese Frau, die ich mir vollbusig und weich vorstellte. Ich wünschte mir sogar Kinder von Luisa und fragte ihn, ob er welche habe: Ich zeigte auf ihn, den Ehering und gestikulierte eine lebhafte Orgelpfeifenreihe. Josef schüttelte den Kopf. Mir wurde nicht klar, ob er mich nicht verstand oder keine Kinder hatte. Seine Augen, die gerade noch so kindlich vertrauensvoll gewirkt hatten, als könnte sie nicht die kleinste Emotion verbergen, verrieten nichts - gar nichts. Er wandte sich ab und ging zu seinem Laster.



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    Was zu tun war
    Teil 1
    Teil 2
    Ende
    Geändert von albaa (14.09.2018 um 16:25 Uhr)

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