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Josef kam mit einer riesigen Werkzeugkiste zurück. Da erst fiel mir sein sonderbarer Gang auf. Sein Körper war leicht nach links geneigt und das linken Bein schien bei jedem Schritt ein wenig in den Asphalt einzusinken. Bestimmt war sein Herz die Ursache für dieses Ungleichgewicht. Wie ich mich wohl bewegte? Wie sah ich aus? Ich war nicht sicher, ob solche Dinge für einen Mann Bedeutung hatten, aber das Gewicht von Josefs Herz schein mir bedeutungsvoll. Meine Hände konnte ich ja sehen, sie waren feingliedrig und knabenhaft, zumindest im Vergleich zu Josefs schwieligen Pranken. Aber irgendwie erschienen mir meine Gelenke und meine Bewegungen nicht geschmeidig genug für einen wirklich jungen Mann. Allerdings hatte ich auch keine Vorstellung davon, wie sich ein junger Mann fühlte. Wenn ich mir das Kinn rieb, was ich häufig tat, weil ich das beruhigende Schmirgelpapiergeräusch meiner Bartstoppeln mochte, stießen meine Fingerspitzen an den Wangen auf weiche, schlaffe Haut. Meine Zunge befeuchtete dünne, rissige Lippen, auf denen ich fortwährend herumbeißen musste. War ich immer schon so nervös gewesen? Wer war Paul? Wem gehörte dieser Körper in dem ich steckte und nicht wusste, wohin mit ihm? Fehlt die Vergangenheit, ist die Zukunft nur ein schwarzes Loch. War das eine Gnade? Aber ich hatte ja bereits eine Vergangenheit, Stoff für einen Neubeginn, wenn auch meine Erinnerung und somit mein Leben nicht über diesen Rastplatz hinausreichte: Meine Vergangenheit war Josef, ohne ihn war ich Niemand. Mich packte eine tiefe Verzweiflung und ich wünschte mir, ohne wirklich zu wissen warum, ich müsste mir nie begegnen, sondern könnte einfach als ein Teil von Josef weiterleben, mit Luisa, in … - wo auch immer.

Während mich Josef besorgt beobachtete, erzählte ich ihm stockend alles, was ich über Paul wusste. Das war wenig, so wenig, dass meine Stimme immer leiser wurde und ich nach ein paar Sätzen verstummte. „Wer bin ich, Josef?“, war das Letzte, was vielleicht noch zu verstehen gewesen wäre, hätte Josef diese Sprache verstanden, in der ich dachte und sprach. Er stand wie angewurzelt vor mir, sah mich lange schweigend mit dem undurchdringlichen Gesichtsausdruck an, den ich schon kannte. Wir spiegelten uns. Er bewegte sich als erstes, gab mir einen zärtlichen Klaps auf den Hinterkopf und deutete auf die Plane und mein kreisrund in der Erde verankertes Gerüst. Es wurde langsam dunkel. Wir wussten was zu tun war. Ich stand auf.



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Teil 1
Teil 2
Teil 3