Thema: Warten

  1. #1
    Registriert seit
    Aug 2018
    Ort
    Wo der Wind mich hinträgt...
    Beiträge
    23

    Warten

    So liegst du da und regst dich kaum,
    die Augen ausgehöhlt und leer,
    und wartest still auf deinen Traum
    und wartest lang, der Atem schwer.

    Dein Körper ist erstarrt und kalt
    und Zeit verliert den seinen Sinn,
    die Nacht ist jung, die Nacht ist alt
    und Stunden kommen, zieh’n dahin.

    Die Glocke schlägt, du lauschst dem Wind,
    die Zeiger rücken gegen Zwei,
    da fragst du dich, wer sie wohl sind
    und was der Sinn des Lebens sei.

    Doch vor dir nur ein schwarzes Loch
    und bis in die Unendlichkeit
    wartest du und wartest noch,
    bis endlich dich der Schlaf befreit.

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    Im nächtlichen Wald
    Beiträge
    9.208
    Hallo Poeia,

    ich bin mir nicht ganz sicher, ob das lD (lyrische Du) am Ende des Gedichts stirbt oder nur einschläft. Vielleicht kannst du mich ja aufklären. Der Wunsch nach dem Traum legt zwar das Einschlafen nahe, aber die Rubrik drängt mich in die andere Richtung.

    Die Sprache deines Gedichts ist teilweise etwas umständlich. Ich zeige dir einmal, was ich meine:
    Dein Körper ist erstarrt und kalt
    und Zeit verliert den seinen Sinn,
    "Zeit verliert den seinen Sinn" klingt für mich nicht wirklich passen. Eher "ihren" aber auch dann klingt es altbacken, was nicht zum Rest des Gedichtes passt. Ich würde dir empfehlen "Und Zeit verliert schnell ihren Sinn". "Schon" oder gar ein anderes Adjektiv würden auch gehen.

    Ein paar andere Anmerkungen hätte ich zudem noch zu machen:

    und wartest lang, der Atem schwer.
    Wenn du hier "dein Atem" schreibst, dann wird das Gedicht schon persönlicher und wir fühlen uns als Leser mehr in die daliegende Person ein.

    die Nacht ist jung, die Nacht ist alt
    Der kleine Gegensatz hier gefällt mir.

    Die Glocke schlägt, du lauschst dem Wind,
    die Zeiger rücken gegen Zwei,
    Wenn die Glocken schlagen, rückt der Zeiger nicht gegen Zwei, sondern auf die Zwei. Klar, Kirchen haben immer ihre eigenen Zeit und ich habe die Theorie, auf dem Land kann man in der Regel durch 5 Nachbarorte fahren und hört in jedem die Kirchenglocken, aber zumindest der "Wegweisende" Zeiger im Dorf/der Stadt springt gerade auf die II.
    "Die Glocke schlägt, getragen durch den Wind" würde mir gefallen, passt aber von der Form her leider nicht ins Gedicht.

    da fragst du dich, wer sie wohl sind
    Das Frage ich mich auch. Hier musst du deutlicher sein. Der einzig mögliche Bezug sind die Glocken. Aber die können kein "Wer" sein. Das müsste ein Lebewesen sein.

    Doch vor dir nur ein schwarzes Loch
    und bis in die Unendlichkeit
    wartest du und wartest noch,
    Hier könntest du durch einen kleinen Trick und eine minimale Veränderung alle drei Verse (sinnvoll) verbinden, dass der zweite sich auf beide Verse beziehen kann. Das Ganze nennt sich dann Apokoinu. Jetzt habe ich dich aber genug auf die Folter gespannt und ich sage dir, wie du das erreichen kannst: Wenn du das "und" durch bspw. "fast" ersetzt, dann reicht das schwarze Loch fast bis in die Unendlichkeit. Die ist ja nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich. ("Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!") Allerdings müsstest du dann nach dem Loch noch ein Komma setzen.
    Das nur würde ich übrigens durch ein "liegt" einfügen. Wo ein schwarzes Loch ist, ist ja per se nicht viel. Das würde es nach den gängigen Theorien ja aufsaugen, wenn ich mich nicht irre.

    Ich weiß nicht, wie gut du dich mit Metrik und Metrum auskennst, aber wenn man von den trägen Einsilbern im ersten Vers absieht, dann ist das Metrum fast perfekt. Allerdings nur fast, weil du kurz vor dem Schluss in S4 V3 den Auftakt vergessen hast:

    Doch vor dir nur ein schwarzes Loch
    xXxXxXxX
    und bis in die Unendlichkeit
    xXxXxXxX
    wartest du und wartest noch,
    XxXxXxX
    bis endlich dich der Schlaf befreit.
    xXxXxXxX

    Allerdings fällt mir so auf die Schnelle auch nicht ein, wie du das schnell beheben kannst...

    Der Kreuzreim passt du dieser mehr oder weniger ernsten Thematik gut.
    Alles in allem ein schönes Gedicht und für ein Einstand wirklich gut.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2018
    Ort
    Wo der Wind mich hinträgt...
    Beiträge
    23
    Hallo Nachteule!

    ich bin mir nicht ganz sicher, ob das lD (lyrische Du) am Ende des Gedichts stirbt oder nur einschläft
    In erster Linie hatte ich das Einschlafen gemeint, doch den Bezug zum Tod wollte ich nicht ausschließen, daher also beides denkbar und dem Leser letztlich selbst überlassen

    "Zeit verliert den seinen Sinn" klingt für mich nicht wirklich passen. Eher "ihren" aber auch dann klingt es altbacken
    Mit "ihren" statt "seinen" hast du wohl Recht. Ich persönlich mag gerne eine etwas altertümliche Ausdrucksweise, das war also schon bewusst so gewählt.

    Deine Theorie mit den Kirchenglocken auf dem Land gefällt mir Eigentlich meinte ich den Glockenschlag auf 1 Uhr nachts bezogen, da die Zeit ihren Sinn verliert und Stunden dahinziehen, rücken sie bald schon gegen 2..

    da fragst du dich, wer sie wohl sind
    Hier gibt es keinen genauen Bezug oder Sinn. Das Wachliegen treibt das lyrische Du schlicht um und lässt es irgendwelchen Fragen nachgehen und Gedanken nachhängen, die vielleicht nicht immer unbedingt Sinn ergeben.

    weil du kurz vor dem Schluss in S4 V3 den Auftakt vergessen hast
    Stimmt! Hier ist mir wohl das "da" abhanden gekommen als Auftakt..


    Guts Nächtle und liebe Grüße,
    Poeia

  4. #4
    Registriert seit
    May 2018
    Beiträge
    149
    Hallo Poeia,

    das Warten als eines der zentralen Themen der Lyrik. Ich finde, du packst das ganz gut an, schilderst, welche Gedanken deinem Li durch den Kopf gehen, bis endlich der Schlaf es übermannt. Inhaltlich hätte ich keinerlei Kritik, nur zum Handwerklichen ein paar Bemerkungen:

    S2V2: Die Zeit verliert nicht "seinen", sondern ihren Sinn. Das eingefügte "den" ergibt keinen Sinn, ist wohl nur aus metrischen Gründen eingefügt oder bei der Überarbeitung übersehen worden.

    S3V3: Rätselhaft dieses "sie". Das würde ich so nicht stehenlassen, oder du gehst auf den Konflikt in einer hinzugefügten Strophe ein.

    S4V3: Hier stimmt es metrisch nicht. Unendlichkeit wird auf "Un" betont.

    Lb. Gruß, Rumpelstilz

  5. #5
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    Im nächtlichen Wald
    Beiträge
    9.208
    Hallo Rumpelstilz,

    fast hättest du mich gehabt und ich hätte gedacht, dass ich bei meiner Metrikanalyse im Kommetnar vor dir einen Fehler gemacht habe. Aber Unendlichkeit wird nicht auf "un" sondern auf "end" betont. Ich habe gegen mein Sprachgefühl auch den Duden bemüht und der gibt mir recht. Da kannst du auch den wirklichen Fehler finden.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Warten und warten (im verzauberten Garten)
    Von Annalena im Forum Mythisches, Religiöses und Spirituelles
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 23.04.2017, 16:37
  2. Warten
    Von Joneda im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 03.01.2013, 03:07
  3. Warten
    Von moorvolk im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 30.05.2011, 09:20
  4. Warten
    Von nimmilonely im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 11.11.2010, 17:40
  5. Warten
    Von Rosenfee im Forum Erotik
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 14.05.2006, 22:07

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden