1. #1
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    Der Preis der Fichte

    Der Inuk hat fürwahr Geschmack.
    Beim Schnitzen seines Tupilak
    graviert er Seele oder Geist,
    von jüngst verstorbnen Leuten meist,

    an herrlich kalten Wintertagen
    (um die nur irgend totzuschlagen)
    in etwas Walrosselfenbein -
    es darf nicht einfach Fichte sein.

    „Und doch“, denkt Illiivat gerade
    beim Kerben der Skulpturenwade,
    „was ich bei diesem Frost verrichte,
    ging gleich viel leichter, hätt ich Fichte.“

    Nun, der Gedanke ist verständlich,
    doch Grönlands Baumbestand ist endlich.
    Drum treibt er weiter ganz profan
    sein Messer in den Walrosszahn.

    Und ich? Ich muss in Deutschland schwitzen
    und darf den Tupilak nicht schnitzen
    bei minus zwanzig Grad im Eis.
    Mir scheint, das ist der Fichte Preis.
    Geändert von Verbalcarpaccio (21.08.2018 um 14:32 Uhr)
    Das System sagt, ich will das, aber ich will das nicht.
    Peter Arbeitsloser

  2. #2
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    Lieber VC,

    das hast Du aber ein besonders schönes Schmuckstückchen ausgeschwitzt!
    doch Grönlands Baumbestand ist endlich.
    Herrlich!! Genauso wie die verquere Logik der Conclusio.
    Ein winziger Schönheitsfehler ist vielleicht das doppelte "doch" in der Mittelstrophe, das sich aber leicht ausmerzen ließe (z.b. "ging gleich viel leichter...").

    Chapeau!
    Stefan
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  3. #3
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    Lieber VC,

    ich durfte hier ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges und natürlich (wie sollte es bei Dir anders sein) perfekt gereimtes Gedichtchen genießen. Und ja: Grönlands begrenzter Baumbestand - das ist wahrlich köstlich!

    Ich denke, die Chancen, dass Du im kommenden Winter bei -20 Grad celsius einen Tupilak schnitzen darfst, stehen nicht schlecht. Heißt es doch: Auf einen extremen Sommer folgt i. d. R. ein strenger Winter.

    Lieben Gruß
    Richy

  4. #4
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    Hallo Stefan, Richy,

    danke - mir hat die Spinnerei auch Spaß gemacht. Die Doppelung von "doch" war mir tatsächlich nicht aufgefallen. Sie erscheint mir auch nicht problematisch, aber deine Lösung ist (wie auch anders?) elegant. Nehm ich doch gerne.
    Heißt es doch: Auf einen extremen Sommer folgt i. d. R. ein strenger Winter.
    Da bin ich mal gespannt. Langfristig wird wohl die Pointe mit dem endlichen Baumbestand auf Grönland auch keine mehr sein. Wenn die Sahara bis zu den Alpen reicht, haben die Grönländer vlt. üppigen Mischwald. Sollte man jetzt noch schnell Bauland auf der Insel kaufen? Für die Enkel? Aber vlt. ist das schon Stoff für neue Verse...

    lg VC
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    Peter Arbeitsloser

  5. #5
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    Du demonstrierst mit diesem wirklich fein geschriebenen Gedicht, dass der Paarreim keineswegs simpel sein muss oder gar ausgedient hat. Sehr fantasievoll und von Anfang bis Ende stimmig, bis auf die insgesamt drei "doch", die auch mir aufgefallen sind, aber schon angemerkt wurden. Danke für den Lesespass! gugol

  6. #6
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    Hallo Gugol,

    vielen Dank für dein Feedback. Das schlechte Image des Paarreims ärgert mich manchmal ein bisschen und ich frage mich dann, woher das kommt.
    Eine nicht unbedeutende Ursache könnte sein, dass er von vielen Anfängern genutzt wird, denen die Erfahrung fehlt, mit ihm zu spielen. Meistens wird dann immer auf den Reim, auf das Versende hingearbeitet, anstatt den Text einfach weiter über die Zeile springen und weiter fließen zu lassen (Stichwort Enjambement) - schreibt sich eigentlich auch viel leichter so und liest sich auch leichter (nicht so endlastig). Die Gefahr dabei: man findet kein Ende und die Texte werden immer länger . Das heißt: Selbstkontrolle finden. Oder Limericks und Klapphornverse schreiben - die sind limitiert.

    lg VC
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    Peter Arbeitsloser

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