Thema: illusion

  1. #1
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    illusion

    tagtraumfieber spielt mit mir
    fängt mich ein und spinnt mir glück
    ich bin nur halb zurück, ich bin
    viel lieber dort als hier

    es nagt mich wund, mein stummes kind
    das einsamkeit im namen trägt
    und haltlos um sich schlägt, ich bin
    vom zweifeln fast schon blind

    kann ich dich finden oder nicht
    du bist ein wunsch, ein bild, ein licht
    das an der wirklichkeit zerbricht

    und wenn der schmerz am schlimmsten ist
    dann flücht ich mich
    in ein gedicht
    Geändert von lilisarah (30.08.2018 um 18:12 Uhr)

  2. #2
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    Liebe lilisarah

    dein Gedicht hat mich sehr berührt. Es transportiert für mich u.a. die Botschaft, dass man das JETZT nicht aushalten kann und will, den Zustand wie er ist nicht anzunehmen und ihn daher durch Flucht verdrängt - in einen Tagtraum, in eine Situation/Gefühlszustand, der den inneren Schmerz erleichtern soll.
    Vergangenheit, die in jedem von uns ihre Bilder, Emotionen und Schatten hinterlässt, fließt im Hintergrund, zumindest verstehe ich das so und wirkt sich gleichermaßen auf den Zustand des JETZT aus, in dem wir zu glauben meinen, wie die Situation ist, interpretieren, be- und verurteilen, weil wir von dem was in Summe in unserem Leben war, geprägt und beeinflusst sind.

    Wichtig ist, dass man beginnt zu reflektieren - sich bewusst zu machen, was wirklich ist um sich aus seinen eigenen Fängen befreien zu können.
    Tagträume können ja auch sehr schön sein, doch sehe ich sie in deinem Gedicht in diesem Zusammenhang eher als Metaphern für Süchte - und es gibt eine Vielzahl davon.

    ...und wenn der Schmerz am schlimmsten ist dann flücht ich mich in ein Gedicht...
    Ja, so verarbeite ich in der Tat auch oft meine Stimmungen/Erlebnisse und schreibe sie mir wie manche einen Brief eben in lyrischer Form auf.
    (weil ich es nicht anders kann)

    Ich freue mich sehr, liebe lilisarah, dass du wieder hier im Forum aktiv bist und uns an deiner Kreativität und Tiefsinnigkeit teilhaben lässt!


    Herzliche Grüße

    Wüstenblume
    So bin ich nur als Kind erwacht,
    so sicher im Vertraun
    nach jeder Angst und jeder Nacht
    dich wieder anzuschaun.
    Ich weiß, sooft mein Denken misst,
    wie tief, wie lang, wie weit - :
    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

  3. #3
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    Zitat Zitat von lilisarah Beitrag anzeigen
    tagtraumfieber spielt mit mir
    fängt mich ein und spinnt mir glück
    ich bin nur halb zurück, ich bin
    viel lieber dort als hier

    es nagt mich wund, ein stummes kind
    das einsamkeit im namen trägt
    und haltlos um sich schlägt, ich bin
    vom zweifeln fast schon blind

    werd ich dich finden oder nicht
    du bist ein wunsch, ein bild, ein licht
    das an der wirklichkeit zerbricht

    und wenn der schmerz am schlimmsten ist
    dann flücht ich mich
    in ein gedicht
    Liebe lilisarah,

    Sehr schön, die Suche nach sich selbst, dem inneren Kind, das man einsam irgendwo zurückgelassen hat. Deshalb würde ich viel "das stumme Kind", also im Sinne eines ganz bestimmten, schreiben. Und bei Z3 stolpere ich irgendwie beim Wechsel zum Auftakt, aber vielleicht liegt das nur an mir. Und die unschönen Abkürzungen "werd" (V9) und "flücht" (V14) ließen sich leicht vermeiden: "kann" und "dann flüchte ich" - ich ist als Assonanz genauso gut wie "mich" oder?

    Sehr gerne gelesen!

    Lieben Gruß
    albaa

  4. #4
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    Wie eine Schale soll es wohl wirken. Und durch die zerbrechlichen Andeutungen von nur halb zurück wird auch etwas angesprochen dass im schon blinden Zweifel der sich aus der vor-Zweifeln-Blindheit ergibt erscheint das was ausgedrückt wird als das was man sein möchte. Und wir vergessen was zwischen Wort und Tat steht. Denn ein Zweifel ist manchmal auch das was uns veranlasst die Flügel zu schwingen und durch die Weiten der Sprache zu gleiten wie hier. Es ist sehr schwer erfassbar deine Flucht denn sie betrifft eine sich selbst erschaffende Rechtfertigung.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    liebe wüstenblume,

    vielen dank für deinen schönen kommentar und die lobenden worte. mir fällt gerade auf, dass ich unter dein gedicht ähnliches (prägung in der vergangenheit usw.) schrieb wie du unter meines. da haben wir uns wohl irgendwie und irgendwo getroffen, unbewusst.

    deine interpretation - besonders die der tagträume als süchte - mag ich. und letztendlich hat ja sogar das gedichte schreiben suchtpotential, oder.

    liebe grüße
    lilisarah



    liebe albaa,

    auch dir danke ich sehr für deine worte. ich finde es immer wieder spannend, wie unterschiedlich gedichte interpretiert werden können. ich las wüstenblumes deutung - und war bei ihr. jetzt lese ich deine - und bin auch sofort bei dir. meine eigene intention ist unter diesem aspekt völlig nebensächlich.

    beim vorschlag *das stumme kind* stört mich, dass die nächste zeile bereits mit *das* beginnt, auch wenn ich inhaltlich deiner idee folgen möchte. ich überlege noch, ob ich es noch bestimmter mache mit *mein stummes kind*. das *werd* in *kann*, gekauft. bei der vorletzten zeile bin ich noch am grübeln, ob ich das ändere oder nicht. jedenfalls herzlichen dank für die denkanstöße.

    liebe grüße
    lilisarah



    hallo terrorist,

    jeder versucht doch, sein verhalten zu rechtfertigen, vor allem vor sich selbst. aber die zweifel bleiben bestehen, man kann sich eben nicht auf dauer selbst betrügen. auch nicht durch gedichte schreiben.

    danke für deinen kommentar, ich habe mich gefreut.

    liebe grüße
    lilisarah

  6. #6
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    Hallo lillisarah,
    dein Text transportiert sehr intensive Gefühle, das LI scheint an der erfolglosen Suche nach Glück zu verzagen.
    Da Du noch in der "Textfindungsphase" zu sein scheinst, möchte ich Dir ein paar Anregung zur 2. Strophe dalassen:

    es nagt mich wund, mein stummes kind
    das einsamkeit im namen trägt
    und wahllos um sich schlägt, ich bin
    vom zweifeln fast schon blind

    LG
    Perry

  7. #7
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    So allgemein möchte ich es gar nicht sehen. Da steckt mehr dahinter. Alles hat eine Steuerungsfunktion, so auch Zweifel und Blindsein. Und die Flucht ist manchmal das einzige überlebensrichtige, wenn man mal bedenkt wie sehr wir versuchen uns irgendwo einzuschreiben werden wir da dann auch irgendwas hinterlassen.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  8. #8
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    hallo perry,

    danke fürs vorbeischauen, ich freu mich.

    nachdem du das *mein* ebenfalls befürwortest (urspungsidee stammt von albaa, die vorschlug, das kind bestimmter zu machen), habe ich das nun so geändert. bei deinem zweiten vorschlag möchte ich dich aber bitten, mir näher zu bringen, warum du *wahllos* dem *haltlos* vorziehen würdest. wahllos um sich schlagen bedeutet für mich: es ist mir egal, wen ich dabei treffe. haltlos um sich schlagen bedeutet für mich: ich fühle mich so verloren, dass ich nicht mehr anders kann, als um mich zu schlagen. meine intention war letzteres, es sei denn, du hast noch schlagende argumente für *wahllos*.

    liebe grüße
    lilisarah

  9. #9
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    Hallo lillisarah,
    mir wäre bei haltlos eher greifen näher als schlagen.
    Letztlich zählt, was Du als passend fühlst.
    LG
    Perry

  10. #10
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    hallo perry,

    danke, dass du mir deinen gedanken zu haltlos mitgeteilt hast. die relation zu greifen kann ich auch gut nachvollziehen, bleibe aber trotzdem bei haltlos, weil das wahllos für mich dann nicht die richtige alternative dazu wäre. allerdings ist es ein denkanstoß, vielleicht noch ein anderes wort zu finden, welches besser passt als wahl- oder haltlos. na, vielleicht habe ich ja noch mal irgendwann eine eingebung.

    liebe grüße
    lilisarah



    hallo terrorist,

    ja, da hast du hast völlig recht, ich kann dir nur zustimmen. danke dir sehr für deine weiterführenden gedanken!

    liebe grüße
    lilisarah

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