Thema: untergang

  1. #1
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    untergang

    den mond sehen
    wo er nicht ist
    in silbernen ab und zu

    weit unter wasser
    zwischen schweigsamen fischen
    taucht er auf als halbkreis

    umrundet die lichtgestalt
    eines kirchturms
    wie vertrautes gelände

    beleuchtet bleiche laternen
    ertrunkene brunnen
    die ecke des schulhofs

    wo die kastanie stand
    weiß nichts
    von längst vergangenem lärm

    der kinder kindeskinder
    schwebt in der stille
    des abends landunter
    Geändert von Okotadia (28.09.2018 um 22:19 Uhr)
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  2. #2
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    hallo okotadia,

    schön poetisch, deine mondlandung im teich. ich hab ihn vor augen, deinen mond, wie er unter wasser flimmernd verschwimmt, von flossen sanft umstrudelt. wunderschön.

    um noch irgendwas anderes zu sagen: bei der vorletzten zeile bin ich mir nicht sicher, warum es *sein* abend ist. es ist doch auch deiner, oder? also vielleicht einfach nur *den abend*?

    liebe grüße
    lilisarah

  3. #3
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    Hallo Okotadia,
    dein etwas anderer Blick auf den Mond und seinem Auf- und Untergang gefällt mir gut.
    Falls Du noch am Text feilen willst, würde ich das "schweigsamen" bei den Fischen ändern, denn das ist zu naheliegend.
    LG
    Perry

  4. #4
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    Hallo Okotadia,

    da schließe ich mich den Lobeshymen an - nur würde ich gar nichts ändern wollen...denn für mich sind dein Bild und die Worte...die Du dafür gefunden hast...von A-Z stimmig.

    Gruß, A.D.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  5. #5
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    Liebe Kommentatoren,

    habt vielen Dank für Eure positive Resonanz und die (Nicht-)Änderungsvorschläge.

    Perry, offensichtlich schweigen Fische, aber schweigsam führt so schön zur Stille hin.
    Lilisarah, sein Abend ist natürlich bei näherem Nachdenken meiner bzw. unserer. In diesem Gedankenstolperstein liegt mMn ein gewisser Reiz, weil das LI so noch mehr zum (aus der Szene ausgeschlossenen) Beobachter wird.

    Ich selbst war mit dem Gedicht anfangs gar nicht zufrieden, weil ich eigentlich gar kein Mondschein-Stimmungsgedicht schreiben wollte.
    Nachdem die Dürre dieses Sommers an manchen Stau- und Flutungsseen Reste versunkener Dörfer wieder in Erscheinung treten ließ, hatte ich die Idee, ein bisschen mit Worten rund ums Thema Der Untergang des Christlichen Abendlandes zu spielen ohne gleich die Apokalypse zu beschwören. Herausgekommen ist aber etwas anderes (meine Gedichte machen halt immer was sie wollen ).

    Nun müsste ich es eigentlich wieder auseinander nehmen.
    Da es Euch gefallen hat, wie es ist und mir mittlerweile auch, lasse ich es einfach so und mache irgendwann einen zweiten Anlauf.

    Euch viele schöne Mondscheinabende
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

  6. #6
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    Liebe Okotadia,

    Ich bin lange um das Gedicht herumgeschlichen und wusste nicht so genau, wie ich es einordnen soll. Ich meinte, Untergang, Mond (Halbkreis? warum nicht Halbmond?), Kirchturm (Lichtgestalt weil vom Mond beleuchtet?), das nicht gequerte Kreuz ("quert weder Kreuz noch Wasser") müssten noch eine andere Bedeutung haben; aber ich dachte, das sei falsch, weil es in der Natur-Rubrik steht. Nun, nach deiner Erklärung, dass du eigentlich gar kein Mondschein-Stimmungsgedicht schreiben wolltest, verstehe ich es besser.

    Die "schweigsamen Fische" würde ich unbedingt so lassen, mir gefällt das sehr gut; das könnten die Fische alleine nicht leisten, auch wenn klar ist, dass sie stumm sind, aber erst die Nennung dieser bestimmten Eigenschaft (sie haben ja auch andere und ich denke bei Fischen nicht als erstes an stumm/schweigsam) führt wie du richtig sagst "so schön zur Stille hin".

    "nimmt seinen abend mit/landunter" das verwirrt mich an dieser Stelle, weil davor war er ja schon "weit unter wasser" und sein Treiben wurde schon länger beobachtet, sodass diesem Vers für mein Gefühl die Wirkung fehlt, vor allem wenn "sein Abend landunter" den "Untergang des Abendlands" verschlüsseln sollen. Ich könnte mir vorstellen, diesen Vers wegzulassen, einfach mit "landunter" zu enden und als Titel "Abendland" und im V6 statt "Halbkreis" "Sichel", alles in allem wäre es dann für mein Gefühl eine schöne, versöhnliche Geschichte; schön ist es auch so, aber es bleibt nur die "Naturgeschichte" hängen, was bei der guten Idee irgendwie schade ist. Aber vielleicht denke ich auch völlig daneben.

    Lieben Gruß
    albaa

  7. #7
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    Liebe albaa,

    danke fürs Nachhaken.

    Der von mir sehr geschätzte Zbigniew Herbert schrieb - offensichtlich ziemlich genervt von irgendwelchen romantisierenden Mondscheingedichten (mild, gütig, usw.): Er ist fett und schlampig. Er bohrt den Schornsteinen in der Nase...
    Soweit wollte ich nicht gehen, habe aber versucht, ein bisschen von den gängigen Mondvorstellungen abzuweichen. Nun wurden ja Vollmond, Sichel und Neumond ausreichend bedichtet und beschrieben und der Halbmond war mir assoziativ zu sehr vom Islam besetzt, obwohl der ja eigentlich auch eine Sichel, ein Viertelmond ist. Deshalb habe ich mir den Halbkreis ausgesucht. Vielleicht mögen ihn viele DichterInnen nicht, weil der Ausdruck zu mathematisch/geometrisch ist.

    Die Lichtgestalt würde man in der Tat eher dem Mond als dem Kirchturm zuordnen. Der Kirchturm ist aber im übertragenen Sinn eine Lichtgestalt für gläubige Christen. Wenn man bedenkt, wieviel Herzblut und Schweiß in den Bau kleiner und großer Kirchen über Generationen hinweg geflossen ist, macht es umso betroffener, dass sie irgendwann absichtlich versenkt wurden. Wobei ich die Vorstellung, dass sie eine Unterwasserlandschaft bilden und von Fischen umschwommen werden, auch schön finde.
    Mit Deiner Kritik hast Du natürlich letztlich recht. Das Gedicht ist weder Fisch noch Fleisch und passt auch nicht wirklich in die Rubrik. Kein richtiges Stimmungsgedicht, weil logische Stolpersteine drin sind, aber die Grundidee ist für den Leser auch nicht zu entschlüsseln.
    Vielleicht mache ich mich mit ein bisschen Abstand doch nochmal dran.

    Dir lieben Dank fürs Dalassen Deiner Gedanken.
    Okotadia
    Früher waren die Stühle schöne, blütenfressende Tiere. Doch sie ließen sich zu leicht zähmen...
    Zbigniew Herbert

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