1. #1
    Registriert seit
    Sep 2016
    Ort
    Köln und Leimen
    Beiträge
    154

    Ausgerechnet Bielefeld

    " Heilige Scheiße!", entfährt es Horst, als sie mit dem alten Trabi nah genug an die Stelle heran fahren, an der laut der antiquierten Karte Bielefeld hätte stehen müssen.
    Sein Fluch lockt Käthe unter der Decke hervor, die sich alle übergeworfen hatten, die im Anhänger schlafen wollten, nachdem sie auch in Nussloch und Wernigerode niemanden angetroffen hatten.

    "Oh nein!" stöhnt jetzt auch sie. Sie steigt aus dem Anhänger aus und läuft zu Horst, der ebenso ausgestiegen ist. Sie greift verzweifelt nach seiner Hand, denn das, was sie sehen, kann ihr Ende bedeuten. Ein Gefühl tiefer Trauer lässt ihre Beine einknicken und hilflos hängt sie an Horsts Hand.

    "Habt ihr wirklich geglaubt, wir werden hier noch irgendetwas antreffen, was wir brauchen können?" Gunnar ist nun auch aus dem Auto ausgestiegen. Da alle Fenster des Trabis verschwunden sind, da sie nach dem großen Knall die sowieso zerborstenen Scheiben in ihren Resten sehr sorgsam entfernt hatten, ist er durch das hintere Loch geklettert, ohne seine Frau und die drei Kleinen zu wecken.

    Sie starren minutenlang fassungslos auf einen Schutthügel aus Steinen, Ziegeln, Holz und etwas, von dem sie inzwischen wissen, dass so Körper aussehen, die zur Zeit des großen Knalls zu dicht dran waren am Epizentrum der Katastrophe. Gunnars Frau aber war es, die mit dem Gerücht angekommen war, dass Bielefeld eines der verschonten Ortschaften sei.

    "Drecks-Bielefeld!" schreit Gunnar plötzlich laut. "Das hat eh noch nie existiert!" Er bückt sich abrupt, um sinnlos einen Steinbrocken zu greifen und auf den Hügel zu werfen.
    Das war laut genug, um alle restlichen Beifahrer*innen ihrer Odyssee aufzuwecken. Zwölf Menschen, Frauen, Männer und Kinder, die meisten in dreckige zerrissene Mäntel gehüllt, stehen bald vor dem Hügel, an dem irgendjemand sehr Zynisches das alte Ortsschild gelehnt hat.

    Eine Katze kommt hinter dem Hügel hervor spaziert.

    Käthe kapiert es als erste.
    "Hey," ruft sie aufgeregt. Mehr muss sie nicht sagen. Gemeinsam mit Horst rennt sie auf den gruseligen Hügel zu. Dann links dran vorbei. Jetzt gerät die gesamte Gesellschaft in Bewegung. Die Kleinsten werden getragen, die meisten anderen können ganz gut mithalten, als alle schnellen Schrittes Käthe folgen.
    Sie müssen an einer unglaublich langen Reihe von Hügeln aus den gleichen toten Komponenten wie der erste vorbei, bis sie das entdecken, was sie sich so sehr erhofften: andere Lebewesen haben überlebt. Sie sind nicht dir Einzigen!

    Irgend jemand musste das Schild aufgestellt haben, und dass das Schild überhaupt noch existiert, war der sicherste Beweis, dass Bielefeld außerhalb der Todeszone lag. Die streunende Katze war das I-Tüpfelchen dieser Ansicht.

    Gunnar ist wie umgewandelt. Er steht vor der urigen Versammlung aus Hunden und Katzen, die einfach nur mitten in der Landschaft sitzen.
    "Ich kenne das. Als ich noch Zeitungen ausgetragen habe, traf ich damals auch immer wieder auf Katzen-Gesellschaften, die einfach nur so herumsaßen."

    Horst sieht irgendwie nachdenklich aus. "Katzen-Gruppen kann ich mir ja vorstellen," sagt er, "aber Katzen- und Hunde-Gruppen? So was ist mir noch nie untergekommen."

    Käthe lacht. "Du alter Schwarzseher. Die haben halt lernen müssen, mit einander auszukommen. Ihre Herrchen und Frauchen werden sie dazu erzogen haben."

    "Und wo sind ihre Besitzer?" fragt Horst zweifelnd.
    In diesem Moment bellt einer der Hunde und eine der Katzen vom Rand der Tiergruppe miaut. Und alle eben noch beinahe bewegungslos dasitzenden Tiere wenden sich der Menschengruppe zu, kommen näher und näher.
    Als Gunnar erkennt, dass sie sie einkreisen, ist es zu spät.
    "Ausgerechnet Bielefeld..." sagt er. Und es ist das Letzte, was er sagen kann.



    (c) watsi 2018
    Lass kommen...

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2008
    Beiträge
    10.181
    Lb. watsi,

    es herrscht Krieg zwischen den Menschen, aber Krieg der Menschen gegen die Tiere. Hier haben einmal die Tiere eine Schlacht gewonnen. Eine interessante Pointe.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  3. #3
    Registriert seit
    Sep 2016
    Ort
    Köln und Leimen
    Beiträge
    154
    Danke!

    Gruß
    watsi
    Lass kommen...

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. ausgerechnet ... ?!
    Von hanee im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 08.07.2009, 17:14
  2. ausgerechnet
    Von Dana im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 18
    Letzter Beitrag: 14.02.2006, 21:32
  3. Warum ausgerechnet du?
    Von LastPegasus im Forum Archiv
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 22.02.2002, 14:28

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden