1. #1
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    Gedse Hayastan (Es lebe Armenien) Armenien

    Gedse Hayastan (Es lebe Armenien)

    Toast des russischen Gesandten

    Dem Gesandten aus Russland gebührt vor den andern,
    dem Gebot aller höfischen Sitte entsprechend,
    mit gehörigem Spruch einen Toast zu verkünden.
    „Ich habe“, so ruft er mit tönender Stimme,
    „in Ani die eintausend Kirchen gesehen.
    Der Herrgott beschütze das Land und die Menschen!
    Erhebt von den Sitzen euch, lasset uns trinken
    den goldfarbnen Cognac aus edelsten Reben,
    die Noah einst pflanzte am heiligen Masis
    und dankend der Gnade des Himmels gedenken!“

    Toast des japanischen Gesandten

    „Wir haben“, spricht des Tennos würdevoller Mandarin,
    im Lande Nippon Sitten, die den euren ähneln:
    Der Gast, der unter unsren Dächern weilt, er darf
    der Obhut und dem Schutze seiner Wirte sicher sein.
    In euren Herzen ist die Tugend, Gäste, Freunden gleich,
    mit Wärme zu empfangen, längst Bedürfnis aller Hay.
    Der zweite Trunk, er sei der Menschlichkeit gewidmet,
    die ich erfahren hab in euren Mauern!“

    Toast des arabischen Gesandten

    Mesrops Eisenschrift, ihr Brüder,
    macht die Bibel uns bekannt.
    Khutchaks Verse, Sayats Lieder
    klingen bis ins Morgenland,
    Komitas Choräle hallen wider
    von des Atlas Felsenwand.
    Klein ist dieses Land, doch groß ist euer Erbe
    Schenke, komm! und mach die dritte Kerbe,
    füll das Glas mit rotem Saft der Reben!
    Hayastan - hoch sollst du leben!“

    Toast des deutschen Gesandten

    „Ihr habt mit Wortgewalt und edlem Sinn
    das Land am Fuß des Masis hoch gepriesen.
    Ihr habt versäumt, das Beste zu erwähnen:
    Wir sahn in die Augen der Mädchen Nairis hinein -
    mit gutem Recht vergleicht ein großer Dichter
    die Augen der Mädchen mit wogenden Wellen des Meeres.
    Der vierte und letzte der Lobesgesänge, er gelte
    den Frauen und Mädchen des gastlichen Landes!“


    (Erläuerungen: Für mich lag Armenien vor 25 Jahren irgendwo in den Karawanken und das einzige, was ich von Armenien "wusste", waren die hintersinnigen Fragen und Antworten des Senders Eriwan. In Eriwan (Jerevan) gibt es zwar einen Sender dieses Namens, manche Witze haben einige Mitarbeiter/innen allerdings von mir gehört.
    Meine kleine (Beinahe-) Hymne ist gespickt mit Informationen, die auf das Land neugierig machen sollen. Z.B.
    - Ani - eine bedeutende Stadt im Großarmenischen Reich vor vielen hundert Jahren und übersät mit Kirchen. Zusätzlicher Hinweis von mir: Die Armenisch Apostolische Kirche ist "die älteste Schwester" unter den christlichen Glaubensgemeinschaften. Im Jahre 301 wurde das Christentum in Armenien zur Staatsreligion.
    - Der goldfarbene Cognac aus edelsten Reben am Fuße des Masis: Der Masis ist der heilige Berg derArmenier; Masis heißt "Mutterberg", wir kennen ihn als Ararat. Hier, so die Bibel, landete Noah mit seiner Arche und brachte den Weinanbau mit. Der Cognac (der nicht so heißen darf, weil die Franzosen darauf ihr Copyright haben) heißt Brandy und hat je nach Reife besondere Namen. Er schmeckt, weil er nicht im Hals brennt, auch Damen.
    - Gastfreundschaft der "Hay": Armenien heißt in der landessprache Hayastan, die Menschen bezeichnen sich als "Hay" und Gastfreundschaft können wir zwar buchstabieren, aber erfunden ist sie bestimmt in diesem Land. Ich kenne ein paar Länder - aber so etwas wie in Armenien habe ich noch nie erlebt.
    - Mesrops Eisenschrit: Mesrop war ein Mönch, der um 400 nChr das (bis heute nur durch ein oder zwei Buchstaben ergänzte) armenische Alphabet "erfunden" hat (nebenbei etwas später auch das georgische). 405 nChr hat er, über tausend Jahre vor Luther die Bibel ins Armenische übersetzt. Die "Eisenschrift" und die Sprache ist für heutige Armenier genauso schwer zu entziffern wie für die meisten Deutschen das Althochdeutsche. Khutchak war ein volkstümlicher Dichter, der im frühen 15. Jahrhundert lebte und zauberhafte Gedichte hinterlassen hat. Ich werde gern mal paar Strophen per PN schicken.
    - Sayat: Ein ebenso berühmter Dichter wie Komitas ein berühmter Komponist war. (ich glaube, den meisten Deutschen ist nur ein Stück armenischer Musikkunst bekannt - der "Säbeltanz" des Komponisten Khatchaturian;
    Armenier, die wir alle kennen: Cher, A. Agassi, Charles Asznavour. Artur Abraham, Kim Kardashian).
    - Mädchen von Nairi: Galten als die schönsten Frauen Arrmeniens.
    Ihr merkt es wahrscheinlich: Ich liebe Land und Leute, dieses "kleinen Lands mit großem Erbe" - ein Zitat nach Ralph Giordano.
    Was den Trinkspruch des Deutschen angeht: Schau Dir mal Bilder von Armenierinnen (und Armeniern) an und Du wirst eine Ahnung von meiner Begeisterung bekommen.
    Das "Besondere" an meinem Text ist, dass man mit Armeniern und in Armenien kolossale Mengen von hochgeistigen Getränken (selbstverständlich nur zwecks Desinfizierung und Stärkung des Immunsystems) zu sich nimmt - aber (!) trinken ohne einen gehörigen Trinkspruch - und es wird auf alles getrunken, was schön und gut ist - das ist sinnloses Saufen; mit einem originellen Trinkspruch ist es Kultur.)
    Heinz ist gerade online
    Geändert von Festival (10.09.2018 um 01:48 Uhr)

  2. #2
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    Liebes Festival,


    Das türkische Toastbrot fehlt noch.
    Vor etwa einem halben Jahr hatte eine sehr ansprechende Radiodokumentation über Armenien gehört. ( vermtl. in WDR 5)
    Politisch präsent bleibt natürlich die im Strafgesetzbuch verankerte ,,Beleidigung des Türkentums", welche die Opfer zum Täter macht und die öffentliche Anerkennung des Genozids an den Armeniern strafrechtlich verfolgt. Diese Form der Geschichtsschreibung scheint wohl letzendlich die preiswerteste und schnellste Methode der Gegenwartspolitik zu sein, angesichts drohender Reparationszahlungen und aufwendiger Geschichtsaufarbeitung. In diesem Licht erscheint mir dein lyrischer Geschichtsbericht besonders im Kontakt zu Land und Leuten umso wichtiger, wenngleich die Begegnung demnach im Vollrausch der Sinne stattgefunden haben muss.
    L.G.A.

  3. #3
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    Liebe Anjulaenga,
    zum Genozid der Türken an den Armeniern (beginnend im April 1915) habe ich ein Gedicht ("Nänie") geschrieben, das keinerlei Zweifel an meiner Einstellung zu dieser Problematik zulässt.
    Armenier, denen ich das vorgetragen habe, ermunterten mich, auch mal etwas Heiteres über Armenien/Armenier zu schreiben. Mein etwas längeres Gedicht "Gajane" ist daraus entstanden (oben - ein Ausschnitt). Die Zeit des Geschehens liegt in der geschichtlichen Epoche, in der Armenien noch ein großes Reich war und es noch gar keine Türken gab, die Armenier aber schon von Herodot erwähnt werden.
    Die beeindruckenste Dokumentation lief vor vielen Jahren im Fernsehen. Autor war der leider schon gestorbene Ralf Giordano. Unter anderen war er es, der mich auf die armenisch/türkische Problematik aufmerksam machte. Von ihm gibt es auch ein Essay ("Armenien - kleines Land mit großem Erbe").
    Zur Beleidigung des Türkentums zählt übrigens auch ein Bericht über Atatürk, der mindestens ein armenisches Waisenkind adoptiert hat.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  4. #4
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    Liebes Festival,

    wie würde sich Politik verändern, wenn R. Erdogan plötzlich feststellen müsste, dass überwiegend armenisches oder kurdisches Blut durch seine Adern flösse? Das hat jetzt nichts mit deinem wunderschönen Gedicht zu tun, aber manchmal kommen in mir solche Gedanken einfach auf. Ja, es gilt vergessene Kulturstätten immer wieder neu zu entdecken. Mit deinem kleinen Apetizer als Toast ist es dir gut gelungen, habe mir schöne Bilder angeschaut. L.G.A.

  5. #5
    Jazemel Guest
    Hallo Heinz,

    mir gefallen eher Gedichte, die in moderner Sprache geschrieben sind, deine gehören aber mit zu den wenigen Ausnahmen. Deine Armenien-Gedichte mag ich alle sehr, ich glaub zu Nänie hab ich auch einen Kommentar hinterlassen.
    Neben der Bildhaftigkeit, die diesen Gedichte immer inne wohnt, schaffst du es die Schönheit (innere wie äußere) der Menschen und ihrer Kultur deutlich zu machen und zudem machen sie auch neugierig auf die Thematik und das ist eine Kunst für sich - schaffen nicht viele.

    Liebe Grüße

    Jaz

  6. #6
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    Liebe Anjulaenga,
    ich habe einen kleinen Vorteil: Ich habe mir die schönen Bilder vor Ort angeschaut, diese grandiose Landschaft, die ausnehmend schönen und sehr selbstbewussten Frauen, habe im klaren Wasser des Sevan-Sees (der höchstgelegene, riesige Süßwassersee Europas - ich schreibe mit Absicht "Europa", denn die Armenier fühlen sich als Europäer - in ca. 2000 m Höhe, habe in der Ararat-Fabrik einen dreißigjährigen Brandy (Cognac darf er nicht mehr heißen, weil die Franzosen da ein copyright haben), war in über 1500 Jahre alten Kirchen und mein bester Freund ist Armenier. Du siehst, ich komme ins Schwärmen. Vielen Dank für die "schönen Bilder"!
    Festival

    Liebe Jaz,
    wie sehr ich mich freue, auch Dich ein bisschen neugierig zu machen, kann ich Dir gar nicht sagen! Als Belohnung musst Du Dir den Neffen meines Freundes mit "Nessun dorma" und "O sole mio" anhören (YouTube: Karo Khatchatyrian).
    Mit der modernen Sprache habe ich auch in anderen Gedichten nicht viel am Hut. In diesem Gedicht, dessen Handlung Jahrhunderte zurück liegt, lass ich die Protagonisten tatsächlich ein wenig altertümlich sprechen.
    Tausend Dank für Deinen Kommentar!
    Heinz



    Liebe Anjulaenga,
    ich habe einen kleinen Vorteil: Ich habe mir die schönen Bilder vor Ort angeschaut, diese grandiose Landschaft, die ausnehmend schönen und sehr selbstbewussten Frauen, habe im klaren Wasser des Sevan-Sees (der höchstgelegene, riesige Süßwassersee Europas - ich schreibe mit Absicht "Europa", denn die Armenier fühlen sich als Europäer - in ca. 2000 m Höhe, habe in der Ararat-Fabrik einen dreißigjährigen Brandy (Cognac darf er nicht mehr heißen, weil die Franzosen da ein copyright haben), war in über 1500 Jahre alten Kirchen und mein bester Freund ist Armenier. Du siehst, ich komme ins Schwärmen. Vielen Dank für die "schönen Bilder"!
    Festival

    Liebe Jaz,
    wie sehr ich mich freue, auch Dich ein bisschen neugierig zu machen, kann ich Dir gar nicht sagen! Als Belohnung musst Du Dir den Neffen meines Freundes mit "Nessun dorma" und "O sole mio" anhören (YouTube: Karo Khatchatyrian).
    Mit der modernen Sprache habe ich auch in anderen Gedichten nicht viel am Hut. In diesem Gedicht, dessen Handlung Jahrhunderte zurück liegt, lass ich die Protagonisten tatsächlich ein wenig altertümlich sprechen.
    Tausend Dank für Deinen Kommentar!
    Heinz

    PS.
    Unter meiner "Nänie" finde ich überhaupt keinen Kommentar (wobei gerade Deine Meinung mich interessieren würde). So bettelt man um Aufmerksamkeit.
    H.

  7. #7
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    Lieber Festival,

    Ich schließe mich dem Lob für dieses .... ja, liebevolle Geicht gerne an. Ich muss gestehen, ich weiß praktisch nichts über Land und Leuten, außer dass ein Genozid an den Armeniern verübt wurde.

    Wie Jazemel sagte, es macht neugierig. Ich werde vermutlich nie dort hinkommen, aber mich zumindest virtuell ein bisschen schlauer machen. Ich dachte eigentlich immer, dass du armenische Wurzeln hast. Wie komme ich darauf?

    Lieben Gruß
    albaa

  8. #8
    Jazemel Guest
    Zitat Zitat von Festival Beitrag anzeigen

    PS.
    Unter meiner "Nänie" finde ich überhaupt keinen Kommentar (wobei gerade Deine Meinung mich interessieren würde). So bettelt man um Aufmerksamkeit.
    H.
    Hm, ich bin mir so sicher, hab das Gedicht noch im Kopf und weiß, dass ich es Zeile für Zeile durchgegangen bin, ich hab son Elefantenschädel. Ich hab in deinen Gedichten gesucht und fand die Nänie mit jüngeren Datum, was ich nun mit meiner Erinnerung nicht überein bekomme, denn mein Kommentar war in meiner hochaktiven Zeit, die nun schon einige Jahre her ist.
    Ist es möglich, dass du die Nänie doppelt hattest? Gedse Hayastan (Es lebe Armenien) Armenien
    gibt es auch doppelt:
    https://www.gedichte.com/showthread....en%29+Armenien

    Wie dem auch sei, dann nehm ich mir Nänie demnächst vor - ist zu schön um ohne Kommentar zu versinken.

    Lieber Guß undschönen Abend

    Jaz

  9. #9
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    Liebe albaa,
    Vor zwanzig Jahren wusste ich noch nicht einmal was von dem Genozid und hätte Armenien irgendwo in den Karawanken vermutet. Durch ein Konzert, das in einer alten Dorfkirche in Bellin (nahe Güstrow) von einer Pianistin und einem armenischen Tenor bestritten wurde, kam ich mit der Thematik in Berührung und habe den nächsten Urlaub genutzt, um Land und Leute ein wenig kennen zu lernen. Die armenische Problematik wird in Deutschland weitestgehend tot geschwiegen. Wer weiß schon, dass die Armenier als erste und von sich aus die "Beutekunst" aus dem WK II an Deutschland zurück gegeben haben? Wer weiß von den (allerdings dank Nowottny) vergeblichen Versuchen der Türkei, die Ausstrahlung Ralf Giordanos Dokumentation im deutschen TV zu verhindern? Einen Urlaub im gastfreundlichsten Land der Welt kann ich nur empfehlen. Ich glaube, die Dichte historischer Stätten, bedeutender Museen (allein das Materendan - eine Bibliothek mit zigtausenden Schriftdenkmälern - ist eine Reise wert), die vulkanisch geprägte Landschaft, die leckersten Aprikosen (Prunus armeniaca), der überragende armenische Brandy, und ein Blick in die Augen einer Armenierin schaffen es, dass man der "armenischen Krankheit" verfällt: Einmal da gewesen, lässt das Land einen nicht mehr los.
    Bei mir armenische Wurzeln zu vermuten, gereicht mir zur Ehre. Nein, ich habe keine armenische Wurzeln. Aber als ich im Land gewesen bin, glaubte ich, nach Hause gekommen zu sein.
    Liebe Jaz,
    ja, es kann sein, dass ich die Nänie schon einmal eingestellt hatte. Solltest Du Dich noch einmal damit beschäftigen, würde ich mich sehr freuen.

    Liebe Grüße Euch beiden!
    Heinz

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