Thema: Verweint

  1. #1
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    Verweint

    .




    ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — ◡



    Als Strunk mit der Faust auf den Tisch schlägt,
    Wackelt das Glas, und es schwappt Wein
    Selig heraus; "Ich bin frei! Frei!",
    Ruft der, und laut - und verpfützt auf der Platte ...





    .

  2. #2
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    Hallo Ferdi,

    solche schönen Füße habe ich hier lange vermisst! Da geht mir das Herz auf! Zusammen mit dem Choriambus ist mir der Ionikus bis jetzt noch nicht begegnet. Aber doch, das hört sich seht gut an! Inhalte sind mir ja eigentlich ziemlich schnuppe, wenn solche schönen Verse dabei rauskommen. Hier geht die Aussage jedenfalls super mit der Bewegung zusammen.

    V1 als Keulenvers aufzubauen, finde ich eine gute Idee:


    Als Strunk mit der Faust auf den Tisch schlägt,
    ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,

    Der Verlauf der Handlung steigert sich so, mit wachsender Silbenzahl der einzelnen Sinnfüße, sehr eindrücklich. War der Konsonantenprall in "Tisch schlägt" von Dir so gewollt? Mal davon abgesehen, dass "schlägt" schwerer ist als "haut", hilft die erzwungene (etwas längere) Pause zwischen den beiden "sch" sicherlich auch, die Stimme oben zu halten. Als Sprecher wäre man allerdings gefordert.


    Wackelt das Glas, und es schwappt Wein
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,

    Hier kann ich das Glas deutlich wackeln sehen, und dem verkleckerten Wein zu folgen, macht Spaß. Diesen Vers kann man sicher auch ohne Schema richtig lesen.


    Selig heraus; "Ich bin frei! Frei!",
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —,

    Hier wiederholt sich die Bewegung von V2. Den Ionikus variierst Du leicht, teilst ihn in zwei Sinnfüße, was Abwechslung bringt.


    Ruft der, und laut - und verpfützt auf der Platte ...
    — ◡ ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — ◡

    Im Schlussvers teilst Du zur Abwechslung den Choriambus in zwei Sinneinheiten. Mit einem Anapäst entspannt sich die Bewegung nun und geht mit dem dritten Päon, der etwas leichter ist als der Ionikus, zu Ende. Ich finde, das ist ein schöner letzter Eindruck, und ich würde die drei Punkte am Schluss ruhig weglassen.

    Ich glaube, bei mir würde der Wein lachen, bevor er auf der Platte verpfützt. Aber es ist ja Deiner, und ich proste Dir zu: Auf Dein schönes kleines Gedicht, mit dem Du mir eine große Freude gemacht und mich wieder neu inspiriert hast.

    LG Claudi
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  3. #3
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    Hallo Claudi!

    Schön, dass dir diese Verslein Freude gemacht haben.

    Zusammen mit dem Choriambus ist mir der Ionikus bis jetzt noch nicht begegnet.
    Gibt's immer mal wieder ... Platen hat zwei Choriamben und einen Ionikus, aber ich finde, das ist etwas aus dem Gleichgewicht:

    Blende mich nicht, willige Kraft, wie ein Traumbild

    Klopstock hat diesen Vers noch um eine schwere Silbe verlängert:

    Stets noch empfäht weißes Gewand, von des Sohns Blut hell,

    - Und das ist ein wunderbarer Vers?! ("empfäht" = "empfängt", das war auch zu Klopstocks Zeiten schon außer Gebrauch, eigentlich ...)

    Auch lockerer:

    Eilet empor, Erstlinge, schwebt den Triumphflug, kommt,

    Man kann die Reihenfolge aber auch umdrehen, und andere Füße dazunehmen - viel Platz für die eigenen Vorstellungen, es lohnt, da etwas zu versuchen!

    Der Verlauf der Handlung steigert sich so, mit wachsender Silbenzahl der einzelnen Sinnfüße, sehr eindrücklich.
    Das ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —, benutze ich gerne, um "Fahrt aufzunehmen"; der Vers beschleunigt. Schön, wenn das gehört wird! Der zweite Vers gehört dazu, eigentlich - losstürmen, kurz verharren, weitereilen; und dann kann man schon kräftig schließen, oder eben wie hier etwas anderes versuchen.

    War der Konsonantenprall in "Tisch schlägt" von Dir so gewollt? Mal davon abgesehen, dass "schlägt" schwerer ist als "haut", hilft die erzwungene (etwas längere) Pause zwischen den beiden "sch" sicherlich auch, die Stimme oben zu halten. Als Sprecher wäre man allerdings gefordert.
    Wenn man in der "falschen" Wortstellung (Nomen vor Verb) landet, nimmt man mit, was man kann.

    Im Schlussvers teilst Du zur Abwechslung den Choriambus in zwei Sinneinheiten.
    Das ◡ —, ◡ ◡ —, ◡ ◡ — ◡ ist auch Anknüpfung an V1? Insofern, ein wenig weiter könnte es gehen (Punkte). Wenn man mehrere solche Strophen schreibt, passt es gut.

    Gruß,

    Ferdi

  4. #4
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    Hallo Ferdi,

    Nette Spielerei, obwohl es im Deutschen wohl vieler Einsilber bedarf, um diese Füße so hinzukrigen, irgendwie klingt das in meinen Ohren nicht sehr angenehm, aber im V1 passt dieses "kantige" natürlich gut zum "Schlagen". Inhaltlich finde ich es ganz witzig, so ein typischer Ferdi-Wort-Comic. Schön absurd der personifizierte, noch dazu rufende Wein, der sich zu früh freut.

    Ob ich das Kunstwort "verpfützt" mag, weiß ich nicht, aber es ist allemal raffiniert, weil es nur die unmittelbare Folge und somit nur die Vorstufe, des eigentlichen Schicksals - vertrocknen, verdampfen - andeutet. "und laut" müsste für mein Gefühl entweder mit einem Ausrufezeichen dastehen oder einfach "ruft der noch laut"; wie du siehst hadere ich ein bisschen mit dem letzten Vers.

    Ist das ganze eine bestimmte Form, also müssen die Verse so angeordnet sein?

    Kannst du das bitte Xen:

    Eilet empor, Erstlinge, schwebt den Triumphflug, kommt,


    Sind das dann immer noch einheitliche Versfüße, wenn sie so auseinandergerissen werden? Triumphflug xX?

    Man kann die Reihenfolge aber auch umdrehen, und andere Füße dazunehmen - viel Platz für die eigenen Vorstellungen, es lohnt, da etwas zu versuchen!


    Wie geht das?


    Zitat Zitat von Ferdi
    Stets noch empfäht weißes Gewand, von des Sohns Blut hell,

    - Und das ist ein wunderbarer Vers?! ("empfäht" = "empfängt", das war auch zu Klopstocks Zeiten schon außer Gebrauch, eigentlich ...)

    Was macht diesen Vers "wunderbar"?



    Lieben Gruß

    albaa

  5. #5
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    Hallo Albaa!

    Nette Spielerei, obwohl es im Deutschen wohl vieler Einsilber bedarf, um diese Füße so hinzukriegen, ...
    Stimmt. Jedes Versmaß sortiert den Wortbestand nach "brauchbar" und "nicht brauchbar"; bei rhythmischen Einheiten wie den hier von mir verwendeten macht sich das unmittelbarer bemerkbar als zum Beispiel beim Alternationsvers (obwohl man es da auch nicht unterschätzen sollte). "Spielerei" ist das dabei für mich eigentlich nicht.

    Ob ich das Kunstwort "verpfützt" mag, weiß ich nicht, aber es ist allemal raffiniert, weil es nur die unmittelbare Folge und somit nur die Vorstufe, des eigentlichen Schicksals - vertrocknen, verdampfen - andeutet.
    Was ist ein "Kunstwort"? "Verpfützen" hat einige Vorbilder / Nachbarn, denke ich - "verlanden" zum Beispiel, "langsam zu Land werden"; ich denke, darüber erschließt es sich recht aufwandsarm. (Die Möglichkeiten der Wortbildung werden aber tatsächlich viel zu wenig genutzt von den Gedichtschaffenden!)

    "und laut" müsste für mein Gefühl entweder mit einem Ausrufezeichen dastehen oder einfach "ruft der noch laut"; wie du siehst hadere ich ein bisschen mit dem letzten Vers.
    "Ruft der noch laut" ginge sicher, ein Rufzeichen hörte ich eher hinter "wie laut"; das Komma, die leichte Pause soll (wie gegenüber Claudi erwähnt) den Vers so strukturieren, dass er an den ersten Vers erinnert.

    Ist das ganze eine bestimmte Form, also müssen die Verse so angeordnet sein?
    Das ist auf meinem Mist gewachsen (wie man so sagt). Formen, die allgemein gebräuchlich geworden wären, sind bei solchen rhythmisch waghalsigeren Texten nicht zu verzeichnen. Aber sicherlich ist das meiste von dem, was ich hier verwende, schon in Hexameter und Pentameter angelegt:

    Karlchen krümelt das Brot und hofft, dass der Spatz, der im Baum sitzt,
    Dieses bemerkt; und der sieht's, kommt
    auf den Boden und frisst.


    Rot = mein V1 + V2; wenn man den Pentameter-Satzeinschnitt eine Silbe hinter die Zäsur schiebt, ist es noch deutlicher.

    Kannst du das bitte Xen:
    —◡ ◡ —, — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — — —

    Hat Klopstock für diese beiden Verse zugrundegelegt:

    Stets noch empfäht weißes Gewand, von des Sohns Blut hell,

    Eilet empor, Erstlinge, schwebt den Triumphflug, kommt,


    - Der erste verwirklicht sie rein, der zweite unterteilt da etwas stärker. Aber im Wissen um das Schema: Ich lese dann trotzdem das "schwebt" eher mit den "Erstlingen" zusammen, was auch ein kurzes Absetzen vor "den" beinhaltet.

    Sind das dann immer noch einheitliche Versfüße, wenn sie so auseinandergerissen werden?
    Ich glaube, beide Verse sind aus einem achtstrophigen Lied - da muss schon etwas Abwechslung rein?! Insgesamt sind sie aber noch erkennbar, denke ich.

    Wie geht das?
    Wenn du damit das "Umdrehen" meinst: Ich dachte daran, die Reihenfolge der Füße umzudrehen, ◡ ◡ — —, — ◡ ◡ — statt — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —. Aber das ist missverständlich, weil ja auch das Umdrehen der Versfüße selbst gemeint sein kann, also statt ◡ ◡ — — das spiegelbildliche — — ◡ ◡. Klopstock hat beides gemacht. Aber wie gesagt, einfach versuchen:

    Und es warf Karls Hand Krumen des Brots vor den Spatz hin!

    ◡ ◡ — — —, — ◡ ◡ —, ◡ ◡ — —

    - Die hier vorgekommenen Füße in anderer Reihenfolge.

    Was macht diesen Vers "wunderbar"?
    Seine rhythmische Gestaltung - dass er nicht zufrieden ist mit irgendeiner Bewegung, sondern die besondere, schöne sucht und findet. Nun ist "schön" sicher relativ; was mir gefällt bei der Bewegung eines Verses, kann ein anderer grässlich finden, und mit genausoviel Recht. Aber der Vers führt vor, dass es die Bewegung ◡ ◡ — — — gibt (denn "von des Sohns Blut hell" kann anders nicht gelesen werden?!), und schon, weil er das bewusst macht und beglaubigt, mag ich ihn; als Zeugen dafür, was alles möglich ist.

    Gruß,

    Ferdi

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