1. #1
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Realität von Bauarbeitern

    „Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen“. Dieses Zitat vom ehrwürdigen Altbundeskanzler Helmut Schmidt, höre ich heuer immer öfter als Argument in den derzeitigen Flüchtlingsdebatten angeführt. Weshalb ich gestern, auf meinem Weg zur Arbeit, anfing mit gesenktem Kopf über diesen Satz zu sinnen, als mich das metallische klingende Lärmen einer Baustelle, die ich jeden Tag passieren muß, zum Aufschauen zwang. Die Arbeiter waren gerade dabei den Rohbau , welchen sie seit letzter Woche schon wieder einen Stock höher gebaut hatten, mit Gerüsten zu versehen. Weil ich, all den hierfür notwendigen Absperrungen wegen, die Straßenseite wechseln mußte, bot sich mir ein guter Blick auf das Baugeschehen und ich konnte sehen und darüber hinaus unter dem lauten Stimmengewirr auch hören, dass sich der Bautrupp aus Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, Rasse und wahrscheinlich auch Religion, zusammensetzte. Sie schienen trotzdem Hand in Hand zu arbeiten und sich gegenseitig zu helfen, da ihnen auf diese Weise wohl auch selbst am besten geholfen war. War ja auch logisch, denn jeder geht doch in erster Linie zum arbeiten um seine eigene Lebenssituation zu verbessern und das geht wohl, vor allem auf einer Baustelle, gemeinsam am einfachsten. Diese Menschen, die, infolge ihres wenig angesehenen Berufstandes, gemeinhin als ungehobelt, derb und ungebildet gelten, haben das seit langem und auch ohne intellektuelle Debatten kapiert. Derweil sich eine Welt von Experten und Spezialisten den Mund fusselig redet, über das für und wider von Immigration und deren eventuellen positiven oder negativen Folgen, gehen diese Männer ohne Aufhebens ihrer Arbeit nach. Als handfestes und konstruktives Ergebnis ihres Schaffens stehen am Ende der Woche in Stein gebaute Stockwerke, die dem deutschen Volke Schutz und Wohnraum bieten. Während die multikulturelle Gesellschaft eine vieldiskutierte Illusion von Intellektuellen sein und bleiben mag, erweitern die auf den Baustellen zusammen arbeitenden multikulturellen Maurer in Wirklichkeit, mit jeder Etage die sie den Gebäuden unserer Gesellschaft hinzufügen, stillschweigend ihren Horizont.
    Geändert von Frank Reich (17.09.2018 um 06:54 Uhr)

  2. #2
    Jazemel Guest
    Hi Frank Reich,

    gefällt mir der Text. Die Betrachtung kann man weiter ziehen und noch Landschaftsgärtner, Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, Kindergärten und Schulen, Restaurants, Politiker, Journalisten, Schriftsteller, Rechtsanwälte und und und anfügen.

    Eine multikulturelle Gesellschaft besteht schon und nicht nur in Großstädten.
    Eigentlich aus Hamburg stammend lebe ich jetzt in einer Kleinstadt in Franken und meine Nachbarschaft in der historischen Altstadt, mit lauter einzelnen Fachwerkhäusern, besteht aus Deutschen, Türken, Russen, Italienern und Iranern. Das hat mir persönlich den Wechsel von Großstadt zur Kleinstadt etwas leichter gemacht - auch was die Sprache angeht, denn ich hatte wirklich Schwierigkeiten den fränkischen Dialekt meiner Nachbarn zu verstehen. Und ich bin wohl auch nur mäßig integriert, da ich bis heute meinen Hamburger Schnack nicht abgelegt habe.

    Ich denke, dass es solche Beobachtungen wie deine, viele gibt und es hat mir gefallen, eine davon zu lesen.

    Lieber Gruß

    Jaz

  3. #3
    Frank Reich ist offline Stranger in a strange land
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    Hallo Jaz,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Natürlich erweitern auch alle den anderen Berufssparten angehörenden Menschen ihren Horizont wenn sie, unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe miteinander arbeiten und frei von Medienfiltern unter Echtbedingungen voneinander lernen dürfen. Ich wollte in meinem Text die Baubranche hervorheben, weil dort am augenfälligsten und im bildhaftesten Sinne des Wortes kontstruktiv gearbeitet wird. Als Resultat ihrer internationalen und interkulturellen Zusammenarbeit erweitern die Bauleute ihren Horizont nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch in Wirklichkeit, wenn sie in die Höhe bauen. Das geschieht seit Jahrzehnten tagtäglich, ohne dass diese Form von funktionierendem und wirtschaftlich mittlerweile untentbehrlichem Interkulturismus groß Erwähnung fände.
    Getreu dem Sprichwort "Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein ganzer Wald, der wächst" wird halt immer nur auf den beängstigenden Teil der Story gehalten um aus politischem und wahrscheinlich auch finanziellem Kalkül von sinnvollen Diskussionen abzulenken, mit dem Ergebnis, dass zwischenzeitlich nur noch Panik und Angst gesät wird.
    Ich verbrachte meine ersten zehn Lebensjahre in einem kleinen schwäbischen Dorf und da fing die multikulturelle Gesellschaft bereits bei zugezogenen Bundesbürgern den sogenannten "Reingeschmeckten" an, die sich in ihrer (Orts)fremdheit unweigerlich oft auch nur durch kleine Dialektnuancen offenbarten und dafür allgemeines Misstrauen ernteten. Von Geschichten meiner Großeltern weiß ich, dass man zu vormaliger Zeit mit Steinen beworfen werden konnte, wenn man als Evangelischer mit dem Fahrrad durch ein katholisches Nachbardorf fahren wollte und umgekehrt. Damals gab es noch keine nennenswerten moslemischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland - sprich, wer sucht, der findet immer irgendetwas um auf Unterschieden herumzureiten und Streit vom Zaun zu brechen. Nebenbei bietet ein auf alles Fremde und vermeintlich Schwächeres gerichteter "Hassismus" vielen Menschen ein Ventil um ihren Alltagsfrust zu kanalisieren, ohne dass sie dabei den wirklichen Gründen ihrer Unzufriedenheit nachgehen zu brauchen. Deswegen kommen die auf Fremdenangst fokalisierten Parteien bisher auch mit billigen und unausgearbeiteten Programmen recht gut über die Runden.
    Habe mich über Deine Zeilen gefreut.

    Liebe Grüße
    Frank
    Geändert von Frank Reich (17.09.2018 um 21:44 Uhr)

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